Kategorie-Archiv: Sie und Er und 1000 Fragen

Sie und Er und 1000 Fragen

Das Pferd im Garten

pferd
Pferd im Garten (Symbolbild)

Karl Gong, der sich seit Tagen über das Pferd wunderte, das im Garten stand, im Stehen zu schlafen schien und von Zeit zu Zeit den Kopf zur grundwasserpumpenbefeuchteten Wiese senkte, um ein Hälmchen zu zupfen, näherte sich diesem Pferd von der Seite, denn er hatte als Kind genügend Geschichten gelesen, in denen ein dummer Stadtmensch von hinten an ein landwirtschaftliches Nutztier herangetreten war und von diesem per Hufschlag niedergestreckt und somit auf Distanz gehalten wurde, fuhr vorsichtig seinen Arm aus, um über die weiche Mähne des sehr großen Tieres zu streichen, welches ihn nun mit schläfrigen Augen freundlich musterte und ihm durch die feuchten Nasenlöcher Pferdinnenluft entgegenblies; er fühlte sich auf seltsame Weise aufgehoben in der Natur, auch wenn es sich genaugenommen nur um seinen sehr großen Garten handelte, der tatsächlich mehr Natur zu enthalten schien als die umgebenden riesigen, totgespritzten Äcker der Pachtbauern, und er legte, was er bis vor wenigen Minuten nicht für möglich gehalten hätte, sogar seinen Kopf auf den Rücken des zugänglichen Geschöpfes, allerdings nur bis zu dem Moment, in dem der Ruf der holden Unangetrauten erscholl, er möge sich schleunigst von ihrem Tier entfernen, das durch ihn, den Grobian, sich zum Unreitbaren hin verändern könnte, und stattdessen lieber die filzigen Ecken des Grundstücks in eine schöne, gepfegte Landschaft verwandeln, vor der die Nachbarn und Würdenträger nicht in Abscheu erstarren, sondern voller Anerkennung verweilen würden.

„Ja, ja“, sagte Gong. Das Pferd stob davon.

Weiß-Rot

weisswein

Ach, des Sommers Ende nun
ist gekommen, ist gekommen.
Gibt es letzthin eins zu tun:
Schlückchen Weißwein eingenommen.

Heiß war Sommers Atem oft,
kühl die Flaschen, kühl die Flaschen.
Kleine Änderung im Loft:
Rotwein kommt jetzt in die Taschen,

die man zur Terrasse trägt.
Mehr Rioja! Mehr Chianti!
Stiller Garten, Straße bläkt.
Korken zieh, hopp-hopp, avanti!

Vom Einkauf zurück

baerbier

Der Problembär war einkaufen gewesen, und wir fragten ihn, wo denn die Wurst, der Käse, das Brot, das Klopapier, die Zahnpasta und das Katzenfutter abgeblieben seien, er aber zuckte nur die Schultern, wenn man überhaupt von Schultern oder Zucken sprechen konnte, und machte sich stillvergnügt an die Dosenlasche heran.

Im Vergessenen Kohlenschuppen

bergwerk
Beispielfoto Bergwerk (stillgelegt)

Irgendwo im Nordostwinkel seines riesigen Grundstücks traf Karl Gong auf den Vergessenen Kohlenschuppen, der im Gegensatz zum Badeofenholzundkohlenschuppen sich langsam aus seinem Bewusstsein geschlichen hatte, und er fand unheimliche Mengen sauber aufgeschichteter Rekord-Briketts vor, vom rissigen Betonfußboden bis zur porösen Decke, kaum konnte er den Fuß in den efeuüberwucherten Bau setzen, ohne sich schwarz anzuschmieren mit der Patina des sagenumwobenen Brennstoffs, Kohle!, und er reckte den Hals, um abzuschätzen, wo denn die Schichtung enden würde, das Trumm, das Monster, das sich vor ihm zehn Meter breit aufbaute, oh mein Gott, dachte Gong, vielleicht finde ich noch ein Stahlwerk im Garten, dann wüsste ich, warum das hier alles existiert; und Karl Gong spann sich ein in die Gedanken an den Mythos des Kohleausgrabens aus dem Gestein tief unter Tage, muskelprotzende Kohlekumpel mit freiem Oberkörper, was in seinem Fitnessstudio strengstens untersagt war, oder tief im Schlamm versunkene Schieberaupen im Mitteldeutschen Revier, an Feiertagen ordenbehängte Maschinisten, die wie am Spieß schrien, wenn die Schienen nicht schnell genug mit den Brechstangen zur Seite gerückt worden waren, zum Flöz hin, das darauf wartete, zur rußenden Rekordfabrik gekarrt zu werden in schlingernden, verdreckten, schrottigen Waggons hinter stampfenden Lokomotiven, die geführt wurden von bärbeißigen Raufbolden, und vor lauter Romantik und Adjektiven lief Gong die Nase, tränten die Augen, zitterten die Knie, als die Holde rücksichtslos neben ihn trat, ihm das Knie in den Oberschenkel rammte und sprach: „Ja, das muss auch alles zeitnah weg. Hier wird das Pferd wohnen.“

