Kategorie-Archiv: Aus der Gechichte

Aus der Gechichte

Die Triebkräfte der Produktion

„Wo man vereint Verstand mit Muskelkraft,
dort blüht der Weizen der Genossenschaft!“

Kaum hatte der kleine Herr Schönleben dieses schöne Gedicht von Fredo G. Winser-Schnellig, dem Cheftexter der Agentur, in einer hübschen Schriftart auf dem Flyer angeordnet, ploppte das hochrote, verpixelte Gesicht des Art Directors (im Hintergrund die Kommandobrücke eines Raumschiffs) auf seinem Bildschirm auf. Kurz darauf erschienen auch die verstörten Grimassen der Kollegen, die ratlos in ihre Kameras starrten.

„So, jetzt mal alles stehen und liegen lassen, ihr Rüben! Wir sind gehackt worden!“

„Hoho, von der Feldbaubrigade der Genossenschaft, oder was?“ brüllte der kleine Herr Schönleben und wälzte sich auf dem Boden, vergnügt über den gelungenen Witz. Leider waren er und Fredo die einzigen mit dem Flyer beschäftigten Mitarbeiter, so dass sein Scherz ins Leere lief. Der Art Director war glücklicherweise zu sehr mit seiner eigenen Wichtigkeit beschäftigt, als dass er sich die Zeit nehmen wollte, Schönleben zurechtzuweisen.

„Präzisiere: Unser verehrter Herr Geschäftsführer ist gehackt worden, während er, äh, das tut hier nichts zur Sache, ihr Runkeln! Jedenfalls ist ab sofort aus Sicherheitsgründen jeglicher Kontakt mit dem sehr geehrten Herrn Geschäftsführer bis auf weiteres untersagt!“

Ein unbeschreiblicher, vielstimmiger Jubel stieg daraufhin aus den Kehlen der Belegschaft auf, hell und entschlossen, freudig und unversiegbar, so dass selbst der Art Director nach anfänglicher Irritation fraternisierte und mit aufgerissenem Maul einstimmte. Goldene Tage standen ins Haus ohne Schikane, Überstunden und Gebrüll, man würde den sozialistischen Wettbewerb zelebrieren wie eine Polonaise der guten Laune, sich anerkennend über die Schultern der Kollegen beugen (rein virtuell), Flaschen mit Hell- und Kraftbier leerend entspannt den unweigerlich auszureichenden Prämien entgegenarbeiten. Ein goldener Herbst, Erntezeit, Freiheit, Brüderlichkeit.

„Es lebe der Hacker!“ rief der kleine Herr Schönleben, und alle, wirklich alle brüllten im Chor mit, bis pünktlich um sechzehn Uhr die Sirenen aus den quäkenden Laptoplautsprechern das Ende der heutigen Fron verkündeten.

Es gültet

Früh zur Wahl, danach zum See,
nochmal in die Wellen.
Abends dann aufs Kanapee:
Wie die Balken schnellen,

rosa, rot, grün, gelb und schwarz,
braun und blau und Torten.
Auf der Backe wächst die Warz,
von den vielen Worten.

„Lüge!“ rufe ich hier nicht,
das wär mir zu simpel.
Trotzdem bin ich nicht so schlicht,
wie sich mancher Gimpel,

der mein Kreuzchen wohl goutiert,
dachte, einzuseifen
mich. Ich wähl, weil mich geniert,
mein Recht nicht zu greifen.

Ich wähl früh, dann in den See.
Schreiend in den Fluten.
Kribbelnd taub ist jeder Zeh.
Ich wähl nur die Guten.

Denn die Schlechten kommen doch
ganz allein nach oben.
Steigen aus dem dunklen Loch,
basteln sich die Roben

und Talare und den Thron,
mästen ihre Spender.
Deren Geld klirrt mir wie Hohn,
während ich hör „Gender“-

Diskussion als Nebenkrieg.
Nein, es geht aufs Ganze.
Gibt es diesmal Prol.-Rev.-Sieg?
Nein. Ich heul und tanze.

Kleine Bildbeschreibung

Bei diesem schönen Bild fällt zuerst die aufwendig schraffierte Latzhose ins Auge. Getragen wird sie vom Arbeiter (alle Arbeiter haben stets einen überdimensionalen Maulschlüssel in der Hand, das kennt man ja, schließlich gibt es immer etwas fest- oder loszudrehen). Die Einheit von Arbeiterklasse und Intelligenz wird durch Frisur, Koteletten und Wangenbeulen versinnbildlicht. Der Eierkopf (Intelligenz) ist auch körperlich eiförmig angelegt, um seine, wenn es hart auf hart kommt, Unterlegenheit darzustellen.

