Kategorie-Archiv: Aus der Gechichte

Aus der Gechichte

Im Tätowierungsstudio

konzert

Bevor ich in Ohnmacht fiel, sagte ich dem Tätowierer, er solle mir den Namen von der Band stechen, bei der ich am Vorabend im Konzert gewesen war, denn es hatte mir sehr gut gefallen. Nun ja. Es hätte schlimmer kommen können. NAMEN. Oder BAND.

Neujahrsansprache

Durch den Patriotismus sind alle Völker der christlichen Welt bis zu einem solchen Grade der Vertierung gebracht worden, daß ihnen nichts eine größere Freude und Begeisterung gewährt als der Gedanke an vergangene und zukünftige Massenmorde. Der Patriotismus ist ein rohes Gefühl, weil er nur Menschen eigen ist, die auf der niedrigsten sittlichen Stufe stehen; er ist ein schädliches Gefühl, weil er die vorteilhaften und friedlichen Beziehungen zu anderen Völkern stört und eine Organisation hervorruft, bei der der Schlechteste die Gewalt an sich zu reißen vermag und es auch immer tut; er ist ein schimpfliches Gefühl, weil er den Menschen zu einem Kampfhahn, einem Stier, einem Gladiator macht; er ist ein unmoralisches Gefühl, weil ein jeder Mensch unter seiner Einwirkung sich für den Sohn seines Vaterlandes, für den Sklaven seiner Regierung hält, anstatt sich für ein Kind Gottes zu halten, wie es das Christentum lehrt.

Leo Tolstoi

Aufregend aufragend

nachthaus
Das neue Hochhaus in der Kreisstadt

Karl Gong, der sich nach Monaten der Fron auf dem Grundstück der Unangetrauten einige Stunden Erholung ausgebeten und schnaubend erhalten hatte (“Wieso Erholung, es war doch eben Weihnachten?”), begab sich in die nahe gelegene Kreisstadt, um endlich einmal etwas anderes zu riechen als Wildschweinatem, Pferdedung und Saporoshez-Abgase, frei schritt er die Gassen entlang, blickte staunend in die Höhe, sah all die Lampen funkeln und blitzen, staunte zu den erleuchteten Fenstern der Bürger hinauf, die in geheizten Wohnungen ihre behaglichen Abende verbrachten, und als er gar auf einen ausladenden Platz einbog, erblickte er hinter den bereits unerklärlich aufragenden Wohngebäuden das neue Hochhaus der Kreisstadt, das eigens für den Bürgermeister errichtet worden war, damit er einen besseren Überblick über die renitente Bevölkerung erlangen konnte, und Karl Gong, dem von all der Moderne schon die Herzklappen schlackerten, holte sich an einer Imbissbude einen Tee ohne Zucker (für mehr reichte das Taschengeld nicht), wärmte sich so lange wie möglich die Hände daran und trank in winzig kleinen Schlucken, bevor er wieder auf seinen unangetriebenen Tretroller stieg, denn das Klapprad hatte er Am Kombinat über den Graben geworfen und in all dem kaputten Unrat nicht wiedergefunden, weil es selbst schon sehr kaputt gewesen war.

Von der Kreisstadt nach Hause ging es bergab, die stolzen Orte im Lande waren auf Hügeln erbaut, während sich die bemitleidenswerten in die Täler duckten, Karl Gong ließ den Roller laufen, achtete auf seine Haltung, schob sich immer wieder elegant und kraftvoll ab, nahm die Kurve bei der alten Schulzen mit Schmackes, verfehlte die Brücke über den Kratzbach, weil er von einem Schlagloch ausgehoben wurde, und flog über den Zaun von Schuldirektor Schnöttke, der ihn mit einem Grog auf das Sofa bettete und zwei Tage lang über die Straßenverkehrsordnung belehrte.

Wie ein Deckchen

muster
Deckchen (Beispielfoto)

Oma Steckwurst verfügte über ein Gedächtnis wie eine Elefantin. Deshalb wunderte sie sich nicht, als der Blasegaster Ordnungsvollzieher Walzer-Karle-Major Einlass begehrte, um sie über einen lange zurückliegenden Fall auszufragen, den er gern ihrem Mieter Schrudel unterschieben wollte. Die Sache war fast verjährt, man hatte aber zur Weihnachtsfeier auf der Wache mit den alten Akten lustige Spiele veranstaltet und Wetten abgeschlossen, ob sich nicht doch noch irgend jemand schnappen ließe. Schließlich gibt es das auch im Fernsehen.

