Kategorie-Archiv: Vom Reisen

Vom Reisen

Schattenseiten des Modereisens

hotel

Überall im Land verfallen die Hotels, seit der Pauschaltourist es vorzieht, sich auf unförmigen schwimmenden Regalen über die Binnenmeere transportieren zu lassen. In vormals stolzen, fahnengeschmückten Etablissements bleiben die Filterkaffeemaschinen kalt, die Schmelzkäseecken unangeliefert und die Raduga-Fernseher stumm. Die abblätternden Häuser können den Standort nicht wechseln, es sind außen keine Rettungsboote für die Passagiere angebracht (das Personal nimmt die Mopeds), und einen blitzeblanken, feixenden Kapitän mit weißen Kauleisten und güldenen Sternchen auf den gepolsterten Schultern hat man im Böhmischen Paradies sowieso noch nicht gesehen.

Überfahrt

channel

Stürme peitschen grünes Wasser.
Fähre krängt, Espresso schwappt.
Passagiere werden blasser.
Die Begleitungsmöve schnappt

nach den Teilen, die dem Mund
eines Fahrgasts jäh entfliehen.
English Breakfast. Ungesund.
Konsequent wird ausgespien.

Unter Deck Kakophonie:
Jaulende Alarmananlagen.
Schwankend hin zum Duty Free.
Alkotester nachzufragen.

Der inkonspirative Balkon

balkon

Ich sollte das Dokument übergeben. Natürlich war ich nervös. Man übergibt nicht jeden Tag Dokumente, die man nicht kennt, an Personen, die man nicht kennt. Genauer: Ein Dokument, eine Person. Schlimm genug.

Der verabredete Balkon strahlte in hellem Licht. Ich war irritiert. Sah so das Setting für die vertrauliche Übergabe eines Dokumentes aus? Dann konnte ich es ja gleich im Radio übertragen! Aber dazu müsste ich das Radio erst einmal finden. Den Sender. Ich schweife ab.

Der Zettel mit der Hausnummer in der Hosentasche knistert. Ich nehme ihn heraus. 48 wahrscheinlich. Blitz und Brezel. Es ist so gekrakelt. Und dunkel ist es auch, rundum. Wie bitte soll ich die gekrakelte Nummer auf dem Zettel lesen können? Es müsste Leuchtzettel geben. James Bond hat sicher Leuchtzettel.

Wenn ich ein Klapptelefon hätte, könnte ich es elegant aufklappen und die Nummer auf der Seite mit dem Display ablesen. Natürlich könnte die Nummer auch auf der Seite mit der Tastatur vermerkt sein. Mit Leuchttasten. Dann würde ich aber die Reihenfolge nicht kennen. 48 ist nicht 84. Bei langen Straßen wird es noch schlimmer: 198, 189, 819, 891, 918, 981, 198189.

Müßige Gedanken.

Ich stehe vor dem Haus mit dem erleuchteten Balkon. Falsche Nummer. Ein Mann tritt von hinten an mich heran, zischt mir irgendwie bösartig ins Ohr, nimmt mir das Dokument grob aus der Hand und verschwindet in der Dunkelheit. So ein Wüterich! Aber mein Problem hat sich erledigt. Das unbekannte Dokument ist nun im Besitz einer unbekannten Person.

Niemand hat den Balkon betreten oder verlassen, wobei ich nicht glaube, dass dort überhaupt jemand sitzt. Oder liegt. Man weiß ja nie. Vielleicht ein schlafender Papagei. Wenn Papageien überhaupt schlafen. Meerschweinchen schlafen. Hamster auch, obwohl sie gar nicht lange leben.

Eigentlich dürfte ich das alles gar nicht schreiben.

