Kategorie-Archiv: Aus der Gechichte

Aus der Gechichte

Am Montagmorgen

montag

Wenn Karl Gong, der bekannte Chemiearbeiter, am Montagmorgen die Stufen zum Leitstand erklomm, in dem neben dem Alten Meister (mit Zigarre im Mundwinkel, verboten) auch der Parteisekretär (mit seiner Mieze im Arm, verboten) hockte, hatte er stets ein fröhliches Lied auf den Lippen, das sowohl der umgebenden dramatisch-spätindustiellen Gemengelage als auch der Dauer des Aufstiegs Rechnung trug.

Meist handelte es sich um “Stairway To Heaven”.

Kurzer Abriss

goldenerstern

Goldener Stern.
Hier war K. gern.
Bier vom Fass.
Der Kellner blass.
Die Köchin rund
nicht ohne Grund.
Rolf, der Idiot,
ist auch schon tot.
Einmal hat er K. verdroschen.
Längst ist der Goldene Stern erloschen.

Ein Bild und keine Geschichte

fluoereszenz

In einem Berliner Club, der bis Kriegsende als Bunker gedient hatte, wurden bei Aufräumungsarbeiten Wandmalereien entdeckt, die von einschlägigen Experten zweifelsfrei mit den Kesselschlachten des Großen Vaterländischen Krieges in Verbindung gebracht werden.

Eine kleine Personalberatung

aufstieg

Musste früher das Personal, von den Herrschaften sauber geschieden, kakerlakengleich durch speziell gekennzeichnete Eingänge in die Unternehmen huschen, herrscht heute eine zumindest in offiziellen Verlautbarungen vorgegebene Ehrerbietung, wenn nicht gar Anbetung desselben vor, die sich vor allem aus der Angst speist, bald nicht mehr über einigermaßen geeignete Lohnabhängige verfügen zu können.

Diese natürlich mit großer Vorsicht zu genießende Lobhudelei der Beschäftigten, die, wenn sie mal da sind, ja doch stets nur Quell des Verdrusses und der Pein für die diversen Leitungsebenen darstellen, erreicht ihren Höhepunkt in der neuerdings proklamierten Behauptung, dass durchaus auch ein Aufstieg in der Hierarchie möglich sei, wenn man sich denn auch wirklich dem geschätzten Personal zugehörig fühle.

Der sich angesprochen fühlende Beschäftigte sollte zumindest prüfen, ob der Aufstieg nicht nur auf die Reling des sinkenden Kahns erfolgen wird, mit anschließend unkomplizierter Verklappung.

Kopfkratzen am Kap Arkona

arkona

Manchmal schaut man gern zurück.
Legt die Gabel aus der Hand,
die das Heu gewendet.
Manchmal blickt man stur ins Glück,
das der Zukunft anverwandt,
wenn sie nicht früh endet.

Niemals jedoch den verehrten
Weggefährten,
der auf seinem Ast gesessen
hat, vergessen!

Frische Luft gabs heut genuch.
Ab ins Tuch
und in die Tasche
zu der leeren Kraftbierflasche.

Kap Arkona taucht ins Dunkel.
Leuchtturm prahlt mit Strahlgefunkel.
Nein, der Ort hier heißt nicht Vitte,
sondern Vitt. Aalquappenschnitte?

Danke nein, heut mal vegan,
und wir nehmen auch nichts mit.
Bärchen zieht sonst Fischduft an.
Noch ein Gläschen, fix zu dritt,

die Kapelle linkerhand,
roter Nacken, Sonnenbrand,
auf den Feldern gart das Heu.
Man wird älter, eujeujeu.

Kleinere Begebenheit

uboot

Vor dem Rathaus und vor wenigen Stunden
hat man ein sehr großes U-Boot gefunden.
Daraufhin rief man schnell in Moskau an,
wo man sich an nichts erinnern kann.
Auch der Ami ist es wohl nicht gewesen,
jetzt tippen alle auf die Chinesen.
Die Beziehung zu China jedoch ist zerrüttet.
Nun wird das Ding wieder zugeschüttet.

Ginouh!

ginouh

Bunt ist das Ginouh wie das Leben.
Vorhang zur Seite, aufwärts streben
die Säulen und die Intentionen,
verkündet aus den Megaphonen.

