Archiv für den Monat: Dezember 2019

Manche

saeule

Mancher kratzt sich seine Rille,
lügt nach seinem Zweck.
Mancher sitzt auf seiner Brille,
scheißt nach hinten weg.

Mancher fühlt sich haltlos taumeln,
lädt das Magazin.
Lässt die Schleuder drohend baumeln
zwischen seinen Knien.

Manche aber kann noch lachen
gut und fürchterlich.
Will sich keine Sorgen machen:
Zu der stell ich mich.

Jedes Wetter lacht der Weisen,
Regen, Sonne, Schnee.
Legt sich erst nach Weltenreisen
auf das Kanapee.

Wenn auch um mich alle fluchen,
will ich sein wie sie.
Werd es jedenfalls versuchen.
Besser gleich als nie.

Die offene Bananenflanke

banane

Der Problembär hatte im Provinzrevolver gelesen, dass es demnächst keine Bananen mehr geben würde. Nicht wegen der Einführung des Sozialismus, nein, ein Pilz würde unweigerlich sämtliche Bananenpflanzen der Welt in Kürze hinwegraffen. Die einzige Chance, jemals wieder eine Banane essen zu können, wäre der Besuch von Bewohnern ferner Galaxien, auf denen der Pilz noch nicht wütet, und die in ihren klimatisierten Raumschiffen Bananen zur Stärkung mitführen, die sie noch nicht aufgegessen oder vergammeln lassen haben.

Entsetzt rannte der Problembär zum nächsten Gemüseladen, kaufte, obwohl er sich sein Lebtag überhaupt gar nichts aus Bananen gemacht hatte, ein leuchtend gelbes Exemplar, unterdrückte eine Träne und fragte sich, wie er fürderhin ohne Bananen existieren solle.

Zu Hause angekommen fertigte er unter Zuhilfenahme einer größeren Menge Eierlikörs sowie anderer Getränkeneigen und eines Mixers einen Cocktail an, dessen Verdauung ihn mehrere Tage lang beschäftigte.

Mit Oma Steckwurst im Café Schmalzblick, Blasegast

krauseduo

Der blinde Herr Schrudel, wohnhaft in der bemitleidenswert sanierten Mehrfamilienresidenz “Oma Steckwurst” in Blasegast, die nicht von Familien, sondern gescheiterten Einzelexistenzen besiedelt wurde, drohte das Privileg des Unterbringens seines Krause-Duo-Fahrgerätes im vormaligen Kohlenschuppen der Liegenschaft zu verlieren. Mehrmals hatte er sich der Herrin (Steckwurst) gegenüber vermault, mit Leergut geklappert, den Teppich nicht oder in den Ruhezeiten gesaugt und Bartstoppeln aus dem Rasierer ins Waschbecken fallen lassen, aber nicht hinuntergespült, was die Steckwurst auf ihren Rundgängen ausspionierte, während die Bewohner ihre tägliche Fron in den Hüttenbetrieben, Kokereien und Steuerbüros verrichteten.

Schrudel wusste sich nicht anders zu helfen, als die wöchentliche Ausfahrt mit seiner Nachbarin Gisella Quarterbeck (fesche 27) abzusagen, dafür seine Vermieterin neben sich auf die blaue Kunstledersitzbank einzuladen und mit ihr das Café Schmalzblick aufzusuchen, wo der verhasste Oberkellner beim Anblick seiner neuen Begleiterin süffisant die gezupften Augenbrauen hochzog und feixend die Tortenkarte reichte.

“Aber Sie zahlen!” schnarrte die Steckwurst zur Klarstellung, als der Widerling endlich durch die Saloontür in der Küche verschwunden war, “und wehe, Sie geben dem Widerling auch nur einen Pfennig Trinkgeld!”

Schrudel schluckte und verspürte erstmals in seinem Leben eine gewisse Sympathie für seine Vermieterin.

Am Kombinat

amkombinat

Karl Gong, der zu seiner Unangetrauten wegen diverser offener Bauvorhaben auf dem durch illegale Landnahme ins Unendliche mäandernden Grundstück ein leicht angespanntes Verhältnis entwickelt hatte, bereiste auf der Suche nach einem Getränkemarkt, in dem er noch kein Hausverbot hatte, die etwas weiter umliegenden Gemeinden mit dem Klapprad, denn der kugelförmige Saporoshez, der von der Holden zärtlich als Es Ju Wie bezeichnet wurde, musste zwei Kaltblutpferde im Anhänger zu Brauhauswagenzugwettbewerben trecken, was sein zwar nicht frühes – stammte er doch nach Gongs Vermutung aus den mittleren Sechzigern des letzten Jahrhunderts – aber demnächst zu erwartendes Ableben beschleunigen würde.

