Kategorie-Archiv: Vom Reisen

Vom Reisen

Gut gesagt – gern gesagt

Es gibt einige Dinge, die als halbwegs bewiesen gelten können, wie zum Beispiel die Existenz bzw. Nichtexistenz von Gott. Über jeden Zweifel erhaben allerdings ist die Tatsache, dass kein Planer von Radwegen jemals auf einem Fahrrad gesessen hat.

Gosh Rap (kurz)

gosh

Kuckst du
Ist das
Gemeinde Halbe
Nicht
Gemeinde Ganze
Eine Schwalbe
Macht noch
Keine Wanze
Gehst du
Weita
Blitzableita
auf Aluhut
Sattelschlepper
Meisterprepper
Doch zurück
Ins Glück
Des Waldes
Knallt es
Der Jäger
Und Heger
Hinlegen
Der Bregen
Des Wildes
Wegen Schweinepest gilt es
Von außerhalb halbgar
Die Schar
Wie immer
Ruhe gibts nimmer
Im Ganzen Land
Das ist bekannt
Nur im Halben
Salben
Wir uns das Haupt
Durch die Sonne beraubt
Der Wasser
Verprasser bedrohen
Den Überfluss
An freiem Genuss
Schluss
Damit
Und hiermit
Quakt der Frosch
Gosh

Entspannung

raf

Seit die Verwüstungen nicht mehr allzu sichtbar sind, halten traditionelle Reiseveranstalter wieder die deutschen Großstädte als Destinationen verfügbar, wenn auch nur auf dem Landweg.

Karl Gong im exotischen Land

exotisch

Karl Gong bisher nicht bekannt:
Dort ist das Exotisch-Land!
Treppe hoch im weiten Schwunge,
fiepend meldet sich die Lunge,
schnaufend eilt der Gong hinauf,
überholt in wildem Lauf
alle, die noch mit ihm eilen
— immer rennen, nicht verweilen! —
damit sie dann unter Palmen
liegend aus den Hemden qualmen,
Cocktails kippen, Kokos kauen,
dargeboten von den Frauen,
die, nur spärlich angezogen
und in rechte Form gebogen,
ihm bedeuten: Alles Schein,
kann nur buntes Trugbild sein.
Zuckend aus Sekundenschlaf
schreckt der Gong, blökt wie ein Schaf,
schenkt der Aufsicht einen Kuss
und vollzieht den Exotus.

Der sehr schöne Bahnhof

bahnhof

Der sehr schöne Bahnhof scheint mitten im Nichts zu stehen, nur umgeben von Autostraßen, damit der Reisende mit dem Auto zum Bahnhof fahren kann. Er kann aber auch mit dem Zug zum Bahnhof fahren. Will man im Bahnhof von einem Zug in einen anderen Zug umsteigen, muss man zeitig losfahren, weil man sonst wahrscheinlich zu spät kommt zum Umsteigen. Fährt man zu zeitig los, ist man immer pünktlich und muss lange warten.

Man besteigt das Vestibül des sehr schönen Bahnhofs durch eine der beiden geöffneten Seitentüren, es ist mit Imbissbuden versehen und zugig. Dann fährt man eine sehr lange Rolltreppe hinauf, wenn sie funktioniert. Will man nicht von den beiden oberen Bahnsteigen abfahren, rollt man wieder hinunter auf einen der acht anderen Bahnsteige. Das ist sehr schön für Leute, die gern Rolltreppe fahren. Die anderen sorgen sich, dass sie den Zug nicht schaffen, aber das ist meist unbegründet, denn auch dieser Zug ist verspätet.

Hat man im sehr schönen Bahnhof Zeit, kann man sich für Geld an einer der Imbissbuden, die auf der oberen Plattform stehen, etwas zu Essen kaufen. Der Verzehr kann im Stehen erfolgen oder auf einer stählernen Bank, die die Umgebungstemperatur angenommen hat. Die damit verbundene Verkürzung der Verweildauer ist im Interesse Aller. Durch die angebrachten Seitenwände des Bahnhofs ist es nur zugig, wenn der Wind aus bestimmten Richtungen kommt, anders als auf den Bahnsteigen, die nicht über Seitenwände verfügen.

Informationen zu Bussen, die nicht Eigentum des Bahnhofs sind, werden nicht erteilt (Konkurrenz). Auskunftspersonal für andere Fragen ist zu bestimmten Zeiten verfügbar, Verantwortliche verbergen sich in gesicherten Räumen. Die Informationen zum Zugverkehr werden per Lautsprecher ventiliert. Meist korrigiert man die geplanten Wagenreihungen, die sich dann aber doch als korrekt herausstellen, weil der Lokführer heimlich gewendet hat.

