Kategorie-Archiv: Sie und Er und 1000 Fragen

Sie und Er und 1000 Fragen

Freie Stadt mit Herz und Nerz

freie-stadt

Die freie Stadt zu Füßen,
so laut und hell und pur.
Ich hebe, dich zu grüßen
die Stimme hoch nach Dur.

Ich hebe an zu preisen,
dann werfe ich ein Herz.
Es landet zwischen Gleisen
vor einer Frau im Nerz.

Die Straßenbahne bimmelt,
die Dame hüpft, oh Schreck,
dem, der sie angehimmelt,
an das Geheimratseck.

„Nu gugge, endlich hupptse
mir an den Sonntagsstaat“,
denkt sich der Kerl und wupptse
auf sein Elektrorad.

So tu ich stes das Gute,
für andre, nie für mich.
Nu zieh mal keine Schnute.
Gleich tu ich was für dich.

Aus der verborgenen Welt der Hehlerei

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Die Objekte wechseln den Wirt (Beispielfoto)

Oma Steckwurst hatte bezüglich der vormaligen kriminellen Aktivitäten ihres Mieters Herrn Schrudel den richtigen Riecher gehabt. Neuerdings gab er sich ja bürgerlich, handzahm, geradezu spießig. Er machte die Treppe, sogar die vom Keller, zog ab und zu ein Kräutlein zwischen den Hoffliesen heraus, warf die Werbeprospekte aus dem Briefkasten nicht auf die Straße, sondern in die Papiertonne. Vorbei die Zeiten, in denen er den Krause Duo auf zwei Rädern in seinen Stellplatz schleuderte. Neuerdings lungerte er sogar mit der Heckenschere am Zaun herum, um die verrotteten Buchsbäume zu kupieren. So musste sie ihn, um das gefährliche Treiben mit dem scharfen Werkzeug zu beenden, oft zu mehreren Runden Eierlikör einladen, was er gern annahm,  besonders, wenn eine Teilnahme der Person Quarterbeck, Gisella (27) zu erwarten war.

Die Steckwursten wusste, dass diese Schrudelsche Zivilität nur daraus rührte, dass sie ihn erstens nicht verpfiff und zweitens seine Miete nun doch nicht an das ortsübliche Spekulationsniveau anpasste, wie sie nach dem Besuch des Kriminalers angedroht hatte.  Der Preis, den Schrudel dafür, neben Disziplin, Betragen, Fleiß und Mitarbeit zahlte, war, zumindest aus seiner Sicht, nicht gering: Jede Woche stand er mit einem Objekt aus seinen früheren Raubzügen vor der Tür der Vermieterin, schief lächelnd und sich Frechheiten über die Qualität der Stücke anhörend. “Monströser Kitsch” war noch das harmloseste, das sie ihm, die Kostbarkeit achtlos von Hand zu Hand fummelnd, entgegenblubberte.

Schrudel bewahrte die Contenance, illerte um die Ecke, ob vielleicht Gisella auf dem Sofa lagerte, gab der Steckwursten einen Tip, zu welchem Betrag sie das gute Stück im Internet oder beim Vorstadtbingo würde losschlagen können und überlegte, wie er die nur noch für wenige Wochen reichenden Vorräte demnächst würde auffüllen können.

Vom Hören

kopfhoerer

Zu den Guten Vorsätzen für das Neue Jahr, die Karl Gong bereits in der ersten Woche zu den Akten gelegt und damit ein für allemal als irrelevant aussortiert hatte, gehörte jener, den Einlassungen seiner Unangetrauten endlich einmal zuzuhören bzw. überhaupt “zu hören”, eine permanente Aufforderung, die stets mit den drohend ausgestoßenen Phrasen “Jetzt hör mal her”, “Höre mal”, “Würdest du mir mal zuhören” eingeleitet wurde und Gongs Nerven aufs Äußerste spannte.

Gleichwohl hatte er in der schwachen ersten Stunde des Jahres, in die Arme jener geliebten Frau gepresst, zugesagt bzw., wie später von ihr behauptet, “geschworen”, als unumgängliches Vorhaben DAS HÖREN in seinen Jahresplan der auszuführenden Großtaten aufzunehmen, Großtaten allerdings nur für ihn, selbstverständliche Pillepalle für die unersättliche Gefährtin.

