Kategorie-Archiv: Sie und Er und 1000 Fragen

Sie und Er und 1000 Fragen

Neu bei Nitzsche

Mit der während der letztjährigen (freiwilligen!) Subbotniks entstandenen Kundenvoltigieranlage wurde ein großer Schritt in Sachen Arbeitszufriedenheit und Konfliktbewältigung im Getränkemarkt A. Nitzsche in Machern (man muss nur machern) beschritten. Jetzt können jederzeit missliebige Kunden durch die Belegschaft voltigiert werden, zum Beispiel, wenn sie frech geworden sind. Ein schöner Ausgleich zur Arbeit an der Kasse und im Pfandautomaten. Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef.

Neu bei Nitzsche

Alle gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter des Getränkemarktes A. Nitzsche in Machern (man muss nur machern) haben ab sofort einen Anspruch darauf, mit dem hauseigenen Limousinenservice ins Geschäft gebracht und abends wohlbehalten zurückgeführt zu werden. In der Mittagspause ist ein Ausflug mit Chef und Kühltasche (voll) obligatorisch. Die Leitung (Chef) verspricht sich davon a) höhere Arbeitsmoral, b) geringere Aufsässigkeit und c) weniger „Schwund“. Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef.

Nicht nur in Wanzleben

Karl Gong, der Beschützer der Holden und Rächer der vom bösen Nachbarn niedergerissenen hinteren Brombeerhecke, staunte nicht wenig, als er im Bezirkspresseorgan das Geschmier eines Autors erblickte, der sich erfrechte, die angebliche Verunkrautung und Verqueckung der Rübenschläge anzuprangern, für die auch er, Gong, zu einer freiwilligen Patenschaft gepresst worden war, die ihm sowohl die manuelle Unkrautbeseitigung als auch das nicht minder verhasste Verziehen der penetrant stinkenden Rüben auferlegte, eine Tätigkeit, über die die Unangetraute, hoch zu Ross mit langen, wehenden, wallenden Haaren die Feldraine abreitend, nur Spott und Verachtung übrig hatte, wenngleich auch ihr an einem unbelasteten Verhältnis zum LPG-Vorsitzenden gelegen war, nicht zuletzt aufgrund der Unmengen an Heu, die ihre Gäule tagein, tagaus verzehrten, und die sich nur mit Hilfe des Vorsitzenden beschaffen ließen, der, außerdem, ein vortrefflicher Tänzer war, anders als ihr Unangetrauter, dem beim Rheinländer stets übel wurde, selbst ohne vorher dem Braunkohlebergmannsfusel zugesprochen zu haben, den man bei den Dorffesten, deren unbedingter Besuch auch gegen den strikten Willen des Gong, Karl, gnadenlos vorausgesetzt und durchgeführt wurde, reichte.

Seufzend knüllte Gong die Zeitung in den Kachelofen, zog die Gummistiefel über, griff sich die Hacke und den Flachmann, stieg aufs Diamantrad und begab sich zu seinen drei Hektar Patenschaftsquecken.

Wenn „das Ersatzeis seinem Zweck genügt“

Sensationelle Abwechslung zum Frauentag: vom Badestrand einen Abstecher zur Eisbahn — kein vollendeter Sport, aber „heißes Eis“ gibt es auch in der Pinguin-Eisbar am Markt, wo Karl Gong mit seiner Unangetrauten unter Plastikpalmen und der strahlenden Sonne der Kreisstadt zur Untätigkeit verurteilt ist, ein Problem, an dem sich bereits viele Erfinder und Techniker ohne restlose Lösung versucht haben.

Die orange Orange

Vor einem Obstkorb, in dem sich eine Orange befindet, steht ein Weihnachtsmann (Beispielfoto)

Der kleine Herr Schönleben stand vor dem Obstkorb und dachte nach. Im Obstkorb vor ihm lag eine Orange. Schönleben trug noch das Weihnachtsmannkostüm, das er, soviel musste er in seinem Inneren nun doch einräumen, aus dem Getränkemarkt von Herrn Nitzsche entwendet hatte, als er von diesem am Heiligabend eingeladen worden war. Das Kostüm hielt sehr schön warm, und draußen war es noch kalt. Wieso sollte er es nicht auftragen, bis er irgendwann vom Gesundheitsamt die Anweisung bekommen würde, endlich aus dem Haus zu gehen und Getränke anzuschaffen, um nicht zu dehydrieren? Dann könnte er mit seiner Dieselameise, die Kapuze böse über den Kopf gezogen wie ein Repper, bei Nitzsche aufkreuzen, ihm lässig das Kostüm auf den Tresen legen und durch die kleinen Zähne murmeln: „Drei Kraftbier, aber dalli, Freundchen! Und eins machen wir hier gleich alle, oder, alter Nikolaus?“

Diese Aussicht stimmte den kleinen Herrn Schönleben sehr vergnügt, er begab sich wieder in die Tiefen seines Bettes und hatte ein gutes Gefühl, weil er die hübsche Orange am Leben gelassen hatte.

