Archiv für den Monat: April 2019

Katjuscha Bollmann

gold

 

Karl Gong, im Keller, zum Bierholen, obwohl, was den Alkohol betrifft, mittlerweile beinahe vernünftig geworden, in Maßen vernünftig also, nicht vollständig, das wäre ja unvernünftig, erinnerte, voll Wehmut, der mittlerweile vergangenen Lebenszeit wegen, ein sowjetisches Volkslied, Katjuscha, rutschte aber immer wieder, wegen des späten Abends, wie er es erklären würde, oder eher wegen der Konsumtion geistiger Getränke, die ihm seine Holde noch regelmäßig vorhielt, in Richtung Kalinka ab, Kalinka, Kalinka, Kalinka maja, dabei war doch Katjuscha, mit den Apfelblüten, der steilen Uferwand und dem Nebel, der vom Fluss ins Land zog, das flottere Stückchen Heimatlied, fremde Heimat zwar, aber Heimat ist Heimat, das Gefühl zählt, überall auf der Welt, zweimal zwanzig ist vierzig, zisch zisch zisch zisch mal zehn, verdammt lang her, Stalin orgelt im Grab bzw. Mausoleum, wo auch immer, Salve, Cäsar, oder Ziesar, haha, Ziesar, wo Fritze Bollmann den Ulanen die Bärte kratzte, aber dies nur nebenbei.

Die Flasche mit dem Goldhelm, der Mann mit dem Goldhelm, keine Frau, dies bitte zu beachten, mittlerweile heimatlos, nicht zugewiesen, früher war das einfacher, Rembrandt und fertig, was soll das Durcheinander, heutzutage, alles verschwimmt, die Konservativen, was für ein Sammelbegriff, werden zu Tode gegendert, endlich, weg mit der trügerischen Klarheit, mit der Sonne Strahlen eile fort, aus den Augen.

Amen.

Der starke Mann

muskel
Muskeln (Ausschnitt)

Als Karl Gong, der heimliche Bodybuilder, wieder einmal in eine Diskussion geriet, in deren Verlauf ein starker Mann herbeigewünscht wurde, um dies und jenes zu richten, und man sich nur noch nicht einigen konnte, was denn nun genau, ob zum Beispiel alle Autos abzuschaffen wären oder alle Fahrräder oder das Gesträuch oder das Gefleuch, Butter oder Margarine, Alkohol oder Abstinenz, Steuern oder Flucht, Gix oder Gax, spannte Karl Gong einfach kurz seine Muskeln an und haute dem lautesten Schreihals eine trockene Gerade zwischen die Augen, dann dem zweitlautesten, dem drittlautesten und so weiter und so fort, und als dann nur noch ein Diskutant nicht mit nach innen gedrehten Pupillen auf dem Boden lag, denn jener war der einzige, der leise Einwände gegen den starken Mann als solchen geäußert hatte, sagte er zu diesem, mit freundlichem Schulterklopfen: “Siehste, so ist das mit dem starken Mann”, ließ die hochgekrempelten Ärmel wieder nach unten, knöpfte die Manschetten zu und ging fröhlich pfeifend seines Weges.

Ohne bzw. mit Regen

regencockpit

Manchmal, wenn man Zeit und Geld hat, fährt man in Länder, wo es noch regnet, hockt im Auto, spielt einen Tonträger ab, starrt auf das rinnende, stürzende Wasser, das die See hinter der Autoscheibe unter der Steilküste nur erahnen lässt, und denkt sich: Nu gugge.

Die unbekannte Platte im Abendnebel

plattenspieler

Wieder einmal hatte der Problembär aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums den Entschluss gefasst, eine Schallplatte abzuspielen, mit voller Lautstärke, versteht sich! Zum Glück lag bereits eine auf dem Plattenteller, die dünnen, ungeschickten Ärmchen des Problembären mussten nur noch die Stromzufuhr herstellen, den Deckel des Gerätes anheben (aua, schwer!), den Tonarm in eine Position am äußeren Rand der Platte (man will ja nichts verpassen!) schieben und schließlich den Hebel zum Absenken des Tonabnehmers betätigen.

Diese letzte notwendige Aktion erwies sich jedoch in Anbetracht des fortgeschritten fröhlichen Zustandes des Problembären als undurchführbar, der “lustige Geselle” (Dorfzeitung) geriet vollumfänglich auf die drehende Platte, rotierte prustend, immer wieder den Tonarm mit seinem Leib wegschleudernd, einige Male um seine Achse, bevor er, der Fliehkraft gehorchend, nach Absolvieren einer interessanten Flugbahn in der benachbarten Sammlung schottischer Briefbeschwerer aus dem zwanzigsten Jahrhundert landete, die ihn wirkungsvoll abbremsten, ohne seine Integrität maßgeblich zu beeinträchtigen.

Obwohl es nun nicht zum geplanten Abspielen des unbekannten Tonträgers gekommen war, befriedigte dieses Erlebnis den Drang des Problembären nach Abenteuern vollauf, so dass er sich nach einem kurzen Berappeln schnaufend ins Güldene Bettchen begab.

Der Plattenspieler indes drehte sich weiter ungerührt, bis am nächsten Morgen ein Mitbewohner des Problembären den Tonarm arretierte, die Stromversorgung ordnungsgemäß unterbrach und den Deckel absenkte, nicht ohne ob der unbekannten Schallplatte ein wenig die Nase zu rümpfen.

