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Besuch aus Hollywood

Modernste 3D-Technologie ermöglicht atemberaubende „Blockbuster“-Streifen

Der Hollywoodmogul hatte es sich auf dem Heimarbeitssofa des kleinen Herrn Schönleben bequem gemacht. Schönleben wippte nervös in seinem Schwingsessel auf und nieder. Eigentlich forderte ihn sein Laptop zu einer fünfzehnminütigen Ruhezeit auf, aber was sollte er machen, wenn dieser seltsame Gast sein Sofa blockierte? Er hatte sich als Herr Goldwien (oder ähnlich) ausgegeben und war mit der Metro gekommen, um Schönleben bei der Arbeit zuzusehen.

Das Ganze war sicher ein Missverständnis. Der Art Director in seinem krankhaften Egomanenwahn trieb sich permanent auf irgendwelchen Netzwerk-Partys herum, prahlte mit seinem „Staff“, dessen „Skills“ und „Performance“, um irgendwie den Abflug in eine ernstzunehmende Agentur zu schaffen. Dafür klaute er sich aus dem Internet angebliche Arbeitsproben zusammen, die er permanent auf seinem Telefon hin und her wischte. Die bemitleidenswert räudigen Grafiken mit den vor Rechtschreibfehlern strotzenden Texten seiner Untergebenen waren nicht dabei.

Der Mogul aber hatte sich bei einem dieser Events wider Erwarten interessiert gezeigt an den atemberaubenden 3D-Fertigkeiten des kleinen Herrn Schönleben, der in der Agentur für die Schaffung der virtuell begehbaren Tortendiagramme zuständig war. Bisher waren diese lediglich in einer Internet-Präsentation des Herrn Dachdecker Schnürgel aus Albersdorf zur Anwendung gekommen, der damit potentielle Investoren ködern wollte. Aber Schönleben musste für den Art Director „in freien Stunden“ Unmengen ebensolcher Diagramme basteln, in denen dieser im Rahmen seiner nächtlichen Drogeneinnahme stundenlang umherirrte.

Schönleben jedenfalls schichtete nun mit den von Pralinen klebrigen Fingern Torte auf Torte, Tortenstück auf Tortenstück, jeweils wie aus bunt gefärbtem Glas, durch die er sich schließlich wie ein Äffchen hangelte, magische Welten, die im Mogulen durchaus einen kleinen Rausch zu entfalten schienen, starrte er doch mit weit aufgerissenen Augen auf das schnarrende, pfeifende, rasselnde Billiggerät, an dem Schönleben seine Befehle mit zwei Fingern in kryptischen Zeichenfolgen einklackerte.

Nach vier Stunden erhob sich der Mogul ächzend vom Sofa, rieb sich den Schlaf aus den Augen, presste „Great work, guy!“ und „Absolutely awesome!“ durch die Zähne, schleppte sich zur Tür und ward nie wieder gesehen. Der kleine Herr Schönleben schnellte auf das schön angewärmte Sofa und schlief durch bis zum Spätfilm.

Die Triebkräfte der Produktion

„Wo man vereint Verstand mit Muskelkraft,
dort blüht der Weizen der Genossenschaft!“

Kaum hatte der kleine Herr Schönleben dieses schöne Gedicht von Fredo G. Winser-Schnellig, dem Cheftexter der Agentur, in einer hübschen Schriftart auf dem Flyer angeordnet, ploppte das hochrote, verpixelte Gesicht des Art Directors (im Hintergrund die Kommandobrücke eines Raumschiffs) auf seinem Bildschirm auf. Kurz darauf erschienen auch die verstörten Grimassen der Kollegen, die ratlos in ihre Kameras starrten.

„So, jetzt mal alles stehen und liegen lassen, ihr Rüben! Wir sind gehackt worden!“

„Hoho, von der Feldbaubrigade der Genossenschaft, oder was?“ brüllte der kleine Herr Schönleben und wälzte sich auf dem Boden, vergnügt über den gelungenen Witz. Leider waren er und Fredo die einzigen mit dem Flyer beschäftigten Mitarbeiter, so dass sein Scherz ins Leere lief. Der Art Director war glücklicherweise zu sehr mit seiner eigenen Wichtigkeit beschäftigt, als dass er sich die Zeit nehmen wollte, Schönleben zurechtzuweisen.