Egal, das Vorhaben war bereits im Ansatz gescheitert, denn zwar fand sich das Behältnis des technischen Utensils ganz hinten im Küchenschrank, aber die Hörer waren verschwunden, wahrscheinlich ausgemistet, dafür lagen fein säuberlich gestapelte Servietten im Karton.

‘Nicht meine Schuld’, dachte Karl Gong und verschwand im Schuppen.

Abrupt beendete Ballade von der Germanentrine

Die Germanentrine
liegt gut konserviert
in der Glasvitrine.
Der Germane stiert
feuchten Schritts und Blickes
auf das Exponat.
Die Brillanz des Stückes
vor ihm im Ornat
aus Garniggelfellen!
Er erbricht den Schrein!
Die Alarme gellen,
und man fängt ihn ein,
Weibsbild umgewickelt.
Also ward verwehrt,
dass er sie zerstickelt
und auf Toast verzehrt.
Du-du, Allzuschlimmer!
Man bricht doch nicht ein
in die Staatsschatzzimmer!
Nein. Nein. Nein. Nein. Nein.

Im Banne der Allopathie

oval

Karl Gong, dem seit Tagen etwas weh war, denn die Holde hatte ihm ihren Wunschzettel auf das Klappbett im Schuppen gelegt, wo er seit Wochen nächtigen musste, weil die Arbeiten am Grundstück nur schleppend vorangingen, jede Minute zählte, um den Rückstand aufzuholen, und ein Schlendern des Gong zum Abendbrot oder auch nur unter die Dusche hatte tunlichst zu unterbleiben, sollten die ehrgeizigen Meilensteine erreicht werden, auch wenn er hungrig war wie ein Mistkäfer im Sterilraum und dreckig wie irgendwas, Gong hatte zu funktionieren, was allerdings nicht funktionierte, also schlich er zur Drogen-Handlung, um Allopathische und Homöopathische Arzneimittel ohne Wissen der Unangetrauten durch das Oval der abendlich geschlossenen Tür entgegenzunehmen, zahlte eine Unsumme, schlich noch geschlagener als auf dem Herweg zurück in den Schlamm seines Anwesens, fraß schon unterwegs eine größere Menge seiner Beute auf, denn es handelte sich ja um geringdosierte Wirkmittel, die nur durch den Willen des Patienten zu voller Blüte gelangen, spürte plötzlich eine unbändige Kraft, Zuversicht, Willensstärke und Aufsässigkeit in sich aufsteigen, dachte aus ihm nicht erklärlichen Gründen immer wieder an das Oval, aus dem ihm die paradiesischen Pillen und Säfte zugesteckt worden waren, ein Licht durchfuhr sein Hirn, ein helles flutendes Licht über grüner Flur, wie er das entbehrt hatte auf der ruinierten Rasenfläsche voller Schrunden, Abgründe und Torf, er heizte den Raduga-Fernseher vor, richtete die Antenne aus und sah sich im Schuppen, eine Pille nach der anderen mit den geheimen Drogensäften herunterspülend, die Oberliga-Konferenzschaltung an.

Karl Gong im Gebirg

gefahr

Karl Gong, der sich vor Wochen im örtlichen Getränkehandel den Hochstapler “auszuleihen” erlaubte, bereute beim stolzen Betrachten des neu geschaffenen Steingartens nur ganz klein wenig das Hausverbot, das ihm daraufhin der böse Bierhöker ausgesprochen hatte, zumal die Holde ihn endlich einmal verhalten lobte, ihm einen kurzen Blick aus ihren glutvollen Augen schenkte und einen Besuch auf der Notliege im Stall in Aussicht stellte, wo er seit geraumer Zeit nach seinem Tagwerk zu nächtigen hatte, was ja auch ganz romantisch sein kann.

Manche

saeule

Mancher kratzt sich seine Rille,
lügt nach seinem Zweck.
Mancher sitzt auf seiner Brille,
scheißt nach hinten weg.

