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Vom Reisen

Meine schönste Flugreise

Nowaja Semlja (Beispielfoto)

Setz dich auf den Schemel da.
Es ruft Nowaja Semlja
mit der Kraft der Schallmusik.
Halt dich fest an diesem Strick.

Auf dem Rollfeld herrscht Alarm.
Schreiend rennen sie im Schwarm
um den alten Jet herum,
schrauben viel und gucken dumm.

Hast du wirklich echt erwartet
dass die Kiste sofort startet?
Geh noch schnell nach Käsebroten,
Wodka für den Chefpiloten.

Irgendwann erfolgt ein Ruckeln.
Hinter einem Trecker zuckeln
wir nach siebzehn Stunden schon
hin zur Abflugposition.

Der Natschalnik hebt die Kelle
und wir leeren auf die Schnelle
auch zwei Gläser. Alle Proost!
Auf geht es ans Eismeer Oost.

Unten winken die Cousinen
neben blinkenden Maschinen,
die nach Moskau destinieren,
voll mit bunten Offizieren.

Oben johlen wir enthemmt,
weil das Höhenruder klemmt.
Und wir steigen, welche Ehre,
singend in die Stratosphäre.

Ahoi

Dahin, wo die meisten sind.

Nun ist es doch soweit,
das Ende meiner Zeit.
Der Herrgott will mich haben
bei seinen Engelsknaben.

Er klemmt mich untern Arm,
dort ist es weich und warm.
Er will mich überzeugen,
soll seinem Wunsch mich beugen.

Wir steigen in die Höh,
ich sage: „Du, och nö,
was soll denn unten werden,
ganz ohne mich auf Erden?“

„Die kommen dann schon klar,
so wie es vor dir war.
Du kannst, um es zu sehen,
täglich am Fenster stehen

im oberen Geschoss
von meinem Himmelsschloss.“
„Ich mag das doch gern missen,
es klingt mir recht beschissen.“

„Du gehst jetzt zum Empfang!
Hörst du der Gläser Klang?
Erst kriegst du deine Pappe
und dann hältst du die Klappe.“

Ein Whisky wird gebracht.
In Lipsigrad ist Nacht.
Ich seh die Lichter blinken
und weiß euch zu mir winken.

Ahoi.

Der Absturz

Aus dem Wald hervortretend, eine Hand am Wegbier, gab der Boden unter seinen Füßen plötzlich nach. Geistesgegenwärtig klammerte er sich mit der freien Hand an das Schild „Betreten verboten! Absturzgefahr!“ und segelte zusammen mit diesem hinunter auf den Strand. Die Thermik war günstig, eine mit weichen Gräsern bewachsene Schräge bremste den Aufprall, alle Knochen blieben heil, selbst die Bierflasche trug keinen Schaden davon (0,08 € Pfand), abgesehen vom aufschäumenden und dadurch leider dem Genuss entzogenen Getränk. Der Wanderer spülte die Kreide in seinem Maul mit den letzten Tropfen aus der Flasche weg, zog die Schnürsenkel fest, fand das Telefon, das er beim hektischen Griff nach Halt hatte fallen lassen, fertigte ein Selbstporträt mit der Absturzstelle im Hintergrund an und musste mit dem Hochladen desselben in die Netzwerke warten, bis er die nächste nennenswert bewohnte Ortschaft erreicht hatte.

Lied vom Kacheln

Bierkachel. Oder so.

Wir kacheln los!
Das Ritzel groß!
Wir zischen
und wischen
durch die Lande!
Rasselbande
im Freilauf!
Auf, auf!
Geschwinde Winde!
Hinter die Binde
danach das Bier
in aus Gefrier-
schrank
gezognem Glas!
Hab Dank
für den Spaß,
den Entschluss,
es muss
vom Sofa weg
in den Dreck
der Mensch!
Mensch!

Die Sache hat einen Haken

Das mulmige Gefühl bei dem Gedanken, dass der mächtige Haken eigentlich nur etwas bewirken kann, wenn er korrekt eingeschnappt ist, verließ mich während der gesamten Überfahrt nicht. Dunkle Wasser umflossen den Kahn, von kleinen weißen Eisschollen bedeckt, wie mir schien. Wenn die Hydraulik versagt, stürzt das Teil, das der Haken halten soll, in die Tiefe, und wir alle hinterdrein.

Ich aß zwei Leberwurstbrote, damit ich sie nicht umsonst angefertigt hätte, würden wir versinken, und spülte mit dem Küstennebel nach, der eigentlich für die Oma bestimmt war.

Jawohl!