„Präzisiere: Unser verehrter Herr Geschäftsführer ist gehackt worden, während er, äh, das tut hier nichts zur Sache, ihr Runkeln! Jedenfalls ist ab sofort aus Sicherheitsgründen jeglicher Kontakt mit dem sehr geehrten Herrn Geschäftsführer bis auf weiteres untersagt!“

Ein unbeschreiblicher, vielstimmiger Jubel stieg daraufhin aus den Kehlen der Belegschaft auf, hell und entschlossen, freudig und unversiegbar, so dass selbst der Art Director nach anfänglicher Irritation fraternisierte und mit aufgerissenem Maul einstimmte. Goldene Tage standen ins Haus ohne Schikane, Überstunden und Gebrüll, man würde den sozialistischen Wettbewerb zelebrieren wie eine Polonaise der guten Laune, sich anerkennend über die Schultern der Kollegen beugen (rein virtuell), Flaschen mit Hell- und Kraftbier leerend entspannt den unweigerlich auszureichenden Prämien entgegenarbeiten. Ein goldener Herbst, Erntezeit, Freiheit, Brüderlichkeit.

„Es lebe der Hacker!“ rief der kleine Herr Schönleben, und alle, wirklich alle brüllten im Chor mit, bis pünktlich um sechzehn Uhr die Sirenen aus den quäkenden Laptoplautsprechern das Ende der heutigen Fron verkündeten.

Klappe!

Filmstudios befinden sich oft in coolen, abgeranzten Locations

Der kleine Herr Schönleben war vom Art Director zum Dreh eines Werbespots kommandiert worden, weil „alle anderen in diesem Drecksladen noch dämlicher“ als er seien und jemand den Filmfritzen auf die Finger klopfen müsse, damit der „Spirit of the Campaign“ nicht verlorengehe.

Im Studio stand der kleine Herr Schönleben sinnlos pfeifend in der Ecke, bis sich jemand erbarmte und ihm eine Klappe in die Hand drückte, auf die die aktuelle Szene, „The Take“, mit Kreide geschrieben war. Wie in diesen Hollywoodfilmen über Hollywoodfilme! Der kleine Herr Schönleben plusterte sich auf, fühlte sich plötzlich immens wichtig, rannte wie aufgezogen herum, und sobald irgendjemand etwas sagte, knallte er mit der Klappe und rief, so laut er konnte: „Klappe! Klappe! Klappe!“

Umgehend wurde er in den Frauenruheraum verbracht, mit feuchten Tüchern abgekühlt und in den Schlaf gesungen. Der „Spirit of the Campaign“ mischte sich mit den kreativen Ausdünstungen der Crew zu etwas komplett Ungenießbarem, Chef und Art Director waren bei der Präsentation vor Begeisterung aus dem Häuschen und hefteten dem kleinen Herrn Schönleben ein virtuelles Bienchen an, das erste in seiner Karriere.

Vom Undank

Gratifikationsentsetzen

Der kleine Herr Schönleben hatte einen wichtigen Auftrag für einen wichtigen Kunden glücklich beendet; zwar etwas verspätet, doch zur äußersten Zufriedenheit des Art Directors, der die speziellen Wünsche des Kunden mit aller Macht durchgesetzt hatte. Es war ein Männlein zu zeichnen mit unverkennbar folkloristischem Einschlag, Hut, Bärtchen, landsmannschaftlich gefärbter Mundnasenbedeckung — alles in allem eine extrem aufwendige, diffizile Arbeit, die man nicht so einfach aus dem Internet herunterladen konnte, jedenfalls nicht von den Seiten, auf denen der kleine Herr Schönleben üblicherweise unterwegs war.

Der Kunde war glücklich und schickte eine Palette Pralinen in die Agentur, von der allerdings nur eine leere Kartonage in Schönlebens Homeoffice ankam, den Inhalt hatten offensichtlich Chef und Art Director gemeinsam im Bureau verzehrt, wahrscheinlich unter Absingen hämischer Lieder, denn es handelte sich um die guten Alkoholpralinen, die auch der kleine Herr Schönleben besonders schätzte. So legte er sich frustriert und erschöpft ins Bett und bohrte noch ein wenig mit einem Wattestäbchen in der Nase, bevor er in tiefen Schlummer sank und von Himbeergeist in Schokoladenkruste träumte.

