Archiv für den Monat: März 2019

Mintgrün und dunkellila

wasserball
Wasserball kann man überall spielen, wo es Wasser gibt

Karl Gong, der die emotionale Zugehörigkeit zu seinem Wasserballclub des Herzens auch außerhalb der Spieltage mit einem von der Holden gehäkelten Schal in den seltsamen Vereinsfarben mintgrün und dunkellila dokumentierte, geriet in eine Lebenskrise, als genau diese Farben für eine Saison von der Modeindustrie als unbedingtes Muss ausgerufen worden waren und er somit unfreiwillig als Hipster und bemitleidenswertes Opfer des indoktrinierten schlechten Geschmacks angesehen wurde, denn außer ihm trug niemand in der Stadt den Vereinsschal, weil niemand außer Gong und den Spielern und Funktionären selbst den Verein überhaupt kannte, wodurch auch die Legitimation des Outfits durch erzwungene Gruppenzugehörigkeit entfiel.

Jedoch, jede Krise hat ihren Höhepunkt, bevor sie dem Ende entgegen siecht, und also konnte auch Gong, nachdem alle Modestücke der schlimmen Phase verramscht und von weniger vermögenden Gesellschaftsschichten aufgetragen oder in den hinteren Bereichen der Damenkleiderschränke zu Löchern zerfallen waren, wieder unbehelligt mit seinem Schal durch die Straßen ziehen, lauthals die Hymne des Wasserballclubs grölend (“Wir gehen niemals unter, höchstens kurz!”) und mit einem Wasserball (Größe 5) in die Pfützen titschend.

Die Holde sah es mit Wohlgefallen, wurde doch ihr Geschenk in Ehren gehalten durch alle Fährnisse.

Aus der Welt der Chirurgie

Heute nacht hatte ich zwei Operationen an offenen Herzen auszuführen. Irgend etwas war mit den Herzklappen, ich wusste zwar nicht genau, was zu tun war, aber das Vertrauen in meine Fähigkeiten war ungebrochen, also nahm ich den Föhn, der mir für den Eingriff das geeignetste Werkzeug zu sein schien, und föhnte so lange in das Herz hinein, wie mir angeraten erschien. Alles verlief zufriedenstellend, das Herz schlug ohne die geringste Beanstandung, ich nahm diverse Glückwünsche entgegen; den Patienten oder die Patientin allerdings bekam ich nicht zu Gesicht, da ich dringend fort musste. Später wurde mir noch ein zweites Herz mit einem ähnlichen Schaden hingestellt, den ich beheben sollte, allerdings fand ich den Föhn nicht mehr und musste mit einer Art Bunsenbrenner vorliebnehmen. Viel zu spät wurde mir bewusst, dass die erzeugten Temperaturen etwas zu hoch sein könnten, denn normalerweise arbeitete ich ja mit einem Föhn, schon begann es, angebrannt zu riechen; das schlechte Gewissen, Schamgefühle und die Angst vor Konsequenzen trieben mich dazu, so schnell wie möglich den Operationssaal zu verlassen und mich anderen Beschäftigungen zu widmen.

Die Materialisierung des Willens und ihre Negation

anleger

“Dies hier, Sohn”, deklamierte Karl Gong stolz, die Arme ausbreitend, “habe ich geschaffen. Mit meiner Hände Arbeit, mit meinem Hirn und mit unvorstellbarer Willenskraft, gegen alle Widerstände. Ist es nicht großartig, etwas geleistet zu haben, das sich materialisiert hat, ein Plan, der Wirklichkeit geworden ist zu unser aller Wohl und Frommen?”

“Nein”, sagte der Sohn und fing sich eine Backpfeife ein.

Der Verweis

Karl Gong, von seiner damaligen Lebensgefährtin barsch zum Einkauf befohlen, betrachtete, während er zwischen kurzen, dicken Menschen in der Schlange des Fleisch und Wurst Werkverkaufs wartete, eine Familie, die an einem Tisch vor mehreren Tellern saß und gierig Fleisch und Wurst verzehrte, was ihn so verstörte, dass er, endlich am Tresen befragt, was er denn wolle, “Nur etwas Obst, bitte” stammelte, woraufhin er des Werkverkaufs verwiesen wurde.