In einem der vergessenen Walddörfer, dessen Bewohner mittlerweile ausnahmslos alle Getränke im sogenannten Internet bestellten und deshalb die Existenz jeglichen Getränkehandels verunmöglichten, warf er das Klapprad in der Nähe des Kombinates über einen Graben, ließ sich kraftlos ins Gras fallen, sah dem Buntspecht zu, der sich in die Giebel der frisch mit Styropor verkleideten Siedlungshäuser wühlte, lobte im Stillen den grauen, harten, streng haftenden Betonputz der Vorzeit und starrte einer vorbeischlorkenden Hundertjährigen dermaßen dehydriert auf die blaugrün gemusterte Kittelschürze, dass sie ihm aus dem Internet-Paket auf ihrem Lastenrollator eine Flasche Industriebier fischte, “kostenlos”, aber nur, weil er den Dialekt der Gegend beherrschte, wovon sie sich vorher gründlich überzeugt hatte.

Fracking-Abenteuer mit ÖPNV-Korrektur

fracking
Schwarzes Gold (oben) von oben

Hat ein lauter Knall gekracht
morgens gegen viertel acht.
Sieben-fünfzehn? Meinetwegen,
Wessi, kannst gehackt dich legen.

Jedenfalls schwappt schwarze Brühe
lustig sprudelnd ohne Mühe
aus der lecken Pipeline
bis zum Damm der S-Bahn-Schiene.

Langsam schwimmt ein Haus vorbei.
Später sind es zwei, dann drei.
“Nichts ist ohne Risiko”,
singt der Chor im Männerklo.

Klaus!

fetzen
Der Stiefelersatzbehälter enttäuscht!

Problembär hinter Fetzen,
geschüttelt von Entsetzen:
Hier ist ja alles leer!
Kein Honig-Zimt-Likeer!
Kein Obladi-Gebäck!
Kein Tannengrüngesteck
und keine Branntweinmandeln!
Jetzt heißt es zügig handeln:
Versagt hat Onkel Nikolaus!
Der Stapler rollt zu Rotwein-Klaus.

Aktivitäten im Spiegel der Vorfreude

nikolaus

Der Problembär, von der eigenen Bedeutung berauscht und hochgradig kreativ veranlagt, gab sich nicht mit der Nikolaus-Konvention zufrieden, seine Stiefel vor die Tür zu stellen, zumal er gar nicht über solche verfügte (aus Mangel an Füßen). Selbst Jesuslatschen befanden sich nicht in seinem Besitz, von Trampern mit Ledersohle ganz abgesehen.

Also fasste er sich am Vorabend des Nikolaustages ein Herz sowie ein (um seine eigene Integrität nicht zu gefährden) stumpfes Messer, setzte sich auf den aus dem VEB Getränkekombinat “ausgeliehenen” Gabelstapler, kippte das Sofa seiner Wirtsleute um, schlaaatzte ein paar Löcher hinein und freute sich über das noch unausgefüllte Volumen, das dem freundlich gesinnten nächtlichen Gast zur Verfügung stehen würde, um Pfefferkuchen, Spekulatius, Piccoloflaschen oder Rekord-Briketts darin zu versenken.

Jammermondgedicht

jammermond

Der Mond steigt aus dem Dunst.
Der Schlaf ist eine Kunst,
Dem Schaf geht’s an den Kragen:
Der Wolf füllt seinen Magen.

Der Wolf kommt bald zu uns.
Erst frisst er Hinz, dann Kunz.
Zuletzt frisst er die Meyern.
Dann schleicht er fort nach Bayern.

Vorhersehbares Wegdriften der Realität

wegdriften
Neuronaler Unscharfpunkt nach Gofthe (Maler)

Kaum etwas bereitete Karl Gong so viel Freude, verschaffte ihm aber auch so viel Aufregung wie das Wegdriften, das langsame Auslöschen seines Verstandes beim Übergang vom öden Bearbeiten der Dokumente in den sich nach dem Mittagessen automatisch einstellenden Bureauschlaf. Die Realität verwischte und vermischte sich hinter seinen geschlossenen Lidern mit den Figuren, die ihm aus seinen Albträumen nur allzu bekannt vorkamen, die also an der Pforte zum schlummernden Wahnsinn herumlungerten, ihn an die Hand nahmen und in ihre seltsamen Verrichtungen hineinzogen, mitgegangen mitgehangen, er war zu schwach, sich zu wehren.

