Kategorie-Archiv: Sie und Er und 1000 Fragen

Sie und Er und 1000 Fragen

Herbstfreuden

Karl Gong, der den ganzen Sommer über den Entwässerungsgraben in Planquadrat C3 von Hand ausgehoben hatte, freute sich erstens am bereits reichlich eingetretenen Herbstregen, der den Graben gefüllt hatte, zweitens am unverschämt bunten Herbstlaub, das sich vortrefflich auf der glatten Oberfläche des klaren Wassers spiegelte, und drittens am kurzzeitig vor Bewunderung offenstehenden, dezent geschminkten Mund der Unangetrauten, die sogar seine Hand nahm und diese, überwältigt von der Schönheit des gemeinsam bewirtschafteten Grundstücks, ein paar Sekunden lang innig drückte, bevor sie, wie so oft, wenn eine Arbeit des Gatten ihrer Meinung nach nicht vollständig ausgeführt worden war, in ein deutliches Stirnrunzeln verfiel und fragte, wo denn nun um alles in der Welt die Bänke stünden, auf denen man die Pracht ausgiebig genießen könne, hier und dort und da hinten wären doch wunderschöne Plätze für plakettengeschmückte Sitzgelegenheiten, oder ob sie sich etwa ins nasse Gras legen solle, ein Ansinnen, das Karl Gong tatsächlich vorgehabt hatte, der Holden anzutragen, was er nun, nur wenig verstimmt, unterließ, denn in seinem Kopf reiften bereits die Baupläne für herrliche Multifunktionsbänke, die er schon morgen fertigen und auf den gemeinsamen Ländereien verteilen würde.

Neu bei Nitzsche

Bezüglich der Besorgnisse der Kundschaft, dass dem Problembären (Hofarbeiter im Getränkemarkt A. Nitzsche in Machern man muss nur machern) aufgrund seiner zahlreichen, nicht wiedergutzumachenden Vergehen, Versäumnisse und Aufsässigkeiten eine ungerechte Behandlung zuteil werden könnte (Abmahnungen, Räuspern, Augenbrauen hochziehen) wird hiermit eidesstattlich versichert, dass das rohe Ei jederzeit wie ein rohes Ei behandelt wird, reichlich Deputat erhält und jeden Morgen neu mit kleinen Geschenken an seine Arbeitsstelle gelockt wird. Der Facharbeiter ist ein scheues Reh. Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef

Das schlampige Sonett vom Zeitverstreichen

Im Sommer war es klasse. 
Im Sommer war es cool. 
Ich saß auf der Terrasse 
in meinem Schaukelstuhl

umschwärmt von mehren Katzen
und meiner einen Braut. 
Ein Katz mit weißem Latzen.
Die Braut mit weißer Haut.

Nun seh ich Spinnen weben
am rauhen Wandverputz.
Auf Tischen trocknen Nüsse. 

Die Hungerkatzen kleben
an mir: Nur Eigennutz.
Die Braut schenkt süße Küsse.

Sonderbare Begebenheit

Karl Gong erblickte einen Pilz. Auf seiner Wiese. Er schnitt ihn ab. Mit dem guten Messer. Für die Holde. Dachte er. Als Geschenk. Doch dann sein Entschluss. Er biss hinein. In den Pilz. Etwas veränderte sich. In Karl Gong. Seine Gedanken. Vorher mäandernd. Scheinbar ziellos. Nun klar und umrissen. Kein Komma kein Semikolon auch kein Bindestrich. Gedanken wie Peitschenschläge. Aua. Die Unangetraute. Wo war sie? Wo war der Pilz? Es ist dunkel. Warum?

Karl Gong wachte auf, wunderte sich, warum er neben dem guten Messer auf der herbstfeuchten Wiese lag, von Ferne das Rufen der Unangetrauten, nach ihm, dem Vermissten, sorgenvoll, aber nicht ohne Vorwurf, das Essen würde kalt werden, achtzehn Uhr null null war ausgemacht, wie immer, es gab Bauernfrühstück, wie so oft, er hatte sich nie beschwert, die Zubereitung ging schnell vonstatten, das Gericht war nahrhaft, ideal besonders nach einem langen Tag auf dem Grundstück, dessen Zustand trotz permanenter Beackerung nicht erfreulicher zu werden schien, eher im Gegenteil, m/w/d verhedderte sich in Brombeeren, wurde von Quecken zu Fall gebracht, versank in Wühlmauslöchern, wurde von abgeworfenen, vertrockneten Ästen am Kopf getroffen; aber alles kein Grund, nicht pünktlich zum Essen zu erscheinen, dachte die Holde und machte einen festen Knoten ins Wischtuch, mit dem sie den Gong, Karl, der eben wie ein Geist aus dem Nebel aufschien, erwartete.