Die Einmischung der Vergangenheit

Multifunktionsgerät (Beispielfoto)

In einer der langweiligen Videokonferenzen, die der Chef ausrichtete, um seine „geliebten Mitarbeiter, diese Hohlköpfe und Nichtsnutze“ auf gnadenlose Profitmaximierung einzuschwören, las der kleine Herr Schönleben nebenbei einen Bericht über die Gewohnheiten der Angestellten im letzten Jahrtausend. So schien man damals insgesamt viel aufsässiger gewesen zu sein, und auch lustiger Schabernack war wohl viel mehr fester Bestandteil des betrieblichen Lebens als heute. So galt es als Höhepunkt des Tages, sich mit dem nackten Arsch auf den Kopierer zu setzen und die Ausdrucke per Fax überall hin zu versenden. 

Als leicht zu begeisternde Kreativkraft sprang der kleine Herr Schönleben sofort auf das neben dem Laptop befindliche Multifunktionsgerät, setzte sich ohne Zwickel auf die Glasplatte, genoss das Gefühl, als der gleißende Lichtstrahl seinen Körper von unten illuminierte, und druckte das Abbild sofort aus. Begeisterung! 

Der Art Director, über das kurzzeitige Fehlen des Schönleben auf dem Bildschirm verärgert, forderte Aufklärung, die er in Form der Behauptung des S. erhielt, jener arbeite eben nebenbei an der Kampagne für Sanitär-Rottemöller, wobei er das surreal verfremdete Abbild seines Hinterns triumphierend über dem Kopf schwenkte.

Einen so schönen Arbeitstag für alle außer die Großkopferten hatte es in der Agentur schon lange nicht mehr gegeben. 

Der Einkauf

Der kleine Herr Schönleben schleppte sich zum Getränkehändler. Sein Laptop hatte ihn in einer Werbeunterbrechung des Heimarbeitstages mit sogenannten Energy Drinks bekannt gemacht. So etwas wollte er auch, brauchte er unzweifelhaft. Gähnend riss er das Maul auf. 

„Mach mal deinen Schnabel zu, Genosse, oder willst du mir ein Stück Fell rausreißen?“ rief der auf dem Stapler vorbeibrausende Hofarbeiter.

„In keinester Weise, Verehrtester!“ versicherte Schönleben und machte einen Bückling. „Ich will einen Energy Drink.“

Der Hofarbeiter fuhr eine scharfe Kehre, schrie dabei „Gong, Gong, Gong!“, denn er hatte weder Hupe noch Klingel an seinem maroden Gefährt, dann brüllte er „Aufsitzen!“ und raste mit Schönleben durch die Abteilungen. Irgendwo griff er im Fahren einen Kasten Hellbier, klemmte ihn in den Fußraum, brauste an der Kasse vorbei über den Hof und lieferte Schönleben nach Adressabfrage direkt vor dessen Haustür ab. Er warf den Kasten auf den Fußweg, alles blieb heil, brüllte „Es lebe die kommunistische Weltrevolution! Macht genau zwanzig null null!“, steckte sich das Geld in den Zwickel und verschwand in einer Wolke aus Ruß und Straßendreck um die Ecke. 

Der kleine, von diesem Abenteuer völlig erschöpfte Herr Schönleben trug die Flaschen einzeln nach oben, wobei er mehrmals auf der Treppe einschlief, den leeren Kasten trat er auf die Straße. Die Videokonferenz mit dem Art Director absolvierte er unter dem in seinem Leben erstmaligen Genuss zweier Flaschen Hellbier, und er klappte den Laptop nach dem Schlussgong in der Gewissheit zu, sich wacker geschlagen zu haben, denn der Art Director war schreiend auf seinem Stuhl zusammengebrochen. 

Die Muren sind über uns

Suchschweine auf einer Mure (Symbolfoto)

Der Chef hatte den „Auftrag des Jahrhunderts“ an Land gezogen und tanzte vor seiner Laptopkamera und den entsetzten Augen des „Teams“ an den Bildschirmen eine Art Kasatschok. Der Art Director, dieser opportunistische Idiot, sprang ebenfalls wie ein Derwisch in seinem Keller hin und her und fiel erst später in die Regale als der Chef, was diesen stark erzürnte.

Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, wurde „die Arbeit verteilt“, das heißt, das Team musste „den Mist nur noch runterprogrammieren“. Es handelte sich um eine Muren-Warn-App. Irgendwo im Gebirge war eine Mure abgegangen, und niemand hatte davor gewarnt, jedenfalls nicht dort, wo es geschah, nur woanders, zum Beispiel in Schleswig-Holstein. Es gab auch schon verschiedene Warn-Apps, aber noch nicht jede IT-Butze im Wahlkreis jedes Abgeordneten hatte bereits eine programmiert. Nun also war die Klitsche des kleinen Herrn Schönleben an der Reihe.

„Wir machen das ädscheil, also agil, für die Trottel unter euch“, brüllte der Art Director, denn der Chef war schon wieder auf Akquise. „Der Schönleben-Zwerg malt ein Logo, am besten eine lachende Mure, die ins Tal rodelt. Die anderen kopieren was aus Wikipedia und den anderen Käse-Apps, hauen das zusammen, bis es blinkt und grunzt, und dann geht der Dreck ans Ministerium, damit die sich durchklicken können und die Knete lockermachen. Capietsche?“

„Und das Pflichtenheft? Die Spezifikation?“ fragte der kleine, aufsässige Herr Schönleben.

„Hatten wir sowas jemals? Den Möhren-Schwachsinn installiert sowieso niemand! Braucht doch auch keiner. In unterentwickelten Ländern kriegt jeder im Möhrengebiet eine Nachricht aufs Telefon und basta Pasta! Das ist genial und billig. Aber bin ich der Minister? Der König?“

„Jawohl!“ riefen einige der Angestellten im Chor. „Sie sind unser König!“

„Aber unsere Steuergelder!“ maulte der kleine Herr Schönleben, der einfach keine Ruhe geben wollte.

„Zahlt von euch Rüben irgendjemand Steuern?“ fragte der Art Director entgeistert. Alle Arme schnellten nach oben.

„Ich fasse es nicht! Ich bin komplett von Versagern umgeben!“ Die Bildschirmkachel, auf der eben noch die aufgerissenen Augen des Art Directors zu sehen waren, wurde schwarz. Das Team machte sich an die Arbeit, der kleine Herr Schönleben schleppte sich aufs Kanapee und schlief durch bis zum Wetterbericht.

Die virtuellen Plätzchen

Klapp klapp klapp, gleich ist der Bildschirm ab!

Der kleine Herr Schönleben war gezwungen worden, für den Chef einen Vortrag über „Bitcöhn“ zu halten. Der Chef wollte unbedingt reich werden, aber „mit dieser Firma voller Versager“ würde das definitiv nichts werden.

Also hatte Schönleben in den Minuten zwischen seinen Tiefschlafphasen ein paar knackige Informationen über „Bitcöhn“ aus dem Internet in die hässliche Powerpoint-Vorlage der Firma kopiert und schickte sich nun an, diese per Videokonferenz vorzutragen. Wie üblich hampelten Chef und Art Director wie blöde vor ihren Kameras herum und versuchten, sich gegenseitig die virtuellen Plätzchen auf dem virtuellen Konferenztisch wegzuschnappen, eine Disziplin, in der sie sonst von Schönleben geschlagen wurden, aber der war ja leider mit den „Bitcöhn“ beschäftigt.

Nun, der Vortrag endete, die Großkopferten beschwerten sich, rein gar nichts verstanden zu haben, aber das wäre ja bei dieser Lusche von Mitarbeiter („Wie heißt der eigentlich?“) zu erwarten gewesen, und der kleine Herr Schönleben schnappte sich das letzte virtuelle Plätzchen aus der virtuellen Kekspackung, mit Kokos bestreut, was er überhaupt nicht leiden konnte, egal, klappte den Laptop zu und fiel augenblicklich in einen bleiernen Schlaf, der erst zur Tagesschau-Spätausgabe endete.

Nietnomaden

„So viele Nieten! Bin ich schon im Bureau?“ fragte sich der kleine Herr Schönleben und erwachte mit zuckenden Augen aus seinem Albtraum. Er versuchte, das soeben durchlebte Bild in seinem Kopf festzuhalten, was nicht gelang, deshalb fertigte er flink ein Aquarell in korrekter Perspektive an. Danach, beim ausführlichen Betrachten mit einer Tasse Schonkaffee in der Hand, war ihm wohler. Bei den Nieten konnte es sich auf gar keinen Fall um die Belegschaft seiner Firma handeln, denn sie waren alle gleich groß. Das hätte der Chef nie zugelassen! Und auch der impertinente Art Director, der eigentlich Schönleben hätte heißen müssen, wenn es mit gerechten Dingen zugehen würde, hätte darauf bestanden, durch eine größere Niete repräsentiert zu werden, halb so groß wie der Chef, doppelt so groß wie „das Team“, von dem immer geschwafelt wurde, wenn die Großkopferten wollten, dass die angesammelten Überstunden ohne Bezahlung gestrichen würden.

