Schlagwort-Archiv: Karl Gong

Die Vorfreude auf den Abstieg

schwebebahn

Karl Gong, mit Höhenangst geschlagen, wurde von den Mitwanderern in die Kabine einer Seilbahn gezwungen, denn deren Kräfte reichten nicht zum Aufstieg auf den Berg mit dem Ausflugsrestaurant, das man leerzutrinken gedachte. So stand er also in der Mitte der Kabine, nachdem er den Boden nach eventuellen Falltüren abgesucht hatte, hielt den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen und versuchte, die Schlingerbewegungen auszugleichen, die entstanden, wenn die bestens gelaunten Mitreisenden auf eine Seite der Kabine drängten, um zum Beispiel eine Dame im Kleingarten zu betrachten. Bei einer dieser Ausgleichsbewegungen stieß er allerdings mit dem Kopf ans Fenster der Kabine, öffnete die Augen und fiel umgehend in Ohnmacht, als er tief unter sich einen weiteren Lift erblickte, der ihm für sich allein genommen schon tödlich genug projektiert schien.

Später, im Ausflugsrestaurant, führte Karl Gong, der Geisteswissenschaftler, wieder das große Wort, als wäre nichts gewesen, trank zwei Liter Helles und freute sich auf den Abstieg.

Regenbogen und Geisteswissenschaft

regenbogenstrasse

In rasender Fahrt durch die Landschaften, die diese Bezeichnung selten verdienten, schien doch immer wieder ein Licht durch den nie enden wollenden Regen überraschend dem Gong, Karl auf die Nase, so dass sie juckte; und die leichtsinnig vom Designer angebrachte Krümmung der Fahrzeugtür harmonierte aufs trefflichste mit der Krümmung des rätselhaft erzeugten Regenbogens (Karl Gong hatte NIE in Physik aufgepasst, weil er schon immer Geisteswissenschaftler werden wollte und somit die Naturwissenschaften als lässliches Übel ansah).

Wäre ich Bauer geworden, könnte ich das Ding gar nicht sehen, weil ich mit der Nase nach unten durch die Kartoffeln kriechen müsste, dachte sich Karl Gong zufrieden im röhrenden Dahingleiten; aber bitte: Welcher Bauer kriecht denn heutzutage noch durch die Kartoffeln?, und insofern muss man auch Gongs Eignung zum Geisteswissenschaftler stark in Zweifel ziehen.

Vom Überlaufen des Boddens

abends

Abends geht die Sonne baden
In den Bodden hinterm Berg.
Übern Berg ziehn Wolkenschwaden:
Karl Gong fühlt sich wie ein Zwerg.
Er verspürt ein wehes Beben:
Wird er morgen dann noch leben?

Doch als Mann der Wissenschaften
(Für den Geist) kann er nichts tun.
Solln die Ingenieure haften!
Gong muss nächtens zwingend ruhn.
Solln die sich ans Reißbrett klemmen,
Um den Bodden einzudämmen!

Seht die Ingenieure planen:
Boddendeich mit Plastikbahnen.

Vom Aufbaustudium

moebel

Im Rahmen seines geisteswissenschaftlichen Aufbaustudiums, das Karl Gong im fortgeschrittenen Alter begann, um einerseits seine beginnende Demenz zurückzudrängen und andererseits an verbilligte Fahrscheine und Museumstickets zu gelangen, verfasste er ein Traktat über den “Einfluss unsachgemäß gelagerter Partymöbel auf die Stimmung von Gästen verschiedener Veranstaltungen (nicht nur Partys)”.

Das Ergebnis in Kürze zusammengefasst: Ein solcher Einfluss ist nur dann nachweisbar, wenn die Gäste vor, während oder nach der Veranstaltung über die unsachgemäße Lagerung der Partymöbel informiert werden (“Frechheit!”, “Unerhört!”, “Schgehglei!”), aber in der Regel verzichten die Veranstalter auf eine solche Information (“Wäre ja noch schöner!”).

Das Aufbaustudium dauert an.

Glyphodings

Glyphodings

Das mit diesem Glyphodings, sagt Karl Gong in Maßen erregt, wir wollen es nicht verbieten, weil es nur alles andere verrecken lässt, Kräuter, Käfer, Vögel — alles außer uns und unser Fressen, das wir dann zur Hälfte wegschmeißen oder verfeuern, damit wir Internet gucken können.

Ja, aber, wir kriegen doch davon auch ein bisschen Krebs, oder? fragt Ilse Tschie.

Na, hoffentlich! brüllt Karl Gong, und, nach einer Kunstpause: Wir sind doch echt die beschissenste Spezies auf diesem Planeten!

Im Copyshop

Die Digitalisierung, sagt Karl Gong, ist auch übärhaupt nicht das, was ich mir darunter vorgestellt hatte. Kuck dir mal diesen Copyshop an. Menschenmassen. Türme von Papier, bedruckt, beschnitten, gefalzt, gebunden, man hat den Eindruck, jetzt, da alles digital ist, schnell und ständig zur Hand in leuchtenden Farben auf coolen Devices, dreht der Mensch komplett durch und muss es nun doch immer und immer wieder auf Papier prügeln, prägen, stanzen, laminieren, es, jenes, was auch immer ihm in den Kopf kommt, der flüchtige Abklatsch eines Gedankens, der digital viel besser aufgehoben wäre, wird in die Nähe der Unsterblichkeit gelaserdruckt, anstatt die Wolke ab in die Wolke zu blasen, und dann irgendwann eine kleine Verwirrung am User Interface, zack, alles ist plötzlich gelöscht, weg, au weia, besser so!