Inspiration und Zumutung

Angeregt von der sehr befriedigenden Gartenarbeit, das Beschneiden diverser Sträucher betreffend, griff Karl Gong zum Telefon, drängte sich in den vollen Terminkalender seines Friseurs und kam pünktlich zum Abendessen frisch geschoren zu Hause an, was die Unangetraute mit einem milde verliebten Blick zur Kenntnis nahm, ohne jedoch auf den Hinweis zu verzichten, dass in Zukunft vor solchen überraschenden Aktionen sämtliche Arbeiten ordnungsgemäß abzuschließen seien, denn: was sollen ihre Freundinnen von der Pferdefreizeit denken, wenn sie mit ihren Aperol-Spritzen auf der Terrasse entspannen möchten, welche, dies nur am Rande, dringendst von Spinnweben zu befreien wäre, wobei auch die am Kompost hinterhältig lauernde Silberdiestel sowie die alten Pflastersteine, die er, Gong, Karl, ja doch im Laufe seines Lebens nicht mehr in den Boden bekäme, aus ihren gütigen Augen zu schaffen Gelegenheit wäre.

Von der Konkurrenz

Karl Gong, der dem Pferdewahn seiner Unangetrauten etwas Gleichwertiges entgegensetzen wollte, verkroch sich für einige Tage in die hintere linke Ecke des weitläufigen Anwesens, das sie in den letzten Jahren, vor Beginn der Großen Bodenteuerung, stetig erweitert hatten, ließ einige hundert Mulden des Unrats abfahren, der vom vorherigen Besitzer, einem insolventen Reifenhöker, zu Bergen aufgehäuft worden war, Altreifen, Barackenreste, den kleinen Fuhrpark eines ebenfalls gescheiterten Logistikunternehmens, Unmengen leerer Flaschen sowie alle Arten von DDR-Elektrogeräten, „die eigentlich noch gut waren“, kämmte die Fläche von Hand durch („ist immer besser“), freute sich an den Hälmchen, die allen Zumutungen zum Trotz aus der Krume gebrochen waren, und kaufte sich eine Herde Schafe, die ihm von jenem Tag an das wohlige Gefühl verschaffte, gebraucht zu werden, ihm jedoch auch einige schele Blicke der Holden, begleitet von vielsagendem Stirnrunzeln, einbrachte.

Im Angesicht des Fortschritts

Der Problembär, unterwegs im Rahmen einer seiner mittlerweile liebgewordenen Abwesenheiten, dahinrasend im modernen Reisezug, sinnierte, ob er nicht vielleicht auf einen modernen Arbeitsplatz wechseln sollte, zum Beispiel in eine dieser neuen Großbrauereien, wo die Prozesse funktionierten und alle in weißen Kitteln und mit Namensschildern auf glänzenden Elektrokarren, die wahrscheinlich auch noch jeden Abend geputzt wurden, durch die Gegend wisperten. Er dachte an seinen missgelaunten Chef Nitzsche, die Scherbenhaufen im Getränkemarkt, den klebrigen Boden, den Hof mit der umgefahrenen Mauer, den rasselnden Stapler ohne Licht, mit dem ihm das Malheur passiert war, die impertinenten Kunden und den Nachschlüssel zum Likörschrein. Ein Lächeln umspielte seinen Schnabel, er stieg an der nächsten Station aus und kaufte sich eine Rückfahrtkarte auf Firmenkosten.

Vom Undank

Gratifikationsentsetzen

Der kleine Herr Schönleben hatte einen wichtigen Auftrag für einen wichtigen Kunden glücklich beendet; zwar etwas verspätet, doch zur äußersten Zufriedenheit des Art Directors, der die speziellen Wünsche des Kunden mit aller Macht durchgesetzt hatte. Es war ein Männlein zu zeichnen mit unverkennbar folkloristischem Einschlag, Hut, Bärtchen, landsmannschaftlich gefärbter Mundnasenbedeckung — alles in allem eine extrem aufwendige, diffizile Arbeit, die man nicht so einfach aus dem Internet herunterladen konnte, jedenfalls nicht von den Seiten, auf denen der kleine Herr Schönleben üblicherweise unterwegs war.