Trotz des genossenen Kaffees fielen dem kleinen Herrn Schönleben die Äuglein zu, er phantasierte noch eine Weile im Stehen von seinen Kollegen, die in Zweierreihe eine endlose, golden glitzernde Trasse entlangwanderten, immer der sonnengleich strahlenden, gigantischen Chefniete folgend, dann fiel er rücklings auf sein Heimarbeitssofa und wachte nicht wieder auf, bevor der besonders scheußliche Klingelton des Abteilungsmeetings den Raum erzittern ließ.

An der Silbentrennungsmaschine

Nach dem laut Agentur-Chef „unglaublichen und böswilligen Versagen“ des kleinen Herrn Schönleben beim letzten Auftrag wurde dieser unter lautstarkem Protest aus dem geschützten Bereich des Heimarbeitsplatzes in die kalte Welt des geleerten Großraumbüros zitiert. Nach einer furiosen Ansprache der kompletten Führungsriege (vor Ort), bei der sich die Redner in allerlei logischen Protuberanzen verhakelten, was der kleine Herr Schönleben nicht ohne Häme vermerkte und später, im Tagesordnungspunkt „Selbstkritik“, lautstark monierte, wurde er für den Rest der Woche an die Silbentrennungsmaschine gekettet, eine Strafmaßnahme, die von allen Mitarbeitern der Agentur gehasst und gefürchtet wurde, weshalb es fast nie zu nennenswerten Aufsässigkeiten kam.

Der kleine Herr Schönleben indes, sich keinerlei Vergehens bewusst, trennte fröhlich pfeifend Silbe von Silbe, auf dass die „Internetpräsentationen“ der zu bewerbenden Produkte nicht zu breit würden.

Tsunami der Kreativität

Die Wunderlampe (Beispielfoto)

Der Chef der Agentur hatte durchs Telefon gebrüllt, dass er jetzt endlich die Vorschläge des kleinen Herrn Schönleben („Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?“ — „Äh, Homeoffice?“) benötigte, den innovativen Namen des Elektrofahrzeuges betreffend, für den er unter größten Anstrengungen den Auftrag an Land gezogen hatte. Nun müsste nur noch das bisschen Arbeit gemacht werden, aber das sei ja in dieser Firma alles andere als selbstverständlich geworden. Also dallidalli, irgendeinen blöden Namen mit e drin, dran, drunter, drüber, kann ja nicht so schwer sein. Die Bindestriche oder sonstigen Verzierungen würde der Art Director, dieser Depp, dann schon noch ranbasteln. Deadline 1436, Uhrenvergleich.

Es war 1327 MESZ. Der kleine Herr Schönleben schleppte sich zur Wunderlampe, die er neben dem Bett aufgestellt hatte, knipste sie an und tippte in sein E-Mail-Programm:

Betreffend e-Gefehrt:

Edelebereschenbeerentresterbecherscherbeneselfellkehrbesenfeststellbremsenbestellzettelheftentwertergesellenwestregenpellenfetzenrestentwendeverbrecherzellendeckenweberknechtentsetzen

Beste Greeße
Scheenleeben

Dann hüpfte er frohgemut, sich seiner Heldentat vollends bewusst, aufs Tagesschlummersofa und fiel in ein tiefes Koma.

Veränderung — Würze des Lebens

„Nun“, dachte der kleine Herr Schönleben nach einem Blick auf die Uhr und einem zweiten aus dem Fenster, wo sich die glockenhellen Stimmchen der Sperlingsschwärme mit dem Knallen der Knospen zu einer Sinfonie des Irrsinns vermischten, „es ist dann wohl an der Zeit.“

