Kategorie-Archiv: Aus der Gechichte

Aus der Gechichte

Ginouh!

ginouh

Bunt ist das Ginouh wie das Leben.
Vorhang zur Seite, aufwärts streben
die Säulen und die Intentionen,
verkündet aus den Megaphonen.

Wir lümmeln in den alten Sesseln,
verzehren Bier aus Kupferkesseln,
verfitzen uns in Handlungsstränge
und zahlen gerne Überlänge.

Es ist noch Zeit zum Happy End.
Hauptsache, dass man’s nicht verpennt.

Schade

ruine

Ich hatte mich auf eine vielversprechende Stelle als Parteisekretär beworben, aber als ich vor dem Betriebsgebäude stand, ahnte ich, dass das Jobportal nicht auf dem allerneuesten Stand gehalten wurde.

Der Weg nach oben (zum Tag der Arbeit)

nachoben

Der Weg nach oben: Wird er gelingen?
Wird man mir oben auch Ständchen singen?
Und was ich machte, um hoch zu kommen,
die Sauereien, gänzlich unfrommen
Machenschaften und üble Schandtaten
Singt man mir trotzdem hübsche Kantaten?

Mir doch egal. Es putzt all den Dreck,
den ich verzapfte, irgendwer weg.

Katjuscha Bollmann

gold

 

Karl Gong, im Keller, zum Bierholen, obwohl, was den Alkohol betrifft, mittlerweile beinahe vernünftig geworden, in Maßen vernünftig also, nicht vollständig, das wäre ja unvernünftig, erinnerte, voll Wehmut, der mittlerweile vergangenen Lebenszeit wegen, ein sowjetisches Volkslied, Katjuscha, rutschte aber immer wieder, wegen des späten Abends, wie er es erklären würde, oder eher wegen der Konsumtion geistiger Getränke, die ihm seine Holde noch regelmäßig vorhielt, in Richtung Kalinka ab, Kalinka, Kalinka, Kalinka maja, dabei war doch Katjuscha, mit den Apfelblüten, der steilen Uferwand und dem Nebel, der vom Fluss ins Land zog, das flottere Stückchen Heimatlied, fremde Heimat zwar, aber Heimat ist Heimat, das Gefühl zählt, überall auf der Welt, zweimal zwanzig ist vierzig, zisch zisch zisch zisch mal zehn, verdammt lang her, Stalin orgelt im Grab bzw. Mausoleum, wo auch immer, Salve, Cäsar, oder Ziesar, haha, Ziesar, wo Fritze Bollmann den Ulanen die Bärte kratzte, aber dies nur nebenbei.

Die Flasche mit dem Goldhelm, der Mann mit dem Goldhelm, keine Frau, dies bitte zu beachten, mittlerweile heimatlos, nicht zugewiesen, früher war das einfacher, Rembrandt und fertig, was soll das Durcheinander, heutzutage, alles verschwimmt, die Konservativen, was für ein Sammelbegriff, werden zu Tode gegendert, endlich, weg mit der trügerischen Klarheit, mit der Sonne Strahlen eile fort, aus den Augen.

Amen.

Der starke Mann

muskel
Muskeln (Ausschnitt)

Als Karl Gong, der heimliche Bodybuilder, wieder einmal in eine Diskussion geriet, in deren Verlauf ein starker Mann herbeigewünscht wurde, um dies und jenes zu richten, und man sich nur noch nicht einigen konnte, was denn nun genau, ob zum Beispiel alle Autos abzuschaffen wären oder alle Fahrräder oder das Gesträuch oder das Gefleuch, Butter oder Margarine, Alkohol oder Abstinenz, Steuern oder Flucht, Gix oder Gax, spannte Karl Gong einfach kurz seine Muskeln an und haute dem lautesten Schreihals eine trockene Gerade zwischen die Augen, dann dem zweitlautesten, dem drittlautesten und so weiter und so fort, und als dann nur noch ein Diskutant nicht mit nach innen gedrehten Pupillen auf dem Boden lag, denn jener war der einzige, der leise Einwände gegen den starken Mann als solchen geäußert hatte, sagte er zu diesem, mit freundlichem Schulterklopfen: “Siehste, so ist das mit dem starken Mann”, ließ die hochgekrempelten Ärmel wieder nach unten, knöpfte die Manschetten zu und ging fröhlich pfeifend seines Weges.

