Kategorie-Archiv: Aus der Gechichte

Aus der Gechichte

Die Materialisierung des Willens und ihre Negation

anleger

“Dies hier, Sohn”, deklamierte Karl Gong stolz, die Arme ausbreitend, “habe ich geschaffen. Mit meiner Hände Arbeit, mit meinem Hirn und mit unvorstellbarer Willenskraft, gegen alle Widerstände. Ist es nicht großartig, etwas geleistet zu haben, das sich materialisiert hat, ein Plan, der Wirklichkeit geworden ist zu unser aller Wohl und Frommen?”

“Nein”, sagte der Sohn und fing sich eine Backpfeife ein.

National

fahnenmond

Jedes Steinchen eine Flagge.
Jedes Klo ein Hoheitszeichen.
Jedes Beinchen voller Kacke.
Niemand will vor Scham erbleichen.

Meine Farben hinter Gittern
meines Lochs im Menschenzoo.
Seht mich an, ich lass euch zittern,
denn ihr macht das mit mir ouh.

Schwarz und weiß und rot und blau,
gelb und grün: Mehr braucht es nicht,
dass ich dir ein Veilchen hau:
Meine nationale Pflicht.

Gebt uns Pinsel, gebt uns Lappen,
schmiert uns Schminke auf die Backe.
Vorwärts geht es auf dem Rappen.
Auf der Fahne Blut und Kacke.

Ein kurzer Abriss der Einhegungsanstalten

anstalt
Einhegungsanstalt (Beispielfoto)

Als sich die Menschen dann irgendwann in Städten zusammenfanden, weil sie dort von den wilden Tieren nicht so einfach überwältigt werden konnten, stellten sie fest, dass sie es nicht gut miteinander aushielten, und sie gründeten diverse Anstalten, die sich der Disziplinierung der Bewohner widmeten. Kirchen, Schulen, Irrenhäuser und Gefängnisse befassten sich mit der geistigen und körperlichen Einhegung, mit mehr oder weniger Erfolg. Trotzdem versuchte jede Bevölkerungsgruppe und jede Generation immer wieder aufs neue, auf Kosten der jeweils anderen zu Glück und Wohlstand zu gelangen, und das einzige, was als Trost auf die ganze Misere getröpfelt wurde, war die Verheißung der Liebe, für deren Erlangung wiederum den Unglücklichen, die sie nicht spüren durften, spezielle Anstalten errichtet wurden. Da über allem Ungemach stets auch der Geist der allumfassenden Konkurrenz als letztgültiger Popanz grüßte, traten natürlich die Einhegungsanstalten selbst in einen unermüdlichen, alles vertilgenden Wettstreit, der dafür sorgte, dass immer wieder aufgebaut werden musste, was man in Raserei zerschlagen hatte, wodurch der Sand an den Stränden ausging und ausgerechnet die unerfreulichsten der Menschen, nämlich die Gebäudehöker, unermesslich reich wurden.

Zur Kur

lokomotivbau

Karl Gong, der zur Kur in einer dieser bemitleidenswerten Kleinstädte In The Middle Of Nowhere weilte, um seinen Blutdruck unter die Schwelle absenken zu lernen, oberhalb derer er für seine Mitmenschen gefährlich sein könnte (Explosionsgefahr), wäre beinahe von der dampfbetriebenen Straßenbahn des Ortes überfahren wurde, weil es in seinen Ohren so sehr rauschte, und in einer ersten Aufwallung wollte er schon, fäusteschwingend und übermäßig alles mögliche durch seinen Körper pumpend, über den Heizer herfallen, der lässig aus dem Seitenfenster hing und einen Stumpen Dominikanische im Mundwinkel balancierte, da erblickte er die massive VEB-Plakette an der Lok, und Tränen schossen aus seinen Augen (Druck), denn genau diese Plaketten hatte sein Onkel Heinz-Jürgen in Babelsberg “aus dem Stück gefeilt”, geschliffen und schließlich mit Zahlenstempel und Hammer numeriert. 1953! In dem Jahr, in dem die Westzonen ein Gesetz erlassen mussten, das den Zustrom ihrer frustrierten Bürger zur Fremdenlegion eindämmen sollte, hatte sein Onkel Heinz-Jürgen seinen Beitrag zum friedlichen Aufbauwerk geleistet, bevor er auf der Parteischule lernte, dass es noch viel geilere Dinge gibt, als Plaketten zu feilen, was aber, wie wir heute wissen, nicht stimmte. In Karl Gong jedenfalls stieg plötzlich eine große Ruhe und Gelassenheit auf, denn er spürte in diesem Moment den Atem der Geschichte, der ihn erfrischend abkühlte und lehrte, dass etwas bleibt vom Leben, unzerstörbar, ewig, wenigstens eine formschöne Plakette mit relevanten Informationen, und sein Blutdruck fiel unter die magische Marke, allerdings nur so lange, bis sich der erste PKW des Tages mit Arschkraft durch die bemitleidenswerte Kleinstadt drängte.

Vom Haus

schwebend

Ich hatte mich mit dem Haus verzankt, es ging um das Anbringen von Bildern, genauer gesagt: Das Einschlagen von Nägeln oder, wenn die Bilder zu gewichtig waren (bedeutende bzw. mit Ölfarben aasende Künstler), auch das Setzen von Schrauben mittels Bohrmaschine und Dübel.