Der Kunde war glücklich und schickte eine Palette Pralinen in die Agentur, von der allerdings nur eine leere Kartonage in Schönlebens Homeoffice ankam, den Inhalt hatten offensichtlich Chef und Art Director gemeinsam im Bureau verzehrt, wahrscheinlich unter Absingen hämischer Lieder, denn es handelte sich um die guten Alkoholpralinen, die auch der kleine Herr Schönleben besonders schätzte. So legte er sich frustriert und erschöpft ins Bett und bohrte noch ein wenig mit einem Wattestäbchen in der Nase, bevor er in tiefen Schlummer sank und von Himbeergeist in Schokoladenkruste träumte.

Neu bei Nitzsche

Die zweite Impfung hatte es in sich.

Aufgrund der aktuellen Diskussionen zur Kundengesundheit weisen Wir, A. Nitzsche, Getränkehändler in Machern (man muss nur machern), darauf hin, dass der Hofknecht vollständig immunisiert ist und damit keine virale Ansteckungsgefahr besteht. 1. Impfung Marxismus (inkl. Engels), 2. Impfung Leninismus, 3. Impfung Trotzkismus, jeweils vorgenommen im revolutionären Impfzentrum. Die Auffrischungsimpfung Stalinismus bleibt dem Führungspersonal (Nitzsche) vorbehalten. Achtung: Die Gefahr des Überrollens mit Flurförderzeugen ist damit nicht gebannt. Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef

Von der Schweinwerdung

Karl Gong hatte seinen Wagen auf den Rücken gelegt, nicht ohne vorher den guten, in Istanbul erworbenen und tatsächlich problemlos verschickten Teppich untergeschoben zu haben, wühlte sich mit seinen kurzsichtigen Augen und langen Armen durch die Aggregate, zog hie und da ein Schräubchen fest, verteilte gelegentlich ein Tröpfchen Öl, sparsam, wegen der Umwelt und des Geldbeutels, kurbelte an der Lichtmaschine, prüfte den Reifendruck und leckte an der Batterie, fand alles in Ordnung und bestem Zustande, drehte den Wagen liebevoll auf die Räder, hieß die holde Unangetraute einzusteigen, indem er unter Bücklingen die Tür offen hielt, klemmte sich hinters Steuer, startete, legte den ersten Gang ein und rammelte fortan zwei Stunden wie ein komplett Irrsinniger durch die Landschaften, denn im Auto wird einfach jeder zum Schwein.

Sittlicher Bericht

Oben auf dem glatten Stein
schnitt ich dir mein Herze ein.
Unten lag das Dorf im Schlaf,
oben lag ich bei dir brav,

denn der Stein war gut besucht.
Also blieben wir betucht,
liefen dann zu Meister Petz
hin ins Medvêd Hostinec.

Světlý Pivo vier, sechs, acht,
langsam wird es draußen Nacht.
Glücklich fassen wir uns an
und verschwinden still im Kahn.

Unter dem Lieblingsbaum

Karl Gong, der sich unter seinem Lieblingsbaum anhand der Tageszeitung gerade über die bevorstehende Ankunft der vierten Welle informierte, ignorierte die aus der Ferne herüberwehenden Anweisungen der Unangetrauten, zu beider Glück hatten sie vor kurzem mehrere Grundstücke von Bauer Schröpel in ihr Anwesen eingliedern können, so dass er durchaus Plätze zu finden in der Lage war, an denen er seine Ruhe hatte, und die die Holde lediglich auf dem Rücken eines ihrer Pferde erreichen konnte, was auch ihr sehr recht schien, die Blätter rauschten im Wind und der Truppentransporter im Anflug auf den nahen Flughafen brummte ihn in den Schlaf, Karl Gong also träumte von Chagallschen Pferden in roten Himmeln, entblößten Busen, das Alltägliche fliehenden Paaren, schwebend über unglaublich grünen Anwesen, nicht zu vergleichen dem seinen, zertrampelten, von Hühnern verwüsteten, erwachte schreiend, als im Dorf die Steinsägen und Rasenmäher ihr Werk begannen, schlich zum Haus, in dessen Tür die Geliebteste, die Arme in die Seiten gestemmt, stand und rief: „Kommst du jetzt endlich ins Bett, Karl?“

Gelungener Abend

Ganz golden fließt der Wein
in seinen Trinker ein.
Zäh wandelt sich der Saft
in schiere Geisteskraft.

