Kategorie-Archiv: Vom Reisen

Vom Reisen

Das schlampige Sonett vom Dahinreisen

Durch den kalten wilden Wald
schleicht die Nacht heran.
Summend schlängelt der Asphalt
sich im blauen Tann.

Borkenkäfer fressen still
Gänge in den Baum.
Wohin ich heut reisen will,
glaubst du, Liebste, kaum.

Sehe Licht blass in der Ferne,
leuchtend nun vom Top die Sterne
über Schäfchenherden.

Ach, im Himmel wär ich gerne,
oder besser, statt externe,
mit dir hier auf Erden.

Gedicht mit „fetzt“

Ich muss aufs Fahrrad. Jetzt.
Denn Fahrradfahren fetzt.
Ich rase um die Ecke.
Da guckste, oder, Schnecke?

Ich schnaufe durch den Tann
und komme niemals an.
Ich mache hundert Meilen
mit Treten, Bolzen, Keilen.

Ich habe keinen Blick
für rosa Lycra-Chic.
Ich schmiere von der Kette
ans Bein mir schwarze Fette.

Ich biege ins Karree.
Mir tut die Wade weh.
Ich leg mich in die Wanne
und leere eine Kanne

Kamillentee.

Nee.

Das Sonett von den zwei Seelen in der Seemannsbrust

freddy

„Raus auf See, wenn auch die Wellen
über alle Maßen schwellen,
Salzgischt uns die Augen beißt!
Jeder weiß hier, was es heißt

auf dem schwarzen Gummikutter
fern der Heimat, fern der Mutter
um Kap Hoorn…“ – „Du liebe Zeit,
fahren wir noch echt sou weit?“

„Ja doch. Macht dir das Probleme?
Warte, bis ich Maß dich nehme.“ –
„Kapitänchen, auf ein Wort,

ich vergaß die Sonnencreme.
Also bleib ich lieber heeme.“
Sprichts und hechtet über Bord.

Ansichtskarte aus Ägypten

aegypten

Dem kleinen Herrn Schönleben geht es gut.

Das überreichliche Essen schmeckt wie zu Hause, die Getränke sind gekühlt und, entgegen den Gepflogenheiten der Region, sehr alkoholreich, die Sonne scheint „wie die Sau“, das Zimmer ist ausreichend geräumig (für kleine Gäste), nur die Mitreisenden sind unattraktiv, zudringlich und laut, laufen mit Schnorcheln und Taucherbrillen behängt halbnackt durch die Lobby des Hotels, riechen nach Fisch und werfen aus dem Bus heraus Gegenstände auf die Straße, „für die Armen“.

Das Foto zeigt den kleinen Herrn Schönleben vor der Neunheit von Heliopolis, die freundlicherweise direkt am Pool aufgebaut und mit einem Lichtbildautomaten versehen ist.

Bald kommt das kaputte Flugzeug und holt alle wieder ab.

Die Höhe des Gebirges ist die Flachheit des Poems

gebirg

Manchmal ist es flach
oben auf der Höh.
Einsam ragt ein Dach
ohne weißen Schnöh.

Schwarze Äste kahl,
patzig ruht das Feld.
Ich dreh mich zum Tal,
dort erzeugt man Geld.

Hier erzeugt man Ruh.
Langsam wachs ich ein.
Holde, wo bist du?
Nimm den kalten Stein

in die warme Hand.
Gib ihm einen Drall,
wirf ihn weit ins Land.
Regentonne. Knall.

Schnell davongerannt.

Im Grenzgebiet

grenzgebiet
Echtfoto mit bewaffneten Organen

Heute morgen kurz vor dem Aufwachen befand ich mich auf dem Weg zur Ostsee im Grenzgebiet zwischen DDR und BRD. Doch statt zwischen verwurschtelten Buchen das Meer schimmern zu sehen, wurde mir nur ein rasend schnell durchlaufendes Bild präsentiert, wie damals bei unserem alten Fernseher. Ich suchte den in meiner Erinnerung langen, dünnen, glattschwarzen Knopf (beinahe Zylinder, aber immer noch Kegelstumpf), der unbedingt gefühlvoll zu drehen war, um das stroboskopierende Bild in Mittellage zu zwingen. Ein feinmotorisches Vermögen, das nicht jedem in der Familie gegeben war, vergleichbar dem, eine TU 144 auf der Autobahn zu landen.