Nebel über dem Kanal

stonehenge

Die Busreise nach Stonehenge verging wider Erwarten wie im Fluge; wir sahen uns die komischen Säulen an, schnitzten unsere Namen hinein, aßen Pommes rotweiß mit Cola, fotografierten ein paar Ansichtskarten, um sie elektrisch zu versenden und ließen uns vom anwesenden Auskenner einen Überblick über die geschichtlichen Zusammenhänge aufsagen (römischer Limes, Wikinger, Hanse, Manchesterkapitalismus). Engländer waren nicht anwesend, wahrscheinlich waren sie im Stadion oder schon komplett ausgetreten. Ein Besuch im Pub rundete den Abend ab und reimte sich sogar.

Das Dreieck

gully

Letztens befuhr ich, was selten genug vokommt, mit meinem Automobil eine der glatten Straßen des ansonsten bemitleidenswerten Ortes, in dem ich meine Arbeit zu verrichten habe. Plötzlich verschwand etwa fünfzig Meter vor mir ein Dreieck in einem Gully. Für eine Ratte passte die Geometrie nicht, ein Hai wäre unlogisch gewesen, denn so viel hatte es nicht geregnet. Neugierig drosselte ich das Tempo, und tatsächlich tauchte schließlich kurz vor der Haube, als wäre es das natürlichste von der Welt, ein Vogel aus dem Gully auf, sah mich kurz aus seinen schwarzen Knopfaugen an und flatterte seines Weges.

Zu lernen gibt es aus dieser Begebenheit zweierlei: Erstens, Augenkontakt im Straßenverkehr ist wichtig, und zweitens, der Ort ist doch nicht so bemitleidenswert, wie ich dachte.

Gut gesagt – gern gesagt

Es gibt einige Dinge, die als halbwegs bewiesen gelten können, wie zum Beispiel die Existenz bzw. Nichtexistenz von Gott. Über jeden Zweifel erhaben allerdings ist die Tatsache, dass kein Planer von Radwegen jemals auf einem Fahrrad gesessen hat.

Gosh Rap (kurz)

gosh

Kuckst du
Ist das
Gemeinde Halbe
Nicht
Gemeinde Ganze
Eine Schwalbe
Macht noch
Keine Wanze
Gehst du
Weita
Blitzableita
auf Aluhut
Sattelschlepper
Meisterprepper
Doch zurück
Ins Glück
Des Waldes
Knallt es
Der Jäger
Und Heger
Hinlegen
Der Bregen
Des Wildes
Wegen Schweinepest gilt es
Von außerhalb halbgar
Die Schar
Wie immer
Ruhe gibts nimmer
Im Ganzen Land
Das ist bekannt
Nur im Halben
Salben
Wir uns das Haupt
Durch die Sonne beraubt
Der Wasser
Verprasser bedrohen
Den Überfluss
An freiem Genuss
Schluss
Damit
Und hiermit
Quakt der Frosch
Gosh

Entspannung

raf

Seit die Verwüstungen nicht mehr allzu sichtbar sind, halten traditionelle Reiseveranstalter wieder die deutschen Großstädte als Destinationen verfügbar, wenn auch nur auf dem Landweg.

Karl Gong im exotischen Land

exotisch

Karl Gong bisher nicht bekannt:
Dort ist das Exotisch-Land!
Treppe hoch im weiten Schwunge,
fiepend meldet sich die Lunge,
schnaufend eilt der Gong hinauf,
überholt in wildem Lauf
alle, die noch mit ihm eilen
— immer rennen, nicht verweilen! —
damit sie dann unter Palmen
liegend aus den Hemden qualmen,
Cocktails kippen, Kokos kauen,
dargeboten von den Frauen,
die, nur spärlich angezogen
und in rechte Form gebogen,
ihm bedeuten: Alles Schein,
kann nur buntes Trugbild sein.
Zuckend aus Sekundenschlaf
schreckt der Gong, blökt wie ein Schaf,
schenkt der Aufsicht einen Kuss
und vollzieht den Exotus.

