Kategorie-Archiv: Sie und Er und 1000 Fragen

Sie und Er und 1000 Fragen

Fahrstuhl ins Ungewisse

kaesebrot

Herr Breithans, dem von seinem Hausarzt aufgetragen worden war, die Kalorienzufuhr einzuschränken und sich statt dem Essen zumindest gedanklich auch einmal anderen schönen Dingen zu widmen, ertappte sich dabei, nun mehrmals täglich dem feschen Fräulein Wiesel aus der Sechzehnten nachzusinnen, die ihm am zwölften Mai gegen neunzehn Uhr dreißig im Lift zugelächelt hatte, als er mit einem Beutel frisch zubereiteter Haxen nach oben zu seiner Wohnung unterwegs gewesen war, einem ausgedehnt netten Abend entgegenfiebernd.

Seiner Frau, die das Ansinnen des Hausarztes unterstützte, würde er davon zunächst nicht berichten, beschloss er, dafür aber mehrmals täglich den Lift benutzen, um den positiven Effekt der Nahrungsumstellung durch ausreichende Bewegung zu verstärken.

Kuck!

prassel

Ich habe einen Kuchen
für dich allein gemacht!
Jetzt werd ich dich besuchen!
Hör, wie der Kuchen kracht!

Hör wie der Kuchen prasselt!
Die Tfähne fmertfen mir!
Hör wie mein Herzchen rasselt!
Und das nur wegen dir!

Ich liebe dich wie Streusel
mit Zucker obendrauf.
Erhöre mein Gesäusel
und mach den Kühlschrank auf.

Dann gibt es in zwei Flöten
den besten Elbschaumwein.
Wir tröten in die Tröten
und titschen Streusel ein.

Und das ist nur der Morgen!
Ach, wie wir glücklich sind.
Ich muss noch Bier besorgen,
der Tag ist lang, mein Kind.

Das sehr schlechte Boot

gartenschiff

“Der Nachteil an einem großen Grundstück, meine Liebe”, sagte Karl Gong zu seiner Lieben, die schon immer, und zwar gegen den erbitterten Widerstand des Gong, ein großes Grundstück erstreiten wollte, was ihr schließlich auch gelungen war, “ist, dass man eine ganze Weile braucht, ehe man so herumkommt.”

“Habe ich da eben ‘Ehemann’ gehört?” fragte die Liebe, denn Gong war ihr noch kein solcher, was insbesondere die Grundstücksangelegenheit delikater als nötig gestaltete.

“Das kann ich nicht wissen, was die Herrin hört”, antwortete Gong patzig und fing sich die erste Schelle ein.

“Nun”, sprach die Liebe ungerührt, während sie sich den Handrücken an einem Küchentuch abwischte, denn Karl Gong schwitzte im Sommer mehr als sonst, “dann muss der Herr eben ein wenig schneller laufen, damit er binnen Jahresfrist einmal den Acker umrundet hat. Aber was ist eigentlich das Problem?”

Gong, dem mittlerweile die in der Beziehung herrschenden Kräfteverhältnisse wieder klargeworden waren, wies wortlos auf sein dumm glimmendes Telefon, denn er hatte eine Aufnahme vom Entlegenen Winkel des Grundstücks gemacht, über den immer nur geraunt wurde, denn man musste sich durch mannshohe Brennesseln kämpfen, um ihn zu erreichen.

“Kuck mal, was ich gefunden habe”, raunte Karl Gong beinahe atemlos.

“Das ist ein sehr schlechtes Foto”, sagte die Liebe, “und ein sehr schlechtes Boot.”

Damit war für die Liebe die Sache erledigt, Boote interessierten sie nicht, die Brennesseln würde sie von ihrem wehleidigen Gefährten demnächst zur Teeproduktion einfordern, und wenn schon unbedingt von Motorkraft zu reden sein würde, dann erwartete sie ein stilles elektrisches Motorrad mit elektrischer Knallklangerzeugung, das auch mal dreckig werden kann, denn auf dem Grundstück und drumherum war es immer dreckig. Damit könnte er mal um die Ecke kommen, der Karl, ja.

Gong indes erspürte die ausgesandten Zeichen nicht, er schlich in den Keller zu seinen Digedag-Heften, sah sich die zitronenförmigen Panzerboote vor der Ostküste Amerikas an, und Sehnsucht erfüllte sein Herz.

Liebesgedicht

fuesse

Ich möchte dich begrüßen
nicht nur mit meinen Füßen
in eiseskalten Fluten
(auch gern auf Kohlengluten) –

wo du mich eben findest
und zärtlich an dich bindest
mit ausgesuchten Strippen.
Sieh, hier sind meine Lippen!

Zieh mich aus diesen Wellen
zum Himmelblau, dem hellen,
hinauf an meinem Nasenloch.
Sonst kühl ich mir die Blase noch.

An den Vorstand

vorstand

Natürlich geht jedem ordentlichen Menschen das Herz auf beim Betrachten klarer Anweisungen. Jedoch mittlerweile viel zu selten finden sich diese im öffentlichen Raum, und wenn, dann mitunter hoffnungslos erodiert, geschmacklos angeordnet, ungepflegt, verwahrlost, schrundig. Das ist nicht das, wofür Deutschland einmal geliebt bzw. gefürchtet wurde in der Welt, lieber Vorstand!

