Kategorie-Archiv: Aus der Gechichte

Aus der Gechichte

Kunst am Bau

giraffe

Manchmal braucht es einen langen Atem bzw. Hals, um zu sagen, was zu sagen ist. Für Leser ohne Lesebrille:

“Gott uns dieses Haus behüte
Vor Bomben und der Steuertüte.”

Wobei aus einem bekannten, immer noch aktuellen Schlager zu ergänzen wäre:

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun.
(Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun.)

2000

bestenliste

Der Spruch ist gut,
ich zieh den Hut
und Wehmut kühlt das Glas,
weil dahingeht,
was grad noch steht. —
Ob Schinderei, ob Spaß,
wenn, was man tat,
solch Abschluss hat:
das ist ja auch schon was.

Länglicher Exkurs über die Gegenwart

gegenwart

In einem früheren Beitrag wurde das Motiv des obigen Fotos schon einmal verwurstet, allerdings unter Zugabe eines Haiku, das regelgemäß nur 17 Silben umfassen darf. Mehrere Leser monierten, dass ihnen der Beitrag deshalb komplett unverständlich, blöd und japanisch vorgekommen sei. Da dem Autor heute sowieso nichts besseres einfällt, kann die Sache ja unbeholfen ausgewalzt und dargeboten werden, um die allgemeine Weisheit und den sozialen Frieden zu befördern, immer unter der Vermutung, dass das Bild tatsächlich die (philosophische) Betrachtung wert sei.

Also.

Behauptet wurde anhand des (ähnlichen) Bildwerkes, dass die Gegenwart ein schmaler grüner Streifen zwischen Vergangenheit und Zukunft sei. Die Vergangenheit wird relativ einfallslos durch eine Ruine illustriert, die Zukunft ebenso einfallslos durch eine neuzeitlichere Fassade, obwohl auch die die Zukunft darstellende Fassade natürlich in der Vergangenheit errichtet wurde, nur eben neuer aussieht. Ein Schwachpunkt der Darstellung ist die Anordnung der Vergangenheit rechts und der Zukunft infolgedessen links, was der abendländischen Gewohnheit widerspricht, Zeitachsen in die Zukunft nach rechts auslaufen zu lassen. Hier muss sich der Autor der berechtigten Frage stellen, ob er sich bereits der allgegenwärtigen Islamisierung gebeugt hat oder einfach nur zu faul war, das Bild in Photoshop zu spiegeln.

Der aufmerksame Betrachter mit gutem Gedächtnis oder der, der oben auf den Link geklickt hat, wird feststellen, dass die Gegenwart auf dem heutigen Foto um einiges breiter ausfällt. Das stimmt, und es führt zu der interessanten Frage, ob die Gegenwart auch real eventuell einmal etwas breiter ausfallen könnte, zum Beispiel durch den Einsatz bewusstseinsverändernder Drogen beim Betrachter. Diese Frage sollte natürlich freudig bejaht werden, denn eine breite, angenehme Gegenwart führt automatisch dazu, dass die unerfreuliche Vergangenheit dadurch kürzer ausfällt, genauso wie die erwartbar unerfreuliche Zukunft. Eventuell kann es gelingen, die Gegenwart gar nicht enden zu lassen, jedenfalls bis zum Versiegen der körperlichen Integrität des Trägers jener Gegenwart. Apotheker oder Ärzte geben gern Auskunft.

Praxistip: Erfolgreiche Ratgeber empfehlen, einfach in der Gegenwart zu leben. Aber Achtung: Die Sonne geht trotzdem unter.

Von der internationalen Solidarität

palast

Während der Westen den Indianern das wertvolle Land im Tausch gegen bunte Glasperlen entrissen hatte, wurde das Buntglas in der DDR zur kurzzeitigen Freude der Werktätigen als Schmuckelement in öffentlichen Gebäuden verbaut. Das funktionierte eine Weile, dann aber ging natürlich das Gemecker wieder los und die Werktätigen fragten, warum man denn nicht über Kolonien verfüge, aus denen man billig Kaffee, Kakao, Bananen, Rosinen und Arbeitssklaven ins triste Ländchen transferieren könne.