Der sehr schöne Bahnhof

bahnhof

Der sehr schöne Bahnhof scheint mitten im Nichts zu stehen, nur umgeben von Autostraßen, damit der Reisende mit dem Auto zum Bahnhof fahren kann. Er kann aber auch mit dem Zug zum Bahnhof fahren. Will man im Bahnhof von einem Zug in einen anderen Zug umsteigen, muss man zeitig losfahren, weil man sonst wahrscheinlich zu spät kommt zum Umsteigen. Fährt man zu zeitig los, ist man immer pünktlich und muss lange warten.

Man besteigt das Vestibül des sehr schönen Bahnhofs durch eine der beiden geöffneten Seitentüren, es ist mit Imbissbuden versehen und zugig. Dann fährt man eine sehr lange Rolltreppe hinauf, wenn sie funktioniert. Will man nicht von den beiden oberen Bahnsteigen abfahren, rollt man wieder hinunter auf einen der acht anderen Bahnsteige. Das ist sehr schön für Leute, die gern Rolltreppe fahren. Die anderen sorgen sich, dass sie den Zug nicht schaffen, aber das ist meist unbegründet, denn auch dieser Zug ist verspätet.

Hat man im sehr schönen Bahnhof Zeit, kann man sich für Geld an einer der Imbissbuden, die auf der oberen Plattform stehen, etwas zu Essen kaufen. Der Verzehr kann im Stehen erfolgen oder auf einer stählernen Bank, die die Umgebungstemperatur angenommen hat. Die damit verbundene Verkürzung der Verweildauer ist im Interesse Aller. Durch die angebrachten Seitenwände des Bahnhofs ist es nur zugig, wenn der Wind aus bestimmten Richtungen kommt, anders als auf den Bahnsteigen, die nicht über Seitenwände verfügen.

Informationen zu Bussen, die nicht Eigentum des Bahnhofs sind, werden nicht erteilt (Konkurrenz). Auskunftspersonal für andere Fragen ist zu bestimmten Zeiten verfügbar, Verantwortliche verbergen sich in gesicherten Räumen. Die Informationen zum Zugverkehr werden per Lautsprecher ventiliert. Meist korrigiert man die geplanten Wagenreihungen, die sich dann aber doch als korrekt herausstellen, weil der Lokführer heimlich gewendet hat.

Der Architekt des sehr schönen Bahnhofs war so begeistert von seinem Entwurf, dass er das Vestibül nicht nur an einer Seite desselben anbrachte, sondern auch an der anderen, mit identischen Seitentüren und Imbissbuden. Nur die bunten Klopsbratereien unterscheiden sich dem Namen nach, was dem Reisenden die Orientierung erleichtert. Fährt der Reisende eine Rolltreppe hinunter ins falsche Vestibül, bemerkt er dies erst, wenn er trotz langen Umherirrens das Parkhaus nicht findet, in dem er seinen Wagen abgestellt hat.

Der Bahnhof selbst ist durchgehend grau gehalten, um die trübe Stimmung der Reisenden nicht zu beschädigen. Auch die Umgebung des Bahnhofs ist grau und deprimierend, eine verwechselbare Einöde. Seit der Bahnhof da ist, will niemand mehr hier wohnen, der es noch bis dato ausgehalten hat. Schaudernd tritt der Reisende nach Anblick der Umgebung zurück in den Bahnhof, labt sich an einem Imbiss, sucht nach Personal und bemüht sich, so schnell wie möglich weit weg zu kommen. Das ist der Zweck des sehr schönen Bahnhofs.

Ohne bzw. mit Regen

regencockpit

Manchmal, wenn man Zeit und Geld hat, fährt man in Länder, wo es noch regnet, hockt im Auto, spielt einen Tonträger ab, starrt auf das rinnende, stürzende Wasser, das die See hinter der Autoscheibe unter der Steilküste nur erahnen lässt, und denkt sich: Nu gugge.