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Vom Reisen

Amerikabericht

Stabile Boote sind geeignet, große Wasserflächen zu überqueren.

Ich kam nach Amerika auf der Great Eastern, dem Unglücksschiff. Außer mir waren nur neunundzwanzig Passagiere an Bord, weil die Reederei nicht erwartete, dass der unförmige Kahn jemals ankommen würde. Die achtzig Mann Besatzung waren der Reederei offensichtlich noch egaler als die Passagiere, sie hausten neben den Kesselöfen, die sie pausenlos mit Koks füllten. Es war ein Alptraum, zwei Wochen anhaltend, notdürftig gedämpft mit Unmengen von Absinth.

Schon der Stapellauf des Schiffes war ein ungeheures Desaster gewesen, man hatte es mit Wasser statt Champagner irrtümlich auf den Namen eines blutsaugenden Meeresmonsters getauft, eine zerspringende Kette zerteilte folgerichtig den für sie verantwortlichen Arbeiter, der mächtige Rumpf des Schiffes rutschte genau einen Meter Richtung Hafenbecken, sackte auf die überforderten Schienen und konnte erst nach drei Wochen unter Zuhilfenahme erheblicher Geldbeträge freigekämpf werden, zwei Tage später erlitt der Konstrukteur einen Gehirnschlag und verstarb.

Ich war überzeugt, dass Amerika nicht existierte, dass es eine Erfindung der Werftindustrie war und wir alle in Litauen landen würden, oder gar in Albanien, um in den Krautkochtöpfen oder auf den Souflakigrills der Einheimischen zu enden. Es machte tatsächlich keinen Unterschied, Amerika existierte zwar offensichtlich, war aber das lausigste Land, in dem ich mich jemals befunden hatte. Ich verdingte mich mangels Alternativen als Tellerwäscher, brachte es mit allerlei Ränkespielen, „harter Arbeit“, Mord und Totschlag zum Millionär und heiratete eine Schnalle, die es auf mein Geld abgesehen hatte.

Das Sonett vom Großen Eingriff

Toolbox (Beispielfoto)

Das Hemdchen kurz, lieg ich im Bette,
mein Herzchen klopft, mein Auge stiert,
und stimme zu, wie insistiert:
Ich häng am Leben wie die Klette

(das mir der Chefarzt bitte rette,
indem er seinen Schnitt riskiert,
genialisch, schwungvoll, ungeniert
mit Schere, Messer und Skalpette

im Chirurgie-Kollegium).
Ich nehme alles, nur den Hein
möcht ungern ich empfangen;

und steht er vor der Tür herum,
dann klemmt die Knochenfinger ein
und quetscht sie mit den Zangen.

Das schlampige Sonett vom Dahinreisen

Durch den kalten wilden Wald
schleicht die Nacht heran.
Summend schlängelt der Asphalt
sich im blauen Tann.

Borkenkäfer fressen still
Gänge in den Baum.
Wohin ich heut reisen will,
glaubst du, Liebste, kaum.

Sehe Licht blass in der Ferne,
leuchtend nun vom Top die Sterne
über Schäfchenherden.

Ach, im Himmel wär ich gerne,
oder besser, statt externe,
mit dir hier auf Erden.

Gedicht mit „fetzt“

Ich muss aufs Fahrrad. Jetzt.
Denn Fahrradfahren fetzt.
Ich rase um die Ecke.
Da guckste, oder, Schnecke?

Ich schnaufe durch den Tann
und komme niemals an.
Ich mache hundert Meilen
mit Treten, Bolzen, Keilen.

Ich habe keinen Blick
für rosa Lycra-Chic.
Ich schmiere von der Kette
ans Bein mir schwarze Fette.

Ich biege ins Karree.
Mir tut die Wade weh.
Ich leg mich in die Wanne
und leere eine Kanne

Kamillentee.

Nee.

