Schlagwort-Archiv: Karl Gong

Am Bärengraben

baerchen

Karl Gong, dem die Dummheit und das Geschrei einiger seiner Mitbürger zunehmend die Tage schwärzten, verlegte sich darauf, statt des Wirtshauses häufiger den über kleine Umwege erreichbaren Bärengraben aufzusuchen, um Ruhe und Entspannung zu finden, denn die Bären, so schien ihm, wussten zu leben, zwar auf relativ beengtem Raum, unter Aufsicht und mit streng zugeteilter Nahrung, aber sie gingen sich aus dem Weg, wenn es nicht gerade etwas dringendes auszumachen gab, lagen friedvoll auf dem Bauch und blinzelten den Bienen nach, von deren Honig sie nichts wussten, und die es hier, in der mittelgroßen Stadt zwischen den herbstlich kahlen Feldern, gar nicht geben dürfte, und erst das Telefon, das die Holde ihm verboten hatte stummzustellen, holte ihn knarrend und trompetend in den misslichen Alltag zurück, der sich sogleich wie ein Popanz über ihm blähte und ihn, Gong, den bemitleidenswerten, anschnarrte, was aus dem Konsum zu besorgen sei: Brot, Käse, Wurst, Butter, Radler (wieso Radler?), Öl zum Braten, Hackfleisch, Küchenpapier, Zahnpasta; und mitten in dieser Aufzählung des Schreckens brachen die Langeweile und die Trostlosigkeit seines Lebens endgültig in Karl Gongs Gedärme hinein, füllten sie aus wie Teer die Lunge des Rauchers, und endlich, die Liste war zu Ende und bereits zur Hälfte wieder von ihm vergessen, kam er japsend zum Luftholen, wie ein herumgewirbelter Ertrinkender, der zufällig wieder über die Wasseroberfläche geraten war.

„Und Honig?“ fragte Karl Gong tonlos. „Was ist mit Honig?“

„Was willst du denn mit Honig?“ versetzte die Holde. „Honig ist noch.“

Vom Pool

schmott

Karl Gong, dem die Klempnerei ein ewiger Quell des Misstrauens geblieben war, besonders jene, die die Installationen in seinem Haus und den zahlreichen Nebengebäuden zu verantworten hatte, stand, von stillem Entwetzen gelähmt, am Pumpenschacht seines Swimmingpools, betrachtete den blubbernden Schmott zu seinen Füßen, verfluchte die Handwerkskunst des Sanitärgelehrten Patzschke, der nach dem Bezahlen der letzten Rechnung über die Anbringung des Handtuchhalters in der Gästetoilette das Weite gesucht und gefunden hatte, also auf Nimmerwiedersehen der Erbringung jeglicher Garantieleistungen entwischt war, nicht ohne Gongs Herzdame einen fetten Kuss auf die Backe gedrückt zu haben, was diese ohne erkennbaren Widerwillen und unter späterem Hinweis auf die Notwendigkeit des Gutstellens mit dem Handwerk über sich hatte ergehen lassen, und reckte die Arme zum Himmel, die Hände zu Fäusten geballt, denn nun würde er in die herbstlich erkaltete Brühe steigen müssen, ohne Neoprenanzug, nur mit Taucherbrille, Schnorchel und Rohrzange, und die Herzdame würde in ihrem knappen Bikini über ihm stehen, das immerhin, und ihn antreiben, denn die Sonne versinkt nun schneller hinter den Birken, “die auch mal wieder einen beherzten Schnitt vertragen könnten, oder?”, und es wäre ja wohl das Mindeste, nach dem Tag im Bureau ein erfrischendes Bad im wärmenden Nachmittagslicht nehmen zu können, wenn schon kein Gläschen Sekt und kein Gürkchen und kein Schälchen Kaviar auf dem Tisch steht, aber was soll man immer nur reden usw. usf.

