Archiv für den Monat: April 2006

Aesculap und Tusculum


Bildungsauftrag erzwingt Fotoveröffentlichung.
Vielleicht wird ja mal jemand gefragt von Herrn Jauch, wer der Gott der Heilkunst in der römischen Antike war oder in der Nähe welcher Stadt Cäsar, Cicero und Cato ihre Villen hatten. Hier ist die Antwort. Wen das nicht interessiert, weil er sich nicht einfach so wegen des Geldes von irgendjemandem unnütze Dinge fragen lässt, kann sich daran erfreuen, dass manche Menschen ihre Häuser hübscher benennen als „Villa Bertha“, „Dorfblick“, „Schullandheim“, „Haus Meyer“, „Allianz Generalvertretung“, „Uniriese“, „Pension Steckwurst“ oder „Zentralstation“.

Mit Tieren reden 1

Die Spatzen haben wieder ihren Balkon unter dem Dach bezogen. Das dicke Männchen schaukelt im Tulpenbaum auf einem Zweig und tschilpt wie ein Berserker. Ich tschilpe zurück, sozusagen als Morgengruß. Daraufhin verzieht sich der Dicke beleidigt. Wahrscheinlich habe ich mich undeutlich ausgedrückt, und er hat verstanden: „Geh aus dem Tulpenbaum raus, du Vogel!“

Schwein in der Neustadt


nu isses soweit
Neuerdings gibt sich der nach Publikum heischende Punkspaziergänger nicht mehr mit den riesigen, ihn begleitenden Doggenrudeln zufrieden. Auch durchgestrichene Hakenkreuze auf Stofffetzen, die prinzipiell nur mit Sicherheitsnadeln angebracht werden- warscheinlich um flexibel auf eventuelle Regimewechsel reagieren zu können- tuns nicht mehr ausschließlich.
Neu ist das Promenieren mit Schwein. Das qwiekt langanhaltend und laut, ist dick und bewegt sich eher unwillig und zeitlupenhaft wie ein Student. Auswärtige Passanten bleiben stehen, beugen sich runter- und knipsen das Schwein mit Digitalkameras. Ich habe ja gehofft, das Schwein würde mal spontan seine Notdurft auf die Schuhe dieser wohlwollenden Neustadttouristen verrichten- leider hats nicht geklappt.

Geoffs Welt


Nützliche Aggregate
Wenn man nichts zu tun, nichts zu trinken und ein bisschen zuviel Zeit hat, ist dieser Laden genau der richtige. Die Aggregate sehen zwar alle ein wenig nach Sanitätshaus aus, das muss aber kein Nachteil sein. Im Gegenteil, stärkt es doch die Argumentationskette Trinken ist gesund – hält Leib und Magen zusammen – schützt vor Dehydrierung – verbrennt Kalorien (beim Selbergären). Obacht: Die großen bunten Kisten mit Geoffs Artikeln sollte man nicht gerade am Getränkehändler seines Vertrauens (Nitzsche) vorbeitragen, das könnte für Verstimmung sorgen.

Team Deutschland wird installiert


Letztens im Laden eine Art CD über Fußballspieler hinterhergeworfen bekommen, gratis. Wahrscheinlich wegen eines Sportereignisses im Sommer. Gleich misstrauisch gewesen. Das Ding in den Rechner eingelegt. Sofort beginnt es, ein „Team Deutschland“ auf dem Computer zu installieren. Meine damit verbundenen Befürchtungen lassen mich den Vorgang ganz schnell abbrechen.

Die NVA hatte UFOs


Das UFO Nr. 2 (im Bild) flog 1988 zum Mond.