Mancher fühlt sich haltlos taumeln,
lädt das Magazin.
Lässt die Schleuder drohend baumeln
zwischen seinen Knien.

Manche aber kann noch lachen
gut und fürchterlich.
Will sich keine Sorgen machen:
Zu der stell ich mich.

Jedes Wetter lacht der Weisen,
Regen, Sonne, Schnee.
Legt sich erst nach Weltenreisen
auf das Kanapee.

Wenn auch um mich alle fluchen,
will ich sein wie sie.
Werd es jedenfalls versuchen.
Besser gleich als nie.

Mit Oma Steckwurst im Café Schmalzblick, Blasegast

krauseduo

Der blinde Herr Schrudel, wohnhaft in der bemitleidenswert sanierten Mehrfamilienresidenz “Oma Steckwurst” in Blasegast, die nicht von Familien, sondern gescheiterten Einzelexistenzen besiedelt wurde, drohte das Privileg des Unterbringens seines Krause-Duo-Fahrgerätes im vormaligen Kohlenschuppen der Liegenschaft zu verlieren. Mehrmals hatte er sich der Herrin (Steckwurst) gegenüber vermault, mit Leergut geklappert, den Teppich nicht oder in den Ruhezeiten gesaugt und Bartstoppeln aus dem Rasierer ins Waschbecken fallen lassen, aber nicht hinuntergespült, was die Steckwurst auf ihren Rundgängen ausspionierte, während die Bewohner ihre tägliche Fron in den Hüttenbetrieben, Kokereien und Steuerbüros verrichteten.

Schrudel wusste sich nicht anders zu helfen, als die wöchentliche Ausfahrt mit seiner Nachbarin Gisella Quarterbeck (fesche 27) abzusagen, dafür seine Vermieterin neben sich auf die blaue Kunstledersitzbank einzuladen und mit ihr das Café Schmalzblick aufzusuchen, wo der verhasste Oberkellner beim Anblick seiner neuen Begleiterin süffisant die gezupften Augenbrauen hochzog und feixend die Tortenkarte reichte.

“Aber Sie zahlen!” schnarrte die Steckwurst zur Klarstellung, als der Widerling endlich durch die Saloontür in der Küche verschwunden war, “und wehe, Sie geben dem Widerling auch nur einen Pfennig Trinkgeld!”

Schrudel schluckte und verspürte erstmals in seinem Leben eine gewisse Sympathie für seine Vermieterin.

Am Kombinat

amkombinat

Karl Gong, der zu seiner Unangetrauten wegen diverser offener Bauvorhaben auf dem durch illegale Landnahme ins Unendliche mäandernden Grundstück ein leicht angespanntes Verhältnis entwickelt hatte, bereiste auf der Suche nach einem Getränkemarkt, in dem er noch kein Hausverbot hatte, die etwas weiter umliegenden Gemeinden mit dem Klapprad, denn der kugelförmige Saporoshez, der von der Holden zärtlich als Es Ju Wie bezeichnet wurde, musste zwei Kaltblutpferde im Anhänger zu Brauhauswagenzugwettbewerben trecken, was sein zwar nicht frühes – stammte er doch nach Gongs Vermutung aus den mittleren Sechzigern des letzten Jahrhunderts – aber demnächst zu erwartendes Ableben beschleunigen würde.

In einem der vergessenen Walddörfer, dessen Bewohner mittlerweile ausnahmslos alle Getränke im sogenannten Internet bestellten und deshalb die Existenz jeglichen Getränkehandels verunmöglichten, warf er das Klapprad in der Nähe des Kombinates über einen Graben, ließ sich kraftlos ins Gras fallen, sah dem Buntspecht zu, der sich in die Giebel der frisch mit Styropor verkleideten Siedlungshäuser wühlte, lobte im Stillen den grauen, harten, streng haftenden Betonputz der Vorzeit und starrte einer vorbeischlorkenden Hundertjährigen dermaßen dehydriert auf die blaugrün gemusterte Kittelschürze, dass sie ihm aus dem Internet-Paket auf ihrem Lastenrollator eine Flasche Industriebier fischte, “kostenlos”, aber nur, weil er den Dialekt der Gegend beherrschte, wovon sie sich vorher gründlich überzeugt hatte.