Das Pferd im Garten

pferd
Pferd im Garten (Symbolbild)

Karl Gong, der sich seit Tagen über das Pferd wunderte, das im Garten stand, im Stehen zu schlafen schien und von Zeit zu Zeit den Kopf zur grundwasserpumpenbefeuchteten Wiese senkte, um ein Hälmchen zu zupfen, näherte sich diesem Pferd von der Seite, denn er hatte als Kind genügend Geschichten gelesen, in denen ein dummer Stadtmensch von hinten an ein landwirtschaftliches Nutztier herangetreten war und von diesem per Hufschlag niedergestreckt und somit auf Distanz gehalten wurde, fuhr vorsichtig seinen Arm aus, um über die weiche Mähne des sehr großen Tieres zu streichen, welches ihn nun mit schläfrigen Augen freundlich musterte und ihm durch die feuchten Nasenlöcher Pferdinnenluft entgegenblies; er fühlte sich auf seltsame Weise aufgehoben in der Natur, auch wenn es sich genaugenommen nur um seinen sehr großen Garten handelte, der tatsächlich mehr Natur zu enthalten schien als die umgebenden riesigen, totgespritzten Äcker der Pachtbauern, und er legte, was er bis vor wenigen Minuten nicht für möglich gehalten hätte, sogar seinen Kopf auf den Rücken des zugänglichen Geschöpfes, allerdings nur bis zu dem Moment, in dem der Ruf der holden Unangetrauten erscholl, er möge sich schleunigst von ihrem Tier entfernen, das durch ihn, den Grobian, sich zum Unreitbaren hin verändern könnte, und stattdessen lieber die filzigen Ecken des Grundstücks in eine schöne, gepfegte Landschaft verwandeln, vor der die Nachbarn und Würdenträger nicht in Abscheu erstarren, sondern voller Anerkennung verweilen würden.

„Ja, ja“, sagte Gong. Das Pferd stob davon.

Im Vergessenen Kohlenschuppen

bergwerk
Beispielfoto Bergwerk (stillgelegt)

Irgendwo im Nordostwinkel seines riesigen Grundstücks traf Karl Gong auf den Vergessenen Kohlenschuppen, der im Gegensatz zum Badeofenholzundkohlenschuppen sich langsam aus seinem Bewusstsein geschlichen hatte, und er fand unheimliche Mengen sauber aufgeschichteter Rekord-Briketts vor, vom rissigen Betonfußboden bis zur porösen Decke, kaum konnte er den Fuß in den efeuüberwucherten Bau setzen, ohne sich schwarz anzuschmieren mit der Patina des sagenumwobenen Brennstoffs, Kohle!, und er reckte den Hals, um abzuschätzen, wo denn die Schichtung enden würde, das Trumm, das Monster, das sich vor ihm zehn Meter breit aufbaute, oh mein Gott, dachte Gong, vielleicht finde ich noch ein Stahlwerk im Garten, dann wüsste ich, warum das hier alles existiert; und Karl Gong spann sich ein in die Gedanken an den Mythos des Kohleausgrabens aus dem Gestein tief unter Tage, muskelprotzende Kohlekumpel mit freiem Oberkörper, was in seinem Fitnessstudio strengstens untersagt war, oder tief im Schlamm versunkene Schieberaupen im Mitteldeutschen Revier, an Feiertagen ordenbehängte Maschinisten, die wie am Spieß schrien, wenn die Schienen nicht schnell genug mit den Brechstangen zur Seite gerückt worden waren, zum Flöz hin, das darauf wartete, zur rußenden Rekordfabrik gekarrt zu werden in schlingernden, verdreckten, schrottigen Waggons hinter stampfenden Lokomotiven, die geführt wurden von bärbeißigen Raufbolden, und vor lauter Romantik und Adjektiven lief Gong die Nase, tränten die Augen, zitterten die Knie, als die Holde rücksichtslos neben ihn trat, ihm das Knie in den Oberschenkel rammte und sprach: „Ja, das muss auch alles zeitnah weg. Hier wird das Pferd wohnen.“

Zukunft K Punkt Null

trollbot
Russischer Trollbot (Beispielfoto)