Walzer-Karle hatte der Ehrgeiz gepackt, immerhin nannte er sich unberechtigterweise Major, seine Karriere war ins Stocken geraten, und so zog er erst einmal ordentlich Luft durch die Nase, als die Steckwursten ihm frischen Kaffee und Stollen hinstellte.

“Sie wollen mich jetzt aber nicht bestechen, Gnädigste?” näselte er, bereits mit dicken Backen kauend und malmend.

“I wo, Karle, weißt du doch, und weil wir gerade dabei sind: Der Schrudel ist wie ein Deckchen, immer gewesen, der ist ein Lieber, der macht sogar die Hausordnung! Und wenn er die Asche rausbringt, legt er ein Brett auf den Kasten, dass der Mist ni wegfliegt! Wie ein Deckchen ist der Schrudel!” wiederholte sie mit Nachdruck, klopfte mit harten Knöcheln auf den furnierten Kaffeetisch, dass die Löffelchen tanzten und Walzer-Karle ein paar Krümel in die Luftröhre gerieten.

Als er, der sich in Hustenkrämpfen auf dem Teppich gewälzt hatte, endlich wieder das Sofa erklimmen konnte, um mit Kaffee nachzuspülen, erzählte ihm seine Gastgeberin ganz nebenbei von den bisher ungelösten Kriminalfällen im Blasegast der letzten zwei Jahrzehnte, nannte ihm Namen und Adressen der Täter und ließ sich blumig über die Motive, Herangehensweisen und Komplizen aus sowie über Typen, Alter und Kennzeichen der jeweiligen Fluchtfahrzeuge, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass darunter kein Krause Duo war und somit Schrudel als Verbrecher in keinem der Fälle in Frage kommen konnte. Da sie jeden Blasegaster und jede Blasegasterin von Kindesbeinen an kannte, waren ihre Angaben über alle Zweifel erhaben und Widerspruch zwecklos.

Walzer-Karle, der seinen Notizblock vergessen hatte und vom Vorabend her sowieso noch unter entsetzlichen Kopfschmerzen litt, konnte sich kaum eines der Details merken und verabschiedete sich von der Vorstellung, mit Schrudel als überführtem Verbrecher unter dem Arm in die Wache zurückzukehren und Ehre sowie Beförderung zu empfangen. So trollte er sich nach der vierten Tasse Kaffee unter einer Reihe von Bücklingen vor der Gnädigsten, torkelte im Koffeinrausch die brüchige Treppe nach unten und rollte unter Vollzug nervöser Schlenker, Beschleunigungs- und Bremsmanöver mit dem Streifenwagen zur Wache zurück, um “den ganzen alten Mist” zu shreddern.

Oma Steckwurst in ihrer Eigenschaft als Vermieterin des Schrudel indes verfasste am selben Abend eine sehr individuelle Mieterhöhung für denselben, sofort zahlbar, “wenn Sie endlich das hässliche Diamant-Collier, das Sie der Schmitten, dieser alten Elster, vor neunzehn Jahren entwendeten, beim Höker zu Geld gemacht haben, MfG usw.”

Ach, das Licht

schlosskirche

Ja, es ist erschienen.
Aber wem?
Etwa dem
hinter den Maschinen

irgendwo am Rand der Welt?
Dem auf hartem Feld?
Oder wieder nur dem Geld,
wie man’s immer hält?

Mag schon sein
Herz ist rein
auch der vielfach Reichen.

Hab ja auch
vollen Bauch
unter meinesgleichen.

Klaus!

fetzen
Der Stiefelersatzbehälter enttäuscht!

Problembär hinter Fetzen,
geschüttelt von Entsetzen:
Hier ist ja alles leer!
Kein Honig-Zimt-Likeer!
Kein Obladi-Gebäck!
Kein Tannengrüngesteck
und keine Branntweinmandeln!
Jetzt heißt es zügig handeln:
Versagt hat Onkel Nikolaus!
Der Stapler rollt zu Rotwein-Klaus.

Aktivitäten im Spiegel der Vorfreude

nikolaus

Der Problembär, von der eigenen Bedeutung berauscht und hochgradig kreativ veranlagt, gab sich nicht mit der Nikolaus-Konvention zufrieden, seine Stiefel vor die Tür zu stellen, zumal er gar nicht über solche verfügte (aus Mangel an Füßen). Selbst Jesuslatschen befanden sich nicht in seinem Besitz, von Trampern mit Ledersohle ganz abgesehen.