Zukunft K Punkt Null

trollbot
Russischer Trollbot (Beispielfoto)

Karl Gong, dessen Unangetraute gerade die gemeinsame Wohnstatt verließ, weil sie von der zuständigen Künstlichen Intelligenz (KI) mit dem in ihrem Chatprogramm ganz oben stehenden, Gong nur flüchtig bekannten Herrn verheiratet worden war (denn mit diesem verbrauchte sie ja nachweislich mehr Zeit und Gedankenkraft als mit jedem anderen im digitalen und analogen Erdenrund), stand nun reichlich belämmert vor den zur Hälfte ausgeräumten Schränken und Regalen, beschloss aber tapfer, nach einem Blick auf seine eigene Chat-Hitliste, keine Trübsal zu blasen und sich stattdessen auf den russischen Trollbot zu freuen, der sicher demnächst auf Geheiß der für sein, Gongs, Wohlergehen verantwortlichen KI bei ihm einziehen würde, mit einem Eimer Pelmeni, ein paar Stiegen Wodka und jeder Menge getrockneter Fische im Gepäck.

Am Netz

spinnennetz

Die Holde wollte des Morgens hin zum Supermarkt, Katzenfutter kaufen, außerdem Leber (für die Katzen) und junges Gemüse (für sich), jedoch sah sie sich außerstande, den Wagen zu betreten wegen des an diesem über Nacht angebrachten dekorativen Spinnennetzes; schreiend lief sie zurück ins Haus, bremste abrupt vor dem Bett Karl Gongs, der sich eben noch einmal umgedreht hatte, denn er gedachte seinen Gleitzeitvertrag gnadenlos auszureizen, musste nun aber aktiv werden und hinaus auf die Straße wanken, ganz ohne Schlafanzug, den er der Wärme wegen nachts von sich geworfen hatte, das Netz bedauernd mit bloßen Fingern entfernen, was der Holden, die mit aufgerissenen Augen hinter dem Fenster lauerte, Laute des Entsetzens entlockte, zumal Gong, an den Fingern zupfend, von denen die Reste des Netzes und an diesen vielleicht sogar, Gott behüte, einige Spinnen baumelten, dem Haus zustrebte, so dass sie gezwungen war, die Tür vor ihm zuzuschlagen mit der Drohung, sie erst wieder zu öffnen, wenn sein, Karl Gongs, Körper garantiert spinnenfrei wäre.

Gong fummelte in aller Seelenruhe alles Spinnerte von seinen Extremitäten, lächelte in die Morgensonne, genoss den Tau, der sich von den eigentlich auf dem Gehweg unerwünschten Gräsern auf seine Füße übertrug, und beschloss, vielleicht doch schon vor zehn im Bureau zu sein, denn so ein Morgen bot doch einiges an Überraschungen, die man im Bett grunzend kaum erleben dürfte.

Schwarzweiß

schwarzweiss

Wir steigen in den Ring,
wir balgen und kobolzen.
Die Liebe ist ein Ding
von Kuscheln und von Holzen.

Sind wir auch schwarz und weiß,
und grundsätzlich verschieden:
Wir lieben uns gar heiß
und halten trotzdem Frieden.

Komm drehe mich ein Stück
und box mich in die Seiten.
Bei so viel Liebesglück
muss man sich auch mal streiten.

Dann, nach dem Fischverzehr,
lass uns zusammen schlafen
zehn Stunden oder mehr.
Nachts sind sie grau, die Braven,

ist schwarz und weiß vermischt.
Der Mond ist aufgegungen.
Die Igelmutter zischt.
Der Traum ist gut gelungen.