Erste Gadsenphotographie der Welt aufgetaucht!

gadsengeometrie

Ist diese Photographie 100 Millionen Euro wert?

Beim aufgeregten Kramen in den Schuhkartons auf dem Dachboden seiner Ex-Geliebten, wo er eigentlich abgelegte und ihm selbst gewidmete handschriftliche Liebesnotizen derselben zu finden hoffte, um seinen novemberlichen Gemütszustand aufzuhellen und sein Selbstwertgefühl zu erhöhen, fiel dem Geisteswissenschaftler Karl Gong (Name nicht geändert) die oben abgebildete vergilbte Photographie in die Hand. Dabei handelt es sich zufolge einer hastig angestellten Internetrecherche um die älteste bislang aufgefundene Photographie einer Gadse, was natürlich auch die diversen Mängel am Objekt erklärt.

Es steht zu befürchten, dass die Geschichte der Gadsenphotographie (vgl. 20% des zugänglichen Internetvolumens) nun völlig neu geschrieben werden muss.

Polizeibericht

Gabelstapler umgekippt – Fahrer entwichen

ueberfuehrung 

Schöne Bahnüberführung (Polizei-Beispielfoto)

Gestern gegen elf Uhr morgens befuhr ein Angestellter des Getränkehandels A. Nitzsche mit höchstmöglicher Geschwindigkeit, die sich allerdings wegen diverser technischer Unzulänglichkeiten noch immer im gesetzlich erlaubten Rahmen befand, auf einem Gabelstapler die Schnellstraße in Richtung auswärtiges Umland. In Höhe der Abbiegung vor der Bahnüberführung fiel ihm auf, dass die Gabeln des Staplers, auf denen sich mehrere Bockbiergebinde unbekannter Herkunft befanden, maximal ausgefahren waren, was ein gefahrloses Passieren der Überführung voraussichtlich unmöglich machen würde. Nach eigenen Angaben “geistesgegenwärtig” riss der Fahrer zum Zwecke des Abbiegens in die nicht überführte Nebenstraße das Steuer herum, was zum sofortigen Umkippen des Gabelstaplers führte. Der Gabelstapler erlitt einen Totalschaden, welcher allerdings schon vor Fahrtantritt bestand. Der Fahrer blieb unverletzt, “war nicht schuld” und verlangte von den Beamten, “dem Chef nichts zu petzen”. Anschließend trank er die beim Umsturz unversehrt gebliebenen Flaschen in höchstmöglicher Geschwindigkeit aus und versuchte nach dem Aufrichten des Gabelstaplers, mit jenem die Flucht anzutreten, was aufgrund der Scherben, die die Reifen sämtlicher zur Verfolgung eingesetzten Streifenwagen perforierten, gelang. An sachdienlichen Hinweisen zeigen sich die Polizei-Dienststellen nicht interessiert, da alle Angestellten des besagten Getränkehandels bereits polizeibekannt sind.

Oktober, deine Pracht

tor

Oktober, deine Pracht,
Vergeht nun endlich auch!
Karl Gong sitzt da und lacht,
Hält sich den dicken Bauch.
Schnell abwärts soll es gehen
Mit Wärme, Farbe, Licht,
Dann werdet ihr schon sehen!
Nee, sag ich, glaub ich nicht.

Ich sehe ziemlich schlecht,
Und eigentlich nur halb.
Steht vor mir mal ein Specht,
Denk ich, es ist ein Kalb.
Ich denke des Oktober:
Hab ihn ja kaum erkannt
In seiner Pracht! Herr Ober!
Reich er mir einen Brannt!

Der eine spielt verrückt,
Wenn sich das Jahr grau neigt.
Karl Gong erscheint beglückt,
Weil sich das Ende zeigt.
Wir stoßen auf den wehen
November klirrend an.
Soll kommen und soll gehen
Auch wieder irgendwann.

