Kategorie-Archiv: Vom Reisen

Vom Reisen

Ballade vom Schlossherrn

Da steht die Burg seit Hunderten
von Jahren trotzig-fest.
Worüber wir uns wunderten:
Kein Heer gab ihr den Rest.

So packten wir in unserm Schweiß
den Reiseführer aus
und lasen deutlich schwarz auf weiß:
Hier steht kein Herrenhaus.

Hier steht des Fischers Hüttenbau,
aus Backstein, Lehm und Holz,
nach vorne Farbe, hinten rauh.
Das Boot ist eh sein Stolz,

im Hafen vorn, in rot und blau,
die Möwen sind sein Team.
Wir kriegen Fisch von seiner Frau
und neigen uns vor ihm.

Mein Wandertag

Komisches Kaufhaus: Die Damenabteilung im dritten Kellergeschoss?

Ich hatte mir vorgenommen, eine größere Wanderung zu absolvieren. Leider fehlte mir die entsprechende Ausrüstung. Ich hatte weder brauchbare Schuhe noch Strümpfe zur Verfügung, von einem Rucksack ganz zu schweigen. Außerdem hatte ich im sogenannten Internet gelesen, dass das Tragen eines Jogginganzugs ab 200 Metern Höhe verpönt wäre. Da ich mich tatsächlich aus dem Elbtal heraus etwa 300 Meter in die Höhe arbeiten wollte, stand also auch die Anschaffung von Hose und Jacke auf dem Programm. Alle Kleidungsstücke sollten natürlich vor den Augen der im Wald zu erwartenden Tourengänger bestehen können. Ich prüfte meinen Kontostand, und mir kamen die Tränen in Erwartung dessen, was mir bevorstand.

Im Kaufhaus war es eigentlich ganz schnucklig, gleich hinter dem Eingang lauerte mir ein Uhrenfachmann auf und verkaufte mir zwei höhentaugliche Chronometer (eines geht ja schnell mal kaputt), an einem weiteren Stand füllte ich einen ganzen Beutel mit Kosmetika, die ich unterwegs gut würde gebrauchen können. Für die Schuhe und die Bekleidung wurde ich vom Personal unter wiederholten Bücklingen zum Fahrstuhl eskortiert. Ein schönes Einkaufserlebnis, das muss man sagen!

Im Fahrstuhl allerdings war ich mit der Bedienung desselben hoffnungslos überfordert. Ich hatte einige der Knöpfe gedrückt, die zu den verschiedenen Etagen führen sollten, auf denen ich die Abteilungen vermutete, die ich zu plündern gedachte. Der Fahrstuhl ruckelte und bewegte sich wohl auch nach oben oder unten, aber immer, wenn ich ausstieg, stand ich vor dem Bullauge, das die Etage anzeigte: E, Erdgeschoss, hier war ich eingestiegen. Ja, genau, von fern hörte ich den Uhrenverkäufer räsonieren, und auch der penetrante Geruch der Parfümerie erreichte meine Nase.

Ich überlegte kurz, ob ich mich auf die Suche nach einer Treppe begeben sollte, aber dann würde ich für die am morgigen Tag zu bewältigenden Anstiege keine Kraft mehr übrig haben. Also setzte ich mich in den Gelenkbus, schleuderte nach Hause, lag eine Stunde in der mit neu erworbenen Ölen gefüllten Badewanne und verpasste am nächsten Tag den Zug in Richtung Böhmische Schweiz, weil ich mit der Weckerfunktion der beiden Chronometer heillos überfordert war.

Erstauntes Langgedicht

Ich bin ein mecklenburger Kind.
Ich bin sehr gern alleine.
Bin nicht gern, wo die andern sind,
die klaun mir nur Bernsteine.

Sie überweisen mir ihr Geld,
doch können sie gern bleiben
auf ihrem fernen Pfefferfeld
und dort ihr Wesen treiben.

Sie führen Viren in sich mit,
sie fressen unsre Fische,
sie tanken unsern prima Sprit
und kacken in die Büsche.