Eins der bisher ungelösten Geheimnisse um Bewaffnung und Ausrüstung der NVA leuchten wir hier kurz an. Bekanntlich fielen zahlreiche Nato-Militärexperten nach der Wende von einem Schlaganfall in den anderen, als sie feststellen mußten, daß die NVA den Krieg haushoch gewonnen hätte, wenn er in den 80er Jahren stattgefunden hätte.
Daß die NVA auch Flugscheiben besaß, die aus Tarnungsgründen den Landstreitkräften unterstellt waren, ist auch heute noch inoffiziell. Vermutlich wurden diese Apparate unter Verwendung 1945 versteckter – und später von der Stasi aufgefundener – Unterlagen und Geräte in der DDR gebaut. Die Konstruktion dieser unkonventionellen Apparate war nicht nur eine enorme Herausforderung für die involvierten VEBs- wie z.B. Mikromat, Robotron, Wilsdruffer Spiegelwerke, Flugzeugwerft Dresden- sondern auch ein finanzieller Kraftakt, der durch buchhalterische Glanzleistungen in den Bilanzen der Braunkohleindustrie verborgen wurde.
Zur Fernaufklärung vorgesehen, waren diese als Magnetkreiselflugzeug MKF 86 bezeichneten Flugapparate mit 1 Laserkanone (VEB Robotron) und 1 Fernsehkamera ausgestattet. Der Antrieb ermöglichte eine völlige neue Art von Raumfahrt: statt sich wie bisher mittels einer riesigen Bombe in eine niedrige Umlaufbahn zu sprengen, saugte sich das Magnetkreiselflugzeug geradezu in den Raum hinein, was zu Geschwindigkeiten von 300 000 km/h führte.
1988 gelang ein geheimgehaltener Coup: Oberleutnant Voigt flog mit dem MKF 86 zum Mond, der angesichts der Flugleistungen des neuen Apparates quasi vor der Haustür lag. Um den sowjetischen Waffenbruder nicht zu brüskieren, erfuhren davon nur die involvierten Dienststellen und der Minister für Nationale Verteidigung.

Aus der Wortwerkstatt


Schreiben ist harte Arbeit.
Die meisten Leser machen sich keinen Begriff davon, wie schwer es ist, als Autor mit den Worten zu ringen, bis sie in einer Form sind, dass man sie öffentlich darbieten möchte, ohne damit rechnen zu müssen, beim späteren Hervorkramen vor Scham auf den Boden niederzusinken. Das ist harte Arbeit: Feilen, Aufbohren, Trennen, Sägen, Reiben, Abbrechen, Pressen, Draufhauen, Fräsen, Fasen, Phrasen, Umbiegen, Anschrauben, Zermatzschen, Nageln, Auffegen, bibabo. Entsprechend sieht also die Werkstatt des Autors aus: An der Wand ist kein Platz, um bunte Bilder, handkolorierte Stadtansichten mit Frauenkirche oder leergefressene Chipstüten aus dem Westen anzubringen, rein funktional hängen dort die Gerätschaften und harren ihres Gebrauches! Nüchtern und sachlich greift man sich Werkzeug um Werkzeug und werkt an den Sätzen, dass sie dem Leser gerecht seien und ihm nicht zu quer vorm Maul stehen. So ist es und so sei es, punktum!

Schöne Orte 8


Wenn man von Torjau nach Herzberj fährt (Mittelelbien),
kommt man durch einige schöne Orte, deren Namen man sich kaum merken kann, weil man so schnell durch ist und in der Zeit ja die schönen Häuser ansehen muss. Zu den schönen alten Häusern kommen auch immer mal neue dazu! Diese sind meist noch schöner, so dass es sich durchaus lohnt, auszusteigen und die Digischnappe in die Hand zu nehmen, um den Daheimgebliebenen ein Bild vom schönen Ort zu machen. Hier ist es.

Trittsicher und schwindelfrei


Die Bewohner von Lipsigorod sind nicht nur die schönsten der Welt, sie sind auch sparsam. Unnütze Objekte wie Olympia, Hafenkrane oder Balkongeländer werden aus Kostengründen einfach weggelassen. Dafür investieren die Menschen auf eigene Rechnung lieber in angesagte Klamotten bzw. Bräunungscremes, da sie ja auf den Balkonen ohne die störenden Geländer viel besser gesehen werden können. Es soll Arbeiterwohnungsgenossenschaften geben, die eine Gratis-Mitgliedschaft im Alpenverein anbieten (diese Behauptung ist wahrscheinlich gelogen).

Wohlgefälliges Tun

Mit Hilfe der Riesenmaschine in ein christliches Blog abgerutscht, in dem das Verbot einer Fernsehsendung auf MTV gefordert und diskutiert wird, welche den Papst und sonstige Institutionen der Kirche (Inquisition?) herabwürdigt.

Solcherlei wäre nicht in Ordnung, man ist erhitzt und wünscht, wenn schon ein verhöhnender Trickfilm sein muss, dann auch einen über Mohammed (ohne Abbildung), jawohl! Über Stunden und Milliarden Pixel hinweg werden verschiedenste Aspekte der Gottgefälligkeit hin- und hergewälzt, bis alle erschöpft mit Schaum vorm Mund darniedersinken oder zur Begehung von Ritualmorden aufbrechen. Man einigt sich letztendlich natürlich auf rein gar nix, denn das ist bekanntlich nicht der Zweck eines Forums, vielmehr ist es das konsequente Aufdiespitzetreiben fruchtlosen Schwadronierens ohne jegliche Einsicht ins Offensichtliche. Der Leser stöhnt und zieht den konventionellen Quasselkopp vor, bei dem man wenigstens keine Rechtschreibfehler hört.