Als das Bild endlich stillstand, tutete nicht das Küstenschutzschiff, sondern der Wecker, und ich starrte die Fototapete an, die auch mal gewechselt werden könnte.

 

Der See

see

Der See ist mit dem Meer
durch einen Stich verbunden.
Ein echtes Nadelöhr.
Ich brauch vierhundert Stunden
nach Hamburg mit der Yacht.
Der Schleusenwärter lacht.

An der Schranke

schranke

An der Schranke Wartezeit.
Über dir Alarm.
Wolkenwasser kommt von weit.
Treten hielte warm.

Nasse Hose, nasse Schuh.
Triebzug schnarcht vorbei.
Doch die Sperre bleibt noch zu.
Heute kommen zwei.

Viertelstunde. Kurbel. Seil.
Winkend übers Gleis.
Fahrradwandern ist schon geil.
Schutzblech? Nasser Steiß.

Bitte bewerten Sie Ihr Hotelzimmer

bettbaer

Als der Problembär nach dem Urlaub sein Postfach aufräumte, fand er auch die dringliche Forderung seines Reisebüros, doch bitte das gebuchte Zimmer, in dem er einige Nächte zugebracht hatte, zu bewerten, damit weitere Reisende aus seinem Probewohnen Nutzen zu ziehen in der Lage wären.

Der Problembär versuchte sich zu erinnern. Da war die straff eingestellte Klimaanlage und die schier unendliche, weiße Bettfläche, auf der er sich vorkam, als würde er seine freien Tage nördlich des Polarkreises verbringen, was ihm nicht im Traum eingefallen wäre, der gefährlichen Eisbären wegen. Immerhin strahlte die Abendsonne so lange ins Gemach, dass er in der Lage war, die Nachttischlampe zu erreichen, bevor die Dunkelheit hereinbrach. Erschöpft war der Problembär schließlich eingeschlafen, während der Kühlschrank in unerreichbarer Ferne vor sich hin ratterte, den Bauch voller mitgebrachter Getränke.

Um das Hotel nicht in Schwierigkeiten zu bringen, sah der Problembär von einer Bewertung ab.

Die beinahe vollendete Ballade vom Entdecker

segelboot

Ich kam an meinen Strand.
Da lag ein weißes Boot.
Jemand ging hier an Land.
Ab jetzt beginnt die Not.

Mein Land ist nun entdeckt.
Mein Land ist nun bekannt.
Mein Land ist aufgeschreckt.
Es ist nicht mehr mein Land.

Ich nehme schnell das Boot.
Ich fahre übern Teich.
Entdeckung, Freunde, droht.
Und wenn ihr Pech habt, gleich.

Was euer war, ist mein.
Ich reiche euch den Tand.
Ich spür am Kopf den Stein.
Ich falle in den Sand.

Das allerdings ging fix.
Sie kochen mich im Topf.
Bald bin ich nur noch nix.
Und auf dem Pfahl mein

Schattenseiten des Modereisens

hotel

Überall im Land verfallen die Hotels, seit der Pauschaltourist es vorzieht, sich auf unförmigen schwimmenden Regalen über die Binnenmeere transportieren zu lassen. In vormals stolzen, fahnengeschmückten Etablissements bleiben die Filterkaffeemaschinen kalt, die Schmelzkäseecken unangeliefert und die Raduga-Fernseher stumm. Die abblätternden Häuser können den Standort nicht wechseln, es sind außen keine Rettungsboote für die Passagiere angebracht (das Personal nimmt die Mopeds), und einen blitzeblanken, feixenden Kapitän mit weißen Kauleisten und güldenen Sternchen auf den gepolsterten Schultern hat man im Böhmischen Paradies sowieso noch nicht gesehen.