Die unbekannte Platte im Abendnebel

plattenspieler

Wieder einmal hatte der Problembär aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums den Entschluss gefasst, eine Schallplatte abzuspielen, mit voller Lautstärke, versteht sich! Zum Glück lag bereits eine auf dem Plattenteller, die dünnen, ungeschickten Ärmchen des Problembären mussten nur noch die Stromzufuhr herstellen, den Deckel des Gerätes anheben (aua, schwer!), den Tonarm in eine Position am äußeren Rand der Platte (man will ja nichts verpassen!) schieben und schließlich den Hebel zum Absenken des Tonabnehmers betätigen.

Diese letzte notwendige Aktion erwies sich jedoch in Anbetracht des fortgeschritten fröhlichen Zustandes des Problembären als undurchführbar, der “lustige Geselle” (Dorfzeitung) geriet vollumfänglich auf die drehende Platte, rotierte prustend, immer wieder den Tonarm mit seinem Leib wegschleudernd, einige Male um seine Achse, bevor er, der Fliehkraft gehorchend, nach Absolvieren einer interessanten Flugbahn in der benachbarten Sammlung schottischer Briefbeschwerer aus dem zwanzigsten Jahrhundert landete, die ihn wirkungsvoll abbremsten, ohne seine Integrität maßgeblich zu beeinträchtigen.

Obwohl es nun nicht zum geplanten Abspielen des unbekannten Tonträgers gekommen war, befriedigte dieses Erlebnis den Drang des Problembären nach Abenteuern vollauf, so dass er sich nach einem kurzen Berappeln schnaufend ins Güldene Bettchen begab.

Der Plattenspieler indes drehte sich weiter ungerührt, bis am nächsten Morgen ein Mitbewohner des Problembären den Tonarm arretierte, die Stromversorgung ordnungsgemäß unterbrach und den Deckel absenkte, nicht ohne ob der unbekannten Schallplatte ein wenig die Nase zu rümpfen.

Der Kleine Präsident

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Zweimal täglich wurde der Kleine Präsident in der Staatskalesche durch die nach ihm benannte Gasse transportiert, morgens zum Schloss und abends zurück in seine Wohnküche. Und immer ärgerte er sich, dass das Straßenschild so hoch angebracht war, dass er es kaum lesen konnte. Selbst hochgewachsene Bürger mussten ihre Hälse recken, um den Straßennamen zu entziffern, aber sie taten es sowieso nicht, denn das Lesen überhaupt war mittlerweile aus der Mode gekommen.

So blieb der Kleine Präsident weitgehend unbekannt im Land, er spielte lediglich in diversen Verschwörungstheorien eine Rolle. Der Große Präsident indes suhlte sich nicht nur in seiner Allmacht, sondern auch mit seinen Mätressen im überdimensionierten Schlammbad der Präsidentensuite, ließ sich Cocktails aus überteuertem Hipstergin zubereiten und überzog das Land unschuldig lächelnd mit widerwärtigen Intrigen. Die Manipulation der Straßenschilder war davon eine der harmloseren.

Die Materialisierung des Willens und ihre Negation

anleger

“Dies hier, Sohn”, deklamierte Karl Gong stolz, die Arme ausbreitend, “habe ich geschaffen. Mit meiner Hände Arbeit, mit meinem Hirn und mit unvorstellbarer Willenskraft, gegen alle Widerstände. Ist es nicht großartig, etwas geleistet zu haben, das sich materialisiert hat, ein Plan, der Wirklichkeit geworden ist zu unser aller Wohl und Frommen?”

