Energiewende mit Kabeln

leitungen

Wie aus immer besorgten Kreisen zu vernehmen war, ist die Energiewende in Gefahr bzw. selbst eine Gefahr, denn es gibt nicht genug Leitungen. Das ist ja wohl mal Fakt, aber die sogenannten Qualitätsmedien vertuschen und verschweigen diese Tatsache. So geht die wahre Rede, die an die Redaktion herangetragen wurde.

Der Lipsigrader Chefredakteur begab sich daraufhin in die Lausitz, wo demnächst die Kohlegruben zu Windrädern umgestülpt werden sollen (Beispielfoto: Windräder!). Wie das Beweisfoto zeigt, gibt es zwar mindestens drei Kabel, um den Strom aus der Lausitz hinauszubefördern, aber ob diese für Kohle- und Windstrom zusammen ausreichen, steht in den Sternen. Beides geht nu ma ni!

Deshalb sollten nach Meinung der Redaktion die Kohlegruben sofort stillgelegt werden, um Gefahren für Leib und Leben auszuschließen (Überlastung usw.). In den Kohlegruben kann die Bevölkerung sich schließlich bei Bedarf späterhin mal mit Brennmaterial versorgen. Was hingegen soll sie mit albernen Windrädern anfangen?

Vom Umfliegen des Rathausturmes

rathausturm

Den Turm des Rathauses umkreisend, überlegte ich, wann ich das schon einmal geträumt hatte, eben erst, oder vielleicht doch schon vor Monaten, oder sogar ständig, in jeder schweißgebadeten Nacht, denn ich litt ja (amtlich) unter Flugangst? Immerhin, die Zahlen auf der Uhr stimmten, es waren zwölf, in richtigem Abstand und korrekter Reihenfolge angeordnet, und alle vier Zifferblätter zeigten tatsächlich dieselbe Zeit an, wenn man davon absieht, dass es sich natürlich nur um eine höchstens ähnliche Zeit handeln konnte, denn das Umfliegen des Rathausturmes dauert ja doch, in meinem Falle, beinahe eine Minute, der Ungeschicklichkeit wegen.

Eine gewisse Genugtuung überkam mich, dass mein Unterbewusstes so akkurat funktionierte, vielleicht lag es an dem vor Jahrzehnten einigermaßen erfolgreich absolvierten Ingenieurstudium (Dipl.-Ing.!), vielleicht an der Zurichtung durch die täglichen Herausforderungen des Alltags. Kein anarchischer Uhrenquatsch, ich hatte die Mechanik der geträumten Rathausturmuhr unter Kontrolle, ich konnte ein Zifferblatt mit römischen Zeichen im Traum realisieren (wobei die Vier, wahrscheinlich um mich zu ärgern, von der Traumzentrale in der mir eigentlich unangenehmen IIII-Schreibweise statt IV gemalt war), und nun war es jedenfalls Zeit, den Traum zu beenden, ein Glas Wasser zu trinken, das Klo zu benutzen und draußen nachzusehen, ob es inzwischen geregnet hatte.

Allein, ich erwachte nicht. Schreiend flog ich weiter um den Rathausturm und verfluchte die Uhrzeiger, die sich zuverlässig drehten und drehten und drehten, eine Minute für eine Umrundung.

Hochkultur-Arrangement

sitzreihe

Tapfer angetreten, Hochkultur zu konsumieren, sitzt Karl Gong auf dem Gestühl und senkt den Blick, denn er fühlt sich ein wenig unpassend am Ort, der Bekleidung wegen, auch wenn das vielleicht nur eingebildet ist, herrje, wie die Treter mittlerweile aussehen im siebten Jahr!

Aber bald findet er sich ab, denn er entdeckt die Schönheit des Ortes, die dezenten Farben, einfachen Formen und klaren Linien, alles gehorcht den Regeln des Perspektivischen, und die Perspektive nach der Hochkultur ist sowieso: zwei Helle auf der Terrasse und dann ins Nest.

Die Musiker stimmen.

Verwandtschaft

trimaran

Mit gewaltigem Grummeln, jedoch dezenter Geschwindigkeit, schob sich der Trimaran, von dem ich den Namen vergessen habe, ins Hafenbecken, die Molenmeile an Steuerbord entlang (rechts, für Landratten, auf dem Bild links), und obwohl er immerhin irgendwie verwandt war mit dem Gaststättenschiff Manfred, das vertäut am Kai lag, denn beide benutzen ja das leicht salzige Seewasser als Lebensgrundlage, konnten sie doch verschiedener nicht sein.