Der Zeichner des schönen Bildes weiß nicht, wie ein Rohrpostsystem aussieht, es interessiert ihn auch nicht, deshalb hat er es sich am Abort abgeguckt, was aufs selbe rauskommt. Bisher ist ja auch noch nichts konstruiert worden, wahrscheinlich unterhalten sich die beiden über die Oberligaergebnisse. So, wie der Konstrukteur den Stift hält, wird das sowieso nichts, außerdem könnte er ja die EILROHRPOST mit dem Pflichtenheft öffnen, aber er hat seinen eigenen Eierkopf und macht einfach, was er will.

Insofern bildet das Werk die Realität passgenau ab und regt nur bedingt zum Nachdenken an. Aber die Knöpfe sind sehr liebevoll ausgearbeitet.

Kleine Bildbeschreibung

Das Saratower-System (mit Bindestrich) quillt in dicken schwarzen Rußwolken aus den Schloten, sonst wäre es nicht sichtbar. Die Fabrik erscheint aufgeräumt, es liegen weder Schrott noch Zulieferteile auf dem Hof, was ungewöhnlich ist. Vielleicht arbeitet ja auch niemand, stehen doch die Werktätigen alle unproduktiv im Kreis herum und halten Maulaffen feil.

Sie scheinen erzürnt zu sein, manche ratlos, man ballt die Fäuste. Was ist der Grund? Ein bemitleidenswerter Kobold, dem jemand „Dauerfehler“ auf den Bauch gemalt hat. Aber was ist ein Dauerfehler? Dauert es lange, ihn zu machen? Macht man ihn permanent? Oder ist es wie beim Dauerkeks, dass er sich einfach nur lange hält, man ihn in der Schublade vergisst, bis er in einer Schichtpause zum Vorschein kommt und mit Genuss verzehrt wird?

Vielleicht ist er aber auch, was das Bild durchaus nahelegt, aus dem mysteriösen Buch „Saratow“ geschlüpft und einfach Teil des Saratower-Systems, ein Systemfehler also?

Mir jedenfalls tut der niedliche Dauerfehler leid, und ich wünsche ihm alles Gute. Vielleicht gelingt es ihm ja, als Dauerläufer (Wortspiel!), den bösen Werktätigen zu entkommen und sich im Ruß zu verbergen. Insofern hat mich das Bild zum Nachdenken angeregt. Das ist schön.

Kleine Bildbeschreibung

In diesem Werk gelingt es dem Zeichner Hut81HOF, inspiriert vom Titel „MAMMAI-Methode“, seine erotischen Phantasien konsequent auszuleben. Es kommen nur weibliche Personen zur Anwendung, die Dekolletés sind, im Gegensatz zur wie immer schludrigen Ausführung der Arme, liebevoll gearbeitet.

Das Mienenspiel der Protagonistinnen in Anbetracht der ausgereichten roten „Vorgaben“ reicht von Fassungslosigkeit über Besorgnis bis hin zu dümmlicher Akzeptanz. Damen ohne „Vorgaben“ machen sich über die anderen lustig, können aber sowieso nicht arbeiten, da sie über weniger Arme verfügen.

Die Werktätige ILI knüpft bereits ihren Kittel auf, vielleicht, um beim Meister eine Lockerung der „Vorgaben“ zu erwirken. Damit wird, wahrscheinlich ungewollt, ein Verweis auf patriarchale Strukturen gesetzt, die es zu Zeiten der MAMMAI-Methode allerdings nicht gegeben haben sollte.

Verstörend wie immer hat der Zeichner die Frisuren gearbeitet — ein Markenzeichen? Das Bild ist schön und regt mich zum Nachdenken an.

Kleine Bildbeschreibung

Ein dicker Arbeiter steht ratlos an einer Drehmaschine. Ein anderer macht sich darüber beim Technologen lustig (Mobbing). Alle drei tragen Dauerwellen, die es beim Betriebsfrisör billig gibt.

Die Bassow-Methode besteht darin, dass der Arbeiter NUR NOCH ohne Gipsbein seine Werkstücke drehen darf. Er muss es also vorher ablegen, vielleicht reicht es aber auch, das kreuzweise Pflaster zu entfernen.

Der Zeichner zeichnet gern Hände, mit den Armen hat er Schwierigkeiten. Auch das Werkstück ist nicht zu sehen, es gab wohl Lieferschwierigkeiten. Dafür hat der Technologe ein Smartphone in der Kitteltasche, wahrscheinlich aus dem Westen.

Das Bild ist schön, und es regt mich zum Nachdenken an.