Der Architekt des sehr schönen Bahnhofs war so begeistert von seinem Entwurf, dass er das Vestibül nicht nur an einer Seite desselben anbrachte, sondern auch an der anderen, mit identischen Seitentüren und Imbissbuden. Nur die bunten Klopsbratereien unterscheiden sich dem Namen nach, was dem Reisenden die Orientierung erleichtert. Fährt der Reisende eine Rolltreppe hinunter ins falsche Vestibül, bemerkt er dies erst, wenn er trotz langen Umherirrens das Parkhaus nicht findet, in dem er seinen Wagen abgestellt hat.

Der Bahnhof selbst ist durchgehend grau gehalten, um die trübe Stimmung der Reisenden nicht zu beschädigen. Auch die Umgebung des Bahnhofs ist grau und deprimierend, eine verwechselbare Einöde. Seit der Bahnhof da ist, will niemand mehr hier wohnen, der es noch bis dato ausgehalten hat. Schaudernd tritt der Reisende nach Anblick der Umgebung zurück in den Bahnhof, labt sich an einem Imbiss, sucht nach Personal und bemüht sich, so schnell wie möglich weit weg zu kommen. Das ist der Zweck des sehr schönen Bahnhofs.

Ohne bzw. mit Regen

regencockpit

Manchmal, wenn man Zeit und Geld hat, fährt man in Länder, wo es noch regnet, hockt im Auto, spielt einen Tonträger ab, starrt auf das rinnende, stürzende Wasser, das die See hinter der Autoscheibe unter der Steilküste nur erahnen lässt, und denkt sich: Nu gugge.

Wandergemurmel

gesicht

Man geht weit
oder nicht.
Der Stein schreit
oder nicht.

Man schaut hin
oder nicht.
Es hat Sinn
oder nicht.

Letztendlich
unendlich
der Wanderer
(oder ein anderer)

läuft, solang
er nicht fällt
vom Rundgang
um die Welt,

dem Saum der Scheibe.
Du, bitte, bleibe.

Hinter den Mars?

mars

Mars (Beispielfoto)

Montags in der Kantine erzählte mir N. von seinem Wochenendausflug. Er hatte am Freitag Urlaub genommen und war „von hier aus hinter den Mars“ gereist, und damit meinte er tatsächlich den Planeten. N. wollte sich „unsere bemitleidenswerte Existenz einmal aus der Entfernung“ ansehen, um „sozusagen Abstand zu gewinnen und entsprechende Schlüsse“ zu ziehen.

Ich bezweifelte, dass ein derartiger Ausflug in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen wäre, außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass N. finanziell über die Mittel für eine solche Reise verfügte. Er aber verwies darauf, dass er kostenlos an einem entsprechenden Forschungsprogramm teilgenommen hatte, mit 119 anderen Reisenden.

Ich musste wohl oder übel diese Erläuterungen akzeptieren. Auf meine Nachfrage hin, wie das Entfernungsproblem denn technisch gelöst wurde, beschrieb er eine Art Teleportation, während der sein Körper in seine einzelnen Moleküle aufgebrochen und hinter dem Mars wieder zusammengesetzt wurde. Auch dagegen konnte ich nichts weiter einwenden, das Verfahren kannte ich im Groben aus dem Fernsehen.

Allerdings war ich dann doch ganz froh, an diesem Programm nicht teilgenommen zu haben, denn durch eine kleine Unsauberkeit von Seiten der Forscher hatte sich beim Zusammensetzen des N. auf der Erde in diesem Zahnstein materialisiert, der vorher nicht vorhanden war. Mit Schaudern dachte ich an die eben erst erfolgte schmerzhafte Entfernung desselben von meinem Gebiss, mit ekelhaften Kratz-, Schleif- und Rüttelwerkzeugen in meinem weit aufgerissenen Schlund, fast besinnungslos und ohne jede Möglichkeit, mein Leiden angemessen herauszuschreien.

Eine Reise hinter den Mars, so elitär sie auch sein mag, ist die Wiederholung dieser Tortur nicht wert.

Übärfahrt

uebaerfahrt

Nach England geht es heute!
Problembär wittert Beute.
Das Pfund ist abgeschmiert.
Die Gläser sind poliert.
Sechs Bier und man wird heiter.
Die Freundschaft lebe weiter
von Inselvolk und Kraut!
Acht Bier und man wird laut.
Zehn Bier, man will ins Bett.
Bis morgen. Heut wars nett.