Und sie wussten das.

Bestellung und Abschied

riss

Kaum hatte Karl Gong sein schlechtes Gewissen vergessen, dass er nicht beim freundlichen Buchhändler um die Ecke, der immer so erwartungsfroh durch das wohldekorierte Schaufenster ihm genau in die Augen blickt, das Buch bestellt hatte, das nun mal bestellt werden musste, denn es war ihm peinlich, dieses Buch — nichts literarisch ausgesuchtes wie in den Regalen des Ladens, sauber sortiert von Anton bis Zylinder, — nein, profaner Alltagsquatsch war vonnöten, deshalb hatte er ja den Versender bemüht, der alles versendet, was so rumliegt in den Ecken; da kam es auch schon, am nächsten Tag, zisch, peng, Tür auf, Tür zu!

Und es war kaputt. Ein Schlaatz in der Papphüllse, Frechheit, so etwas überhaupt abzuliefern, und das Buch natürlich ruiniert, unbrauchbar, Rücksendung, Erstattung, selber schuld.

Also telefonische Bestellung beim Buchhändler um die Ecke, wie es sich gehört.

Abholung beim Buchhändler, der ihn über die Brille hinweg mustert wegen des Buches. Ja ja, denkt Gong. Das nächste Mal kaufe ich Literatur. Gong grinst schief, wackelt mit der Nase, zahlt, wickelt des Buch ins Sporthemd, das im Rucksack modert, trollt sich und winkt beim Abschied unbeholfen ins Ladenglockenbimmeln, bis demnächst; in der Vorsorgevollmacht werden später lebensverlängernde Maßnahmen angekreuzt, denn irgendwann muss die Literatur ja durch den Kopf durch.

Bärchensichtung

baerchen-fels

Beispielfoto: Bärchensichtung

Nachdem bei der Eingewöhnung des Menschen in den Wolfsgebieten zum Teil erhebliche mentale Probleme zu verzeichnen waren (Unwillen, Ängstlichkeit, Futterneid), plant man das Procedere im Fall des europäischen Braunbärchens etwas geräuschloser vonstatten gehen zu lassen. So sollen zum Beispiel bei der medialen Verarbeitung von Bärchensichtungen keine verwackelten Schwarzweißaufnahmen gefletschter Zähne präsentiert werden, man greift lieber auf sorgfältig komponierte Photographien mit hohem Sympathiepotential zurück.

Fatalistisches Fragment 2

buschtuer

Nummer zehn ist eingewachsen.
Büsche stören den Begang.
In der Flucht der Stadtsichtachsen
hören wir der Glocken Klang:

Eins zwei drei — es ist dreivörtel.
Lang nicht roch es hier nach Mörtel.

Ach nu ja und ach nu nee.
Brüh mir einen Brennseltee
in dem Häusel Nummer acht.
Sonne sinkt. Bald wird es Nacht.

Von den Befürchtungen

regendach

Karl Gong in seiner Eigenschaft als jemand, der Zusammenhänge herzustellen in der Lage ist, hatte das freundlich-saharische Wetter der letzten Wochen zwar in den Biergärten der Stadt stoisch dankbar hingenommen, war aber auch besorgt wegen der zu erwartenden Ernteausfälle der umgebenden Bauernschaft, deren Klage auch verlässlich alsbald die Gazetten füllte. Mit furchtsamem Blick linste er täglich in die Bäckereigeschäfte, ob denn auch noch genug Brot in den Regalen sich befände, und nach 18 Uhr tätigte er manch panischen Hamsterkauf, weil dort nur noch das eigentlich eklige Körnergelumpe vor sich hin trocknete; wie wird es morgen sein, greinte Gong innerlich, es kommt schon zur Knappheit, und er füllte die Kühltruhe mit Backwaren.

Aber eines Tages plötzlich, er hatte die Ohren voll mit Schlagermusik von der Stadtfestbühne vor seinen Augen und hörte also den Knall nicht, den ein über die Katen sich verstreuender Blitz erzeugte, ergoss sich ein zweistündiger Schwall Platzregens auf den überraschten und eben noch besorgten Bürger Gong, weichte ihn ein bis auf die Malimo-Unterwäsche und beruhigte schließlich mit simpler Logik den vormals dystopisch Gesinnten: Alles wird gut, das Wasser gelangt an die Stauden und Gräser, getränkt werden die dürstenden Bewohner der Flur, Brote werden gebacken werden.

Amen.