Vorhersehbares Wegdriften der Realität

wegdriften
Neuronaler Unscharfpunkt nach Gofthe (Maler)

Kaum etwas bereitete Karl Gong so viel Freude, verschaffte ihm aber auch so viel Aufregung wie das Wegdriften, das langsame Auslöschen seines Verstandes beim Übergang vom öden Bearbeiten der Dokumente in den sich nach dem Mittagessen automatisch einstellenden Bureauschlaf. Die Realität verwischte und vermischte sich hinter seinen geschlossenen Lidern mit den Figuren, die ihm aus seinen Albträumen nur allzu bekannt vorkamen, die also an der Pforte zum schlummernden Wahnsinn herumlungerten, ihn an die Hand nahmen und in ihre seltsamen Verrichtungen hineinzogen, mitgegangen mitgehangen, er war zu schwach, sich zu wehren.

Die Unangetraute, die des Abends darüber wachte, dass er sich nicht mit verdächtigen Gestalten einließ, hoppelte fern von ihm auf dem Rücken eines Pferdes über den Acker, zu dem die verfluchten Wildschweine seine schöne Wiese gemacht hatten, alles frisch eingesät, er hatte sich so viel Mühe gegeben, nachts, denn tagsüber hatte er die Stallungen für die Pferde errichten müssen, Wildschweine mit Hauern so lang wie der zugegeben extra kurze Fahrradlenker, den er sich als Kind vom Dorfschmied hatte schweißen lassen, nackt also schwebte die Holde auf ihrem Apfelschimmel über die niedergerissenen Grundstücksmauern, hinter ihr her in glänzend goldener Rüstung der Schnabel-Schorsch von gegenüber, so jagte er sie, die mittlerweile erblondete, hühnenhafte Frau, das Spalier der Dorfkretins höhnte zu ihm herüber, die Fratzen, die er nur zu gut kannte, ergötzten sich an den Reitenden; die stoben über den von meterhohen Kakteen bewachsenen Dorfanger, der sich bis zum Getreidesilo erstreckte, aus dessen aufgeschlitztem Dach ein übergroßer, mampfender Sperling keckernd und feixend herausschaute; heiße, rotglühende Eifersucht überschwemmte Karl Gong, nur noch übertroffen vom klatschenden Entsetzen, als der Schnabel-Schorsch von einem dahinrasenden gelben Schulbus aus Wellblech mit voller Wucht seitlich gerammt und pulverisiert wurde.

„Plong!“ machte Karl Gongs Knie, als es mit voller Wucht von unten gegen die Tischplatte seines Schreibtischs knallte. Er riss die Augen auf, starrte die Mayersche an, die mit wehender Unterschriftenmappe an ihm vorbeischnöselte, und speicherte endlich seine bearbeiteten Dokumente.

Die rasende Eifersucht auf den Schnabel-Schorsch ebbte erst nach einigen Tagen langsam ab.

„Welcher Schnabel?“ fragte die Holde, als Gong sie nach einem der üblichen abendlichen Rapports vorsichtig auf den Nachbarn ansprach. „Es gibt hier keinen Schnabel.“

Zweifelnd legte Karl Gong den Kopf schief, erwiderte nichts und trollte sich. Grüßen würde er den Kerl jedenfalls frühestens im nächsten Jahr wieder, wenn überhaupt.