Ural oder Die Geschichte vom Kirschbaum

rossia

“Der Kirschbaum muss raus”, sagte der ältere Herr, “der macht nur Dreck, und ich werde ja nicht jünger, und wer macht denn den Dreck weg, wenn ich keine Lust mehr dazu habe?”

Also ging der ältere Herr zur Maschinen-Traktoren-Station und lieh sich ein passendes Werkzeug aus (Foto), um den Kirschbaum aus der Erde zu rubben, denn das ist die Methode, die am wenigsten Dreck und Arbeit macht, Rausrubben, so stellte sich das der ältere Herr jedenfalls vor, das Ding gleich mit der Winde auf die Ladefläche drauf und irgendwo in die Botanik schmeißen, sollen sich doch die Grünen drum kümmern mit ihrem Fimmel, die haben es ja so mit Bäumen.

Es geschah.

In das Loch vom Kirschbaum kippte der ältere Herr den Inhalt der Restmülltonne (das spart Geld), und er ärgerte sich, dass er nicht noch ein bisschen Restmüll gehortet hatte, denn das Loch wurde längst nicht voll, es war ein stattlicher Kirschbaum gewesen, deshalb auch immer die vielen Stare, die die Kirschen fraßen und alles vollschissen, und der Dreck. So musste er noch die Scheune durchsuchen nach Gelumpe, das er in das Loch schmeißen konnte, es war ein verdorbener Tag, Arbeit und Dreck und Nerverei und der Gedanke an die Grünen, der ihm zusetzte, die sich um seinen Kirschbaum kümmern würden, als könnte der ihn verpetzen bei denen. Stress!

Abends, als endlich der Mähroboter sich an seine neue Tour gewöhnen konnte und nicht mehr immerfort gegen den Kirschbaum stieß, sich aber in den Tiefen seiner künstlichen Intelligenz darüber ärgerte, in Zukunft keine Kirschkerne mehr über den Rasen schnipsen zu können, abends also lag der ältere Herr in seinem Bett, pumpte und japste von den Beschwerlichkeiten und Ärgernissen des Tages, und wir wissen nicht, wie es ihm weiter ergangen ist, denn es interessiert uns nicht, jetzt, da der Kirschbaum weg ist.

In der Bibliothek

Ich betrat die Bibliothek und sah mich kurz darauf in eine unwürdige, beinahe physisch geführte Auseinandersetzung verwickelt. Den Packen ausgeliehener Bücher hatte man mir kommentarlos mit mürrisch hängenden Backen entrissen, verlangte aber eine erhebliche Summe “Mahngebühren” wegen “verspäteter Rückgabe.” Meine Einwände, dass die Bibliothek sowohl wochenlang unerwartet geschlossen als auch sonst überhaupt nicht erreichbar gewesen wäre, niemand hier je das Telefon, Telefax oder Emailliergerät zu benutzen schien und sich ansonsten in diesem Hause nur das Desinteresse an allem und jedem außer dem Einzug von Mahngebühren zu manifestieren schien, verpufften an den wie stets zur Schau getragenen abweisenden Mienen der Kohorte, die eilig herbeigerufen worden war, um mich notfalls mit Gewalt zur Strecke zu bringen. In höchstem Maße emotional angespannt, verlangte ich trotzdem nach dem Schuldigen, denn als solchen sah ich mich als allerletzten, und die Wortführerin brüllte tatsächlich über die Schulter nach hinten, zwei Subalterne polterten daraufhin finstere Treppen hinab, bis sich der Hall ihrer Schritte in Stille auflöste.

Nach Minuten angespannten Wartens, in denen die Kohorte mich anglotzte und auf eine falsche Bewegung lauerte, tauchte zwischen den beiden Zurückgekehrten ein kleines, hilfloses, blasses, verschrumpeltes Männlein auf, verängstigt, zitternd, mit hängenden Lidern und von Staub und Spinnweben bedeckt. Das war der Schuldige.

Erschüttert zahlte ich meine Mahngebühren und trollte mich, Hohngelächter der Kohorte im Rücken, dazwischen ein dünnes Schluchzen.