“Nein”, sagte der Sohn und fing sich eine Backpfeife ein.

National

fahnenmond

Jedes Steinchen eine Flagge.
Jedes Klo ein Hoheitszeichen.
Jedes Beinchen voller Kacke.
Niemand will vor Scham erbleichen.

Meine Farben hinter Gittern
meines Lochs im Menschenzoo.
Seht mich an, ich lass euch zittern,
denn ihr macht das mit mir ouh.

Schwarz und weiß und rot und blau,
gelb und grün: Mehr braucht es nicht,
dass ich dir ein Veilchen hau:
Meine nationale Pflicht.

Gebt uns Pinsel, gebt uns Lappen,
schmiert uns Schminke auf die Backe.
Vorwärts geht es auf dem Rappen.
Auf der Fahne Blut und Kacke.

Ein kurzer Abriss der Einhegungsanstalten

anstalt
Einhegungsanstalt (Beispielfoto)

Als sich die Menschen dann irgendwann in Städten zusammenfanden, weil sie dort von den wilden Tieren nicht so einfach überwältigt werden konnten, stellten sie fest, dass sie es nicht gut miteinander aushielten, und sie gründeten diverse Anstalten, die sich der Disziplinierung der Bewohner widmeten. Kirchen, Schulen, Irrenhäuser und Gefängnisse befassten sich mit der geistigen und körperlichen Einhegung, mit mehr oder weniger Erfolg. Trotzdem versuchte jede Bevölkerungsgruppe und jede Generation immer wieder aufs neue, auf Kosten der jeweils anderen zu Glück und Wohlstand zu gelangen, und das einzige, was als Trost auf die ganze Misere getröpfelt wurde, war die Verheißung der Liebe, für deren Erlangung wiederum den Unglücklichen, die sie nicht spüren durften, spezielle Anstalten errichtet wurden. Da über allem Ungemach stets auch der Geist der allumfassenden Konkurrenz als letztgültiger Popanz grüßte, traten natürlich die Einhegungsanstalten selbst in einen unermüdlichen, alles vertilgenden Wettstreit, der dafür sorgte, dass immer wieder aufgebaut werden musste, was man in Raserei zerschlagen hatte, wodurch der Sand an den Stränden ausging und ausgerechnet die unerfreulichsten der Menschen, nämlich die Gebäudehöker, unermesslich reich wurden.

Zur Kur

lokomotivbau

Karl Gong, der zur Kur in einer dieser bemitleidenswerten Kleinstädte In The Middle Of Nowhere weilte, um seinen Blutdruck unter die Schwelle absenken zu lernen, oberhalb derer er für seine Mitmenschen gefährlich sein könnte (Explosionsgefahr), wäre beinahe von der dampfbetriebenen Straßenbahn des Ortes überfahren wurde, weil es in seinen Ohren so sehr rauschte, und in einer ersten Aufwallung wollte er schon, fäusteschwingend und übermäßig alles mögliche durch seinen Körper pumpend, über den Heizer herfallen, der lässig aus dem Seitenfenster hing und einen Stumpen Dominikanische im Mundwinkel balancierte, da erblickte er die massive VEB-Plakette an der Lok, und Tränen schossen aus seinen Augen (Druck), denn genau diese Plaketten hatte sein Onkel Heinz-Jürgen in Babelsberg “aus dem Stück gefeilt”, geschliffen und schließlich mit Zahlenstempel und Hammer numeriert. 1953! In dem Jahr, in dem die Westzonen ein Gesetz erlassen mussten, das den Zustrom ihrer frustrierten Bürger zur Fremdenlegion eindämmen sollte, hatte sein Onkel Heinz-Jürgen seinen Beitrag zum friedlichen Aufbauwerk geleistet, bevor er auf der Parteischule lernte, dass es noch viel geilere Dinge gibt, als Plaketten zu feilen, was aber, wie wir heute wissen, nicht stimmte. In Karl Gong jedenfalls stieg plötzlich eine große Ruhe und Gelassenheit auf, denn er spürte in diesem Moment den Atem der Geschichte, der ihn erfrischend abkühlte und lehrte, dass etwas bleibt vom Leben, unzerstörbar, ewig, wenigstens eine formschöne Plakette mit relevanten Informationen, und sein Blutdruck fiel unter die magische Marke, allerdings nur so lange, bis sich der erste PKW des Tages mit Arschkraft durch die bemitleidenswerte Kleinstadt drängte.