Agenten gendern

loch

Die Agentur, prinzipiell dem Weltfrieden verpflichtet, bemühte sich auf allen sekundären Gebieten um größtmögliche Korrektheit, um das Image der fies und hinterhältig spionierenden, bisweilen körperliche Gewalt anwendenden, sich selbst kompromittierende Dokumente vernichtenden und dann von nichts gewusst haben wollenden Anstalt abzuschütteln. So wurde per Rundschreiben festgelegt, dass ab sofort alle Agenten zu gendern seien, auch wenn Agentinnen spärlich bzw. im konkreten Fall gar nicht existent waren.

Dem Anstaltsleiter war das Innen-Gendern zwar ein Herzensbedürfnis, aber auch zu doof, als er vor der versammelten Truppe finster dreinblickender Herren mit Narben und fehlenden Gliedmaßen bzw. Skrupeln stand, um die Wochenlage zu erörtern, nicht eine schmucke Pistolenbraut wärmte seine zusammengekniffenen Augen (Berufskrankheit), und also hob er zur Begrüßung an mit “Liebe Agierende!”

Tosender Beifall.

Die Romatik der Hausgemeinschaft

federn

Die Krausen war ungeheuer aufgebracht, weil die Schmidten, trotz dass sie mit der Großen Hausordnung dran war, wieder nicht das Iksel zwischen Hauswand und Gehsteig von Peeden, Schmutz und leeren Kaffeebechern gereinigt hatte. Vom Schnittgerinne ganz zu schweigen. Selbst der nichtsnutzige Ex-Vorsitzende der Hausgemeinschaft, dieser Wendehals, der sonst den halben Tag im weißen Feinripp auf dem Sofa lag, das wusste sie von diversen Besuchen, puhlte ab und zu die schwarzen Krümel, die Spinnen und Asseln hinter den Briefkästen hervor.

Ein wirklich feiner Mann im Haus war eigentlich nur der Herr Spärling im Hochparterre, der grüßte immer und schien auch etwas besser gestellt zu sein, mit den hohen Wänden, trotz seiner Körpergröße, und dem schönen Stuck, wo sich allerdings auch besonders gern der Dreck fängt.

So dachte die Krausen nebenbei, während sie die Schmidten über den Hof zur Abstellkammer jagte, wo Fugenkratzer, Besen, Hacke und Schaufel einträchtig auf sie warteten.

Die Drohung mit den Damenschrauben

dreckwasser
Undurchsichtige Drohung (Beispielfoto)

„Es wird Zeit, dass wir die Damenschrauben anziehen, mein Lieber“, hatte die Holde zum erschauernden Gong, Karl, gesagt, dem jegliche Vorstellung fehlte, was das bedeuten könnte, der aber sehr wohl verstand, dass es sich um eine schwerwiegende Drohung handeln musste, denn die Holde sah ihn aus pausenlos feuernden Augen an, mit zusammengekniffenen Lippen und zart vom leichten Abendwind bewegtem Pony.

„Jawohl!“ sagte Karl Gong, und „Aye Aye, Mylady“, und das rettete ihm den Kopf, denn er sprach das „y“ in „My“ korrekt als „i“, nicht als „ei“ aus, so, wie er es von seiner alten Englischlehrerin gelernt hatte; und wenn seine Holde je eine gesteigerte Begeisterung für irgendetwas entwickeln konnte, dann für eine gepflegte Aussprache.

Komplett

manschettenknoepfe

Beinahe hätte ich morgens die Manschettenknöpfe vergessen. Frau H. aus der Peronalabteilung wäre bestimmt verärgert und ungehalten gewesen wegen der Nachlässigkeit, denn das macht gar keinen guten Eindruck auf Kunden und Belegschaft. Noch einmal Glück gehabt.

Fahrstuhl ins Ungewisse

kaesebrot

Herr Breithans, dem von seinem Hausarzt aufgetragen worden war, die Kalorienzufuhr einzuschränken und sich statt dem Essen zumindest gedanklich auch einmal anderen schönen Dingen zu widmen, ertappte sich dabei, nun mehrmals täglich dem feschen Fräulein Wiesel aus der Sechzehnten nachzusinnen, die ihm am zwölften Mai gegen neunzehn Uhr dreißig im Lift zugelächelt hatte, als er mit einem Beutel frisch zubereiteter Haxen nach oben zu seiner Wohnung unterwegs gewesen war, einem ausgedehnt netten Abend entgegenfiebernd.