Pferde, Yoga und Schweigen

Grundstück Gong, Abfluss Pferdetränke, Holde im Anmarsch

Seit Corinna in sein und das Leben der meisten anderen getreten war und die Menschen sich in einer Weise aus dem Wege gingen, die er eigentlich schon immer als die gebotene Umgangsform betrachtete, konnte Karl Gong, wenn er nicht gerade in der Reichweite seiner Unangetrauten oder eines ihrer gefährlichen Werkzeuge weilte, seine Gedanken in der ihnen gemäßen Form entwickeln, mäandernd, fließend, strömend, kein Punkt unterbrach ihre logische Abfolge, schön und rund und klar reihte er sie aneinander, ohne dass jemand reinquatschte, ihn unterbrach, um irgendwelche unausgegorenen Dummheiten ins Gespräch zu werfen, eine Unsitte, die er noch mehr hasste als lautes, auswerfendes Räuspern im Lichtspieltheater, ungestört also konnte Gong leise vor sich hin quasselnd über Land wandeln, bis er endlich, wie einst Jimi Hendrix am Ende seiner tränentreibenden Soli, schlafwandlerisch zum Fazit kam, zur Pointe, zum Abschluss, kein Ausfasern, kein Verläppern, kein Fade-out, Punkt und gut.

„Wirst du jetzt endlich mal abwaschen?“ knurrte die Holde, „Oder soll ich in dieser vermüllten Kackküche den Kuchen für die Yogagruppe backen?“

Karl Gong seufzte, ließ Wasser in die Spüle und stellte sich vor, wie die Unangetraute still in der Position Urdhva mukha svanasana vor ihm verweilen würde.

Eisbaden mit Frau Schröder

Eis (Beispielfoto)

Ich inspizierte auftragsgemäß die seit Monaten geschlossene Schwimmhalle. Es war darinnen unglaublich kalt, fast fühlte es sich kälter an als draußen, wo eine besonders rücksichtslose Version des Winters seit Tagen die Herrschaft übernommen hatte. Eine dicke Eisschicht bedeckte offensichtlich das gut gefüllte Schwimmbecken. Auf der Mitte des Beckens stand eine Frau, komplett unangezogen. Vor ihr war ein perfekt rundes Loch ins Eis gehackt. Als ich mit Fragezeichen in den Augen zu ihr trat, stellte sie sich vor als Frau Schröder aus der Klautstraße 37, Personalausweisnummer soundso.

„Möchten Sie mit mir eisbaden?“ fragte sie mit einem Ton in der Stimme, der keine Ausflüchte zuließ, wenn ich nicht als Memme dastehen wollte.

„Unbedingt!“ erwiderte ich und fragte mich gleichzeitig, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte.

Frau Schröder, die besonders aufgrund ihrer Nacktheit eine hohe Anziehungskraft verströmte, sah mir beim Entkleiden zu, drehte sich, als ich bei der Unterhose angekommen war, plötzlich um und hechtete in das Loch. Mein Gott, dachte ich, jetzt isse weg, und sprang hinterher.

Das Wasser war erfrischender, als ich geglaubt hätte, es war, wie in einem Kübel voller Crushed Ice ums Überleben zu kämpfen, während der Bartender den ganzen Schlamassel leidenschaftlich hin und her schüttelte. Hinzu kam die Schwierigkeit, nach dem ausgiebigen Tauchgang in beinahe besinnungslosem Zustand wieder zum Eisloch zurückzufinden, um Luft zu schnappen. Das Loch war gerade groß genug, um mit Frau Schröder gemeinsam den Kopf aus dem Eiskübel zu recken und mit pfeifendem Geräusch Luft in die leeren, flatternden Lungen zu saugen. Dabei berührten sich unsere Körper aufs vortrefflichste, jedoch war dieser erfreuliche Zustand immer nur von kurzer Dauer und ließ bei den gegebenen Temperaturen keine Besorgnisse hinsichtlich ungewollter Schwangerschaften usw. aufkommen.

Nach dem Bade kleideten wir uns an und verabschiedeten uns mit Handschlag, desinfizierten die sich berührt habenden Körperstellen; Frau Schröder besuchte, ausgerüstet mit einem dehnbaren Netz aus kunststoffhaltigem Gewebe, die Kaufhalle, und ich kehrte zurück ins Amt für Grünflächen, Schwimmstellen und Elektrofahrräderparkplätze.