Wir lümmeln in den alten Sesseln,
verzehren Bier aus Kupferkesseln,
verfitzen uns in Handlungsstränge
und zahlen gerne Überlänge.

Es ist noch Zeit zum Happy End.
Hauptsache, dass man’s nicht verpennt.

Schade

ruine

Ich hatte mich auf eine vielversprechende Stelle als Parteisekretär beworben, aber als ich vor dem Betriebsgebäude stand, ahnte ich, dass das Jobportal nicht auf dem allerneuesten Stand gehalten wurde.

Der Weg nach oben (zum Tag der Arbeit)

nachoben

Der Weg nach oben: Wird er gelingen?
Wird man mir oben auch Ständchen singen?
Und was ich machte, um hoch zu kommen,
die Sauereien, gänzlich unfrommen
Machenschaften und üble Schandtaten
Singt man mir trotzdem hübsche Kantaten?

Mir doch egal. Es putzt all den Dreck,
den ich verzapfte, irgendwer weg.

Katjuscha Bollmann

gold

 

Karl Gong, im Keller, zum Bierholen, obwohl, was den Alkohol betrifft, mittlerweile beinahe vernünftig geworden, in Maßen vernünftig also, nicht vollständig, das wäre ja unvernünftig, erinnerte, voll Wehmut, der mittlerweile vergangenen Lebenszeit wegen, ein sowjetisches Volkslied, Katjuscha, rutschte aber immer wieder, wegen des späten Abends, wie er es erklären würde, oder eher wegen der Konsumtion geistiger Getränke, die ihm seine Holde noch regelmäßig vorhielt, in Richtung Kalinka ab, Kalinka, Kalinka, Kalinka maja, dabei war doch Katjuscha, mit den Apfelblüten, der steilen Uferwand und dem Nebel, der vom Fluss ins Land zog, das flottere Stückchen Heimatlied, fremde Heimat zwar, aber Heimat ist Heimat, das Gefühl zählt, überall auf der Welt, zweimal zwanzig ist vierzig, zisch zisch zisch zisch mal zehn, verdammt lang her, Stalin orgelt im Grab bzw. Mausoleum, wo auch immer, Salve, Cäsar, oder Ziesar, haha, Ziesar, wo Fritze Bollmann den Ulanen die Bärte kratzte, aber dies nur nebenbei.

Die Flasche mit dem Goldhelm, der Mann mit dem Goldhelm, keine Frau, dies bitte zu beachten, mittlerweile heimatlos, nicht zugewiesen, früher war das einfacher, Rembrandt und fertig, was soll das Durcheinander, heutzutage, alles verschwimmt, die Konservativen, was für ein Sammelbegriff, werden zu Tode gegendert, endlich, weg mit der trügerischen Klarheit, mit der Sonne Strahlen eile fort, aus den Augen.

Amen.

Der starke Mann

muskel
Muskeln (Ausschnitt)

Als Karl Gong, der heimliche Bodybuilder, wieder einmal in eine Diskussion geriet, in deren Verlauf ein starker Mann herbeigewünscht wurde, um dies und jenes zu richten, und man sich nur noch nicht einigen konnte, was denn nun genau, ob zum Beispiel alle Autos abzuschaffen wären oder alle Fahrräder oder das Gesträuch oder das Gefleuch, Butter oder Margarine, Alkohol oder Abstinenz, Steuern oder Flucht, Gix oder Gax, spannte Karl Gong einfach kurz seine Muskeln an und haute dem lautesten Schreihals eine trockene Gerade zwischen die Augen, dann dem zweitlautesten, dem drittlautesten und so weiter und so fort, und als dann nur noch ein Diskutant nicht mit nach innen gedrehten Pupillen auf dem Boden lag, denn jener war der einzige, der leise Einwände gegen den starken Mann als solchen geäußert hatte, sagte er zu diesem, mit freundlichem Schulterklopfen: “Siehste, so ist das mit dem starken Mann”, ließ die hochgekrempelten Ärmel wieder nach unten, knöpfte die Manschetten zu und ging fröhlich pfeifend seines Weges.