Das Duell mit der Großmeisterin

damengambit

Nachdem Karl Gong von seiner Unangetrauten, die sich vorher vergewisserte, dass er nicht heimlich in die Feinheiten des Damengambits zu dringen versucht hatte, zum Schachspiel gezwungen, unter Verlust nur eines Bauern die Eröffnung überstanden und tatsächlich auf einen Fehler der Holden hin deren weißen Läufer erbeutet hatte, was in ihm ein hämisches Gefühl erzeugte, dessen er sich ein wenig schämte, ging er forsch zum Angriff auf die Dame seiner Dame über, die sich frech vor die Deckung gewagt hatte, um ihn feixend matt zu setzen, und nach einem kleinen Kuddelmuddel warf sie mit ihrem König nach ihm, den Stuhl und den Kopf mit dem wallenden Haar nach hinten und verkündete, dass es dann wohl heute für ihn kein Abendessen geben würde, denn er müsste sowieso noch den Stall ausmisten und die Kaffeemaschine für die Reiterinnen auseinandernehmen und zusammensetzen und überhaupt sieht das Grundstück aus wie Mist, woraufhin Karl Gong für eine Stunde das Weite suchte, hinter dem Heuschober still triumphierend Däumchen drehte und wartete, dass die Großmeisterin ihn mit Schnitzeldampf und dem Angebot einer einstweiligen Versöhnung wieder ins Haus locken würde.

Vom Finanzamt

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Der Briefkasten – Last und Lust seines Besitzers

Der kleine Herr Schönleben wurde anlässlich eines Besuches bei seiner Freundin auf das Kanapee gebeten, um fernzusehen. Still und aufmerksam ließ er den unglaublichen Murks, den sie euphorisch konsumierte, über sich ergehen und vergaß sofort, was er eben geschaut hatte. Nur eine beim fortwährenden Umschalten aufgeschnappte Warnung vor dem harten Durchgreifen des Finanzamtes gegen Steuerbetrüger, die die Freundin mit einem verächtlichen Ausstoßen von Luft kommentierte, blieb schließlich in seiner Erinnerung.

Von da an hegte der kleine Herr Schönleben eine beträchtliche Furcht vor dem Wirken des Finanzamtes. Täglich mehrmals lief er zum Briefkasten, um zu sehen, ob die Behörde es mittlerweile auch auf ihn abgesehen hätte. Erst nach mehreren Wochen wurden die Befürchtungen eines staatlichen Zugriffs auf seine Ersparnisse, von denen er nicht mehr wusste, wie er an sie gelangt war, überdeckt von den sonstigen Zumutungen seines Alltags. Schließlich vergaß er auch noch, solange dieser nicht überquoll, wo sich sein Briefkasten befand, und das waren einige der schönsten Tage seines Lebens.

Ein Froschteich

froschteich
Biologische Lurchteichanlage Grundstück Gong

Karl Gong, dem die Unangetraute unaufhörlich in den Ohren lag, um Terraforming-Aktivitäten in Gang zu setzen, denn ein großes Grundstück verpflichtet zur Refinanzierung, und die irgendwann Geld verdienenden Pferde verpflichten zur Bereitstellung von Auslauf, Stallungen, Pferdeanhängern und Hafer, und die sich mittlerweile auf dem Hof tummelnden, Geld einbringenden Reiterinnen verpflichten zu einer teuren Kaputtschinomaschine, Zerstreuung, WLAN, Duschen und Umkleidekabinen, und die aufgrund der naturnahen Verwahrlosung des Grundstücks eingewanderten Lurche verpflichten zum Ausgraben einer artgerechten Teichlandschaft, — Karl Gong also nahm Spaten, Hacke und Wasserwaage in die Hand, denn in seinem Universum genossen die unschuldig quakenden Frösche allerhöchste Priorität, selbst vor der Unangetrauten, außerdem ließ ihn auch seine widersprüchliche Sympathie zu Störchen zunächst den Lurchteich ausheben, das Erdreich verteilen, die Böschungen bepflanzen und einen Badesteg einbauen, bevor er sich den Stallungen für die Reiterinnen und dem Prosecco für die Gäule widmete und feststellte, dass er nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf steht.

Niemals zum Lfulg

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“Nein!” rief Karl Gong panisch. “Ich will nicht hin zum Lfulg! Niemals!”

“Du kommst jetzt. Bitte!” sprach die Holde mit gespieltem Oberlausitzer Akzent, obwohl gar kein R bzw. r im Satz vorkam. “Wirds bald?”