Seiner Frau, die das Ansinnen des Hausarztes unterstützte, würde er davon zunächst nicht berichten, beschloss er, dafür aber mehrmals täglich den Lift benutzen, um den positiven Effekt der Nahrungsumstellung durch ausreichende Bewegung zu verstärken.

Kuck!

prassel

Ich habe einen Kuchen
für dich allein gemacht!
Jetzt werd ich dich besuchen!
Hör, wie der Kuchen kracht!

Hör wie der Kuchen prasselt!
Die Tfähne fmertfen mir!
Hör wie mein Herzchen rasselt!
Und das nur wegen dir!

Ich liebe dich wie Streusel
mit Zucker obendrauf.
Erhöre mein Gesäusel
und mach den Kühlschrank auf.

Dann gibt es in zwei Flöten
den besten Elbschaumwein.
Wir tröten in die Tröten
und titschen Streusel ein.

Und das ist nur der Morgen!
Ach, wie wir glücklich sind.
Ich muss noch Bier besorgen,
der Tag ist lang, mein Kind.

Das sehr schlechte Boot

gartenschiff

“Der Nachteil an einem großen Grundstück, meine Liebe”, sagte Karl Gong zu seiner Lieben, die schon immer, und zwar gegen den erbitterten Widerstand des Gong, ein großes Grundstück erstreiten wollte, was ihr schließlich auch gelungen war, “ist, dass man eine ganze Weile braucht, ehe man so herumkommt.”

“Habe ich da eben ‘Ehemann’ gehört?” fragte die Liebe, denn Gong war ihr noch kein solcher, was insbesondere die Grundstücksangelegenheit delikater als nötig gestaltete.

“Das kann ich nicht wissen, was die Herrin hört”, antwortete Gong patzig und fing sich die erste Schelle ein.

“Nun”, sprach die Liebe ungerührt, während sie sich den Handrücken an einem Küchentuch abwischte, denn Karl Gong schwitzte im Sommer mehr als sonst, “dann muss der Herr eben ein wenig schneller laufen, damit er binnen Jahresfrist einmal den Acker umrundet hat. Aber was ist eigentlich das Problem?”

Gong, dem mittlerweile die in der Beziehung herrschenden Kräfteverhältnisse wieder klargeworden waren, wies wortlos auf sein dumm glimmendes Telefon, denn er hatte eine Aufnahme vom Entlegenen Winkel des Grundstücks gemacht, über den immer nur geraunt wurde, denn man musste sich durch mannshohe Brennesseln kämpfen, um ihn zu erreichen.

“Kuck mal, was ich gefunden habe”, raunte Karl Gong beinahe atemlos.

“Das ist ein sehr schlechtes Foto”, sagte die Liebe, “und ein sehr schlechtes Boot.”

Damit war für die Liebe die Sache erledigt, Boote interessierten sie nicht, die Brennesseln würde sie von ihrem wehleidigen Gefährten demnächst zur Teeproduktion einfordern, und wenn schon unbedingt von Motorkraft zu reden sein würde, dann erwartete sie ein stilles elektrisches Motorrad mit elektrischer Knallklangerzeugung, das auch mal dreckig werden kann, denn auf dem Grundstück und drumherum war es immer dreckig. Damit könnte er mal um die Ecke kommen, der Karl, ja.

Gong indes erspürte die ausgesandten Zeichen nicht, er schlich in den Keller zu seinen Digedag-Heften, sah sich die zitronenförmigen Panzerboote vor der Ostküste Amerikas an, und Sehnsucht erfüllte sein Herz.

Liebesgedicht

fuesse

Ich möchte dich begrüßen
nicht nur mit meinen Füßen
in eiseskalten Fluten
(auch gern auf Kohlengluten) –

wo du mich eben findest
und zärtlich an dich bindest
mit ausgesuchten Strippen.
Sieh, hier sind meine Lippen!

Zieh mich aus diesen Wellen
zum Himmelblau, dem hellen,
hinauf an meinem Nasenloch.
Sonst kühl ich mir die Blase noch.

An den Vorstand

vorstand

Natürlich geht jedem ordentlichen Menschen das Herz auf beim Betrachten klarer Anweisungen. Jedoch mittlerweile viel zu selten finden sich diese im öffentlichen Raum, und wenn, dann mitunter hoffnungslos erodiert, geschmacklos angeordnet, ungepflegt, verwahrlost, schrundig. Das ist nicht das, wofür Deutschland einmal geliebt bzw. gefürchtet wurde in der Welt, lieber Vorstand!