Kategorie-Archiv: Vom Reisen

Vom Reisen

Ende der Saison

strandkoerbe

Voller Wehmut lass ich rieseln
in die kleine Plastedose
Ostseesand, vermischt mit Kieseln
aus der ollen Badehose.
Hab sie heute erst gefunden
hinten links im Kofferraum.
Nur als Reimwort: Was mit “Hunden”?
Strandkorb? Sonne? Aus der Traum.
Jetzt such ich die Pelerine.
Montag wieder in die Mine.

Schöner Ausflug

weg

Karl Gong benutzte eines Tages den Radweg auf dem Deich, um ins Naherholungsgebiet zu gelangen, wo er eine Bockwurst, ein Fischbrötchen und zwei Liter Gose einzunehmen gedachte. In träumerischer Vorfreude, nur getrübt durch den miserablen Zustand des Radweges, der offensichtlich von Menschen erbaut worden war, die Radfahrer abgrundtief hassten, sprang er von einer eingebauten Schottersteinspitze zur nächsten, wiederum lose Schottersteine nach links und rechts katapultierend.

“Diese Sauhunde!” brüllte Gong, denn bevor der Radweg durch die Sauhunde erneuert wurde, hatte er sich in tadellosem Zustand befunden, ohne jedoch hochwassertauglich zu sein.

“Scheiß auf das Hochwasser!” keilte Gong nach, da gab es schon ein Geräusch!

Bäng! machte das Rad. Bäng-Bäng! Wie bei Cher.

Wutheulend warf Karl Gong das dreckige, frisch geölte Fahrrad auf die Wiese, ergab sich der Not des Faktischen, demontierte die dreckstrotzende Technik und fand nach langer Suche die versteckte Schadstelle, klebte einen Flicken drauf, montierte “den Misthund” fluchend, die Luft jedoch entwich weiterhin; alles wieder auseinander geruppt, zweites Loch suchen und flicken, fluchen, schreien, montieren. Die Sonne, inzwischen nicht mehr der Rede wert, hing unentschlossen blass zwischen den höheren Bäumen.

Gong hetzte zum See, schlang sein Kontingent hinter, ihm war schlecht von dem unrund schlackernden Hinterrad, aber was muss, das muss. Erschöpft, seekrank und deprimiert schließlich traf er des Nachts die Lebensgefährtin an, die sich jedes Trostes enthielt und nur seine “völlig verdreckte” Erscheinung in gewählten Worten geißelte. Da er “so” nicht ins Bett gelassen wurde, übernachtete er in der Fahrradfaltgarage.

Der letzte Ausflug

fuesse

Ratlos sitz ich auf dem Felsen
oben und ich komm nicht runter.
Neben mir die beiden Elsen
und der dicke Onkel Gunther.
Keiner kennt den Weg zurück.
Wie wir stiegen: Unbekannt.
So beschert uns auch kein Glück
atemloser Blick aufs Land.
Panik spült durch die Gedärme.
Ich betrachte meine Füße.
Neide euch die Ofenwärme.
Sende trotzdem frohe Grüße.

Über Gofthe

innenfoto
Eines der etwa 400 Jackentaschenfotos

Als der unsterbliche Maler Gofthe am Vorvortag des Feiertages eine kleine Wanderung zu Ehren des letzteren unternahm, langweilte sich das Telefon in seiner Jackentasche dermaßen, dass es, neben weiteren egoistisch-sinnlosen Handlungen, die zu übermäßigem Stromverbrauch mit einhergehender Überhitzung führten, auch eine größere Serie von Lichtbildern des Jackentascheninnenlebens anfertigte.

Gofthe, von der ungewohnten Temperatur in seiner Bekleidung alarmiert, betrachtete das Ergebnis dieses Schaffensdrangs in der Galerie des dampfenden Telefons, brach ob der Schönheit der Aufnahmen weinend zusammen und hat nie mehr in seinem Leben irgendetwas gemalt.

Zum Exzess u. z. d. Damen

dampfer

Lass uns zur Promenade dampfern
und endlich frische Austern mampfern!
Dazu ein Eimer kalter Sekt,
Schon sind wir wohlig hingestreckt
gleich hinterm Strand, vor den Pensionen.
Im Urlaub soll man sich nicht schonen!
Und wenn die Damen Nasen rümpfen,
bewerfen wir sie mit den Strümpfen.

Aus dem Reisetagebuch

fernseh

Abends in der Pension stellten wir uns auf den Tisch und sahen uns den koreanischen Spätfilm an (mit Untertiteln). Obwohl wir von dem fremdländischen Geschnatter natürlich kein Wort verstanden, ließen wir den Ton laut mitlaufen (wegen der Atmosphäre), bis die Monteure aus dem Nachbarzimmer vor der Tür standen und uns Prügel androhten.

