Kategorie-Archiv: Sie und Er und 1000 Fragen

Sie und Er und 1000 Fragen

Der Liebestrank

Dies ist der Liebsten Tag!
Ich gäb das letzte Hemd
und was sie sonst noch mag,
wenn sie die Arme stemmt

und mich von oben schwer
mit diesem Blick bedenkt.
Kuck, was dein lieber Bär
dir zum Gebrauche schenkt:

Ich fand in meinem Spind
Likörchen, trüb und gold.
Ach bitte, liebes Kind,
sei mir für immer hold!

Ach bitte, liebste Frau,
sei meines Glückes Pfand
mit Feile und Radau,
mit Schmieche und Verstand

allhier in meiner Kammer.
Wenn nicht: Es wär ein Jammer!

Leicht versauter Dialog

raucherin

Alter Film. Schwarzweiße Damen,
die mit langen Hälsen kamen
ins Café. Die Zigarette
nach der wilden Nacht im Bette

stilvoll zwischen roten Nägeln.
Boote fern mit weißen Segeln.
Schampus perlt an vollen Lippen.
„Ham die damals auch die Kippen

wie die Sau nur breitgeschmissen?“
„Warum willst du denn das wissen?“
„Ach, nur so. Hast du noch Glut?“
„Bitte, hier.“ – „Dann ist’s ja gut.“

Von der Abluft

schlote

Karl Gong, dem in seiner Doppelfunktion als Lebensgefährte und unfähiger Hausmeister seiner Unangetrauten verschiedene unlösbare Aufgaben zuteil wurden, freute sich beim abendlichen Betrachten des Wetterberichts am meisten über die Vorhersage stark wechselnder Winde, versprach diese doch, dass er den entsprechenden Tag unter dem Dach im Warmen mit dem Umschalten der Abluftkanäle entweder in den Nordsüdschornstein oder den Ostwestschornstein zubringen konnte, ohne mit unangenehmen Diensten belästigt zu werden, denn Wasser im Schornstein, so behauptete er vollmundig, ist „aller Übel Anfang“.

Leider war es der Holden kaum möglich, diese aus ihrer Sicht unglaublich unverschämte Untätigkeit ihres Hausgenossen zu ertragen, weshalb sie bei entsprechender Wetterlage mit durchdringender Stimme die Notwendigkeit des Einbaus künstlicher Intelligenz in die Abluftmaschinerie forderte und ankündigte, diesen auch mit körperlicher Gewalt „gegen alle Schmarotzer, die sich an meinem Kamin den Hintern wärmen, ohne auch nur das Mindeste zum Gelingen eines gedeihlichen Zusammenlebens beizutragen“ durchzusetzen.

Nebengebiete des Wirtschaftslebens

winkekatze

Der Problembär, der sich als zweites Standbein (neben der Gabelstaplerei im Getränkemarkt Adolf Nitzsche in Machern – man muß nur machern) eine Raubtierdressur aufbauen wollte, scheiterte letztendlich am gnadenlosen Desinteresse der Protagonisten. Selbst das versuchsweise Wechseln der Oberbekleidung führte weder zur Beachtung der überdeutlich dargebotenen Übungskommandos noch zu einer auch nur ansatzweise erkennbaren Reaktion.

Schweren Herzens beschloss er, sein Streben nach Dominanz weiterhin im Rahmen seiner Betriebsratstätigkeit auszuleben.

Kehrseiten der Völlerei

abwasch

Noch nie hatte der Problembär den Abwasch mehr gehasst als zu Zeiten der gastronomiebereinigten Isolation der Wohngemeinschaft. Es wurde gebraten, gesotten und gekocht, dass die sprichwörtliche Schwarte krachte, und da er keinerlei Talent und Willen verspürte, Herde, Hackebeile und japanische Messer zu bedienen, fiel ihm die finale Bereinigung des Tatortes zu. Spät in der Nacht, mit berstenden Gedärmen und schlingernden Bewegungen, radaute er stundenlang in der Gemeinschaftsküche, voller Hoffnung, die Mitbewohnerinnen würden aus ihrem komatösen Schlaf erwachen und ihn ebenfalls ins Bett verweisen, oder die Gaststätten öffneten endlich wieder.

Leider asozial

kippen
Leider asozial (Beispielfoto)

Karl Gong, der das Prinzip Rauchen nie so recht verstanden hatte, denn er war weder bei der Volksmarine noch je im Gesundheitsbereich beschäftigt gewesen, fand das Inhalieren und Ausstoßen von Giftgasen schon allein aufgrund der scheinbar notwendig folgenden Hinterlassenschaften unerfreulich und asozial, vom Zustand der Atemwege in Zeiten, da diese besondere Aufmerksamkeit genießen, ganz abgesehen, und er freute sich an seinem vergleichsweise milden Laster, das lediglich die Garage in Form von Leergutpaletten blockierte; aber dafür hatte er ja das Dach extra um vier Meter anheben lassen, was auch der Holden zugute kam, die somit einen vorzüglichen Ausblick über das Grundstück genießen konnte, das sie mittlerweile permanent Ranch bzw. Farm nannte, sehr zum Unwillen des eher frankophilen Karl Gong.

