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Das Sonett von den zwei Seelen in der Seemannsbrust

freddy

„Raus auf See, wenn auch die Wellen
über alle Maßen schwellen,
Salzgischt uns die Augen beißt!
Jeder weiß hier, was es heißt

auf dem schwarzen Gummikutter
fern der Heimat, fern der Mutter
um Kap Hoorn…“ – „Du liebe Zeit,
fahren wir noch echt sou weit?“

„Ja doch. Macht dir das Probleme?
Warte, bis ich Maß dich nehme.“ –
„Kapitänchen, auf ein Wort,

ich vergaß die Sonnencreme.
Also bleib ich lieber heeme.“
Sprichts und hechtet über Bord.

Das schlampig-perpetuierende Sonett

leer

Denke stets auch an die kleinen
Gäste, die Dir anvertraut.
Horch, das Streiten um die feinen
Reste, rasend schrill und laut.

Ist das Futter aufgefressen,
stürzt die ganze Kompanie
über Hecken, Mauern, Essen,
würzt die Gartenkolonie

mit Guano, Kostbarkeit.
Du hast fünf Minuten Zeit,
die Spirale aufzufüllen.

Schnell! Sie sind schon nicht mehr weit,
in der Luft tobt wilder Streit
um die Plätze. Pfeifen. Brüllen.

Das schlampige Sonett von der Momentaufnahme

seefarad

Auf gehts, raus, in Wind und Gischt.
Heut verstecken wir uns nischt.
Morgen auch nicht, überhaupt
sei ein jeder Tag beraubt

seines Besten: Guter Zeit.
Also schnell und hoch und weit
mit den Beinen, mit dem Kopf.
Löffel in den vollen Topf,

Bier ins Glas und Stein aufs Brett,
Hand ins Gras und Frau ins Bett,
weil der Reim nun mal so geht.

Wir sind frei, die Welt ist fett,
aber leider nie komplett.
Auch egal. Noch nicht zu spät.

Das schlampige Sonett von der Liebe über Entfernungen

nachtherz

Mehr muss ich wohl nicht schreiben,
wenn du dies Herz hier siehst.
Es kann nichts offen bleiben,
wenn aus den Lämpchen schießt

der helle Schein der Liebe
auch auf die Langdistanz.
Ich hoffe fest, es bliebe
das Sträuchlein blattlos ganz

das ganze Jahr hinweg
nur zu dem einen Zweck,
uns täglich fernzuglühen

aus stillem Garteneck
bei Elster, Spatz und Schneck:
Elektrisches Bemühen.

Das schlampige Sonett zur Lage

corinna

Stell dir vor, das Virus wäre
wie ein Luftballon.
Trudelt durch die Atmosphäre
bis aufs Scheselong,

wo wir sitzen, und wir fangen
es uns fröhlich ein.
Hustend röten sich die Wangen!
Virus, dummes Schwein!

Nimm die Nadel,
liebes Madel,
stichel, pfuff, ein Loch!

Dann ins Ladel.
Handwaschbadel!
Danke: Robert Koch.

Das schlampige Ziegensonett

ziege

Schau mir in die Augen, Kleiner,
bis dir schummrig ist.
Dann reich mir ein Gräslein, Meiner,
denn der Zaun ist Mist:

Hält mich fern von fetten Halmen,
fern von grünem Klee.
Sperrt mich ab von bunten Almen
und Holundertee.

Ach, wie würd ich gern genießen,
in die Meißner Tasse gießen
heißen Hollersud, geschäumt,

wo die Wiesenblumen sprießen,
Mädchen Purzelbäume schießen!
Wecker klingelt. Schön geträumt.

Das schlampige Spatzensonett

meisenknoedel

Raspel, raspel, Spatzenschnabel,
ohne Messer oder Gabel
im sozialen Fraßgewimmel.
Danach schnaufend in den Himmel!

Mühsam strebt man auf zum Äther,
kämpft um jeden Zentimeter
und verhindert abzustürzen
nur mit lauter kleinen Fürzen.

Kurven, Loopings, Formation,
wem gebührt der Kunstflugthron?
Immer jagen, niemals trödeln!

Schmirpend rast das Bataillon
zur finalen Annektion
von des Nachbarn Meisenknödeln.​

Das schlampige Sonett von der Erkältung

tropfen
Tropfen (Beispielfoto)

Nasenlöcher fluten Tücher
wie mit Reitern einst der Blücher
blutjes Feld geflutet hat.
Reglos liege ich und matt.

Könnte ich die Löcher stopfen?
Helfen eingesetzte Pfropfen?
Schmier ich in die Nase Leim?
Was passiert dann mit dem Keim?

Ach, ich heb den Zinken hoch,
höher, ja, ein bisschen noch,
Kopf nach hinten überdehnt.

Regnet es ins Nasenloch?
Laut beklage ich mein Joch.
Meine Holde aber gähnt.

Das schlampig-hellbläue Sonett

fettbemme

Bier und Bemme: Großer Spaß,
wenn auch angeschnitten.
Kein Vergleich: Kantinenfraß,
in den Napf geglitten.