Karl Gong, dessen Unangetraute gerade die gemeinsame Wohnstatt verließ, weil sie von der zuständigen Künstlichen Intelligenz (KI) mit dem in ihrem Chatprogramm ganz oben stehenden, Gong nur flüchtig bekannten Herrn verheiratet worden war (denn mit diesem verbrauchte sie ja nachweislich mehr Zeit und Gedankenkraft als mit jedem anderen im digitalen und analogen Erdenrund), stand nun reichlich belämmert vor den zur Hälfte ausgeräumten Schränken und Regalen, beschloss aber tapfer, nach einem Blick auf seine eigene Chat-Hitliste, keine Trübsal zu blasen und sich stattdessen auf den russischen Trollbot zu freuen, der sicher demnächst auf Geheiß der für sein, Gongs, Wohlergehen verantwortlichen KI bei ihm einziehen würde, mit einem Eimer Pelmeni, ein paar Stiegen Wodka und jeder Menge getrockneter Fische im Gepäck.

Die Drohung mit den Damenschrauben

dreckwasser
Undurchsichtige Drohung (Beispielfoto)

„Es wird Zeit, dass wir die Damenschrauben anziehen, mein Lieber“, hatte die Holde zum erschauernden Gong, Karl, gesagt, dem jegliche Vorstellung fehlte, was das bedeuten könnte, der aber sehr wohl verstand, dass es sich um eine schwerwiegende Drohung handeln musste, denn die Holde sah ihn aus pausenlos feuernden Augen an, mit zusammengekniffenen Lippen und zart vom leichten Abendwind bewegtem Pony.

„Jawohl!“ sagte Karl Gong, und „Aye Aye, Mylady“, und das rettete ihm den Kopf, denn er sprach das „y“ in „My“ korrekt als „i“, nicht als „ei“ aus, so, wie er es von seiner alten Englischlehrerin gelernt hatte; und wenn seine Holde je eine gesteigerte Begeisterung für irgendetwas entwickeln konnte, dann für eine gepflegte Aussprache.

Am Montagmorgen

montag

Wenn Karl Gong, der bekannte Chemiearbeiter, am Montagmorgen die Stufen zum Leitstand erklomm, in dem neben dem Alten Meister (mit Zigarre im Mundwinkel, verboten) auch der Parteisekretär (mit seiner Mieze im Arm, verboten) hockte, hatte er stets ein fröhliches Lied auf den Lippen, das sowohl der umgebenden dramatisch-spätindustiellen Gemengelage als auch der Dauer des Aufstiegs Rechnung trug.

Meist handelte es sich um “Stairway To Heaven”.

Das sehr schlechte Boot

gartenschiff

“Der Nachteil an einem großen Grundstück, meine Liebe”, sagte Karl Gong zu seiner Lieben, die schon immer, und zwar gegen den erbitterten Widerstand des Gong, ein großes Grundstück erstreiten wollte, was ihr schließlich auch gelungen war, “ist, dass man eine ganze Weile braucht, ehe man so herumkommt.”

“Habe ich da eben ‘Ehemann’ gehört?” fragte die Liebe, denn Gong war ihr noch kein solcher, was insbesondere die Grundstücksangelegenheit delikater als nötig gestaltete.

“Das kann ich nicht wissen, was die Herrin hört”, antwortete Gong patzig und fing sich die erste Schelle ein.

“Nun”, sprach die Liebe ungerührt, während sie sich den Handrücken an einem Küchentuch abwischte, denn Karl Gong schwitzte im Sommer mehr als sonst, “dann muss der Herr eben ein wenig schneller laufen, damit er binnen Jahresfrist einmal den Acker umrundet hat. Aber was ist eigentlich das Problem?”

Gong, dem mittlerweile die in der Beziehung herrschenden Kräfteverhältnisse wieder klargeworden waren, wies wortlos auf sein dumm glimmendes Telefon, denn er hatte eine Aufnahme vom Entlegenen Winkel des Grundstücks gemacht, über den immer nur geraunt wurde, denn man musste sich durch mannshohe Brennesseln kämpfen, um ihn zu erreichen.

“Kuck mal, was ich gefunden habe”, raunte Karl Gong beinahe atemlos.

“Das ist ein sehr schlechtes Foto”, sagte die Liebe, “und ein sehr schlechtes Boot.”