Der Antrag

tulpen

Lass mich deine Hand ergreifen
und dich frech zum Altar schleifen.
Niemals sollst du mich vermüssen.
Ständig musst du mich nur küssen,
bis mein Mund zuschanden ießt.
Wehe, wenn du mich verdrießt!
Nimm zum Schwure diese Tulpen
und vergiss die andern Nulpen.
Deinen Finger schmück ein Ring
wie auch meinen Arm. Bling-bling.

Bodentief

bodentief

Zwar erleichterte das bodentief angebrachte Fenster dem Problembären die Kontaktaufnahme mit den Passantinnen, doch ließ sich das Schallschutzfenster nicht öffnen, wodurch die Hoffnung auf eine baldige Hochzeit trotz listigen Winkens mit der assoziativen Gardine unerfüllt blieb.

Die Kreuzfahrt

hafen
Die Häfen der Welt sind verstopft von Kreuzfahrtschiffen (Beispielfoto)

Karl Gong, ein bekannter Reisender, der das Kreuzfahrtwesen zutiefst verabscheute und bei jeder sich bietenden Gelegenheit dagegen polemisierte, ohne je selbst auf einem Schiff größer als die “Wilhelm Pieck” gefahren zu sein, wurde von seiner Lebensgefährtin unter Androhung des Beziehungsendes dazu genötigt, eine solche Kreuzfahrt “entweder zum Nordpol oder Südpol, Hauptsache nicht nach Osten” zu vollziehen, wobei er auf seine bange Frage, ob “das Boot wirklich nicht auf der Leninwerft zusammengenietet” worden wäre, im Reisebüro keine befriedigende Antwort erhielt.

Nachdem Gong schließlich Monate später die zwei Koffer über die Gangway ins Innere des Schiffes gerollt und man ihm und der Holden das überraschend enge Zimmer zugewiesen hatte, das ständigen körperlichen Kontakt unumgänglich machte, was ihn freute und die Holde zu einer Beschwerde beim Bootsmann veranlasste, beschloss er, sich widerstandslos den angebotenen Vergnügungen des Ortes hinzugeben; er fraß zuviel und sprach ebenso unmäßig dem Alkohol zu, lungerte bei den Damen am Pool herum, brachte den Kapitän mit nautischen Fragen sowie seinen Vermutungen über die Navigation nach dem Sternenhimmel zur Verzweiflung und freute sich am herrlich binären Kontrast vom umgebenden Schnee auf den Eisschollen einerseits und dem das Schiff entquellenden Ruß andererseits.

Das ständige sanfte Schlingern des Kahns erzeugte dabei im Gong ein wattiges Taubheitsgefühl, eine willenlose Eingesponnenheit, ein glückliches Delirium, das selbst bei den ungeliebten Landgängen nicht verschwand und ihn, der diesen Zustand durchaus als angenehm betörend empfand, sollte er über längere Zeit fortdauern, positiv gestimmt in die Zukunft blicken ließ.

Mintgrün und dunkellila

wasserball
Wasserball kann man überall spielen, wo es Wasser gibt

Karl Gong, der die emotionale Zugehörigkeit zu seinem Wasserballclub des Herzens auch außerhalb der Spieltage mit einem von der Holden gehäkelten Schal in den seltsamen Vereinsfarben mintgrün und dunkellila dokumentierte, geriet in eine Lebenskrise, als genau diese Farben für eine Saison von der Modeindustrie als unbedingtes Muss ausgerufen worden waren und er somit unfreiwillig als Hipster und bemitleidenswertes Opfer des indoktrinierten schlechten Geschmacks angesehen wurde, denn außer ihm trug niemand in der Stadt den Vereinsschal, weil niemand außer Gong und den Spielern und Funktionären selbst den Verein überhaupt kannte, wodurch auch die Legitimation des Outfits durch erzwungene Gruppenzugehörigkeit entfiel.

Jedoch, jede Krise hat ihren Höhepunkt, bevor sie dem Ende entgegen siecht, und also konnte auch Gong, nachdem alle Modestücke der schlimmen Phase verramscht und von weniger vermögenden Gesellschaftsschichten aufgetragen oder in den hinteren Bereichen der Damenkleiderschränke zu Löchern zerfallen waren, wieder unbehelligt mit seinem Schal durch die Straßen ziehen, lauthals die Hymne des Wasserballclubs grölend (“Wir gehen niemals unter, höchstens kurz!”) und mit einem Wasserball (Größe 5) in die Pfützen titschend.

Die Holde sah es mit Wohlgefallen, wurde doch ihr Geschenk in Ehren gehalten durch alle Fährnisse.

Der Verweis

Karl Gong, von seiner damaligen Lebensgefährtin barsch zum Einkauf befohlen, betrachtete, während er zwischen kurzen, dicken Menschen in der Schlange des Fleisch und Wurst Werkverkaufs wartete, eine Familie, die an einem Tisch vor mehreren Tellern saß und gierig Fleisch und Wurst verzehrte, was ihn so verstörte, dass er, endlich am Tresen befragt, was er denn wolle, “Nur etwas Obst, bitte” stammelte, woraufhin er des Werkverkaufs verwiesen wurde.

