Archiv für den Monat: Oktober 2006

Der Wille zur Modernität


Gerade in Gegenden, die sich durch einen beträchtlichen Bestand an Altbauten auszeichnen, ist oft ein ausgeprägter Wille zur Modernität zu verzeichnen, zumindest bei einigen Außenseitern. Dieser überkommt die Protagonisten augenscheinlich wie ein Heißhunger, ein Heißhunger aufs Mondäne, auf die gefahrvolle Welt ambitionierter Architektur. Das Ergebnis sind dann Kellereinstiege, die wie SS-20-Abschussrampen aussehen. Auch nicht übel, macht zumindest satt.

Mind the GAP


Das war mal das Gästehaus Am Park.
Die sterbliche Hülle steht direkt am Lipsigrader Zetkinpark, dahinter ist eine Wiese, auf der früher der Hubschrauber des Generalsekretärs landete. Jetzt baut man dort sehr bizarre “Stadthäuser” hin. Das Gästehaus hingegen dient als Bildergalerie, bei der die Künstler außen ausstellen, wegen der frischen Luft und weil sich kaum Besucher ins Gästehaus verirren, denn der Arbeiter- und Bauernstaat ist abgelaufen. Die Investoren indes scharren mit den Hufen, reißen ihre mit Geldzähnen bewehrten Mäuler auf und verdienen dadurch, ebenfalls abgebildet zu werden.

So schön wird es nie wieder


Hausarrest und Freigang.
Umherspaziert der kaputten Häuser wegen, die derzeit brutalstmöglich von westgermanischen Kapitalanlegern mit Hilfe von Denkmalschutzabschreibungen auf Vordermann gebracht werden, und die Kolonialwarenladeninschriften inspizierend, stieß der Betrachter auf diese hübsche Poster-Collage, die eigentlich in solcher sinngeladenen Ausführung gar nicht passieren dürfte, jedenfalls nicht frech ausgedacht, nur zufällig.

Hund und Katz für den Fortschritt


Was in der Welt der Tiere nicht immer reibungslos zu funktionieren scheint, ist in der Welt der Technik überhaupt kein Thema: Hund (Bell) und Katz (Cat) arbeiten gemeinsam und friedlich daran, die neue Metro durch Lipsigorod fertigzubellen, äh, fertigzustellen. Wie übrigens aus “Expertenkreisen” zu vernehmen ist, soll das hohe spitze Haus im Hintergrund trotz Metro aufrecht stehen bleiben (Plan).

Vom Singen in der Natur


Im Hintergrund die Hohe Liebe!
Wenn man von den berühmten Schrammsteinen runterkuckt, sieht man die Wiese, auf der alljährlich ein Bergsteigerchor seine schönen Gesänge erklingen lässt. Die Wiese ist weniger gefährlich angebracht als andere Orte in diesem Gebiet, damit die Sänger nachts auf dem Heimweg nicht runterfallen. Außerdem konnte auf der niedrig gelegenen Wiese eine Hütte installiert werden, in der die Stimmen der Sänger oder die Stimmgabeln oder die Heugabeln oder was auch immer aufbewahrt sind, damit man sie nicht ständig mit sich rumschleppen muss; aber das ist – ehrlich gesagt – nur eine Vermutung, denn selber war ich noch nicht in der Hütte, dazu hätte ich ja runtersteigen müssen von den Schrammsteinen. Und dazu war das Weter viel zu schön. Im Hintergrund übrigens sieht man auf dem Bild die Hohe Liebe, und das ist schon mal ein Grund, in Richtung der Wiese von den Schrammsteinen runterzukucken.

Freitag, der 13te


Pünktlich zum Tag fiel erstmal der Lipsi-Server aus.
Damit nicht noch mehr passiert, geht der gläubische Mensch vorsichtig zu Werke. So ist es nicht angeraten, Flaschen mit den Zähnen zu öffnen, Flugzeuge zwischen Häusern hindurchzufliegen oder Herrn Getränkehändler Nitzsche an der Gangschaltung herumfummeln zu lassen. Lieber lustig in die Schenke setzen und anschließend die Treppe runterfallen, möglicherweise auch am 14ten in der Frühe.

Angenommenes Ministerium


Wenn es ein Ministerium für oder gegen Walfang gäbe, könnte das Gebäude so aussehen wie im Bild: An den Seiten Fischgrätenmuster (obwohl der Wal natürlich kein Fisch ist, danke für den Hinweis, Frau Steckwurst), vorn ein stilisiertes Bartensieb, das die Kleintiere nicht passieren können, und alles in allem riesengroß. Der Minister heißt Jona. Oder Fischer (obwohl der Wal kein Fisch ist).

