Kategorie-Archiv: Aus der Gechichte

Aus der Gechichte

Zeitenwenden

fuenfnachzwoelf

Der Problembär, der in letzter Zeit zuviel Zeitung gelesen und ferngesehen hatte, verbrachte ganze Nachmittage an der Uhr, um sie wahlweise auf fünf vor zwölf, eins vor zwölf oder fünf nach zwölf zu stellen, je nach Aussichtslosigkeit der Situation. Irgendwann aber drang das fordernde Rattern des Kühlschranks in sein Bewusstsein, er ließ die Apokalypse Apokalypse sein und begab sich an den Küchentisch, den gut gekühlten Getränken Gesellschaft zu leisten.

Programmhinweis

atemwege
Atemwege (Beispielfoto)

Nach dem Erfolg der regelmäßig versendeten Hitler-Dokumentationen Hitler und seine [Panzer, Flotte, Männer, Frauen, Hunde, Feldzüge, Flugzeuge, Hauptstädte] empfehlen wir heute abend aus gegebenem Anlass die Sondersendung Hitler und seine Atemwege (160 Minuten, gleich nach den Nachrichten); wahrscheinlich haben Sie ja sonst nichts zu tun.

Langsame Begebenheit

landschaft
Landschaft mit erloschenem Vulkan (Beispielfoto)

„Weißt du“, sagte Görke zu Schlott, der in gehöriger Entfernung von ihm die Einnahme eines Getränkes zelebrierte.

„Ja“, sagte Schlott, der einige Minuten ins weite Land gehen ließ, ehe er den Mund öffnete.
Sie hatten sich aufgrund der Ereignisse, beziehungsweise der Nichtereignisse, eine erhebliche Verlangsamung der Gesprächsführung angewöhnt. Im Weiler war seit Wochen nichts vorgefallen, was der Erwähnung wert gesesen wäre. Sie dehnten also die Zeit, um vielleicht doch noch einen Vorfall, eine Idee oder wenigstens eine Irritation in der scheinbar unendlichen Spanne ihres Beisammenseins unterzubringen.

„Der Baumarkt“, sagte Görke, sehr verzögert, und machte ein Gesicht.

Ein Vogel rief klagend. Wahrscheinlich war der 20er Meisenknödelspender leergefressen. Die Sonne schob sich ganz langsam hinter das Hochsilo der LPG.

„Der war immer schön, der Baumarkt“, sagte Schlott.

Die Kreissäge vom Semmler begann zu singen. Er machte jetzt aus den 30er Kaminscheiten je drei 10er. Brennt besser. Leider auch schneller. Die Säge sang sechzehn Strophen, dann holte Görke wieder Luft.

„Hat vlei widder uff“, sagte Görke, und ließ einen sehr ausdrücklichen Zug Helles folgen. Andächtig wartete Schlott, bis sein Freund das umgewandelte Getränk hinter dem überquellenden Komposthaufen abgeschlagen hatte und wieder auf den Plastikstuhl, den er vor Jahren aus der Ostsee gefischt hatte, gesunken war.

„Gloob ick nich“, sagte Schlott, dem sich in Phasen der inneren Aufgewühltheit manchmal Anklänge eines brandenburgischen Zungenschlags zwischen die Zähne mischten.

„Na, dann ni“, beendete Görke das Gespräch nach reiflicher Überlegung.

Die Sonne verschwand hinter dem kaputten Zaun, der von diesem unzähmbaren Efeu, dem Misthund, überwuchert war, und die erste Fledermaus ließ das falsch eingestellte Hörgerät Görkes aufgeregt klackern.

Das schlampige Sonett von der Momentaufnahme

seefarad

Auf gehts, raus, in Wind und Gischt.
Heut verstecken wir uns nischt.
Morgen auch nicht, überhaupt
sei ein jeder Tag beraubt

seines Besten: Guter Zeit.
Also schnell und hoch und weit
mit den Beinen, mit dem Kopf.
Löffel in den vollen Topf,

Bier ins Glas und Stein aufs Brett,
Hand ins Gras und Frau ins Bett,
weil der Reim nun mal so geht.

Wir sind frei, die Welt ist fett,
aber leider nie komplett.
Auch egal. Noch nicht zu spät.

Verzögerte Wege zur Normalität

mikro

Wenn demnächst der Konzert- und Gastspielbetrieb wieder aufgenommen wird, gelten vorerst Einschränkungsverfügungen. Den Bands wird das Mitführen von Sängerinnen und Sängern untersagt, die BedienerInnen von Instrumenten haben sich im Hintergrund zu halten und gegebenenfalls mit dem Rücken zum Publikum zu spielen. Positive Beispiele sind aus der Musikgeschichte hinreichend bekannt und zur Nachahmung empfohlen.

Eis, Baby

torgitter

Der wegen des überharten Winters mit seinen Eisregenexzessen, Schneekapriolen und den ganzen anderen arktischen Sauereien gesperrte Aufgang zum Aussichtsturm (Rutschgefahr) bleibt laut Auskunft der Behörden bis zu den Eisheiligen geschlossen, um das Ärgste (Sturztode) zu verhindern (wegen „Eis“).

