Kategorie-Archiv: Lipsigorod is my town

Lipsigorod is my town

Den Überdruss zu befeuern

silhouette

Um den Überdruss des unschuldigen Betrachters an den überaus nervigen grafischen Stadtsilhouetten zu befeuern, wird heute auch in diesem Block eine prima Stadtsilhouette dargeboten, so wie an jedem Klempnerauto, Fahrplanaufsteller, Stadtmarketingposter, Friseurfahrradständer, Klobürstenhalter, Hilfsschulfenster, Hostessenanstecker, Taxifahrerschnauzbart, Chinaimbissholzgäbelchen und Arschgeweih. (Bitte nach Belieben fortsetzen. Gilt für alle bedeutenden Metropolen.)

Großkotziges Metropolgedicht

ubahn

Mit der U-Bahn fahren wir
jeden Tag von dort nach hier.
Manchmal fahrn wir auch zurück.
Meine Herren, was ein Glück,
dass wir eine U-Bahn haben,
an der wir uns täglich laben.
“U-Bahn”, sag ich unverhohlen,
“gibt es nur in Metropolen,
gibt es nicht im Hinterwald,
weder heute, morgen, bald,
noch in fünfundzwanzig Jahren.
Kann man nur bei uns hier fahren.”
Lustig roll ich auf der Treppe.
Hinterwäldler ziehen Fleppe.

Jammermondgedicht

jammermond

Der Mond steigt aus dem Dunst.
Der Schlaf ist eine Kunst,
Dem Schaf geht’s an den Kragen:
Der Wolf füllt seinen Magen.

Der Wolf kommt bald zu uns.
Erst frisst er Hinz, dann Kunz.
Zuletzt frisst er die Meyern.
Dann schleicht er fort nach Bayern.

Ungerecht

regenbogen

Während der böse vor sich hin schimpfende Mittelostmensch über knisternde Diesteln und vertrocknete Fliegen steigt, die unbarmherzig brennende Sonne im roten Nacken, den verdorrten Garten vor Augen, wird über dem sowieso bevorzugten Südwestland das pünktlich gelieferte Gießwasser versprüht, kostenlos und erfrischend, gefolgt von horizontfüllenden Lichtspielen, gelegentlich angereichert mit etwas Theaterdonner.

Das alles muss Gründe haben, die unsereinem nicht zugänglich sind.

Von Backfisch und Besinnlichkeit

In der Schlange vom Backfisch steht ein Herr und sabbelt und brabbelt und weint und greint, denn sein Unglück sind die Ausländer. Es ist erwiesen, immer und überall diese und jene Ausländer, sie fangen an mit Schubsen und weiter geht es mit dem Schlimmsten! Immer.

Nun folgt eine Pause, in der seine drei Zuhörer, die nicht zu Wort kommen wollen, verlegen öhm und ähm und urbs machen. Der übliche Ausfluss eben, mögen sie sich denken. Schließlich aber eine ganz neue Wendung, die Krone der Ausführungen: Hat doch der Herr  im Fernseh gesehen, dass jetzt tatsächlich diese Ausländer (Iraner) bei diesen Ausländern (Assaddamaskus) einkaufen fahren, und dass es dort schön ist und billig und überhaupt nicht einzusehen, warum denn noch diese ganzen Ausländer hier bei uns hocken, dem Herrn durch ihre bloße Anwesenheit missfallen und nicht einfach nach Hause einkaufen fahren. Mit piepsig erhobener Stimme wird die Zusammenfassung geboten: Ich glaube DENEN jetzt gar nichts mehr, denn DAS haben sie uns immer verschwiegen, die Hunde (gemeint ist wohl das Fernseh).

So ist das mit der Besinnlichkeit, wenn man ganz tief in sich hinein horcht und nichts findet außer vorgekauten Unsinn. Zufrieden latscht der Herr von dannen mit seinen frittierten Fischbuletten, und man stellt resigniert fest, dass nicht annähernd soviel Backfisch verkauft wird, wie man kotzen möchte.

Amnesie

botschaft

Seit ich mir nichts mehr merken konnte, fotografierte ich alles, was ich mir merken wollte.

Zum Beispiel Botschaften, die mittels Leuchtreklame an mich herangetragen wurden. Ich nahm die Botschaften auf, vergaß sie sofort und hatte gute Tage.

Aber als ich mir dann die Bilder ansah, stellte ich fest, dass sich auch der Fotoapparat nichts mehr merken konnte. Oder wollte.

Egal.

Der Polizeisprecher äußert sich

ruepelradler

Wieder einmal ist ein unschuldiger Lastkraftwagen durch einen aggressiven Rüpelradler massiv zu Schaden gekommen. Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Da denkt man, vierzig Tonnen unterm Arsch und das Handy an der Backe, das läuft, nein, so ist es leider nicht immer. Gerade die schwächsten Verkehrsteilnehmer zeigen sich in letzter Zeit extrem rücksichtslos, brutal, rüpelig und aggressiv. Der Polizeisprecher äußert sein äußerstes Unverständnis über diese Situation:

“So geht das nicht weiter. Wir beobachten die Situation aktiv. Aber uns als Polizei sind auch die Hände gebunden, das heißt, wir können leider gar nichts machen. Deshalb appellieren wir ganz klar an die motorisierten Verkehrsteilnehmer, sich im eigenen Interesse eher defensiv zu verhalten. Auch wenn man mal keine Vorfahrt hat oder ganz plötzlich die Ampel auf Rot schaltet, lieber doch langsamer werden, vielleicht sogar stehenbleiben, also nicht auf dem Gas, sondern laut hupen, dumm gucken, mal die Handbremse versuchen, vielleicht sogar anhalten, wenn der andere Vorfahrt hat und es gar nicht anders geht. Mit diesen Rüpelradlern ist wirklich nicht zu spaßen, wie das erschreckende Foto eindrucksvoll belegt.”

Offen bliebe in diesem Zusammenhang, ob gegen Fußgänger und Radfahrer möglicherweise in Richtung der Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt werden sollte, so der Polizeisprecher weiter.

“Wir sind in dieser Hinsicht alarmiert, schließlich gefährdet jeder abbremsende Lastkraftwagen die Volkswirtschaft und damit unser Staatsgebilde. Und wir dürfen auch die Abertausende Arbeitnehmer nicht vergessen, die in ihren Fahrzeugen aneinandergereiht jeden Tag einmal zum Mond und zurück anstehen, um ihre Arbeitskraft abzuliefern. Das macht uns schon Sorgen”, so der besorgte Polizeisprecher. Lediglich die hauseigene Lethargie verhindere ein schnelles Eingreifen der Exekutive, fügte er hinzu und begab sich zu einem Arbeitsessen mit dem Präsidium des örtlichen Automobilclubs.