Kleine Bildbeschreibung

Im VEB ÖKO erwarten drei fröhliche Beschäftigte, der Pförtner (allerdings ohne Pforte), ein einladender Arbeiter mit Koteletten und eine winkende Arbeiterin mit unvorteilhafter Frisur, den Einzug von Büchern auf Beinen. Jedes Buch hat ein sehr kleines Gesicht, das erste sogar ein rotes. Die beiden ersten Bücher „Slobin“ und „Mamai“ scheinen zu brennen, aber das stört niemanden.

Im Pförtnerhäuschen hängt nur noch ein Schlüsselbund. Also sind alle Kollegen anwesend, außer Kollege Schulz, der ein Alkoholproblem hat. Im Hintergrund türmen sich die Halden mit den Abfallprodukten, die bei der Fertigung im VEB ÖKO anfallen. Eine der Halden erinnert an einen Büstenhalter, was vom Zeichner HOF Hut 81 aus sexuellen Gründen beabsichtigt ist.

Die Bücher haben keine Knie, und man fragt sich unwillkürlich, warum sie nicht hinstürzen. Die Arbeiterin hat einen Brief in der Hand, vielleicht mit einer Auszeichnung oder mit einer Liste, welche Methoden zu welchen Erfolgen führen. Vielleicht hat sie aber auch nur das Geld veruntreut, das die Kollegen zum Geburtstag von Kollegin Meyer aus der Wickelei gesammelt haben.

Das Bild ist sehr schön, besonders die Farben, und es regt mich zum Nachdenken an.

Die Fenster zur Stadt

Blick auf Manhattan aus meiner Wohnung im Hochhaus (Beispielfoto)

Ich war reich geworden mit ein paar Gedichten, von denen ich gar nicht viel hielt, aber die Leute kauften wie blöde meine Bücher. Auf der Straße musste ich Autogramme geben und für Selfies grimassieren.

Mein Agent leistete gute Arbeit, er hatte mir auch empfohlen, von einem Teil meiner Einnahmen eine obere Etage in einem New Yorker Hochhaus (sehr hoch) zu erwerben. Wenn ich mal zu Weihnachten eine Jeans kaufen wolle, könne ich dort prima wohnen, erklärte er. Ich sah nicht ein, warum ich nach New York für eine Hose fliegen solle, aber es war mir egal. Wollte ich wollen, könnte ich können.

Da ich aber die ganzen Jahre lieber in Sassnitz als in Manhattan meinen Urlaub verbrachte, verfiel mein Agent auf die Idee, die Etage immer wieder einmal für viel Geld zu vermieten, und zwar, man glaubt es kaum, an diverse Hollywoodstudios. Es gibt ja keinen amerikanischen Film, der nicht für einige Büro-Szenen den atemberaubenden Blick auf Manhattan von oben benötigte, um ernstgenommen zu werden. Also verbrachte ich nun öfter meine Abende im Kino, freute mich am Ausblick meiner New Yorker Wohnung und ließ mich zu neuen Gedichten inspirieren, was ich finanziell eigentlich gar nicht mehr nötig hatte.

So war es natürlich nicht

„Wo ist denn die Nackttanzbar?
Weißt du noch? Im letzten Jahr?
Als ich in der Zone war?“
„Um die Ecke?“ „Ach, na klar!“

„Gut, wir sehen uns um zehn.
Muss nach den Hostessen sehn
und den Ossis Schrott andrehn.“
„Ach, wie ist die Messe scheen.“

Die Pflanzschalen

Die Bier vom Grantl und mir

Ich saß mit dem Grantl bei der Huberin. Da schenkt sie uns zwei so Pflanzschalen. Was soll ich mit Pflanzschalen? Außerdem viel zu klein! Passt nicht mal eine Kartoffel rein. Da sehe ich, es sind Kekse drin. Na, wenigstens was, aber sie sind festgeschraubt. Wieso schraubt sie die Kekse fest? Mache ich sie lose, die Schrauben fallen alle runter, weil so klein. Ein Geschrei und Nachsuche, aber sinnlos. Die Kekse sind gar nicht knusprig, außerdem sehr fad, geschmacklich. Sagt sie, die Huberin, warum ich die Dichtungen esse, und der Grantl, warum ich seinen Keks esse. Da werde ich zornig und frage, ob sie wenigstens ein Bier hat zum Runterspülen von dem faden Gebäck oder ob das auch im Kühlschrank festgeschraubt ist, und der Grantl muss nun doch lachen. Die Huberin ist dann auch wieder gut zu uns, weil wir die Bier schön trinken und die Pflanzschalen loben, auch ohne Dichtungen. Auf dem Heimweg fahren wir mit dem Grantl seinem BMW beinahe den Maibaum um, und dann werfen wir die Pflanzschalen in voller Fahrt auf das Auto vom Bürgermeister, der Sau, und treffen auch gut, sie taugen also doch, die hat die Huberin gut ausgesucht.