Damit war für die Liebe die Sache erledigt, Boote interessierten sie nicht, die Brennesseln würde sie von ihrem wehleidigen Gefährten demnächst zur Teeproduktion einfordern, und wenn schon unbedingt von Motorkraft zu reden sein würde, dann erwartete sie ein stilles elektrisches Motorrad mit elektrischer Knallklangerzeugung, das auch mal dreckig werden kann, denn auf dem Grundstück und drumherum war es immer dreckig. Damit könnte er mal um die Ecke kommen, der Karl, ja.

Gong indes erspürte die ausgesandten Zeichen nicht, er schlich in den Keller zu seinen Digedag-Heften, sah sich die zitronenförmigen Panzerboote vor der Ostküste Amerikas an, und Sehnsucht erfüllte sein Herz.

Verpasste Chance

lochblech

Eines Tages bemerkte Karl Gong, der in permanenter Überforderung durch die Unübersichtlichkeit der Welt langsam die Orientierung zu verlieren begann, im sinnlos flirrenden Spiel der Gedanken, der Laute und der Lichter plötzlich ein System, eine Ordnung, ein Muster, und beglückt atmete er schneller, japste gar, und raunte: “Das ist es! Da ist es!” in der Annahme, dass ihm nun der Halt wieder zuteil würde, den er dringend benötigte, um mit sich, dem Universum und der Lebensgefährtin einigermaßen auskommen zu können, da wurde es dunkel und der Lärm von der Bühne hob an.

Karl Gong im Strudel des Seins

karton

Eine seltsame Gelenktheit und Ungelenkigkeit ergriff Besitz von Karl Gong, dem eigentlichen Stoiker, der nichts fürchtete außer der Verpflichtung, Pakete mit Waren zu retourieren, die man ihm zugeschickt hatte und die er aufgrund von fertigungstechnischer Schlamperei sogleich zu zerbrechen trachtete, dann aber nur wutschnaubend im Zimmer hin und her und im Kreise schob, augenrollend und vor sich hin muffelnd, klagend und greinend; diese Pakete also wieder zurückschicken zu müssen, erfüllte ihn mit Gram und Panik, denn persönliches Erscheinen in der Zentralen Rücksendestelle war geboten, die er nicht nur ihrer schieren Existenz, sondern auch der darin beschäftigten Spezialisten wegen verabscheute.

“Ich war einmal Fertigungstechnologe, und ich weiß, wie Produkte korrekt herzustellen sind, ihr tauben Brote, jawohl!” schrie er die tauben Mauern seines Gehäuses an, die fade zurückschwiegen, obwohl sie nicht aus Brot waren.

Wie ein Tiger im Käfig schlich er an der Schrankwand entlang, machte am Plattenspieler kehrt, dann an der Minibar, immer auf und ab, er suchte nach Lösungen, Verschenken an ungeliebte Verwandtschaft war keine Option, Freunde besaß er seines Wissens nicht, und das Produkt im Garten zu vergraben verbot ihm der Gedanke, wie die Holde es beim Roden der allgegenwärtigen Silberdistelableger fragenden Blickes hervorziehen würde.

Die Holde, für die das Produkt eigentlich gedacht war, würde zu ihm stürmen, die zum jetzigen Zeitpunkt offensichtlichen Mängel aufgrund des Verrottungszustandes nicht mehr erkennen können und ihm jauchzend mitteilen, was für ein schönes Stück sie soeben im Garten fand, etwas, das sie sich schon immer gewünscht habe, zwar durchaus angegriffen, aber anscheinend funktionstüchtig, und sie würde ihn, Gong, fragen, warum er noch nie auf die Idee gekommen wäre, ihr genau so etwas zu schenken, er kenne sie eben nicht, interessiere sich nicht für sie, höre nie zu, etc. pp.

Karl Gong vergrub das Produkt im Garten.