An den Vorstand

vorstand

Natürlich geht jedem ordentlichen Menschen das Herz auf beim Betrachten klarer Anweisungen. Jedoch mittlerweile viel zu selten finden sich diese im öffentlichen Raum, und wenn, dann mitunter hoffnungslos erodiert, geschmacklos angeordnet, ungepflegt, verwahrlost, schrundig. Das ist nicht das, wofür Deutschland einmal geliebt bzw. gefürchtet wurde in der Welt, lieber Vorstand!

Der Antrag

tulpen

Lass mich deine Hand ergreifen
und dich frech zum Altar schleifen.
Niemals sollst du mich vermüssen.
Ständig musst du mich nur küssen,
bis mein Mund zuschanden ießt.
Wehe, wenn du mich verdrießt!
Nimm zum Schwure diese Tulpen
und vergiss die andern Nulpen.
Deinen Finger schmück ein Ring
wie auch meinen Arm. Bling-bling.

Wandergemurmel

gesicht

Man geht weit
oder nicht.
Der Stein schreit
oder nicht.

Man schaut hin
oder nicht.
Es hat Sinn
oder nicht.

Letztendlich
unendlich
der Wanderer
(oder ein anderer)

läuft, solang
er nicht fällt
vom Rundgang
um die Welt,

dem Saum der Scheibe.
Du, bitte, bleibe.

Lied des Mechatronikers

reparatur

Nie darf ich das Rad benutzen!
Trotzdem muss ichs ega putzen,
Kette ölen, reparieren
und die Kugellager schmieren!

Kann mir bitte einer reichen
rasch die Säge für die Speichen,
und im Werkzeugkasten greifen
nach dem Messer für die Reifen?

Danke. Fertig. Noch ein Bier?
Gute Fahrt! Ich bleibe hier.

50 Shapes Of Clay (bzw. Sandstein)

kurve

Schmal ist manchmal unser Weg,
voller Fallen, felsig, schräg.
Achtet man auf das Gelände,
schlägt der Kopf an tiefe Wände,
und die Steine, die umkurvten,
stehn dort, wo wir nie hin durften.
Aussicht? Ja. Doch wo gehts weiter?
Selbst die Karte: Nicht gescheiter.
Schnaubend heißt es kehrt, zurück
(manchmal ist das auch ein Glück),
weitermachen,
weiterlachen,
gerne ohne jeden Grund.
Hauptsache, man bleibt gesund.

Trendthema Elektroimmobilität

lampe

Karl Gong, der bekennende Skeptiker, dem jeglicher Hype gegen den Strich ging und der sich deshalb gern von der Masse absonderte oder, wenn das nicht möglich war, scharfe verbale Trennlinien “gegen die Idiotie” zu ziehen pflegte, die die wohlmeinenden, harmoniesüchtigen Mitbürger regelmäßig stark verstörten, war sich über seine Position zur Elektromobilität nicht ganz im Klaren, fristete diese doch einerseits eine bemitleidenswert marginale Existenz im feuchten Kellergeschoss der Realität, lag andererseits aber in aller Munde, jeder und jede verfügte über eine Meinung, ein Argument oder ein zumindest teilweise elektrisch betriebenes Gerät, das herumfahren, herumlaufen oder herumgetragen werden konnte.

Um nicht gänzlich ohne Haltung wie ein verstockter Depp abseits zu stehen, ging Karl Gong  dazu über, alle Elektromobilitäts-Diskussionen unauffällig zum Thema der Elektroimmobilität hinüberzuschieben, das er eloquent und kenntnisreich zu erörtern in der Lage war, bis seine Zuhörer dahindämmerten oder sich aus dem Staube machten, nachdem Gong ihre Einwürfe und Widersprüche genüsslich zerrissen hatte.

Neue Gartenvorfälle

gaertner

Karl Gong, der nie nein sagen konnte, und dem von einem Bekannten die Mitgliedschaft in einem Kleingartenverein dringend angetragen worden war, kam also nach Hause zu seiner Holden und begann umständlich darzulegen, wie überaus wundersam es doch manchmal mit dem Leben gehen könnte, wenn zum Beispiel sich ein Gartenverein, der in seinen Reihen wohl vor allem Gärtner vereint, sich ausgerechnet am Gärtnerweg befände, ein solcher Zufall bzw. eine derartige Vorsehung, man wüsste gar nicht, wen man preisen sollte, zum Beispiel den Herrn oder den Herrn Vorsitzenden, und eigentlich wäre es doch gar nicht so abwegig, eine Parzelle, denn immerhin, der Opa der Holden hatte doch, also, immer gesagt, nicht wahr, Land ist Land, man kann nie genug, kriegen?

Die Holde legte das Messer, mit dem sie bis eben die Radieschen tranchiert hatte, zur Seite, sah den Gong durchdringend an, erinnerte ihn an die Tatsache, dass sie beide schon über drei ausgedehnte, und, wenn man die “Strunkwiese”, den “Gammeldamm” und den “Peedenacker” hinzu zähle, sogar über sechs Gärten verfügten, und beteiligte sich insofern mit einer kleinen Begeisterung am Wortfetischismus des Gong, indem sie ihm ankündigte, ihrer beider Beziehung zu lösen und einen tiefen Graben zwischen ihnen beiden anzulegen,  einen Lösegraben sozusagen, sollte er nicht sofort zur Vernunft kommen, die Kleingartenpläne ad acta legen und endlich die Radieschen salzen, pfeffern und verspeisen, bevor der Spätfilm angehe.

Gong, wie immer, tat, wie ihm geheißen.