“Ich halte das nicht mehr aus mit dir (du Vogel)!” hatte das Haus gesagt und war einfach so in der Dunkelheit verschwunden. Immerhin ließ es mir das Dach da, denn ein Dach über dem Kopf, und so weiter, weiß man ja. Das Dach allerdings war das, was sowieso am wenigsten taugte an der ganzen Stellage, es fehlten die Ziegel, schon immer, und so stand ich buchstäblich im Regen, denn nun war auch die fein gegossene Filigrandecke nicht mehr da, sondern weg mit dem Haus. Zum Glück regnete es keine Buchstabensuppe (Scherz, missglückt).

Der Nachbar half mir mit ein paar Stangen aus, so konnten wir zumindest die ursprüngliche Höhe des Hauses simulieren und den Traktor unterstellen, wenn er mal da war.

Das Haus schrieb mir sehr viel später eine Ansichtskarte, es ging ihm besser als damals mit mir, die leserliche Unterschrift lautete “Mobile Home, Utah”, und im ersten Augenblick dachte ich “Hallo? Uta?”, aber dann, klar, mit h.

Ich gab die Hoffnung auf, dass es wiederkehren würde und bestellte beim Nachbarn Bretter für Hauswände, die bis heute nicht fertig geworden sind.

Schöner Abend

kasslerbraten

Wir aßen, nebst Salaten,
gebratnen Kasslerbraten
an Soße, Kraut und Klößen
in ausreichenden Größen.

Das ging nicht ohne Bier.
Wir zählten schließlich vier.
Der Kellner zählte acht.
Was haben wir gelacht.

Dann rollten wir nach Hause
und machten eine Pause.

Destination Schweinebauch

schweinebauch

Hieronymus B. Schnock , Inhaber des Fleisch-, Wurst- und Fleischwurstvertriebs Schnock und Sohn Koselinzien/Mittelsachsen (Name und Adresse geändert), hatte vier Söhne, von denen sich allerdings keiner darum riss, der “Sohn” im Firmennamen zu sein. Die Preise für Schweinebauch, den Hauptumsatzbringer des Unternehmens, standen seit Jahren unter Druck, und das Image der Schweinebauchbranche hatte unter diversen Skandalen gelitten (Knorpel im Essen, Vernachlässigung veganer Kundenkreise). Der erste Sohn war Bäcker geworden, der zweite im Westen, der dritte Beamte und der vierte im Internet. Nur die einzige Tochter zeigte ehrliches Interesse am Geschäft, liebte den Kontakt zu den Gastwirten, den Hoteliers und den wenigen Privatkunden, die extra über Land mit ihren Anhängern anreisten, um den soliden Schnockschen Schweinebauch für den Tag der NVA, für Weihnachten und die Zeit dazwischen anzuschaffen. Bezahlt wurde bar, und ein Küsschen der Juniorchefin gab es obendrein. Trotzdem weigerte sich Schnock, konservativ wie er war, die “Tochter” in den Firmennamen aufzunehmen.

Wie es weiterging, könnte man in einem Fortsetzungsroman (Destination Schweinebauch) erfahren.

Unerbittliche Profanität im Anmarsch

bruecke

Jedoch, als es dann schon wieder fast vorbei war mit dem Glanz und der allumfassenden Heiterkeit, wurde Karl Gong von einer eigenartigen Wehmut befallen, vergleichbar jener beim Anblick eines leeren Kühlschranks oder eines Silberfischchens, das allein und überfordert im halogenen Licht über die Badfliesen irrt, und er freute sich an jeder bunten Lampe, die er im Stadtbild ausmachen konnte, solange sie nicht ausgemacht war.

Bald würde ihm nur der farbenfrohe Morgen über den Gleisen bleiben, und jener auch nur mit schlechtem Wetter im Anmarsch (Bauernregel), und deswegen neuerdings selten.

Die Jünger

“Sagt, wer hat das Licht gesehen?”

“Ich! Ich! Ich!”

“Wen saht ihr im Lichte stehen?”

“Dich! Dich! Dich!”

“Wen soll ich mit Glanz versehen?”

“Mich! Mich! Mich!”

“Worum soll sich alles drehen?”

“Dich! Dich! Dich!”

“Fein. Dann folgt mir, wo ich geh.”

“Nee.”

Ermunterung

goethe
Goethe vor seinem Gartenhaus (Beispielfoto)

“Na, das Werther wohl schaffen, lieber Schiller”, sagte Goethe. “Ich wüßte nicht, wie man wegen eines Handschuhs solches Aufheben treiben sollte. Meine Korrespondenz mit dem Sattler, mein Lieber, die hat die Grete beim Kartoffelschälen nebenbei verfasst.”

Von der Meinung

botschaften
Angeblich braucht jeder eine Meinung. (Beispielfoto)

“Ich brauche keine Meinung”, sagte Karl Gong.

“Doch-doch, brauchste-brauchste”, erwiderte Herr Utz in nervtötend hohem Singsang. “Jeder braucht eine Meinung. Sofort und immer zu allem. Kann ja sein, es passiert mal was, dann braucht man doch eine Meinung dazu.”

“Aber man weiß doch noch gar nicht, was passiert ist”, knurrte Gong.

“Ist doch egal! Wenn du eine Meinung hast, ergibt es sich von selbst, was passiert ist.”