Abgang 23


Ich freue mich auf Abgang 23.
Bald ist es wieder soweit: Herbstbaden an der Ostsee. Allerdings muss man früh aufstehen, damit, ehe man die Hinweisschilder studiert und verarbeitet hat, die Sonne nicht schon wieder weg ist.

Geschützte Grünanlage


Einerseits ist es toll, mal wieder ein Hinweisschild zu sehen, das man noch nicht kennt. Andererseits ist es toll, zu sehen, wie die Hauptstadt ihre prominenteste Grünanlage schützt: indem sie sie mit einer Lage schützender Pflastersteine abdeckt. Nicht nur der Strand liegt unter dem Pflaster, auch Tulpen, Rosen, Gurken, Kohlrabi sowie Tomaten für die Toskana-Fraktion.

GSR ‘Nitzschepop’ startet

Da hatte ich nun gedacht, an alles gedacht zu haben. Aber wahrscheinlich heißen UFOs deshalb UFOs, weil man letztendlich doch nicht weiß, was man da zusammengebaut hat, wenn man es zusammengebaut hat.


Hilfe, das blendet!

Der Antrieb konnte das Gerät in weniger als 4 Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigen, die metallicfarbene Titanhaut (Aufpreis) sollte sowohl dem Beschuss durch Meteoriten als auch potentiellen Angriffen der Slabonen standhalten, es waren genug Getränke und ein paar Comics an Bord, einige sinnlose wissenschaftliche Experimente als Placebo wegen der Fördergelder waren vorbereitet, die Ehefrauen der Testpiloten hatten sich schon nach neuen Partnern umgesehen. Der Start wurde von einer Militärkapelle mit gebührendem Rumpelbums gefeiert, doch was war das? Der Feuerstrahl geriet dermaßen unerwartet hell, dass der Fotograf, der natürlich auch keine passenden Lichtfilter dabei hatte, die Hand schützend vor die Kamera halten musste, “damüt der Fülm nücht schmülzt”. Das einzige Dokument vom erfolgreichen Abheben der GSR “Nitzschepop” bleibt also ein unscharfes Gegenlichtbild von der Hand des unfähigen Fotografen, dem wir an dieser Stelle aber keinen Vorwurf machen wollen. Vielleicht hat er ja persönliche Probleme.

Eisenbahn-Austritt


Nein, dies ist kein Schurkenstaatsatomloch.
Es handelt sich vielmehr um eines der vielen friedlichen Löcher, die derzeit in Lipsigorod gebaut werden. Wenn die Löcher einmal miteinander verbunden sind, sollen Eisenbahnen darin fahren (was die meisten Einwohner im Gegensatz zum Autor allerdings bezweifeln). Das hier gezeigte Loch ist hochkant gefertigt, somit scheint es für den Ein- oder Austritt der Eisenbahn gedacht zu sein. Wenn man ein Stück von der Bahnsteigkante wegbleibt und auch den Fotoapparat nicht direkt vors Loch hält, kann eigentlich nichts passieren.

Im Bahnhof


Bahnhöfe haben im Gegensatz zu Flughäfen und Parkplätzen den Vorteil, dass das Verkehrsmittel quasi direkt ins Wohnzimmer fahren kann. Dadurch ist immer für eine angenehme Hintergrunddekoration gesorgt, wenn man in den modernen Bahnhof einkaufen geht, wo sich Laden an Laden drängt und der Geruch von Transfett in leckeren Schwaden durch die lichten Hallen weht. Die Kinder können mit offenem Mund vor den aus der Zeit gefallenen Eisenlokomotiven stehen und die Erwachsenen sich über Schaffnermützen, Personenschäden und Warnstreiks unterhalten.

Der Beifall ist das Brot des Wassers

Gestern im neuen Kaufhaus gewesen, das natürlich eines der größten und schönsten der Welt und tatsächlich fast ein bisschen amerikanisch ist.


Ungerecht: Diesem Springbrunnen wird nicht applaudiert.

In der Mitte ist ein großes Loch von oben bis unten, in das man von Rolltreppen und Balustraden aus hineinkucken kann. Zu jeder vollen Stunde wird die Ode an die Freude gespielt (in einer populärmusikalischen Version), der Springbrunnen gebärdet sich dazu in einer schönen Choreographie und aus der Mitte schießt tatsächlich dreimal unter den Aaahs und Ooohs des Publikums eine Fontäne bis beinahe unters Glasdach. Nach der Darbietung klatzschen die Menschen dem Springbrunnen Beifall und verstreuen sich wieder zwischen die Regale.