Also fasste er sich am Vorabend des Nikolaustages ein Herz sowie ein (um seine eigene Integrität nicht zu gefährden) stumpfes Messer, setzte sich auf den aus dem VEB Getränkekombinat “ausgeliehenen” Gabelstapler, kippte das Sofa seiner Wirtsleute um, schlaaatzte ein paar Löcher hinein und freute sich über das noch unausgefüllte Volumen, das dem freundlich gesinnten nächtlichen Gast zur Verfügung stehen würde, um Pfefferkuchen, Spekulatius, Piccoloflaschen oder Rekord-Briketts darin zu versenken.

Neues vom Patzschke Trust

patzschke
Ventil- und Fittinglager Patzschke (Foto: Zentralkartei)

Klempner Patzschke aus der Rhön weilte schon seit mehreren Wochen in Blasegast, um sämtliche eigentlich unzerstörbaren Traufen und Gossen des Steckwursthauses rauszuruppen und durch billige Chinaware zu ersetzen. Seine spezielle Art von Humor sorgte für knurrende Akzeptanz der handwerklichen Zumutungen bei den eher schlichten Mietern, nur der scharfgeistige Herr Schrudel wagte gelegentlich Widerspruch, wenn tragende Wände weichen oder plötzlich einfließende Sturzbäche um die Phonoanlage und das Plattenregal geleitet werden mussten.

Wirklich dramatisch wurde die Lage erst, als Patzschke auf dem Kulminationspunkt seiner schöpferischen Aktivitäten ins Rhönische Ventil- und Fittinglager seines Imperiums gerufen wurde, wo bei einer internen Revision kein einziger der vermuteten Bestände auch nur annähernd verzeichnet werden konnte und alle Mitarbeiter schockstarr dem Eintreffen des äußerst cholerischen Chefs und der folgenden mehrwöchigen Brüllerei entgegenfieberten.

Trockengefallen und auf sich selbst zurückgeworfen, wies Oma Steckwurst die Mieter ihres Hauses an, in nächtlichen Subbotniks (auch an Wochentagen) den verschütteten Mühlgraben der Blase von dem Unrat zu befreien, den sie einst selbst dort deponiert hatten, um Gebühren zu sparen, das Wasser in den Senkschacht der von Gisella Quarterbeck (27) „besorgten“ Tauchpumpe zu leiten und damit die Einspeisung von halbwegs genießbarem „Nass“ (Zeitungsdeutsch) in das aus Gartenschläuchen hergestellte Notnetz zu gewährleisten.

Die gemeinsame Anstrengung schweißte die Belegschaft des Hauses zusammen, brachte Tränen der Rührung und glückliche Erinnerungen an die sozialistische Menschengemeinschaft hervor. Allerdings hielt das Gefühl der Verbundenheit, Brüderlichkeit und Solidarität nur bis zu dem Zeitpunkt an, als Oma Steckwurst die Zettel mit der nächsten Mieterhöhung eigenhändig in die Briefkästen verklappte.

Das schlampig-hellbläue Sonett

fettbemme

Bier und Bemme: Großer Spaß,
wenn auch angeschnitten.
Kein Vergleich: Kantinenfraß,
in den Napf geglitten.

Halbes Bier in einem Zug,
zweites bringt das Fräulein
ungefragt und wie im Flug.
Leben kann hellbläu sein,

hellbläu wie der Himmel weit,
hellbläu wie das Schwärmen,
hellbläu wie die Herrlichkeit,

hellbläu wie das Wärmen
am Kamin der Zärtlichkeit.
Ersäufen wir das Härmen!

In eigener Sache

Heute vor 15 Jahren erschien der erste Beitrag der Gazeta Lipsigoroda. Mittlerweile sind es um die 3200. Professionelle Industriepoeten würden diese Kennzahlen in der heutigen kurzlebigen Medienwelt mit ihren hoffnungsvoll aufschießenden und verglühenden Blocks zu einer Erfolgsgeschichte hochjubeln, wenn es denn Leser der Gazeta gäbe. Einer meldet sich immer wieder einmal, ihm gebührt herzlicher Dank für Treue und Zuspruch.

Es ging dem Autor allerdings immer nur darum, etwas loszuwerden, Ideen zu kitzeln, selbst Spaß zu haben und den Leserinnen Freude mit „lustigem Humor“ (Zitat Herr Willy) zu machen. Gäbe es Lipsigrad nicht, gäbe es keinen Grund, in Bildern zu kramen und sich dazu Geschichten auszudenken. Der Autor würde es verlernen und muss es also darum üben und ausüben. Im Grunde ein egoistischer Anspruch, weshalb Interaktion in Form von Comments, Likes, Dislikes, schlichtweg Community-Gebaren, abgelehnt wird.