Sänger in Lipsigorod

Eigentlich wollten wir ja zu Herrn Schubert. Aber in der naTo war alles durch Vorbestellungen ausverkauft, und die sogenannten Restkarten waren ebenfalls schon durch vierzig Vorbestellungen virtuell aufgeteilt.


Schmilzt auch irgendwie: Honig, Eier, Schlagsahne.

Ein kompliziertes Optionsscheinsystem, dessen Zusammenbruch wir nicht abwarten wollten. Also ins Spizz zum Sänger, der immerhin die Stimme von Colosseums „Lost Angeles“ war. Das Spizz ist ein großer Keller, war gut gefüllt und wir fanden noch einen netten Platz beim Notausgang (wichtig in vollen Kellern) und bei den Getränken (noch wichtiger in vollen Kellern).

Leider war hier die Musik nicht mehr so laut zu hören, wie wir das in unserer Jugend gewöhnt waren. Dafür saßen neben uns zwei Damen mit bizarren Frisuren, die noch die Ereignisse der letzten Wochen durchhecheln mussten. Dies geschah mit jeweils an- und abschwellender Lautstärke, je nachdem, wie laut die Band war. In einigen dynamischen Passagen, bei plötzlichen Pianissimos, stach dann auch immer mal eine der beiden spitzen Stimmen wie ein rostiger Dolch in den Raum hinein. Die Umstehenden nahmen es hin.

Was wir hören konnten von Band und Sänger war sehr anständig, gut abgehangen und in den Pausen mit Herzlichkeiten in Richtung des Publikums garniert (Lipsigorod nice town, nice people, nice beer, nice stripbars usw.). Zum Schluss hin brüllte ein Umstehender in den Pausen stets „Lost Angeles!“, und Recht hatte er. Auch ich hätte das gern gebrüllt, wenn ich brüllen könnte. Die anderen Umstehenden fotografierten mit Digischnappen.

Aber der letzte Titel war nicht „Lost Angeles“, sondern ein ohne Band vorgetragener Gesang, auch nicht schlecht, nur dass ein weiterer Umstehender in der Nähe der Damen, der cool scheinen wollte, dazu laut mit dem Finger schnippte, ohne den Rhythmus zu treffen, aber auch nicht aufhören konnte, denn er musste ja cool sein.

Irgendwann war dann gottlob alles vorbei, wir strebten dem Ausgang zu, während der Coole und sein nicht ganz so cooler Kumpel sich in erkennbarem Begattungsfuror den Damen zuwandten, um diese mit Blicken dahinschmelzen zu lassen. Der Sänger saß mit plötzlicher Brille an der Tür und unterschrieb Schallplatten.

Gewerkschaften


Gewerkschaften haben nicht nur wenig Sinn für die Ästhetik des Geldverdienens, Schurigelns und Auspressens sowie der korrekten Anzugsordnung, wenn man beim Chef vorgelassen wird (Rollkragenpullover?), nein, auch der Sinn für die Ästhetik der Gebäude, in denen sie residieren, scheint ihnen vollständig abzugehen. Oder handelt es sich bei der im Beispiel oberflächlich wahrzunehmenden Verschandelung eines lobenswert martialischen, furchteinflößenden Verwaltungsbunkers, für den weichlich-gläserne Transparenz noch ein Fremdwort ist, in Wahrheit um das künstlerische Prinzip der Brechung, Verwerfung, Infragestellung, gar Zumnachdenkenanregung bzw. Verhunzung? Nachzufragen in Stralsund.

Rohrnetzertüchtigung


Tüchtige Unternehmer ertüchtigen Lipsigrader Rohrnetz.
Nachdem der gesamte Zentrumsbereich von Lipsigorod mittlerweile an den Doppelauspuff angeschlossen wurde (die Gazeta berichtete), scheint es nötig geworden zu sein, diesen auch zu ertüchtigen; wozu allerdings (Durchleiten heißer Luft oder infernalischen Gestanks oder rotbräunlicher Krankenhausabwässer oder neuartiger Treibstoffe, mit deren Hilfe die Stadt in eine erdnahe Umlaufbahn katapultiert werden könnte), dies entzieht sich der Kenntnis, aber nicht der Phantasie des Betrachters.