Schweren Schrittes schlurfte er zum Kleiderschrank, sortierte den vom Getränkehändler A. Nitzsche „ausgeborgten“ Mantel zwischen die Saisonware, zog das Tweetjacket für die Übergangszeit heraus und war eigentlich gar nicht böse darüber, der kuschlichen Kapuze entkommen zu sein, die sein Gehirn schon mehrmals, der Wärmeentwicklung wegen, hatte „aussteigen“ lassen. Bei den Videokonferenzen mit dem Artdirector würden von nun an die demütigenden Verweise auf die seltsame Bekleidung Schönlebens entfallen; einzig und allein seine mangelhaften Arbeitsergebnisse (in Qualität, Quantität und Termintreue) würden Anlass zu unerfreulichen Konfrontationen bieten. Aber auch das würde vorbeigehen, in stoischer Gleichgültigkeit war Schönleben geübt, und im Kühlschrank wartete ein Geschenk des lieben Getränkehändlers (überreicht, um an die offenen Rechnungen zu erinnern), das die Sorgen um das Scheitern an der Fertigung der neuen Internetpräsenz der Gurkenfabrik Schmollschnopfen im Nu wegspülen würde.

„Wozu braucht eine Gurkenfabrik eine Internetpräsenz, und wozu brauchen Gurken eine Fabrik?“ fragte sich der kleine Herr Schönleben kopfschüttelnd, bis die Nähte sich lockerten. „Wachsen die nicht in Vietnam?“

Im Namen des Auftrags

Der kleine Herr Schönleben zog sich die Kapuze über den Kopf. Eben hatte er einen Anruf vom Art Director der Agentur erhalten, in der er, wenn er sich recht erinnerte, angestellt war. Die Stimme des Directors, der gar kein Direktor war, was ihm regelmäßig von Herrn Schönleben vorgehalten wurde, hatte sich überschlagen, die Membranen des Lauterzeugers hatten geklirrt, die Schönlebenschen Ohren flatterten selbst jetzt noch, unter der Kapuze. Es ging wohl um einen Auftrag, der liegengeblieben war, genauso wie sein Beauftragter, Herr Schönleben, auch liegenblieb, täglich, länger als er plante, aber kürzer als er könnte.

Nach einer ausführlichen Betrachtung der leeren Kaffeedose und dem Lauschen nach dem Geschrei der Nachbarn durch Decken und Böden des großen Hauses hüpfte der kleine Herr Schönleben behende auf sein Sofa, um sich erst einmal grundlegend weiterzubilden und damit irgendwann den vermessenen Ansprüchen seines Art Directors (in Gänsefüßchen) Genüge zu tun.

Die orange Orange

Vor einem Obstkorb, in dem sich eine Orange befindet, steht ein Weihnachtsmann (Beispielfoto)

Der kleine Herr Schönleben stand vor dem Obstkorb und dachte nach. Im Obstkorb vor ihm lag eine Orange. Schönleben trug noch das Weihnachtsmannkostüm, das er, soviel musste er in seinem Inneren nun doch einräumen, aus dem Getränkemarkt von Herrn Nitzsche entwendet hatte, als er von diesem am Heiligabend eingeladen worden war. Das Kostüm hielt sehr schön warm, und draußen war es noch kalt. Wieso sollte er es nicht auftragen, bis er irgendwann vom Gesundheitsamt die Anweisung bekommen würde, endlich aus dem Haus zu gehen und Getränke anzuschaffen, um nicht zu dehydrieren? Dann könnte er mit seiner Dieselameise, die Kapuze böse über den Kopf gezogen wie ein Repper, bei Nitzsche aufkreuzen, ihm lässig das Kostüm auf den Tresen legen und durch die kleinen Zähne murmeln: „Drei Kraftbier, aber dalli, Freundchen! Und eins machen wir hier gleich alle, oder, alter Nikolaus?“

Diese Aussicht stimmte den kleinen Herrn Schönleben sehr vergnügt, er begab sich wieder in die Tiefen seines Bettes und hatte ein gutes Gefühl, weil er die hübsche Orange am Leben gelassen hatte.

Der glücklich bewältigte Auftrag

Der kleine Herr Schönleben war glücklich, in einer namhaften Agentur seinen Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten zu dürfen, auch wenn der Artdirektor diese Leistung regelmäßig beim Morgenappell (Video) in Zweifel zu ziehen pflegte.

Beim aktuellen Auftrag indes würde ihm das nicht passieren, dachte der kleine Herr Schönleben, auch wenn das Kleidungsstück, das er seit Wochen trug und freudig bejahte, sein Gehirn über das verträgliche Maß hinaus erhitzte. Bei der geforderten Arbeit ging es um das Werbeplakat für ein Kreuzfahrtschiff, die „Vera“, und Schönleben streifte, statt sich mit Filzstiften und Pinseln abzuplagen, von einer glücklichen Ahnung befeuert, durch die WG-Zimmer. Da hing es, an der Wand, fein gerahmt, unglaublich schön und in aktuellem Stil gezeichnet! Selbst den Text konnte man unverändert übernehmen, wenn er das Gebrüll des Chefs am Telefon richtig in Erinnerung hatte, irgendwas mit Vera und Cruzes.