Halbes Bier in einem Zug,
zweites bringt das Fräulein
ungefragt und wie im Flug.
Leben kann hellbläu sein,

hellbläu wie der Himmel weit,
hellbläu wie das Schwärmen,
hellbläu wie die Herrlichkeit,

hellbläu wie das Wärmen
am Kamin der Zärtlichkeit.
Ersäufen wir das Härmen!

Das (schlampige) Sonett vom Oktober

schneise

Da zieht er hin, der faule Mond Oktober.
Man hat ihm eine Schneise eingeschlagen.
Ein Tag noch morgen, dann ist er hinober.
Wir werden uns mit dem November plagen.

Da zieht er hin, durch straffe Kupferdrähte.
Es knistert, und die matten Funken glimmen.
Gehüllt in Schal und Mütze ist die Käthe,
und in die dicken Hosen, ach, die schlimmen.

Der Tee steht auf dem Ofen und verdampft.
Die letzten Äpfel liegen noch im Gras.
Man hört den letzten Igel, wie er mampft.

Ich reiche Käthe fürsorglich das heiße Glas.
Sie aber in den schweren Stiefeln stampft:
Nur Tee? Wo bleibt der Spritzer Calvadas?

Das Sonett vom ungeheuren Reichtum

Ich kauf mir eine Zobeldecke.
Die kostet nur fünfzigtausend
Und wärmt, wenn die Winde brausend
Beim Palaste gehn um die Ecke.

Ich freu mich, wenn ich was entdecke,
Mit Models durch Läden sausend,
Nachdem ich tagsüber mausend
Mich nach meiner Pelzdecke strecke.

Wie lache ich über die Neider!
Es näht froh mein eigener Schneider
Den Models verstiegene Kleider.

Was nervt: Ins Depot stets zu schauen,
Und einsam darauf zu vertrauen,
Dass sie nicht die Decke versauen.

Das schmutzige Fracksause-Sonett

Der Fernseher spricht: Lasst uns fracken!
Die Ölpreise steigen gerade.
Sie holen den Plan aus der Lade:
Der Profit im Speicher muss hecken!

Und wenn sie auch alles verdrecken,
Und rundum geht alles malade,
Dann sagen sie frech: Ach, wie schade,
Ihr könnt uns am Arsche gern lecken.

Sie wissen sich eins mit den Doofen.
Sie wissen sich eins mit der Gier.
Sie wissen, man kann jeden koofen –

Ich koof ihnen gern ein Klistier,
Und bringe sie damit zum Loofen,
Die Ärsche; ihr Geld als Papier.

Das elegante Sonett zum Monatsende

Was mir brachte Januar,
sei es Ungerechtes,
sei es sonst wie Schlechtes,
zeigt sich schon im Februar.

Was mir raubt und gällt die Zeit,
ob ermüdend öde
oder sonst wie blöde,
hüllt sich nicht in Unklarheit,

ist mir durchaus wohlbekannt.
Mag es nur nicht richten.
Hab es meistens in der Hand,

lös‘ es doch mitnichten.
Kann mit niedrigem Verstand
klagen nur, und dichten.

Das Schweinebande-Sonett

Wie reuen mich die wilden Schweine.
Sie haben keinem was getan,
Nun büßen sie für unsern Wahn
Als Opfer irrer Jagdvereine.

Großbauern machen Ämtern Beine.
Man bauscht den Popanz ohne Plan.
Man schmückt sich mit dem Keilerzahn.
Man glaubt, nun käme es ins Reine.

Doch sieh, wie das Schweinetier rennt!
Es ist leider intelligent
Und, wenn’s sein muss, auch renitent.

Es springt uns mit tödlicher Pest,
Weil es sich nicht aufhalten lässt,
Frech furzend und fröhlich ins Nest.

Das resignierte Sonett für die Region

Links die Mulde, rechts die Elbe,
aus der Mitte komm ich her.
Heidewälder, Äcker schwer,
von dem Ei nicht nur das Gelbe.

Gramgebeugte, stille Leute.
Ächzend trugen sie ihr Los,
Fleiß und Ordnung tief im Schoß.
Niemand machte fette Beute.

Doch nun ändert sich die Lage,
das Geschrei schwillt nicht mehr ab,
Drohend steigt die Faust hinan!

Tausend Jahre schlimme Plage
brachten keinen hier auf Trab.
Das schafft nur der dunkle Mann.

Von wegen Geschenke

Geschenke gips ni, sagen wir.
Es ist uns alles über.
Ein Drunter und ein Drüber!
Man reicht jetzt Glühwein anstatt Bier,

wir rennen hin, wir rennen her,
an Buden Punsch und Schwatzen.
Mein Schädel droht zu platzen,
ich trage an Gedanken schwer,

und reihe mühsam Worte.
Fress Stollen (sonst nur Torte).
Der ist genauso fett.

Nun gibt es doch noch ein Geschenk!
Nur eines, weil ich Deiner denk
in Liebe: Ein Sonett.