Karl Gong konnte sich ein mit verstohlenem Seitenblick geflüstertes “Wirds haus” nicht verkneifen, er kam sich vor wie ein Zweitklässler, der an den Ohren durch die Klasse zum Direktor geführt wird. Nun musste er wohl oder übel hin zum Lfulg, die Straßen waren grau wie der Himmel, nie wieder würde die Sonne auf ihn scheinen, schließlich war sowieso das helle Licht auf Jahre hinaus aufgebraucht durch die beiden letzten Sommer, er würde im Lfulg eingeschlossen werden und verrotten und die Holde hätte endlich Ruhe vor ihm.

“Von was für einem Lfulg redest du denn überhaupt die ganze Zeit?” fragte ihn die Holde, als sie ihn endlich mit Gewalt über die Schwelle des Heimatmuseums gezerrt hatte, und Karl Gong, der endlich die angstvoll zusammengepressten Augen öffnete, entspannte sich, eilte zu dem ausgestopften Uhu und streichelte ihm ganz sacht über die Federn, die aussahen und sich anfühlten wie sein alter Hirschbeutel von 1982.

“Ach, nichts”, flüsterte Karl Gong, ließ sich von der Holden die heimischen Gesteinsschichten aufsagen, die Milchproduktionszahlen herbeten und das lichte Haupthaar streicheln. Ein harmonischer Feierabend nahm seinen Lauf.

Die Sippe bleibt verschwunden

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In der City am Fenster

Das Gedächtnis des kleinen Herrn Schönleben ließ seit einiger Zeit zu wünschen übrig. Nicht genug damit, dass er ständig Dinge verlegte, wie zum Beispiel den Flaschenöffner, und stundenlang missmutig das verschlossene Feierabendbier anstarrte. Neuerdings wurde er auch von der Vermutung geplagt, dass er irgendwann ein größeres Grundstück erworben und darauf ein ansehnliches Haus für sich und seine Sippe errichtet haben müsse. Allerdings konnte er sich überhaupt nicht an die Adresse dieses Anwesens erinnern, und die Sippe konnte er nicht befragen, denn sie war seit Wochen verschwunden. Immerhin kam ihm die Wohnung, aus der er durch das Fenster auf die Straße blickte, bekannt vor, und er winkte den Menschen, die unten vorbeiliefen, freundlich zu.

Am Bärengraben

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Karl Gong, dem die Dummheit und das Geschrei einiger seiner Mitbürger zunehmend die Tage schwärzten, verlegte sich darauf, statt des Wirtshauses häufiger den über kleine Umwege erreichbaren Bärengraben aufzusuchen, um Ruhe und Entspannung zu finden, denn die Bären, so schien ihm, wussten zu leben, zwar auf relativ beengtem Raum, unter Aufsicht und mit streng zugeteilter Nahrung, aber sie gingen sich aus dem Weg, wenn es nicht gerade etwas dringendes auszumachen gab, lagen friedvoll auf dem Bauch und blinzelten den Bienen nach, von deren Honig sie nichts wussten, und die es hier, in der mittelgroßen Stadt zwischen den herbstlich kahlen Feldern, gar nicht geben dürfte, und erst das Telefon, das die Holde ihm verboten hatte stummzustellen, holte ihn knarrend und trompetend in den misslichen Alltag zurück, der sich sogleich wie ein Popanz über ihm blähte und ihn, Gong, den bemitleidenswerten, anschnarrte, was aus dem Konsum zu besorgen sei: Brot, Käse, Wurst, Butter, Radler (wieso Radler?), Öl zum Braten, Hackfleisch, Küchenpapier, Zahnpasta; und mitten in dieser Aufzählung des Schreckens brachen die Langeweile und die Trostlosigkeit seines Lebens endgültig in Karl Gongs Gedärme hinein, füllten sie aus wie Teer die Lunge des Rauchers, und endlich, die Liste war zu Ende und bereits zur Hälfte wieder von ihm vergessen, kam er japsend zum Luftholen, wie ein herumgewirbelter Ertrinkender, der zufällig wieder über die Wasseroberfläche geraten war.

„Und Honig?“ fragte Karl Gong tonlos. „Was ist mit Honig?“

„Was willst du denn mit Honig?“ versetzte die Holde. „Honig ist noch.“

These boots were made for jumping

rocknroll

Grad hab ich noch gerochen
das feine Fett auf Leder.
Da wende ich die Treter:
Die Sohle ist gebrochen.