Aufragende Zeiten

Toilettenpapier (Beispielfoto)

Karl Gong, dem in seinem Leben schon so manches peinlich gewesen war, und der sich tatsächlich auch als peinlichen Menschen betrachtete, da er zum Beispiel weder Kraft noch Willen noch Nervenkraft besaß, sich gegen die Zumutungen aufzulehnen, mit denen ihn die Unangetraute Tag für Tag behelligte, wurde im Angesicht der zweiten, dritten bzw. vierten Welle, das Mitzählen hatte er längst aufgegeben, wieder einmal dringend aufgefordert, den Konsum aufzusuchen, um Nachschub an Toilettenpapier zu besorgen, das sich nach Einschätzung der Holden dem Ende entgegen neigte, woraufhin er einzuwenden wagte, das Einzige, was sich neigen würde, wären die überall im Hause aufragenden gigantischen Toilettenpapierstapel, eine freche Bemerkung, die sofort mit einem gezielten Schlag des alten, löchrigen, nassen Wischlappens beantwortet wurde, den die Angebetete gerade erfolglos zur Reinigung der Treppe zum Garten bemühte (festgebackener Pferdemist).

Karl Gong seufzte, putzte sich im feuchten Gras den Mund ab, murmelte, dass nur er es hören konnte: Bier ist auch alle, schnappte sich den extragroßen Dederonbeutel und betrat mit einem fröhlichen Pfeifen die unbelebte Straße.

Lied an manche

Wir laufen wie Verbrecher
mit Masken angetan
durch regennasse Straßen,
und es ficht mich nicht an. 

Ich seh nur deine Augen 
und nicht den spitzen Mund.
Sie blinken und sie blitzen!
Vielleicht bin ich der Grund.

Du hast mich oft gescholten,
dann floh ich dein Gesicht.
Nun ist es kaum zu sehen,
außer dem Augenlicht.

Lass es doch Viren regnen 
auf unser armes Land!
Seh ich nur deine Augen,
bin ich vom Glück gebrannt.

Der private Schuttberg

Schuttberg-Zugangsweg (Beispielfoto)

Karl Gong hatte den Fehler begangen, die Unangetraute auf einen Spaziergang in die Kreisstadt einzuladen, und mangels geöffneter Einzelhandelseinrichtungen empfahl er, durch einen Park zu flanieren, in dem er die Besteigung des in der Mitte desselben plazierten Schuttberges anregte, der bei der Holden erstaunlicherweise eine jauchzende Begeisterung auslöste, jedoch nicht wegen des besonders schönen Ausblicks oder der absolvierten Anstrengung, nein, die Idee eines Schuttberges an sich, der sich auf dem weitläufigen Grundstück Gongs, dessen Gestaltungsverantwortung die Unangetraute sich ungefragt unter die schönen roten Fingernägel gerissen hatte, wobei der Gong lediglich erbärmliche Handlangerdienste auszuführen hatte, vom Megaphon kujoniert, auf diesem Grundstück also hervorragend „machen“ würde, diese Idee wurde beim Abstieg vom Schuttberg in der Weise konkretisiert, dass die nächste Woche mit der „Entrümpelung“ „endlich“ des Kellers, des Gongschen Arbeitszimmers, der Werkstatt und der sonstigen im schwindenden Verantwortungsbereich Gongs befindlichen Kemenaten zuzubringen wäre, wobei eine Verbringung „des ganzen Krempels“ zur örtlichen Entsorgungsstelle, die sowieso entweder geschlossen oder überlaufen sein würde, entfallen könnte, da der Gong „einfach nur“ „alles“ auf dem Grundstück „anhäufen“ müsse, „wie damals nach dem Krieg“, und danach der vorher reichlich ausgehobene Mutterboden („natürlich von Hand, stell dich nicht so an“) zur Abdeckung und gefälligen Bepflanzung aufzubringen wäre.

Karl Gong seufzte, verschob alle geplanten Aktivitäten der nächsten Woche (Plattenhören, Zigarrenrauchen, maßloses Rotweintrinken) im Kopf nach hinten, hakte die Holde unter und begab sich, um den Nachmittag zu retten, zur Kaufhalle, ein Moskauer Eis zu erwerben, das gemütlich auf dem Weg zum Traktor (die Limousine wurde nur noch für „gut“ genommen) verzehrt werden könnte.

Gongs Mondfahrt

Lockender Mond!