Es wär so schön in unserm Land,
mit Ostsee, Dünen, Pommern,
kämen sie nur nicht angerannt
in all den schönen Sommern.

Wir machen unsre Straßen dicht,
wir lassen sie gern leiden
in Masken und mit Schnelltestpflicht,
doch auch wenn wir sie schneiden:

Sie kommen immer wieder gern
in unser schönes Ländchen
aus Sachsen, Anhalt, ganz von fern.
Wir haben wohl ein Händchen.

Lamento

Ich möchte gar nicht lügen:
Ich wär jetzt gern auf Rügen.
Noch besser auf dem Darß.
Das ging nicht wegen Sarß.
Und nun bin ich verhindert,
was mein Befinden mindert.
Ich hocke tief im Land
(der Saale heller Strand.
Der Elster? Gar der Pleiße?)
Egal. Ist alles fein.

Mondmissionsdelirium

Strickerin: Wollmond.
Prüferin: Sollmond.
Turnerin: Rollmond.
Trinkerin: Vollmond.

Heut ist mir halb.
Ich bin ein Kalb.
Ich bin ein Reh.
Mund tut mir weh.

Mund heut sehr rund.
Ist das der Grund?
Ich geh ins Bett.
Mond macht mich fett.

Flieg zu ihm nauf.
Kein billjer Kauf.
Ich glaub ich spinn!
Wou isser hin?

Schülerin: Scheumond.
Bäuerin: Heumond.
Partnerin: Treumond.
Maurerin: Neumond.

Vom Verschwinden der Realität

Gucke mal die Mauer:
Ist gleich wieder weg.
Ihre (einst) Erbauer
trennen uns vom Dreck,

der dahinter gammelt
durch Beton und Stahl,
tief und fest gerammelt.
Wär mir ouh egal,

würde ich es sehen.
Bin ja hier geborn.
Fresse bittre Schlehen.
Saufe kalten Korn.

Volksparteien endlich volksnah

„Wer hier nicht klarkommt, muss auch nicht Fahrrad fahren“

Neuerdings betreiben Vertreter der Parteien, die mit C und A beginnen und noch lange nicht aufhören, aus Gründen, die ihnen von den motorisierten Volksmassen eingeschrieben sind, endlich das Ausmerzen des den zügigen Kraftverkehr störenden Radfahrwesens in der Metropole. Scheinbar paradox mutet es dabei an, dass sie zu diesem Zweck sogenannte Fahrradstraßen einzurichten begehren. Der Ortskundige hört natürlich erfreut die Nachtigall in die Pedale trapsen, handelt es sich doch bei den beabsichtigten Trassen um uralte, rumpelig gepflasterte Scheusale aus Rutschbasalt mit Zahnfleischschwund, die man selbst mit seinem Geländewagen (Pluginhybrid) äußerst ungern befährt. Sie führen als „schwieriges Geläuf“, zumal mit Zusatzausstattung „gleichrangige, zugeparkte Kreuzung“, gern in die Notaufnahme der Chirurgie; das Bestattungswesen wird leider aufgrund der gefahrenen Geschwindigkeiten beim „Übersehen“ der Rüpelradler eher weniger profitieren.

Im übrigen eine Technik, die der Waidmann als „Vergrämung“ praktiziert, und mitnichten ein Akt falsch verstandener Menschenfreundlichkeit, wie auf den ersten Blick zu befürchten stand.

Kapitän Kapitonow

Nach dem Sieg der erste Schluck!
Langsam weicht immenser Druck,
Siegenwollen, Siegenmüssen,
dem Verlangen nach den Küssen
der geföhnten Mädchen
hier im Ankunftsstädtchen.

Grade noch besinnungslos,
Magen klumpig wie ein Kloß,
auf dem Sattelbrettchen keulend,
innen wie ein Schlosshund heulend:
Jetzt die Funktionäre
schwafeln von der Ehre

dieses Sieges, Kapitän,
dieser Leistung, souverän!
Viktor schleicht sich von der Rampe,
schaufelt Kilos Nudelpampe,
dazu acht Bulettchen,
und allein ins Bettchen.