Im parkähnlichen Garten

astwerk
Karl Gong war hier (Beispielfoto)

Karl Gong, in seiner Eigenschaft als Hilfsgärtner bzw. Hilfshilfsgärtner, wurde von seiner Lebensgefährtin, die das absolute Kommando über alle Grünarbeiten innehatte, beauftragt, sofort und “jetzt mal zackig” den unerwünschten Auswüchsen an den diversen Gehölzen, die das gemeinsame, jedoch zu ungleichen Teilen besessene Grundstück bewuchsen, zu Leibe zu rücken; stöhnend rollte er vom Sofa und wurde barsch in den Schuppen geschoben, wo bereits die Werkzeuge warteten, vor denen er sich noch mehr fürchtete als vor dem TV-Abendprogramm.

Leise jammernd schleppte er nun mehrere Tage lang Leitern, Sägen, Äxte und Scheren über das parkähnliche Anwesen, das die Holde in ihrer der bäuerlichen Abkunft geschuldeten Gier nach Land zu erwerben befohlen hatte, errichtete übermannshohe Haufen aus Reisig und Astwerk, die mehrmals wieder umfielen, ließ sich von den anwesenden Gartenvögeln auf das Unflätigste verhöhnen, die er allerdings, so die Weisung, auf keinen Fall stören durfte in ihren täglichen Geschäften, und orderte schließlich, zerkratzt und von kleineren Leiterstürzen humpelnd, eine Mulde von etlichen Kubikmetern, um alles hineinzuwerfen, was nicht gelang und darum die Bestellung weiterer Mulden nach sich zog.

Die Oberste Gärtnerin stand derweil am offenen Fenster, dirigierte ihn zu übersehenen Zweigen, telefonierte mit ihren Freundinnen und diversen Landschaftsarchitekten und warf dem Gong, wenn sie gute Laune hatte, huldvolle Blicke und das eine oder andere Gummibärchen zu.

Die erwachten Igel lachten.

Stoßseufzer des Feminismus

goldhelm

Wie lang warte ich schon hier?
Mindestens auf einem Stier
oder einem hohen Pferd
soll er reiten. Nicht verkehrt
Wäre auch ein Goldner Hut.
So ein Mann, ja der wär gut.
Jedoch, wie ich immer sag,
nicht einmal am Frauentag
ist ein solcher Mann in Sicht.
Nein. Stattdessen naht ein Wicht,
in der Hand ein schales Bier.
“Jemand Durst?” “Oh Gott. Doch. Hier.”

Dieser Beitrag könnte “Damengambit” heißen

schach

Sehnsüchtig stand Karl Gong vor dem Schaufenster des Schachclubs, dem er einst angehörte, aus dem er aber entfernt worden war, weil er gegen den Vorsitzenden eine Rochade auf dem Damenflügel vollzogen hatte, die, ordnungsgemäß protokolliert vom Schriftführer, zu erotischen Verwerfungen irritierender Art führte und also das stille und konzentrierte Nachsinnen über Indisch-Nimzowitsch oder Petrosjan gegen Botwinnik im Vereinsheim unmöglich machte.

Der Schachclub hatte sich daraufhin in zwei Fraktionen geteilt: Einerseits diejenigen Mitglieder, die das Verhalten des Gong moralisch verwerflich fanden, aber an seiner Stelle genauso gehandelt hätten, andererseits jene, die dem Vorsitzenden von jeher die Pest an den Hals wünschten, da er sie mit immer neuen, bösartigen Varianten von Abzugsschach quälte und sich aussichtslosen Situationen in der Regel mit hinterhältigem Patt zu entziehen vermochte. Trotzdem konnte der Vorsitzende sich die Unterstützung der grübelnden Mehrheit sichern und sein despotisches Regime fortführen, denn schwerer noch als das Berühren der besagten Dame durch Gong wog die Tatsache, dass er sie dann doch nicht führte, wohin auch immer. Und das ist unter Schachfreunden nun tatsächlich ein No-Go (Wortspiel).

Verstörung und Abschied

terrassen

Karl Gong, der die verstörendsten Knospungen seines Liebeslebens nach eigener Aussage dem deutschen Weinbau verdankte, erwarb für eine Weile nur noch Sechserträger mit verschiedenen “Kraftbieren” (Gong) zum Zwecke der Beziehungsanbahnung, jedoch fanden diese vor allem wegen der von ihm bevorzugten “sexistischen Etiketten”, wie eine Zielperson beim Aufhebeln der Flaschen am Küchentisch reklamierte, weniger Anklang als, zum Beispiel, ein gepflegter Roter aus Jessen/Elster, und das Scheitern einer Beziehung, so Gong, ist ja zumindest schöner als das komplette Ausbleiben einer solchen, weshalb auch in diesem Jahr wieder ein Ausflug an den Kaiserstuhl auf dem Einkaufszettel steht.