Vom Renegatentum

Karl Gong, sonst kein Kind von Traurigkeit, ward befallen von einem taglangen Trübsinn, ausgerechnet als alle andern ihre frohe Ausgelassenheit ausstellten mit knirschenden Gesichtern, singenden, schlingenden und letztlich aufspringend schwallenden Mündern, ihre Herrschaft über alles in der Welt bekräftigten und die über sich verloren, noch besudelt im Straßengraben krakeelend, bis sie in stabiler Seitenlage zum Verstummen gebracht wurden.

Als das Geschrei und die Tumulte verebbten, verließ Gong die Schauplätze des Geschehens, schwankte, langsam sich aufhellend und fast schon froh, heim in seine fensterlose Kammer zu seinem kleinen Kühlschrank und verprobte diverse Kostbarkeiten, bis er selbst, für andere unhörbar hinter dicken Mauern, unflätige Lieder plärrte, in die Hände klatschte und schließlich gegen das Regal mit den Amiga-Schallplatten fiel, das, soviel sei zum Abschluss verraten, zum Glück keinen Schaden nahm.

Von der Knusprigkeit

protein

Karl Gong, der bekannte Feinschmecker, zeigte sich entschlossen, die fetttriefenden Köstlichkeiten, die er allabendlich zum Bier zu verzehren pflegte, durch proteinreiche, doch kohlenhydratarme Alternativen zu ersetzen, die, wie er überrascht feststellte, in Sachen Knusprigkeit keine Wünsche offen ließen.

Der starke Mann

muskel
Muskeln (Ausschnitt)

Als Karl Gong, der heimliche Bodybuilder, wieder einmal in eine Diskussion geriet, in deren Verlauf ein starker Mann herbeigewünscht wurde, um dies und jenes zu richten, und man sich nur noch nicht einigen konnte, was denn nun genau, ob zum Beispiel alle Autos abzuschaffen wären oder alle Fahrräder oder das Gesträuch oder das Gefleuch, Butter oder Margarine, Alkohol oder Abstinenz, Steuern oder Flucht, Gix oder Gax, spannte Karl Gong einfach kurz seine Muskeln an und haute dem lautesten Schreihals eine trockene Gerade zwischen die Augen, dann dem zweitlautesten, dem drittlautesten und so weiter und so fort, und als dann nur noch ein Diskutant nicht mit nach innen gedrehten Pupillen auf dem Boden lag, denn jener war der einzige, der leise Einwände gegen den starken Mann als solchen geäußert hatte, sagte er zu diesem, mit freundlichem Schulterklopfen: “Siehste, so ist das mit dem starken Mann”, ließ die hochgekrempelten Ärmel wieder nach unten, knöpfte die Manschetten zu und ging fröhlich pfeifend seines Weges.

Trendthema Elektroimmobilität

lampe

Karl Gong, der bekennende Skeptiker, dem jeglicher Hype gegen den Strich ging und der sich deshalb gern von der Masse absonderte oder, wenn das nicht möglich war, scharfe verbale Trennlinien “gegen die Idiotie” zu ziehen pflegte, die die wohlmeinenden, harmoniesüchtigen Mitbürger regelmäßig stark verstörten, war sich über seine Position zur Elektromobilität nicht ganz im Klaren, fristete diese doch einerseits eine bemitleidenswert marginale Existenz im feuchten Kellergeschoss der Realität, lag andererseits aber in aller Munde, jeder und jede verfügte über eine Meinung, ein Argument oder ein zumindest teilweise elektrisch betriebenes Gerät, das herumfahren, herumlaufen oder herumgetragen werden konnte.

Um nicht gänzlich ohne Haltung wie ein verstockter Depp abseits zu stehen, ging Karl Gong  dazu über, alle Elektromobilitäts-Diskussionen unauffällig zum Thema der Elektroimmobilität hinüberzuschieben, das er eloquent und kenntnisreich zu erörtern in der Lage war, bis seine Zuhörer dahindämmerten oder sich aus dem Staube machten, nachdem Gong ihre Einwürfe und Widersprüche genüsslich zerrissen hatte.

