Archiv für den Monat: Juni 2018

Bestellung und Abschied

riss

Kaum hatte Karl Gong sein schlechtes Gewissen vergessen, dass er nicht beim freundlichen Buchhändler um die Ecke, der immer so erwartungsfroh durch das wohldekorierte Schaufenster ihm genau in die Augen blickt, das Buch bestellt hatte, das nun mal bestellt werden musste, denn es war ihm peinlich, dieses Buch — nichts literarisch ausgesuchtes wie in den Regalen des Ladens, sauber sortiert von Anton bis Zylinder, — nein, profaner Alltagsquatsch war vonnöten, deshalb hatte er ja den Versender bemüht, der alles versendet, was so rumliegt in den Ecken; da kam es auch schon, am nächsten Tag, zisch, peng, Tür auf, Tür zu!

Und es war kaputt. Ein Schlaatz in der Papphüllse, Frechheit, so etwas überhaupt abzuliefern, und das Buch natürlich ruiniert, unbrauchbar, Rücksendung, Erstattung, selber schuld.

Also telefonische Bestellung beim Buchhändler um die Ecke, wie es sich gehört.

Abholung beim Buchhändler, der ihn über die Brille hinweg mustert wegen des Buches. Ja ja, denkt Gong. Das nächste Mal kaufe ich Literatur. Gong grinst schief, wackelt mit der Nase, zahlt, wickelt des Buch ins Sporthemd, das im Rucksack modert, trollt sich und winkt beim Abschied unbeholfen ins Ladenglockenbimmeln, bis demnächst; in der Vorsorgevollmacht werden später lebensverlängernde Maßnahmen angekreuzt, denn irgendwann muss die Literatur ja durch den Kopf durch.

Bärchensichtung

baerchen-fels

Beispielfoto: Bärchensichtung

Nachdem bei der Eingewöhnung des Menschen in den Wolfsgebieten zum Teil erhebliche mentale Probleme zu verzeichnen waren (Unwillen, Ängstlichkeit, Futterneid), plant man das Procedere im Fall des europäischen Braunbärchens etwas geräuschloser vonstatten gehen zu lassen. So sollen zum Beispiel bei der medialen Verarbeitung von Bärchensichtungen keine verwackelten Schwarzweißaufnahmen gefletschter Zähne präsentiert werden, man greift lieber auf sorgfältig komponierte Photographien mit hohem Sympathiepotential zurück.

Fatalistisches Fragment 2

buschtuer

Nummer zehn ist eingewachsen.
Büsche stören den Begang.
In der Flucht der Stadtsichtachsen
hören wir der Glocken Klang:

Eins zwei drei — es ist dreivörtel.
Lang nicht roch es hier nach Mörtel.

Ach nu ja und ach nu nee.
Brüh mir einen Brennseltee
in dem Häusel Nummer acht.
Sonne sinkt. Bald wird es Nacht.

Von den Befürchtungen

regendach

Karl Gong in seiner Eigenschaft als jemand, der Zusammenhänge herzustellen in der Lage ist, hatte das freundlich-saharische Wetter der letzten Wochen zwar in den Biergärten der Stadt stoisch dankbar hingenommen, war aber auch besorgt wegen der zu erwartenden Ernteausfälle der umgebenden Bauernschaft, deren Klage auch verlässlich alsbald die Gazetten füllte. Mit furchtsamem Blick linste er täglich in die Bäckereigeschäfte, ob denn auch noch genug Brot in den Regalen sich befände, und nach 18 Uhr tätigte er manch panischen Hamsterkauf, weil dort nur noch das eigentlich eklige Körnergelumpe vor sich hin trocknete; wie wird es morgen sein, greinte Gong innerlich, es kommt schon zur Knappheit, und er füllte die Kühltruhe mit Backwaren.

Aber eines Tages plötzlich, er hatte die Ohren voll mit Schlagermusik von der Stadtfestbühne vor seinen Augen und hörte also den Knall nicht, den ein über die Katen sich verstreuender Blitz erzeugte, ergoss sich ein zweistündiger Schwall Platzregens auf den überraschten und eben noch besorgten Bürger Gong, weichte ihn ein bis auf die Malimo-Unterwäsche und beruhigte schließlich mit simpler Logik den vormals dystopisch Gesinnten: Alles wird gut, das Wasser gelangt an die Stauden und Gräser, getränkt werden die dürstenden Bewohner der Flur, Brote werden gebacken werden.