Der kleine Herr Schönleben fummelte das Bild aus dem Rahmen, ließ es, ohne größere Schäden zu verursachen, durch das Faxgerät laufen, seufzte ob der getanen Kreativarbeit, schleppte sich in sein Zimmer, ließ sich rücklings aufs Bett fallen und schlief sofort ein.

Im Banne des Unaussprechlichen

Der kleine Herr Schönleben irrlichterte immer noch im Weihnachtsmannkostüm, das er am ersten Feiertag beim Getränkehändler „ausgeliehen“ hatte, durch seine Wohnräume. Er inspizierte die Geschenke, die wie von Zauberhand über ihn gekommen waren, und wunderte sich jeden Tag, dass keines der schönen Stücke durch die Mitbewohner entwendet wurde. Am besten gefiel ihm ein großes buntes Bild, das ihm irgendwie aus dem Fernsehen bekannt vorkam. Er konnte sich gar nicht daran sattsehen, vergaß dann oft zu schlucken und bekam einen fürchterlichen Hustenanfall, der ihn für die Dauer des haltlosen Röchelns sehr erschreckte. Schließlich aber wandte er sich wieder freudig den vielfältigen Farben und Formen der unbekannten Lebensform zu, die hier abgebildet zu sein schien.

Weihnachten im Getränkemarkt

Nitzsche, Hofknecht, Schönleben, von links (Beweisfoto)

Der kleine Herr Schönleben hatte von seinem Getränkehändler eine Einladung zur gemeinsamen Feier des Weihnachtsfestes erhalten. Bereits am Tag danach konnte er sich nicht mehr an den Grund der Einladung erinnern, und schon gar nicht an die Feier selbst.

Wie groß war sein Erstaunen, als ihm ein Brief mit einem Foto zugestellt wurde, auf dem er mit dem Inhaber, Herrn A. Nitzsche, und dem Hofknecht des Getränkemarktes zu sehen war. Alle drei trugen Weihnachtsmannkostüme und schienen sich prima zu amüsieren. Im Brief befand sich außerdem eine Rechnung über die angeblich verzehrten Getränke, inklusive Pfand, denn „der Pfandautomat ist kaputt“.

Der kleine Herr Schönleben erstarrte, als er des geforderten Betrages gewahr wurde, beschloss nach kurzer Überlegung, nichts zu unternehmen, sich so wenig wie möglich zu bewegen und auch das Kostüm weiter zu tragen, denn es gefiel ihm, besonders die Kapuze.

Tödliche Gefahren der Sommerzeit

sommerzeit

Während das Greinen der an sich selbst empfindsamen Bevölkerung über die Mühsal und Zumutung der Sommerzeit für den neutralen Beobachter kaum nachzuvollziehen ist, birgt der Umstellungsvorgang zum Beispiel für den kleinen Herrn Schönleben erhebliche, sogar tödlich zu nennende Gefahren aufgrund der in großer Höhe angebrachten Uhren in seinem Umstellungsverantwortungsbereich. Hoffen wir, dass auch diesmal wieder alles gut geht.

Ansichtskarte aus Ägypten

aegypten

Dem kleinen Herrn Schönleben geht es gut.

Das überreichliche Essen schmeckt wie zu Hause, die Getränke sind gekühlt und, entgegen den Gepflogenheiten der Region, sehr alkoholreich, die Sonne scheint „wie die Sau“, das Zimmer ist ausreichend geräumig (für kleine Gäste), nur die Mitreisenden sind unattraktiv, zudringlich und laut, laufen mit Schnorcheln und Taucherbrillen behängt halbnackt durch die Lobby des Hotels, riechen nach Fisch und werfen aus dem Bus heraus Gegenstände auf die Straße, „für die Armen“.

Das Foto zeigt den kleinen Herrn Schönleben vor der Neunheit von Heliopolis, die freundlicherweise direkt am Pool aufgebaut und mit einem Lichtbildautomaten versehen ist.

Bald kommt das kaputte Flugzeug und holt alle wieder ab.