Vom Haus

schwebend

Ich hatte mich mit dem Haus verzankt, es ging um das Anbringen von Bildern, genauer gesagt: Das Einschlagen von Nägeln oder, wenn die Bilder zu gewichtig waren (bedeutende bzw. mit Ölfarben aasende Künstler), auch das Setzen von Schrauben mittels Bohrmaschine und Dübel.

“Ich halte das nicht mehr aus mit dir (du Vogel)!” hatte das Haus gesagt und war einfach so in der Dunkelheit verschwunden. Immerhin ließ es mir das Dach da, denn ein Dach über dem Kopf, und so weiter, weiß man ja. Das Dach allerdings war das, was sowieso am wenigsten taugte an der ganzen Stellage, es fehlten die Ziegel, schon immer, und so stand ich buchstäblich im Regen, denn nun war auch die fein gegossene Filigrandecke nicht mehr da, sondern weg mit dem Haus. Zum Glück regnete es keine Buchstabensuppe (Scherz, missglückt).

Der Nachbar half mir mit ein paar Stangen aus, so konnten wir zumindest die ursprüngliche Höhe des Hauses simulieren und den Traktor unterstellen, wenn er mal da war.

Das Haus schrieb mir sehr viel später eine Ansichtskarte, es ging ihm besser als damals mit mir, die leserliche Unterschrift lautete “Mobile Home, Utah”, und im ersten Augenblick dachte ich “Hallo? Uta?”, aber dann, klar, mit h.

Ich gab die Hoffnung auf, dass es wiederkehren würde und bestellte beim Nachbarn Bretter für Hauswände, die bis heute nicht fertig geworden sind.

Schöner Abend

kasslerbraten

Wir aßen, nebst Salaten,
gebratnen Kasslerbraten
an Soße, Kraut und Klößen
in ausreichenden Größen.

Das ging nicht ohne Bier.
Wir zählten schließlich vier.
Der Kellner zählte acht.
Was haben wir gelacht.

Dann rollten wir nach Hause
und machten eine Pause.

Destination Schweinebauch

schweinebauch

Hieronymus B. Schnock , Inhaber des Fleisch-, Wurst- und Fleischwurstvertriebs Schnock und Sohn Koselinzien/Mittelsachsen (Name und Adresse geändert), hatte vier Söhne, von denen sich allerdings keiner darum riss, der “Sohn” im Firmennamen zu sein. Die Preise für Schweinebauch, den Hauptumsatzbringer des Unternehmens, standen seit Jahren unter Druck, und das Image der Schweinebauchbranche hatte unter diversen Skandalen gelitten (Knorpel im Essen, Vernachlässigung veganer Kundenkreise). Der erste Sohn war Bäcker geworden, der zweite im Westen, der dritte Beamte und der vierte im Internet. Nur die einzige Tochter zeigte ehrliches Interesse am Geschäft, liebte den Kontakt zu den Gastwirten, den Hoteliers und den wenigen Privatkunden, die extra über Land mit ihren Anhängern anreisten, um den soliden Schnockschen Schweinebauch für den Tag der NVA, für Weihnachten und die Zeit dazwischen anzuschaffen. Bezahlt wurde bar, und ein Küsschen der Juniorchefin gab es obendrein. Trotzdem weigerte sich Schnock, konservativ wie er war, die “Tochter” in den Firmennamen aufzunehmen.

Wie es weiterging, könnte man in einem Fortsetzungsroman (Destination Schweinebauch) erfahren.