Armageddon

armageddon
Der Blick aus dem Fenster

Nach dem erzwungenen nächtlichen Genuss der frei Haus gelieferten Katastrophenfilme (den Tag hatte ich verschlafen, um nicht von Klopapier schleppenden oder nach Klopapier gierenden Menschen niedergerannt zu werden), traute ich mich kaum, die Vorhänge vom Fenster zu ziehen, schlief also den zweiten Tag durch, erwachte vom Getöse eines weiteren Weltuntergangs im Fernsehgerät, linste, es muss gegen Sonnenuntergang gewesen sein, aus dem Fenster und kroch kurz aufschreiend und schießlich wimmernd unter die Bettdecke, während Bruce Willis sein Bestes gab.

Tödliche Gefahren der Sommerzeit

sommerzeit

Während das Greinen der an sich selbst empfindsamen Bevölkerung über die Mühsal und Zumutung der Sommerzeit für den neutralen Beobachter kaum nachzuvollziehen ist, birgt der Umstellungsvorgang zum Beispiel für den kleinen Herrn Schönleben erhebliche, sogar tödlich zu nennende Gefahren aufgrund der in großer Höhe angebrachten Uhren in seinem Umstellungsverantwortungsbereich. Hoffen wir, dass auch diesmal wieder alles gut geht.

Das schlampige Sonett zur Lage

corinna

Stell dir vor, das Virus wäre
wie ein Luftballon.
Trudelt durch die Atmosphäre
bis aufs Scheselong,

wo wir sitzen, und wir fangen
es uns fröhlich ein.
Hustend röten sich die Wangen!
Virus, dummes Schwein!

Nimm die Nadel,
liebes Madel,
stichel, pfuff, ein Loch!

Dann ins Ladel.
Handwaschbadel!
Danke: Robert Koch.

Aus dem Wirtschaftsleben

jagd
Guck, ich bin Geschäfteführer,
Großer Im-Getriebe-Rührer,
Überflieger,
Alleskrieger.
Fünfundzwanzig eingebracht,
mach ich, bis die Bude kracht,
endlos Schaden,
fahr den Laden
an die Wand
ganz elegant.
Alle, die mir anbefohlen,
solln sich dicke Beulen holen,
fein verraten und verkauft,
mir egal, die Sache lauft,
und ich blähe das Gefieder,
quatsche alle haltlos nieder
und begründe morgen schon
einen neuen Firmenklon.
usw. usf.

Ungültige Wahl, vielleicht

marokko
Marokko. Auch schön mit Huhn.

Wehmütig erinnere ich die Zeiten, da ich mit beliebigen Leuten ein Gespräch anfangen konnte, harmlose Sätze austauschte, über das Wetter, das Befinden und das Wochenende, und wir lächelnd und in Frieden schieden. Heute allerdings muss man gewärtigen, dass jeder spontane Versuch einer unverbindlichen Kommunikation sofort zu einem Ausbruch peinlichsten Krakeels führen kann; ohne jeden Anlass wird verbal losgewütet, die Welt in den absonderlichsten Theorien ausschweifend und bizarr und offensichtlich völlig kenntnisfrei erklärt, auftrumpfend dumm wie ein aus großer Höhe gefallener, zerplatzender Kürbis.

So bemerkte letztens in der Briefwahlkabine nebenan eine Dame sinngemäß, dass ihr die Anzahl der Parteien auf dem Stimmzettel viel zu groß erschiene. Ich hätte schon vom Tonfall gewarnt sein müssen, gab aber zu bedenken, dass diese Vielfalt auch ihr Gutes habe, wenn jede Bürgerin genau das wählen könne, was ihr zusage. Der nachfolgende Schwall sinnloser Beschimpfungen des hiesigen Landes, dessen Zustand auch ich nicht hundertprozentig beglückend, aber einigermaßen erträglich finde, gipfelte in der lauthals gemaulten Feststellung, dass alles, und wirklich alles in Marokko, woher die Dame wohl eben aus dem All-Inclusive-Urlaub zurückgekehrt war, viel besser sei.

„Dann geh doch nach Marokko, du dummes Huhn!“ brüllte ich außer Kontrolle, faltete meinen Stimmzettel, warf ihn ein und überlegte den ganzen Abend, wen ich eigentlich gewählt hatte.

Born under a 13

keine-13
Das ist keine 13

Nur ganz kurz ein Wort zur 13.
Manche kann man damit reizen.
Aberglaube hebt Perücken
mancher Leute, wenn sie drücken

nur die Klinke einer Pforte
Nummer 13. Solche Orte
werden gerne ignoriert,
im Hotelgang ausradiert:

Zimmer 12, dann gleich die 14.
Willst du dir das Leben würzen,
sei geboren heute frech.
Der Beweis: Es gibt kein Pech,

das der 13 eigen ist.
Manchmal regnets eben Mist,
meistens Wasser, selten Gold.
Immer sei das Glück dir hold!

Niemals seiest du malade!
Apfelsaft und Limonade,
Hoch die Gläser, Skol, Salute!
Astrologin zieht ne Schnute.