Hm, sagt Ilse Tschie.

Es wäre so schön, fährt Karl Gong fort, kein endloses Sichten und Sortieren nach Jahren der überquellenden Regale, bevor man schließlich doch die neunundzwanzig Kilo wichtigen Papieres zum Container bringt, oder? Aber nein, man versichert sich der ewigen Bedeutung seiner trüben Einlassungen, indem man sie zum Copyshop trägt, die Umwelt verpestet und geringfügige Beschäftigung generiert.

Naja, sagt Ilse Tschie, ist ja auch was. Hast du deine Diplomarbeit damals auch mit drei Durchschlägen auf der Reiseschreibmaschine getippt?

Nee, sagt Karl Gong, ich hatte Ormig.

Karl-Gong-Weisheit

Neulich mit Karl Gong beim Bier.

Gong: “Seit einem Vierteljahrhundert wird man hier verarscht, das habe ich von Anfang an gemerkt. Augen auf, und man sah es, von Anfang an. Aber man kanns ni ändern, alleine, also arrangiert man sich.”

“Das richtige Leben im falschen.”

“Friedrich Schiller. Genau. Geht ja so einigermaßen. Ehe man sich schlagen lässt.”

“So siehts aus.”

“Und was passiert dann, mein Lieber? Die Verarsche kriegt plötzlich Risse, ein bisschen Realität kuckt durch. Und meine Kumpels kriegen plötzlich mit, dass sie verarscht werden. Nach einem Vierteljahrhundert kriegen die das mit!”

“Immerhin.”

“Krakeelen rum, dass das ein Ende haben muss. Sag ich ja seit einem Vierteljahrhundert.”

“Kann mich erinnern.”

“Ich soll endlich aufhören, mich verarschen zu lassen.”

“Du?”

“Genau. Aber weißt du, was die wollen? Die wollen nicht das Ende der Verarsche, wie ich.”

“Ach was?”

“Nee. Die wollen endlich die totale Verarsche. Ohne Wenn und Aber.”

“Na sowas.”

“Tja. Prost.”

“Prost.”

Über die letzte Überfahrt

Fähranleger
Karl Gongs Vorstellungskraft: Beispielfoto

Wie jeder Vielreisende, das wusste Karl Gong, würde auch er als allerletzten Trip den Weg zum Fluss Styx antreten, und manchmal, wenn er an ein fließendes oder auch stehendes Gewässer kam, versuchte er sich leicht schaudernd vorzustellen, ob so oder ähnlich die Fähranlegestelle „Styx Südpassage“ aussehen würde.

Vom Design

Wie immer frech unbesorgt, ein freier Bürger, wandelte Karl Gong durch die Straßen und passierte angelegentlich einen Menschen, welcher einem Automobil entstieg, dessen Gestalt sich durch aggressivste Wucherungen auszeichnete. Anführungszeichen für “auszeichnete”.

Schaudernd und im Stillen erlaubte sich Karl Gong, jenem Menschen zu wünschen, niemals selbst von solchen Wucherungen betroffen zu sein.

Und wandelte weiter.

Keine Flinte

Diese dreckige Ratte, sagte Karl Gong. Steht vor dem Haus, lässt den dreckigen Motor laufen. Scheinwerfer an. Das Licht an der Decke, eh! Nervt!

Naja, sagte Frau Mond und zog an ihrem Zigarillo.

In Amerika, sagte Gong, hätte ich den schon längst erschossen.  Mit der Flinte, aus dem Fenster, ohne vom Sofa aufzustehen.

Und die Scheibe? fragte Frau Mond.

Gut, dass wir in Europa sind, sagte Karl Gong. Da habe ich keine Flinte.

Welt-Gong

Die "Welt" (Archivbild)
Die “Welt” (Archivbild)

Eines erschütternden Tages wurde Karl Gong endlich klar, dass es weder ihm noch sonst irgendjemandem möglich sein werde, die “Welt” erkennen, begreifen, verstehen zu können, keine Chance, No Way, kannste vajessen, Gong. Die “Welt” nämlich, wusste Gong nun, entzieht sich jeglichem Verständnis durch ihre Unübersichtlichkeit, sinnlose Fülle, ihr überbordendes Durcheinander, ohrenstopfendes Gequatsche und nicht zuletzt permanentes Schimärentum, Änderungsirrsinn, Scheinkreativität, Selbstvernichtung und Unschärfeproduktion. Gong würde immer wieder morgens aufwachen, voller Unverständnis auf diese “Welt” starren und abends kein bisschen klüger, nur notdürftig sediert durch geistige Getränke, aufs Lager sinken und von Ordnungen träumen, die seinem augenscheinlich schwachen Geist beherrschbar schienen (auch dies eine Hoffnung, die allnächtens enttäuscht wurde).

Gong nahm die niederschmetternde Erkenntnis jenes Tages jedoch an, und nicht ohne Dankbarkeit. Wenn ich sie schon nicht erkennen kann, die blöde “Welt”, dachte er, ändern kann ich sie immer noch, dazu brauchts nicht viel. Dann schritt er an den Bücherschrank und nahm den dicken Packen staubiger Folianten heraus, unter M, wie Marx, Karl. Die Gebrauchsanleitung, dachte Karl Gong grimmig.