Amen.

Überschätzte Orte

muenchen

Heute: München.

Einigen positiven Einschätzungen in den sozialen Medien folgend, begab ich mich nach München. Jedoch, schließlich angekommen, befiel mich keineswegs Euphorie, alles war eher trist und trostlos, und das Wetter veranlasste mich, den traurigen Ort lediglich durch die verschmierte Scheibe meines Kraftfahrzeuges zu betrachten. Kaum eingefahren, hatte ich den Ort schon passiert, und nicht einmal ein Amtszimmer war zu sehen, in dem man ein Kreuz hätte aufhängen können. Ich will den Münchnern und Münchnerinnen keineswegs zu nahe treten, aber ein bisschen überschätzt kommt mir der Laden schon vor. Enttäuscht fuhr ich weiter nach dem in der Nähe befindlichen Oschätzchen, da war zwar auch nicht viel mehr los, aber mir gefiel wenigstens der Name.

Nu, genau

buehne

Heute bleib ich nicht im Bett,
heute ist es schöner draußen.
Wenn ich nichts zu trinken hätt,
würde ich es frech mir maußen.

Läge gar nichts auf dem Grill,
ginge ich zum Bratwurstwender.
Wäre es mir hier zu still,
grölte ich ein Love Me Tender.

Aber alles ist famos,
alle gratulieren ehrlich.
Alle finden mich ganz groß,
niemand wird mir heut gefährlich.

Himmelan das Partyzelt,
tanzend mit der schönsten Frau.
Uns zu Füßen liegt die Welt.
“Ach, Geburtstag?” — “Nu, genau.”

Der Polizeisprecher äußert sich

ruepelradler

Wieder einmal ist ein unschuldiger Lastkraftwagen durch einen aggressiven Rüpelradler massiv zu Schaden gekommen. Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Da denkt man, vierzig Tonnen unterm Arsch und das Handy an der Backe, das läuft, nein, so ist es leider nicht immer. Gerade die schwächsten Verkehrsteilnehmer zeigen sich in letzter Zeit extrem rücksichtslos, brutal, rüpelig und aggressiv. Der Polizeisprecher äußert sein äußerstes Unverständnis über diese Situation:

“So geht das nicht weiter. Wir beobachten die Situation aktiv. Aber uns als Polizei sind auch die Hände gebunden, das heißt, wir können leider gar nichts machen. Deshalb appellieren wir ganz klar an die motorisierten Verkehrsteilnehmer, sich im eigenen Interesse eher defensiv zu verhalten. Auch wenn man mal keine Vorfahrt hat oder ganz plötzlich die Ampel auf Rot schaltet, lieber doch langsamer werden, vielleicht sogar stehenbleiben, also nicht auf dem Gas, sondern laut hupen, dumm gucken, mal die Handbremse versuchen, vielleicht sogar anhalten, wenn der andere Vorfahrt hat und es gar nicht anders geht. Mit diesen Rüpelradlern ist wirklich nicht zu spaßen, wie das erschreckende Foto eindrucksvoll belegt.”

Offen bliebe in diesem Zusammenhang, ob gegen Fußgänger und Radfahrer möglicherweise in Richtung der Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt werden sollte, so der Polizeisprecher weiter.

“Wir sind in dieser Hinsicht alarmiert, schließlich gefährdet jeder abbremsende Lastkraftwagen die Volkswirtschaft und damit unser Staatsgebilde. Und wir dürfen auch die Abertausende Arbeitnehmer nicht vergessen, die in ihren Fahrzeugen aneinandergereiht jeden Tag einmal zum Mond und zurück anstehen, um ihre Arbeitskraft abzuliefern. Das macht uns schon Sorgen”, so der besorgte Polizeisprecher. Lediglich die hauseigene Lethargie verhindere ein schnelles Eingreifen der Exekutive, fügte er hinzu und begab sich zu einem Arbeitsessen mit dem Präsidium des örtlichen Automobilclubs.

Schönheit der Fortbewegung

roland

Rasend geht die Reise
durch des Waldes Schneise,
zwischen Raps und Rüben,
mal von hier nach drüben,
mal nach unten, oben!

Kelle wird gehoben!
Asche in den Bärten
johlen die Gefährten,
heben an zum Preise
dieser Rasereise.