Amerikabericht

Stabile Boote sind geeignet, große Wasserflächen zu überqueren.

Ich kam nach Amerika auf der Great Eastern, dem Unglücksschiff. Außer mir waren nur neunundzwanzig Passagiere an Bord, weil die Reederei nicht erwartete, dass der unförmige Kahn jemals ankommen würde. Die achtzig Mann Besatzung waren der Reederei offensichtlich noch egaler als die Passagiere, sie hausten neben den Kesselöfen, die sie pausenlos mit Koks füllten. Es war ein Alptraum, zwei Wochen anhaltend, notdürftig gedämpft mit Unmengen von Absinth.

Schon der Stapellauf des Schiffes war ein ungeheures Desaster gewesen, man hatte es mit Wasser statt Champagner irrtümlich auf den Namen eines blutsaugenden Meeresmonsters getauft, eine zerspringende Kette zerteilte folgerichtig den für sie verantwortlichen Arbeiter, der mächtige Rumpf des Schiffes rutschte genau einen Meter Richtung Hafenbecken, sackte auf die überforderten Schienen und konnte erst nach drei Wochen unter Zuhilfenahme erheblicher Geldbeträge freigekämpf werden, zwei Tage später erlitt der Konstrukteur einen Gehirnschlag und verstarb.

Ich war überzeugt, dass Amerika nicht existierte, dass es eine Erfindung der Werftindustrie war und wir alle in Litauen landen würden, oder gar in Albanien, um in den Krautkochtöpfen oder auf den Souflakigrills der Einheimischen zu enden. Es machte tatsächlich keinen Unterschied, Amerika existierte zwar offensichtlich, war aber das lausigste Land, in dem ich mich jemals befunden hatte. Ich verdingte mich mangels Alternativen als Tellerwäscher, brachte es mit allerlei Ränkespielen, „harter Arbeit“, Mord und Totschlag zum Millionär und heiratete eine Schnalle, die es auf mein Geld abgesehen hatte.

Das Sonett vom Großen Eingriff

Toolbox (Beispielfoto)

Das Hemdchen kurz, lieg ich im Bette,
mein Herzchen klopft, mein Auge stiert,
und stimme zu, wie insistiert:
Ich häng am Leben wie die Klette

(das mir der Chefarzt bitte rette,
indem er seinen Schnitt riskiert,
genialisch, schwungvoll, ungeniert
mit Schere, Messer und Skalpette

im Chirurgie-Kollegium).
Ich nehme alles, nur den Hein
möcht ungern ich empfangen;

und steht er vor der Tür herum,
dann klemmt die Knochenfinger ein
und quetscht sie mit den Zangen.

Das schlampige Sonett vom Dahinreisen

Durch den kalten wilden Wald
schleicht die Nacht heran.
Summend schlängelt der Asphalt
sich im blauen Tann.

Borkenkäfer fressen still
Gänge in den Baum.
Wohin ich heut reisen will,
glaubst du, Liebste, kaum.

Sehe Licht blass in der Ferne,
leuchtend nun vom Top die Sterne
über Schäfchenherden.

Ach, im Himmel wär ich gerne,
oder besser, statt externe,
mit dir hier auf Erden.

Gedicht mit „fetzt“

Ich muss aufs Fahrrad. Jetzt.
Denn Fahrradfahren fetzt.
Ich rase um die Ecke.
Da guckste, oder, Schnecke?

Ich schnaufe durch den Tann
und komme niemals an.
Ich mache hundert Meilen
mit Treten, Bolzen, Keilen.

Ich habe keinen Blick
für rosa Lycra-Chic.
Ich schmiere von der Kette
ans Bein mir schwarze Fette.

Ich biege ins Karree.
Mir tut die Wade weh.
Ich leg mich in die Wanne
und leere eine Kanne

Kamillentee.

Nee.