Der kleine Herr Schönleben, der von der Herrschaft gezwungen worden war, seinen Sommerurlaub im eklen November zu absolvieren, hatte unerschrocken eine Fährüberfahrt gebucht, obwohl er angesichts seiner kurzen Beine arge Zweifel hegte, das geliehene Kleinfahrzeug auf der schlingernden Eisenschüssel rechtzeitig zum Stehen veranlassen zu können. Ein Hinabgleiten in die Tiefen der dunklen See wäre die Folge gewesen! Aber alles ging gut, die Servicemitarbeiter hatten extra ein Netz gespannt und sprangen schreiend mit aufgerissenen Augen vor Schönlebens Wagen zur Seite und dann um ihn herum, in fremden Zungen fluchend, die rasende Fahrt des Wagens mit klammen Fingern abbremsend.

Als sich die Besatzung beruhigt und in ihrer Kammer Zuflucht gesucht hatte, um den Spirituosenvorrat zu überprüfen, nahm der kleine Herr Schönleben sein Klappmesser zur Hand und entfernte geschickt das Schild „Anweisung vom Personal beachten“, warf es unauffällig durch das geöffnete Seitenfenster seines bemitleidenswerten Ferienmobils und freute sich diebisch auf die Gesichter der Großkopferten, wenn sie des Schildes an prominenter Stelle im Großraumbüro ansichtig würden.

Wenn Grafiker alles geben

Gut, dass nur eine der beiden Fähren aktiv war, so dass wir lange genug warteten, um uns über das rätselhafte Schild auszutauschen: Eine gendermäßig unbestimmte Person, darauf konnten wir uns einigen, rufend, mit den Armen wedelnd, dabei weit über die dicken schwarzen Wellen ragend, weil das Wasser wohl nicht sehr tief ist, wurde vom Grafiker mit einem halbtransparenten Kreuz durchgestrichen. Irgend etwas soll die Person also nicht tun: Rufen, wedeln, aus dem Wasser ragen, sorgenvoll blicken. Und wenn doch, dann bitte nicht im gesamten Hafengebiet.

Weiter kamen wir nicht mit unseren Überlegungen, die Fähre legte an und wir befolgten die Anweisungen des Personals.

Das schlampige Sonett vom Wandern

Da latscht der Mensch dahin
auf Dreck. Er ist sein Freund.
Was ist des Lebens Sinn?
Dass man durch Welten streunt

und kuckt nach luv und lee.
Nach hinten? Nie! Nach vorn!
Sonst stößt du dir den Zeh
und spießt den Brombeerdorn

in Nase, Hand und Ohr.
da sei wohl Gott davor!
Behütet sollst du gehen

mit Licht und Bier und Brot.
Und ist die Ampel rot,
dann bleib nicht immer stehen.

Der unmäßige Reisende

In den Tunnel rollen!
Oben der Kanal.
Unten schweben Pollen,
Oben schwimmt der Aal.

Will sie haltlos preisen,
die verkehrte Welt!
Ihr Gedärm bereisen,
Taschen voller Geld

oder arm an Mitteln,
wär mir ouh egal.
Werde nichts bekritteln,
wenn sie nur nicht schal

zeigt, was ich erwarte,
stumpf, was ich schon weiß.
Wenn ich einmal starte,
will ich heißen Scheiß!

Das schlampige Sonett vom Dahinrasen

Mit Karacho durch den Wald!
Speichen sirren, Sonne knallt
auf den weißen Plastikhelm.
Langsam rollen? Bist ein Schelm!

Wer Geschwindigkeit nicht ehrt,
sitzt auf diesem Rad verkehrt.
Funktioniert nur volle Kraft.
Hat halt Pech, wer das nicht schafft,

kippt zur Seite,
volle Breite,
lallt: Oh weh oh weh!

Doch ich gleite
in die Weite,
bis er fällt: Der Schnee.

Im Angesicht des Fortschritts

Der Problembär, unterwegs im Rahmen einer seiner mittlerweile liebgewordenen Abwesenheiten, dahinrasend im modernen Reisezug, sinnierte, ob er nicht vielleicht auf einen modernen Arbeitsplatz wechseln sollte, zum Beispiel in eine dieser neuen Großbrauereien, wo die Prozesse funktionierten und alle in weißen Kitteln und mit Namensschildern auf glänzenden Elektrokarren, die wahrscheinlich auch noch jeden Abend geputzt wurden, durch die Gegend wisperten. Er dachte an seinen missgelaunten Chef Nitzsche, die Scherbenhaufen im Getränkemarkt, den klebrigen Boden, den Hof mit der umgefahrenen Mauer, den rasselnden Stapler ohne Licht, mit dem ihm das Malheur passiert war, die impertinenten Kunden und den Nachschlüssel zum Likörschrein. Ein Lächeln umspielte seinen Schnabel, er stieg an der nächsten Station aus und kaufte sich eine Rückfahrtkarte auf Firmenkosten.