Am Speicher

Speicher

Was für eine Unmenge Hühner wir doch fressen müssen, dachte ich kurz, als ich den Speicher mit dem Hühnerfutter passierte, und wie sie von mir ferngehalten wurden, damit ich sie erst nett zurechtgemacht als Filet mit sonstwas auf dem Teller zu Gesicht bekam. Die Welt ist doch perfekt eingerichtet für die, die immer schön auf die Straße gucken und sich weiter nichts denken.

Im parkähnlichen Garten

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Karl Gong war hier (Beispielfoto)

Karl Gong, in seiner Eigenschaft als Hilfsgärtner bzw. Hilfshilfsgärtner, wurde von seiner Lebensgefährtin, die das absolute Kommando über alle Grünarbeiten innehatte, beauftragt, sofort und “jetzt mal zackig” den unerwünschten Auswüchsen an den diversen Gehölzen, die das gemeinsame, jedoch zu ungleichen Teilen besessene Grundstück bewuchsen, zu Leibe zu rücken; stöhnend rollte er vom Sofa und wurde barsch in den Schuppen geschoben, wo bereits die Werkzeuge warteten, vor denen er sich noch mehr fürchtete als vor dem TV-Abendprogramm.

Leise jammernd schleppte er nun mehrere Tage lang Leitern, Sägen, Äxte und Scheren über das parkähnliche Anwesen, das die Holde in ihrer der bäuerlichen Abkunft geschuldeten Gier nach Land zu erwerben befohlen hatte, errichtete übermannshohe Haufen aus Reisig und Astwerk, die mehrmals wieder umfielen, ließ sich von den anwesenden Gartenvögeln auf das Unflätigste verhöhnen, die er allerdings, so die Weisung, auf keinen Fall stören durfte in ihren täglichen Geschäften, und orderte schließlich, zerkratzt und von kleineren Leiterstürzen humpelnd, eine Mulde von etlichen Kubikmetern, um alles hineinzuwerfen, was nicht gelang und darum die Bestellung weiterer Mulden nach sich zog.

Die Oberste Gärtnerin stand derweil am offenen Fenster, dirigierte ihn zu übersehenen Zweigen, telefonierte mit ihren Freundinnen und diversen Landschaftsarchitekten und warf dem Gong, wenn sie gute Laune hatte, huldvolle Blicke und das eine oder andere Gummibärchen zu.

Die erwachten Igel lachten.

Stoßseufzer des Feminismus

goldhelm

Wie lang warte ich schon hier?
Mindestens auf einem Stier
oder einem hohen Pferd
soll er reiten. Nicht verkehrt
Wäre auch ein Goldner Hut.
So ein Mann, ja der wär gut.
Jedoch, wie ich immer sag,
nicht einmal am Frauentag
ist ein solcher Mann in Sicht.
Nein. Stattdessen naht ein Wicht,
in der Hand ein schales Bier.
“Jemand Durst?” “Oh Gott. Doch. Hier.”

National

fahnenmond

Jedes Steinchen eine Flagge.
Jedes Klo ein Hoheitszeichen.
Jedes Beinchen voller Kacke.
Niemand will vor Scham erbleichen.

Meine Farben hinter Gittern
meines Lochs im Menschenzoo.
Seht mich an, ich lass euch zittern,
denn ihr macht das mit mir ouh.

Schwarz und weiß und rot und blau,
gelb und grün: Mehr braucht es nicht,
dass ich dir ein Veilchen hau:
Meine nationale Pflicht.

Gebt uns Pinsel, gebt uns Lappen,
schmiert uns Schminke auf die Backe.
Vorwärts geht es auf dem Rappen.
Auf der Fahne Blut und Kacke.