Man sinnt. Es hört nicht auf.
Bis eine Stimme spricht:
„Genug, mein Sohn. Nun sauf!“
Man tät es lieber nicht.

Allein, es ist das Hirn!
Das Hirn hat den Befehl.
Wer bietet ihm die Stirn?
Die Leber? Tut nur scheel.

Der Magen und der Darm?
Die pumpen still und blind.
Die Milz verhält sich warm.
Das Rektum bläst geschwind.

Doch eine legt die Hand
auf das geleerte Glas:
Die Frau kam angerannt!
Sie will wohl heut noch was?

Neu bei Nitzsche

Zur Erwiderung auf allfällige Beschwerden der Kundschaft, den Umgang Meiner Mitarbeitenden ihr gegenüber betreffend, wird folgendes festgestellt. Jegliche Züchtigungen, die der Hofarbeiter Meiner Kundschaft angedeihen lässt, sind gerechtfertigt. Wer rote Linien überschreitet, muss sich nicht wundern, drei Punkte bzw. Punkt. Geschlagen wird nur mit zertifizierten Holzwaren (nicht aus den Tropen). Alle Instrumente werden nach Gebrauch ausgekocht (Desinfektion). Wer sich nichts vorzuwerfen hat, hat nichts zu befürchten. Alle Premiumbiere am Freitag 10% (plus). Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef

Das schlampige Sonett von der Landzunge

Wollen unter dunklen Wolken
stets zusammenstehen
und nicht auf dem Teller polken
nach den sauren Schlehen.

Nehmen uns von allen Früchten
nur, was wir begehren.
Dass die falschen Freunde flüchten,
kann uns nicht beschweren.

Steigen auf das weiße Boot,
fürchten nicht den nassen Tod,
blasen Wind ins Leinen,

jagen über Gischt und Tang,
lachend und kein bisschen bang,
wenn wir uns vereinen.

Kulturnotizen

Kultur ist bunt, gerade
mit Schoppenwein im Glas.
Ich sitz in der Schublade
und habe meinen Spaß

am Dämmern unter Kennern
mit Lyriktradition,
gemeinsam kleinsten Nennern
in jeglicher Saison.

Oft kommen dicke Schreiber,
am besten aus Bärlin.
Doch straffen sich die Leiber
erst bei der Dichterin,

die uns von Liebe säuselt,
und von der tiefen Lust!
Die Selbstbeherrschung bräuselt,
schnell puckert in der Brust

das rote Herz, das dumme.
Wir schnaufen, und sie schließt.
Danach Kaffee. In Summe
ein Abend, der ersprießt.

Kleine Bildbeschreibung

In diesem Werk gelingt es dem Zeichner Hut81HOF, inspiriert vom Titel „MAMMAI-Methode“, seine erotischen Phantasien konsequent auszuleben. Es kommen nur weibliche Personen zur Anwendung, die Dekolletés sind, im Gegensatz zur wie immer schludrigen Ausführung der Arme, liebevoll gearbeitet.

Das Mienenspiel der Protagonistinnen in Anbetracht der ausgereichten roten „Vorgaben“ reicht von Fassungslosigkeit über Besorgnis bis hin zu dümmlicher Akzeptanz. Damen ohne „Vorgaben“ machen sich über die anderen lustig, können aber sowieso nicht arbeiten, da sie über weniger Arme verfügen.

Die Werktätige ILI knüpft bereits ihren Kittel auf, vielleicht, um beim Meister eine Lockerung der „Vorgaben“ zu erwirken. Damit wird, wahrscheinlich ungewollt, ein Verweis auf patriarchale Strukturen gesetzt, die es zu Zeiten der MAMMAI-Methode allerdings nicht gegeben haben sollte.

Verstörend wie immer hat der Zeichner die Frisuren gearbeitet — ein Markenzeichen? Das Bild ist schön und regt mich zum Nachdenken an.