Archiv für den Monat: Juni 2005

Mondflug verschoben: 100 Jahre später


So schön wars in den 60ern.

1969 dachte man im Verlag Neues Leben noch, der Ami sei auf dem Mond gewesen. Die Russen wußten es besser, haben aber erstmal nüscht gesagt. In der Zwischenzeit hat man in den Trainingszentren der irdischen Raumfahrt wenigstens so getan, als ob man zum Mond fliegen könnte. Vom Van-Allen-Gürtel hat man dem Mob erstmal nichts gesagt, und Ausflüge zur Oortschen Wolke werden in nächster Zeit wohl auch nur mit dem geheimen Teleportationsgerät, das in den unterirdischen Montagehallen von Rossendorf gebaut wird, möglich sein.

Nacktschnecken

Wenn man derzeit in der Umgebung der Lipsistadt mit dem lieben Fahrrad unterwegs ist, kommt man nicht umhin, stets einige hundert Nacktschnecken breitzufahren, die die Wege bevölkern.


Nacktschnecken als Bedrohung und ästhetisches Phänomen

Die Rückmeldung über die Lenkstange ist sehr viel geringer als zum Beispiel beim Überrollen eines ausgewachsenen Hasen, selbst wenn aus Gründen der Performance und der Ästhetik der Fahrmaschine keine Federgabel die Energieweitergabe dämpft. Dem Schneckenfreund sei jedoch versichert, dass das Überfahren nicht mutwillig erfolgt, allein die derzeit überhandnehmende Schneckendichte ist für den Matzsch verantwortlich.

Direkt bedrohliche Ausmaße nimmt die Nacktschneckenwanderung auf dem Pleißedamm an, denn hier streben “die ungefiederten Gesellen” zielgerichtet vom Flussufer den menschlichen Ansiedlungen zu, die Fühler witternd (?) vorgestreckt.

Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass die Erwähnung des Begriffes “Nacktschnecke” zum Beispiel auf Cocktailparties bei einigen der anwesenden Damen für hysterisches Keckern sorgen könnte.

Rauchware und Denkmal für die Härtesten


…gilt in der Sowjetunion als “russisches Marihuana”
Der Ostsee-Weißmeer-Kanal – Belomorkanal – ist innerhalb von nur zwanzig Monaten entstanden. Beim Bau von November 1931 bis Juni 1933 wurden ausschließlich Häftlinge eingesetzt.
120 000 Gefangene, zum großen Teil ungelernte Arbeiter, erschaffen einen Wasserweg von insgesamt 227 km Länge, von denen 37 km buchstäblich “handgemacht” sind, von 5 Metern Tiefe, versetzt mit 19 Schleusen (von denen 13 Doppelkammerschleusen sind), mehr als 49 Dämmen und über 15 Dammbauten. Der Kanal überbrückt einen Höhenunterschied von 102 Metern vom Onegasee bis hinauf zum Wygsee; dies sind die sogenannten Povenetser Stufen von der 3. bis zur 7. Schleuse. Von dort fällt er bis zum Weißen Meer wieder ab.

(Auszüge aus Anne Kathrin Popiens Hausarbeit, weiteres bei http://www.solovki.org/de/html/Hausarbeit_Popien_de.html)

Seit der Zeit gibt es auch die Sorte “Belomorkanal”, die nicht nur den umgekommenen tausenden Häftlingen ein Denkmal für ihre Titanenarbeit setzt, sondern auch Aushängeschild für die besonders Harten ist. Nicht jeder verträgt die Belomorkanal. Der Wolf im beliebten Trickfilm “Wolf und Hase” raucht bezeichnenderweise stets diese Sorte. Die weiße Papphülse wird vor Rauchbeginn 2 x gefaltet- es ensteht der sogenannte “Propeller”- eine Art Filtersimulation. Nach 1 bis 2 Zügen dreht sich alles im Kopf und man ist dem Tode nahe. In der Tat: russisches Marihuana.

Der Siegfried-Preis für Unverwundbarkeit

Den Siegfried-Preis für Unverwundbarkeit erhält in dieser Woche der Liegeradfahrer, der unbeleuchtet und schwarz gewandet die nächtliche Karlistraße in Lipsigorod entlangkarriolte. Wir hörten in Kniehöhe ein kurzes Schnaufen, und schon war er wieder im Nichts verschwunden. Gute Reise weiterhin, lange hast du ja nicht mehr zu fahren, edler Ritter.

Mord certa


Hier mal einer der Beweise, warum Lipsigorod allen anderen Metropolen (wenn man denn von solchen überhaupt sprechen kann) haushoch überlegen ist: Selbst die einigermaßen verschrienen Sprayer, die – oft unter Lebensgefahr – ihre Merksätze an Gebäuden anbringen, benutzen in schöner Leichtigkeit sogar unhandliches Latein! Mors certa, hora incerta, jawoll. Na gut, vielleicht isses ja auch nur von der Rathausuhr gegenüber abgeschrieben.

Der erste sowjetische Planet


mit 32 km pro Sekunde unterwegs

Am 2. Januar 1959 hat die Sowjetunion einen künstlichen Planeten in Umlauf gebracht. Diese höchst erstaunliche Maßnahme, die heute niemand für möglich hält, habe ich aus einem alten Astronomiebuch von 1961. Tja. Was macht einen Planeten aus? Er bewegt sich nicht um andere Planeten (das erledigt der Trabant), sondern kreist um einen Stern- in diesem Fall die Sonne. Außerdem müßte man von einer gewissen Größe ausgehen. Derzeit ist noch in der Diskussion, ob Pluto angesichts seiner Größe überhaupt ein Planet ist, ansonsten ist ein solcher Himmelskörper Asteroid, Planetoid oder bei entsprechend abgefahrener Bahn in Verbindung mit einer Reihe weiterer Wunderlichkeiten: Komet.
Das hieße, daß der sowjetische Planet aus dem Jahre 1959 mindestens so groß ist wie der Mond! Ein Riesending, dessen Erbauung wohl nur in der Chrustschow-Ära möglich war. Mit Sicherheit mittels eines gigantischen Atomreaktors beheizt und von hartnäckigen Parteisekretären bewohnt, bildet er die vorletzte Bastion gegen den Kapitalismus. Im o.g. Buch heißt es “Mit der Entsendung des ersten künstlichen Planeten hat der Mensch begonnen, auch den Kosmos zu verändern, nachdem er bisher die Erde weitgehend umgestaltet hat. Der Ruhm, diesen ersten Schritt ins All getan zu haben, gebührt für alle Zeiten den Menschen der sozialistischen Sowjetunion.”