Fata Montana

kamele

Wenn beim Radeln durchs Gebirge solche Tiere wie im Bild sichtbar werden, sollte man es etwas ruhiger angehen lassen, etwas weniger fest in die Pedale treten und langsam der Dehydrierung vorbeugen. Korrekte Sichtungen: Nussknacker, Raachermanneln, Schwibbbögen, schlackebeladene Loren.

Nach Süden

suedbahnhof

Bahnhof Süd. Verheißung.
Fürchtend die Entgleisung
stehe ich vorm Schalter.
“Und, was willste, Alter?”
“Nächster Zug nach Süd,
wo der Flieder blüht.
Aber sicher muss er sein.”
“Isser. Also nu Roßwein?
Oder Döbeln, Leisnig, Mutzschen?
Wohin, Alter, willste kutschen?”
Dreckig ist sein Kittel.
Fehlen hier die Mittel,
auf den schmalen Gleisen
mein geplantes Reisen
freudvoll zu gestalten?
Welche Kräfte walten
in dem Dampf und Walle,
wissen wir ja alle.
Ach, dann eben Risiko!
Und ich rufe fröhlich: “So!
Lass mich durch die Landschaft prügeln
auf dem Stahlroß hin nach Mügeln.”
“Aye Sire, da die Karte. Hier
für zwei Stunden Wartebier.”
“Prost!”
“Prost!”

Die Ingo-Gottheit

uhu

Karl Gong, der bekannte Weltreisende, hatte in frühen Jahren an diversen Ausplünderungen fremder Kontinente teilgenommen, derer er sich mittlerweile innerlich schämte; äußerlich jedoch trug er die Nase oben und behauptete, heute wäre ja alles noch viel schlimmer, und man hätte damals immerhin das Gute gewollt und leider mit dem Hintern den einen oder anderen Tempel umgerissen, aus Unkenntnis zumeist, doch mittlerweile sei man, also er, Gong, moralisch gereift, quasi um die Ecke der Erkenntnis gebogen, geläutert, rein juristisch wäre sowieso nichts zu machen, also überhaupt kein Grund, sich mit Asche aus dem längst dahingegangenen Kachelofen zu pudern.

Im schmuddligen Hof seines engen Anwesens jedoch, schräg über dem gemauerten Grillplatz, der auch schon fröhlichere Fleischzubereitungen gesehen hatte als gerade eben, da die Steckwursten von nebenan ihre eingelegten Kammscheiben auf den Grill schplatzte, von denen ihm so schlecht werden wird, er weiß das, schon beim Verzehren wird ihm schlecht werden von den Knorpeln und Sehnen und Fetträndern, thront auf einem Absatz stramm und feist und passiv-aggressiv die kleine aztekische Gottheit. (Oder ist es eine Ingo-Gottheit? Schuhmannschen? Wer soll das jetzt noch auseinanderhalten?)

Und dann, wenn die Steckwursten nach dem achten Schokobecher Eierlikör lallend fragt, was das für ein Vogel ist, der da auf dem Brett steht, wird der sonst so geschmeidig-kühle Gong, Karl, das Flattern kriegen, scheu nach schräg oben zu der kleinen Gottheit linsen, ob sie jetzt endlich ihren Strahl der Verdammnis auf ihn abschießen würde, dann hätte das alles hier endlich ein Ende mit der Steckwursten, den zähen Kammscheiben und dem elenden Eierlikör.

Allein, kein finaler Rettungsblitz erstrahlt, Gong zieht sich enttäuscht würgend auf das Sommer-WC zurück und beschließt, vorerst nicht zurückzukehren.

Wenn die Wende klappen tut

paddel

Mich erfasst ein Zorn,
denn Werner paddelt vorn.
Mal zu langsam, mal zu schnelle,
Angst hat er vor jeder Welle.

Was sucht er im Boot?
Er will zum Abendrot.
Immer nur der Sonne folgen.
Doch die deckt sich hinter Wolken.

Werner nimmt das krumm.
“Kehr’n wir wieder um?”
Ich, erleichtert: “Ja. Na gut.
Wenn die Wende klappen tut.”

Von der christlichen Seefahrt

schub

“Das Geschubse immerzu”,
spricht der Alte auf der Brücken.
“Niemals hat man seine Ruh,
Reiben, Drängeln, Zerren, Drücken

in den Häfen dieser Welt!
Ach, könnt ich nur Fahrtensegeln
ohne diese Jagd nach Geld,
ohne Zwang und ohne Regeln,

auf dem weiten stillen Meer!”
“Alter willst du hier mal nippen?”
Fragt der Koch von unten her.
“Ja!” Schon wieder froh beim Kippen

lacht der Alte: “Der Absinth!”
und bekreuzigt sich geschwind.