Die Unangetraute, die des Abends darüber wachte, dass er sich nicht mit verdächtigen Gestalten einließ, hoppelte fern von ihm auf dem Rücken eines Pferdes über den Acker, zu dem die verfluchten Wildschweine seine schöne Wiese gemacht hatten, alles frisch eingesät, er hatte sich so viel Mühe gegeben, nachts, denn tagsüber hatte er die Stallungen für die Pferde errichten müssen, Wildschweine mit Hauern so lang wie der zugegeben extra kurze Fahrradlenker, den er sich als Kind vom Dorfschmied hatte schweißen lassen, nackt also schwebte die Holde auf ihrem Apfelschimmel über die niedergerissenen Grundstücksmauern, hinter ihr her in glänzend goldener Rüstung der Schnabel-Schorsch von gegenüber, so jagte er sie, die mittlerweile erblondete, hühnenhafte Frau, das Spalier der Dorfkretins höhnte zu ihm herüber, die Fratzen, die er nur zu gut kannte, ergötzten sich an den Reitenden; die stoben über den von meterhohen Kakteen bewachsenen Dorfanger, der sich bis zum Getreidesilo erstreckte, aus dessen aufgeschlitztem Dach ein übergroßer, mampfender Sperling keckernd und feixend herausschaute; heiße, rotglühende Eifersucht überschwemmte Karl Gong, nur noch übertroffen vom klatschenden Entsetzen, als der Schnabel-Schorsch von einem dahinrasenden gelben Schulbus aus Wellblech mit voller Wucht seitlich gerammt und pulverisiert wurde.

„Plong!“ machte Karl Gongs Knie, als es mit voller Wucht von unten gegen die Tischplatte seines Schreibtischs knallte. Er riss die Augen auf, starrte die Mayersche an, die mit wehender Unterschriftenmappe an ihm vorbeischnöselte, und speicherte endlich seine bearbeiteten Dokumente.

Die rasende Eifersucht auf den Schnabel-Schorsch ebbte erst nach einigen Tagen langsam ab.

„Welcher Schnabel?“ fragte die Holde, als Gong sie nach einem der üblichen abendlichen Rapports vorsichtig auf den Nachbarn ansprach. „Es gibt hier keinen Schnabel.“

Zweifelnd legte Karl Gong den Kopf schief, erwiderte nichts und trollte sich. Grüßen würde er den Kerl jedenfalls frühestens im nächsten Jahr wieder, wenn überhaupt.

Neues vom Patzschke Trust

patzschke
Ventil- und Fittinglager Patzschke (Foto: Zentralkartei)

Klempner Patzschke aus der Rhön weilte schon seit mehreren Wochen in Blasegast, um sämtliche eigentlich unzerstörbaren Traufen und Gossen des Steckwursthauses rauszuruppen und durch billige Chinaware zu ersetzen. Seine spezielle Art von Humor sorgte für knurrende Akzeptanz der handwerklichen Zumutungen bei den eher schlichten Mietern, nur der scharfgeistige Herr Schrudel wagte gelegentlich Widerspruch, wenn tragende Wände weichen oder plötzlich einfließende Sturzbäche um die Phonoanlage und das Plattenregal geleitet werden mussten.

Wirklich dramatisch wurde die Lage erst, als Patzschke auf dem Kulminationspunkt seiner schöpferischen Aktivitäten ins Rhönische Ventil- und Fittinglager seines Imperiums gerufen wurde, wo bei einer internen Revision kein einziger der vermuteten Bestände auch nur annähernd verzeichnet werden konnte und alle Mitarbeiter schockstarr dem Eintreffen des äußerst cholerischen Chefs und der folgenden mehrwöchigen Brüllerei entgegenfieberten.

Trockengefallen und auf sich selbst zurückgeworfen, wies Oma Steckwurst die Mieter ihres Hauses an, in nächtlichen Subbotniks (auch an Wochentagen) den verschütteten Mühlgraben der Blase von dem Unrat zu befreien, den sie einst selbst dort deponiert hatten, um Gebühren zu sparen, das Wasser in den Senkschacht der von Gisella Quarterbeck (27) „besorgten“ Tauchpumpe zu leiten und damit die Einspeisung von halbwegs genießbarem „Nass“ (Zeitungsdeutsch) in das aus Gartenschläuchen hergestellte Notnetz zu gewährleisten.

Die gemeinsame Anstrengung schweißte die Belegschaft des Hauses zusammen, brachte Tränen der Rührung und glückliche Erinnerungen an die sozialistische Menschengemeinschaft hervor. Allerdings hielt das Gefühl der Verbundenheit, Brüderlichkeit und Solidarität nur bis zu dem Zeitpunkt an, als Oma Steckwurst die Zettel mit der nächsten Mieterhöhung eigenhändig in die Briefkästen verklappte.