Schnatterschnatter (historische Begebenheit)

silo
Sehenswürdigkeit auf dem Weg in die Kreisstadt

Karl Gong, dem von seiner Unangetrauten für einen Abend freigegeben worden war, weil sie ihren für die Hipposecco-Sause eingeladenen Freundinnen seinen jämmerlichen Anblick ersparen wollte, stieg aus dem zerschlissenen und verdreckten Arbeitsoverall, wusch sich in der alten Pferdetränke, die mittlerweile für ihn reserviert war, zog die von der Holden auf die Stalltreppe gelegten Textilien über, die hässlich genug waren, dass er „nicht irgendeine Schlampe abschleppen“ würde und begab sich, mit genau abgezähltem Taschengeld (der Eintritt für „die Hottentottenmusik“ und zwei Münzen für eine kleine Limonade) versehen auf dem rostigen Fahrrad in den kleinen Klub der Kreisstadt, der es einmal im Quartal gegen den erbitterten Widerstand der „konservativen“ Stadtratsfraktionen wagte, sauer verdiente Steuergelder für die Verköstigung einer kleinen Musikkapelle (Honorare wurden schon lange nicht mehr gezahlt) auszugeben, um all diejenigen Bewohner des Landstrichs, deren Ohren noch nicht völlig vom kommerziellen Rundfunk der Fäulnis anheimgegeben waren, mit ein wenig Freude über die saure Zeit des ländlichen Abends zu bringen.

Jedoch, als er so inmitten der zwanzig Aufrechten dem wunderbaren Klang der famosen ausländischen Band lauschte, erreichten immer wieder getuschelte, gewisperte, geschnatterte und in dynamischen Passagen gebrüllte Wortfetzen sein rechtes Ohr, die sich in seinem Kopf zu einer permanenten Kakophonie des Grauens ballten, hervorgerufen nicht, wie er erst glaubte, von seinem Unterbewussten, das den Damenkreis der Holden auf der Reitanlage imaginierte, nein, von zwei Konzertbesucherinnen, die weit genug von ihm standen, dass er sie nicht verbal oder handgreiflich zur Verantwortung ziehen konnte; ihm blieb nur genervtes Grimassieren, Schweißausbruch, Herzrasen, in die Gedärme gefressene Empörung und vorzeitige Flucht, begleitet von den mitleidigen Blicken der Umstehenden, auf die Straße, aufs Fahrrad, dem von „konservativen“ Aktivisten die Luft aus den Reifen gelassen worden war, ratternd auf der Felge über die Hügel bis zur von der Unangetrauten nachlässig verschlossenen Haustür, die er aufbrach, um sich im Keller illegal an ihren Seccovorräten, denn durch den Verzehr der klebrigen Limonade hatte er einen erheblichen Durst entwickelt, aber natürlich keine Finanzen mehr zur Verfügung gehabt, in einer Art und Weise zu bedienen, dass er erst nach zwei Tagen vom Kommissar der Kreisstadt auf dem Kellerboden liegend gefunden wurde, denn die Holde hatte eine solche Frechheit Ihres Mannes trotz ihrer schlechten Meinung von ihm nicht für möglich gehalten.

It’s Fashion

klopapier
Glück, dein Name sei Klopapier!

Karl Gong, der in den milden Wintermonaten ohn Unterlass und Radio, vom Fernsehen ganz zu schweigen, im Auftrag der Unangetrauten an den neuen, lichtdurchfluteten Stallungen für die Leasinggäule gearbeitet hatte, während er im abgedunkelten Kartoffelkeller seine Mahlzeiten zu sich nahm, um nicht auch noch in den Pausen mit Arbeitsaufgaben behelligt zu werden, durfte an einem kühlen Tag im März die Kreisstadt aufsuchen, um einen ihm von der Holden am Valentinstag überreichten Videotheken-Gutschein einzulösen, der auf den Film „Der Pferdeflüsterer“ ausgestellt war, Umtausch gegen andere Werke ausgeschlossen; jedoch, als er vor verschlossener Tür stand, an die ein Zettel „Aus den bekannten Gründen geschlossen“ mit drei Ausrufezeichen gepinnt war, sah er sich genötigt, seinen Plan zielgerichteter Aktivität zu korrigieren, er musste improvisieren und sah sich im Straßenraum um, der angenehm unbevölkert war, abgesehen von seltsam auseinandergezogenen Menschenketten, die vor Drogerien anstanden, und von Personen mittleren und höheren Alters, die mit beseeltem Gesichtsausdruck Klopapiergroßpackungen mit sich führten, der neue Chic der Kreisstadt offensichtlich: Hatte man früher Kinder oder Hunde oder Telefone mitgeführt und hergezeigt, war es nun Klopapier, eine an sich positive Entwicklung, handelte es sich doch um ein Accessoire, das sich jeder leisten konnte, das die Menschen egalitär verband und offensichtlich außerordentlich beglückte.

Karl Gong, dem mittlerweile aufgegangen war, dass die modisch behängten Menschen der Drogerie entströmten, reihte sich freudig ein, wartete geduldig auf seine Ration, zahlte mit hochgezogenen Augenbrauen und warf schließlich fröhlich in Erwartung einer anerkennenden Kopfnuss der Liebsten die zwei XXXL-Packungen in den Saporoshez, um den aktuellen Fashiontrend hinaus aufs Land zu tragen.