Das Sonett von den zwei Seelen in der Seemannsbrust

freddy

„Raus auf See, wenn auch die Wellen
über alle Maßen schwellen,
Salzgischt uns die Augen beißt!
Jeder weiß hier, was es heißt

auf dem schwarzen Gummikutter
fern der Heimat, fern der Mutter
um Kap Hoorn…“ – „Du liebe Zeit,
fahren wir noch echt sou weit?“

„Ja doch. Macht dir das Probleme?
Warte, bis ich Maß dich nehme.“ –
„Kapitänchen, auf ein Wort,

ich vergaß die Sonnencreme.
Also bleib ich lieber heeme.“
Sprichts und hechtet über Bord.

Ansichtskarte aus Ägypten

aegypten

Dem kleinen Herrn Schönleben geht es gut.

Das überreichliche Essen schmeckt wie zu Hause, die Getränke sind gekühlt und, entgegen den Gepflogenheiten der Region, sehr alkoholreich, die Sonne scheint „wie die Sau“, das Zimmer ist ausreichend geräumig (für kleine Gäste), nur die Mitreisenden sind unattraktiv, zudringlich und laut, laufen mit Schnorcheln und Taucherbrillen behängt halbnackt durch die Lobby des Hotels, riechen nach Fisch und werfen aus dem Bus heraus Gegenstände auf die Straße, „für die Armen“.

Das Foto zeigt den kleinen Herrn Schönleben vor der Neunheit von Heliopolis, die freundlicherweise direkt am Pool aufgebaut und mit einem Lichtbildautomaten versehen ist.

Bald kommt das kaputte Flugzeug und holt alle wieder ab.

Die Höhe des Gebirges ist die Flachheit des Poems

gebirg

Manchmal ist es flach
oben auf der Höh.
Einsam ragt ein Dach
ohne weißen Schnöh.

Schwarze Äste kahl,
patzig ruht das Feld.
Ich dreh mich zum Tal,
dort erzeugt man Geld.

Hier erzeugt man Ruh.
Langsam wachs ich ein.
Holde, wo bist du?
Nimm den kalten Stein

in die warme Hand.
Gib ihm einen Drall,
wirf ihn weit ins Land.
Regentonne. Knall.

Schnell davongerannt.

Im Grenzgebiet

grenzgebiet
Echtfoto mit bewaffneten Organen

Heute morgen kurz vor dem Aufwachen befand ich mich auf dem Weg zur Ostsee im Grenzgebiet zwischen DDR und BRD. Doch statt zwischen verwurschtelten Buchen das Meer schimmern zu sehen, wurde mir nur ein rasend schnell durchlaufendes Bild präsentiert, wie damals bei unserem alten Fernseher. Ich suchte den in meiner Erinnerung langen, dünnen, glattschwarzen Knopf (beinahe Zylinder, aber immer noch Kegelstumpf), der unbedingt gefühlvoll zu drehen war, um das stroboskopierende Bild in Mittellage zu zwingen. Ein feinmotorisches Vermögen, das nicht jedem in der Familie gegeben war, vergleichbar dem, eine TU 144 auf der Autobahn zu landen.

Als das Bild endlich stillstand, tutete nicht das Küstenschutzschiff, sondern der Wecker, und ich starrte die Fototapete an, die auch mal gewechselt werden könnte.

 

Der See

see

Der See ist mit dem Meer
durch einen Stich verbunden.
Ein echtes Nadelöhr.
Ich brauch vierhundert Stunden
nach Hamburg mit der Yacht.
Der Schleusenwärter lacht.

An der Schranke

schranke

An der Schranke Wartezeit.
Über dir Alarm.
Wolkenwasser kommt von weit.
Treten hielte warm.

Nasse Hose, nasse Schuh.
Triebzug schnarcht vorbei.
Doch die Sperre bleibt noch zu.
Heute kommen zwei.

Viertelstunde. Kurbel. Seil.
Winkend übers Gleis.
Fahrradwandern ist schon geil.
Schutzblech? Nasser Steiß.