Die Kreuzfahrt

hafen
Die Häfen der Welt sind verstopft von Kreuzfahrtschiffen (Beispielfoto)

Karl Gong, ein bekannter Reisender, der das Kreuzfahrtwesen zutiefst verabscheute und bei jeder sich bietenden Gelegenheit dagegen polemisierte, ohne je selbst auf einem Schiff größer als die “Wilhelm Pieck” gefahren zu sein, wurde von seiner Lebensgefährtin unter Androhung des Beziehungsendes dazu genötigt, eine solche Kreuzfahrt “entweder zum Nordpol oder Südpol, Hauptsache nicht nach Osten” zu vollziehen, wobei er auf seine bange Frage, ob “das Boot wirklich nicht auf der Leninwerft zusammengenietet” worden wäre, im Reisebüro keine befriedigende Antwort erhielt.

Nachdem Gong schließlich Monate später die zwei Koffer über die Gangway ins Innere des Schiffes gerollt und man ihm und der Holden das überraschend enge Zimmer zugewiesen hatte, das ständigen körperlichen Kontakt unumgänglich machte, was ihn freute und die Holde zu einer Beschwerde beim Bootsmann veranlasste, beschloss er, sich widerstandslos den angebotenen Vergnügungen des Ortes hinzugeben; er fraß zuviel und sprach ebenso unmäßig dem Alkohol zu, lungerte bei den Damen am Pool herum, brachte den Kapitän mit nautischen Fragen sowie seinen Vermutungen über die Navigation nach dem Sternenhimmel zur Verzweiflung und freute sich am herrlich binären Kontrast vom umgebenden Schnee auf den Eisschollen einerseits und dem das Schiff entquellenden Ruß andererseits.

Das ständige sanfte Schlingern des Kahns erzeugte dabei im Gong ein wattiges Taubheitsgefühl, eine willenlose Eingesponnenheit, ein glückliches Delirium, das selbst bei den ungeliebten Landgängen nicht verschwand und ihn, der diesen Zustand durchaus als angenehm betörend empfand, sollte er über längere Zeit fortdauern, positiv gestimmt in die Zukunft blicken ließ.

Konflikt

fahrraeder
Fahrräder (Beispielfoto)

Karl Gong, der exzellente Radfahrer, musste an einer Ampel, die gerade auf grün gesprungen war, einen Rennradfahrer umkurven, der nicht vom Fleck kam, nahm also trotz seines in die Jahre gekommenen viel zu schwer knirschenden Velos Tempo auf, rollte freudig dahin mit wehendem Schopf und permanent die Umgebung nach Gefährdungen absuchenden Augen, als sich endlich von hinten der Mensch auf seinem Rennrad herangekämpft hatte und ihm zuröhrte: „Da hast du aber Glück gehabt, dass meine Schaltung kaputt ist.“

Gong, den tatsächlich das Gefühl beschlich, sich für irgend etwas entschuldigen zu müssen, zum Beispiel, schneller als ein per se schnelleres Rennrad unterwegs zu sein, also quasi mit einem Trabanten einen Porsche überholt zu haben, murmelte etwas in der Art von: „Ich fahre doch nur so vor mich hin“, was natürlich nicht stimmte, denn es war ihm sehr wohl bewusst, dass das kapitalistische System der Wettbewerbsmaximierung auch auf Radwegen nicht außer Kraft gesetzt war.

Trotzdem war er der Meinung, dass sich das Thema damit erledigt hatte, jedoch, mitnichten, als der selbsternannte Konkurrent an der nächsten Ampel schnaufend aufgeholt hatte, begann er den Gong inmitten der beachtlichen Menschenmenge der Zentralhaltestelle aufs übelste und wüsteste und unflätigste zu beschimpfen, wobei die mehrmals vorgebrachte Hauptanklage darin bestand, dass Gong „immer das letzte Wort haben müsse, und er kenne solche *** genau“, und er ließ auch keine Entschuldigung des Gong (für was auch immer) gelten, denn das war ja wieder das letzte Wort dieses ***.

Karl Gong, in seinem permanenten Zustand des Peinlich-Berührt-Seins noch tiefer vergraben, stellte für sich fest, dass der Idiotentest nicht nur bei Autopiloten angewendet werden sollte, bevor sie einen Führerschein erlangten, sondern auch bei Radfahrern, aber er behielt diese Erkenntnis zunächst für sich.

Endlich wurde grün.