Ich biege mich vor Schmerzen,
Flor schiebt sich vor die Sonne.
Werf in die Restmülltonne
die Schuhe meiner Herzen.

Sie sind nicht mehr zu retten.
Ade, ade, wir scheiden.
Nun muss ich barfuß reiten
und meine Füße fetten.

Vom Pool

schmott

Karl Gong, dem die Klempnerei ein ewiger Quell des Misstrauens geblieben war, besonders jene, die die Installationen in seinem Haus und den zahlreichen Nebengebäuden zu verantworten hatte, stand, von stillem Entwetzen gelähmt, am Pumpenschacht seines Swimmingpools, betrachtete den blubbernden Schmott zu seinen Füßen, verfluchte die Handwerkskunst des Sanitärgelehrten Patzschke, der nach dem Bezahlen der letzten Rechnung über die Anbringung des Handtuchhalters in der Gästetoilette das Weite gesucht und gefunden hatte, also auf Nimmerwiedersehen der Erbringung jeglicher Garantieleistungen entwischt war, nicht ohne Gongs Herzdame einen fetten Kuss auf die Backe gedrückt zu haben, was diese ohne erkennbaren Widerwillen und unter späterem Hinweis auf die Notwendigkeit des Gutstellens mit dem Handwerk über sich hatte ergehen lassen, und reckte die Arme zum Himmel, die Hände zu Fäusten geballt, denn nun würde er in die herbstlich erkaltete Brühe steigen müssen, ohne Neoprenanzug, nur mit Taucherbrille, Schnorchel und Rohrzange, und die Herzdame würde in ihrem knappen Bikini über ihm stehen, das immerhin, und ihn antreiben, denn die Sonne versinkt nun schneller hinter den Birken, “die auch mal wieder einen beherzten Schnitt vertragen könnten, oder?”, und es wäre ja wohl das Mindeste, nach dem Tag im Bureau ein erfrischendes Bad im wärmenden Nachmittagslicht nehmen zu können, wenn schon kein Gläschen Sekt und kein Gürkchen und kein Schälchen Kaviar auf dem Tisch steht, aber was soll man immer nur reden usw. usf.

Das Pferd im Garten

pferd
Pferd im Garten (Symbolbild)

Karl Gong, der sich seit Tagen über das Pferd wunderte, das im Garten stand, im Stehen zu schlafen schien und von Zeit zu Zeit den Kopf zur grundwasserpumpenbefeuchteten Wiese senkte, um ein Hälmchen zu zupfen, näherte sich diesem Pferd von der Seite, denn er hatte als Kind genügend Geschichten gelesen, in denen ein dummer Stadtmensch von hinten an ein landwirtschaftliches Nutztier herangetreten war und von diesem per Hufschlag niedergestreckt und somit auf Distanz gehalten wurde, fuhr vorsichtig seinen Arm aus, um über die weiche Mähne des sehr großen Tieres zu streichen, welches ihn nun mit schläfrigen Augen freundlich musterte und ihm durch die feuchten Nasenlöcher Pferdinnenluft entgegenblies; er fühlte sich auf seltsame Weise aufgehoben in der Natur, auch wenn es sich genaugenommen nur um seinen sehr großen Garten handelte, der tatsächlich mehr Natur zu enthalten schien als die umgebenden riesigen, totgespritzten Äcker der Pachtbauern, und er legte, was er bis vor wenigen Minuten nicht für möglich gehalten hätte, sogar seinen Kopf auf den Rücken des zugänglichen Geschöpfes, allerdings nur bis zu dem Moment, in dem der Ruf der holden Unangetrauten erscholl, er möge sich schleunigst von ihrem Tier entfernen, das durch ihn, den Grobian, sich zum Unreitbaren hin verändern könnte, und stattdessen lieber die filzigen Ecken des Grundstücks in eine schöne, gepfegte Landschaft verwandeln, vor der die Nachbarn und Würdenträger nicht in Abscheu erstarren, sondern voller Anerkennung verweilen würden.

„Ja, ja“, sagte Gong. Das Pferd stob davon.