Zwei Mitstreiter, denen Ehre und Wertschätzung für ihre Beiträge gebührt, strichen wegen mangelnder Resonanz auf die Mühen des Frohsinns die Segel; ihre Beiträge bleiben bestehen, solange der Server läuft. Herr Willy als einer der beiden Initiatoren ist auf dem Wege, wohin? Herr Jürgen pflegt mit dem Autor die Kunst des Minderheiten-Kinogangs mit Getränken.

Größter und herzlichster Dank gilt den uneigennützigen Technischen Ermöglichern des Ganzen: Peter N. & JU & Zucker. Vor ihnen beugt der Autor das Haupt und geht auf die Knie — Danke! Danke! Danke! Zunächst installiert wurde in Lipsigorod ein handgemachtes Autorensystem, später, in Lipsigrad, eine fette ausländische Blockmaschine. Auch wenn der Autor selber „was mit Computern“ macht, bleibt die Ehrfurcht vor den wirklich Wissenden immens.

Wird es weitergehen? Ja. Ohne Geld und ohne Werbung und ohne Kommentar. Mindestens noch fünf Jahre. Tag für Tag. Täglich neu. Wenn nichts dazwischen kommt bis zum Zwanzigsten.

Weiterhin viel Spaß beim Kucken.

Herr Nu

dazu der Problembär, Adolf Nitzsche (Getränkehändler in Machern, man muß nur machern), Karl Gong nebst Unangetrauter, Oma Steckwurst, Gisella Quarterbeck, der blinde Herr Schrudel, Gofthe (Maler), Klempner Patzschke aus der Rhön und der kleine Herr Schönleben.

Erkältung

altesglas

Mein altes Glas, das liebe
aus muffschem Kellerschrank.
So dünnes Glas. Es bliebe
verborgen, würd nicht krank

ich ruhlos durchs Gehäuse
mit Hustenstößen schleichen.
Vor meinen Füßen Mäuse
und in den Ecken Leichen.

Ich seh mich greishaft tattern,
den Kelch in klammen Fingern,
den Kühlschrank hör ich rattern,
die schwachen Beinchen schlingern.

Schnell! Labsal eingefüllt!
Der Lebensgeist hebt kurz sein Lid.
Vom Duft des Trunkes eingehüllt
fühlt ich mich rasch als Glückes Schmied,

könnt ich den Hammer heben
nur einmal noch im Leben.

Das (schlampige) Sonett vom Oktober

schneise

Da zieht er hin, der faule Mond Oktober.
Man hat ihm eine Schneise eingeschlagen.
Ein Tag noch morgen, dann ist er hinober.
Wir werden uns mit dem November plagen.

Da zieht er hin, durch straffe Kupferdrähte.
Es knistert, und die matten Funken glimmen.
Gehüllt in Schal und Mütze ist die Käthe,
und in die dicken Hosen, ach, die schlimmen.

Der Tee steht auf dem Ofen und verdampft.
Die letzten Äpfel liegen noch im Gras.
Man hört den letzten Igel, wie er mampft.

Ich reiche Käthe fürsorglich das heiße Glas.
Sie aber in den schweren Stiefeln stampft:
Nur Tee? Wo bleibt der Spritzer Calvadas?

Der Sturm

schoenleben-sofa
Vom Sturm hinweggefegt!

Als der kleine Herr Schönleben anlässlich eines besonders heimtückischen Sturmes von starken Winden durch die Straßen getragen wurde, landete er in einer kleinen Stichstraße auf einem Sofa, denn es war Sperrmülltag. Reichlich benommen fiel er in einen tiefen Schlummer, aus dem er erst erwachte, als nach dem Passieren einer der östlichen Grenzen des Kontinents die Schlaglöcher noch tiefer geworden waren als zu Hause in seiner Stadt. Ouh, dachte der kleine Herr Schönleben in dem rostigen, brüllenden und klappernden Transporter, das wird dann wohl meine erste Auslandsreise! Er erinnerte sich an die Erzählungen seiner Wanderfreunde über herzliche Einladungen zu Hochzeitsfeiern einheimischer Dorfbewohner, Gelage und Volkstänze. Allerdings wurde er schon am selben Abend vor dem Gebäude der Botschaft seines Landes ausgesetzt, denn die Sperrmüllverwerter wollten durchaus keine internationalen Verwicklungen provozieren.