Karl Gong, der nach Bekunden seiner Unangetrauten Eine und Einzige, hatte bei einem Preisausschreiben seines Autohändlers, an dem er nicht teilgenommen hatte, aber das ist eine andere Geschichte, eine kostenlose Reise zum Mond gewonnen, nur für die Rückfahrt wäre ein gewisser Betrag zu entrichten gewesen, der sich an den zurückgelegten Kilometern orientieren würde, die allerdings, bei notwendigen Ausweichmanövern bzw. Warteschleifen, eine durchaus erhebliche Größenordnung erreichen könnten, so dass er für einen kurzen Moment in Betracht zog, den Preis auszuschlagen, aber schließlich siegten doch die Gier des glücklichen Gewinners und die Begeisterung der Holden, deren Möglichkeit der Teilnahme an dem Abenteuer auf Nachfrage leicht zähneknirschend durch den Autohändler bestätigt wurde, denn dieser hatte die Mondraketen selbst entworfen, gebaut und testweise geflogen und besaß also die absolute Befehlsgewalt, außerdem fühlte er mit den unsterblich Liebenden.

Leider, als der Termin des Abflugs schweißtreibend herangerückt war, musste das Unternehmen abgesagt werden, da unbekannte Aktivisten, die die vom Händler vertriebenen Automobile nicht mochten bzw. negative Assoziationen mit ihnen verbanden, mittels Kohlenanzünder die Gummidichtungen der Startrampe in Brand gesetzt hatten, wodurch mehrere Hektar umgebende Kiefernwälder ein Raub der Flammen und das gesamte Mondprojekt ein Opfer der Unteren Umweltbehörde wurden.

Flugangst

Karl Gong, dem im Leben außer der holden Unangetrauten nicht allzuviel Aufregendes widerfahren war, überlegte, als er in einer der spinnenverwebten Rabuschen seines Grundstücks eine alte Gasflasche aufstöberte, ob er diese ordnungsgemäß mit mehreren Stunden Wartezeit an den Wertstoffhof in der Kreisstadt übergeben oder lieber unter Zuhilfnahme eines Streichholzes irgendwohin fliegen lassen sollte, entschied sich aber in Anbetracht des aufgebürdeten sonntäglichen Arbeitspensums, die Flasche wieder an den Auffindeort zu verbringen und mit mehreren Lagen verrotender Leinensäcke abzudecken, um sich ihr in fortgeschrittenerem Alter wieder zu widmen.

Der Liebestrank

Dies ist der Liebsten Tag!
Ich gäb das letzte Hemd
und was sie sonst noch mag,
wenn sie die Arme stemmt

und mich von oben schwer
mit diesem Blick bedenkt.
Kuck, was dein lieber Bär
dir zum Gebrauche schenkt:

Ich fand in meinem Spind
Likörchen, trüb und gold.
Ach bitte, liebes Kind,
sei mir für immer hold!

Ach bitte, liebste Frau,
sei meines Glückes Pfand
mit Feile und Radau,
mit Schmieche und Verstand

allhier in meiner Kammer.
Wenn nicht: Es wär ein Jammer!

Leicht versauter Dialog

raucherin

Alter Film. Schwarzweiße Damen,
die mit langen Hälsen kamen
ins Café. Die Zigarette
nach der wilden Nacht im Bette

stilvoll zwischen roten Nägeln.
Boote fern mit weißen Segeln.
Schampus perlt an vollen Lippen.
„Ham die damals auch die Kippen

wie die Sau nur breitgeschmissen?“
„Warum willst du denn das wissen?“
„Ach, nur so. Hast du noch Glut?“
„Bitte, hier.“ – „Dann ist’s ja gut.“

Von der Abluft

schlote

Karl Gong, dem in seiner Doppelfunktion als Lebensgefährte und unfähiger Hausmeister seiner Unangetrauten verschiedene unlösbare Aufgaben zuteil wurden, freute sich beim abendlichen Betrachten des Wetterberichts am meisten über die Vorhersage stark wechselnder Winde, versprach diese doch, dass er den entsprechenden Tag unter dem Dach im Warmen mit dem Umschalten der Abluftkanäle entweder in den Nordsüdschornstein oder den Ostwestschornstein zubringen konnte, ohne mit unangenehmen Diensten belästigt zu werden, denn Wasser im Schornstein, so behauptete er vollmundig, ist „aller Übel Anfang“.

Leider war es der Holden kaum möglich, diese aus ihrer Sicht unglaublich unverschämte Untätigkeit ihres Hausgenossen zu ertragen, weshalb sie bei entsprechender Wetterlage mit durchdringender Stimme die Notwendigkeit des Einbaus künstlicher Intelligenz in die Abluftmaschinerie forderte und ankündigte, diesen auch mit körperlicher Gewalt „gegen alle Schmarotzer, die sich an meinem Kamin den Hintern wärmen, ohne auch nur das Mindeste zum Gelingen eines gedeihlichen Zusammenlebens beizutragen“ durchzusetzen.