Die unbekannte Platte im Abendnebel

plattenspieler

Wieder einmal hatte der Problembär aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums den Entschluss gefasst, eine Schallplatte abzuspielen, mit voller Lautstärke, versteht sich! Zum Glück lag bereits eine auf dem Plattenteller, die dünnen, ungeschickten Ärmchen des Problembären mussten nur noch die Stromzufuhr herstellen, den Deckel des Gerätes anheben (aua, schwer!), den Tonarm in eine Position am äußeren Rand der Platte (man will ja nichts verpassen!) schieben und schließlich den Hebel zum Absenken des Tonabnehmers betätigen.

Diese letzte notwendige Aktion erwies sich jedoch in Anbetracht des fortgeschritten fröhlichen Zustandes des Problembären als undurchführbar, der “lustige Geselle” (Dorfzeitung) geriet vollumfänglich auf die drehende Platte, rotierte prustend, immer wieder den Tonarm mit seinem Leib wegschleudernd, einige Male um seine Achse, bevor er, der Fliehkraft gehorchend, nach Absolvieren einer interessanten Flugbahn in der benachbarten Sammlung schottischer Briefbeschwerer aus dem zwanzigsten Jahrhundert landete, die ihn wirkungsvoll abbremsten, ohne seine Integrität maßgeblich zu beeinträchtigen.

Obwohl es nun nicht zum geplanten Abspielen des unbekannten Tonträgers gekommen war, befriedigte dieses Erlebnis den Drang des Problembären nach Abenteuern vollauf, so dass er sich nach einem kurzen Berappeln schnaufend ins Güldene Bettchen begab.

Der Plattenspieler indes drehte sich weiter ungerührt, bis am nächsten Morgen ein Mitbewohner des Problembären den Tonarm arretierte, die Stromversorgung ordnungsgemäß unterbrach und den Deckel absenkte, nicht ohne ob der unbekannten Schallplatte ein wenig die Nase zu rümpfen.

Der Kleine Präsident

kleinepstrasse

Zweimal täglich wurde der Kleine Präsident in der Staatskalesche durch die nach ihm benannte Gasse transportiert, morgens zum Schloss und abends zurück in seine Wohnküche. Und immer ärgerte er sich, dass das Straßenschild so hoch angebracht war, dass er es kaum lesen konnte. Selbst hochgewachsene Bürger mussten ihre Hälse recken, um den Straßennamen zu entziffern, aber sie taten es sowieso nicht, denn das Lesen überhaupt war mittlerweile aus der Mode gekommen.

So blieb der Kleine Präsident weitgehend unbekannt im Land, er spielte lediglich in diversen Verschwörungstheorien eine Rolle. Der Große Präsident indes suhlte sich nicht nur in seiner Allmacht, sondern auch mit seinen Mätressen im überdimensionierten Schlammbad der Präsidentensuite, ließ sich Cocktails aus überteuertem Hipstergin zubereiten und überzog das Land unschuldig lächelnd mit widerwärtigen Intrigen. Die Manipulation der Straßenschilder war davon eine der harmloseren.

Die Materialisierung des Willens und ihre Negation

anleger

“Dies hier, Sohn”, deklamierte Karl Gong stolz, die Arme ausbreitend, “habe ich geschaffen. Mit meiner Hände Arbeit, mit meinem Hirn und mit unvorstellbarer Willenskraft, gegen alle Widerstände. Ist es nicht großartig, etwas geleistet zu haben, das sich materialisiert hat, ein Plan, der Wirklichkeit geworden ist zu unser aller Wohl und Frommen?”

“Nein”, sagte der Sohn und fing sich eine Backpfeife ein.

National

fahnenmond

Jedes Steinchen eine Flagge.
Jedes Klo ein Hoheitszeichen.
Jedes Beinchen voller Kacke.
Niemand will vor Scham erbleichen.

Meine Farben hinter Gittern
meines Lochs im Menschenzoo.
Seht mich an, ich lass euch zittern,
denn ihr macht das mit mir ouh.

Schwarz und weiß und rot und blau,
gelb und grün: Mehr braucht es nicht,
dass ich dir ein Veilchen hau:
Meine nationale Pflicht.

Gebt uns Pinsel, gebt uns Lappen,
schmiert uns Schminke auf die Backe.
Vorwärts geht es auf dem Rappen.
Auf der Fahne Blut und Kacke.