Vom Pop

tourbus

Karl Gong, der bekannte Guitarrist, saß seinem Manager Sven-Niels P. gegenüber, von dem er gerade gehört hatte, dass seine Demobänder zu nichts taugten, als sich möglicherweise die Knöchel damit zu bandagieren, und überlegte, welche der hochwertigen Guitarrensaiten, die er stets für Notfälle mit sich führte, am besten zum Erwürgen des P. geeignet wäre, wahrscheinlich E, denn P. hatte einen dicken Hals.

“Karl”, sagte P., der fälschlicherweise vom Fortbestehen einer harmonischen Beziehung zwischen ihnen beiden ausging, “Karl, bei deinen neuen Stücken kriege ich einen dicken Hals. Schreib doch mal was flottes, lebensbejahendes, nicht immer dieses deprimierte Gegreine, das hält ja kein Mensch aus, da möchte man sich ja an der E-Saite aufhängen.”

Karl Gong seufzte, sah von seinem Vorhaben ab, denn es wäre ihm nun wie ein Plagiat der Idee des P. vorgekommen, und nichts verabscheute er so wie Plagiate; er schlich zum klapprigen Tourbus, in dem er mittlerweile zu wohnen gezwungen war, und schrieb einen deprimierten Song, den er die halbe Nacht lang greinend einübte.

Die Kreuzfahrt

hafen
Die Häfen der Welt sind verstopft von Kreuzfahrtschiffen (Beispielfoto)

Karl Gong, ein bekannter Reisender, der das Kreuzfahrtwesen zutiefst verabscheute und bei jeder sich bietenden Gelegenheit dagegen polemisierte, ohne je selbst auf einem Schiff größer als die “Wilhelm Pieck” gefahren zu sein, wurde von seiner Lebensgefährtin unter Androhung des Beziehungsendes dazu genötigt, eine solche Kreuzfahrt “entweder zum Nordpol oder Südpol, Hauptsache nicht nach Osten” zu vollziehen, wobei er auf seine bange Frage, ob “das Boot wirklich nicht auf der Leninwerft zusammengenietet” worden wäre, im Reisebüro keine befriedigende Antwort erhielt.

Nachdem Gong schließlich Monate später die zwei Koffer über die Gangway ins Innere des Schiffes gerollt und man ihm und der Holden das überraschend enge Zimmer zugewiesen hatte, das ständigen körperlichen Kontakt unumgänglich machte, was ihn freute und die Holde zu einer Beschwerde beim Bootsmann veranlasste, beschloss er, sich widerstandslos den angebotenen Vergnügungen des Ortes hinzugeben; er fraß zuviel und sprach ebenso unmäßig dem Alkohol zu, lungerte bei den Damen am Pool herum, brachte den Kapitän mit nautischen Fragen sowie seinen Vermutungen über die Navigation nach dem Sternenhimmel zur Verzweiflung und freute sich am herrlich binären Kontrast vom umgebenden Schnee auf den Eisschollen einerseits und dem das Schiff entquellenden Ruß andererseits.

Das ständige sanfte Schlingern des Kahns erzeugte dabei im Gong ein wattiges Taubheitsgefühl, eine willenlose Eingesponnenheit, ein glückliches Delirium, das selbst bei den ungeliebten Landgängen nicht verschwand und ihn, der diesen Zustand durchaus als angenehm betörend empfand, sollte er über längere Zeit fortdauern, positiv gestimmt in die Zukunft blicken ließ.

Mintgrün und dunkellila

wasserball
Wasserball kann man überall spielen, wo es Wasser gibt

Karl Gong, der die emotionale Zugehörigkeit zu seinem Wasserballclub des Herzens auch außerhalb der Spieltage mit einem von der Holden gehäkelten Schal in den seltsamen Vereinsfarben mintgrün und dunkellila dokumentierte, geriet in eine Lebenskrise, als genau diese Farben für eine Saison von der Modeindustrie als unbedingtes Muss ausgerufen worden waren und er somit unfreiwillig als Hipster und bemitleidenswertes Opfer des indoktrinierten schlechten Geschmacks angesehen wurde, denn außer ihm trug niemand in der Stadt den Vereinsschal, weil niemand außer Gong und den Spielern und Funktionären selbst den Verein überhaupt kannte, wodurch auch die Legitimation des Outfits durch erzwungene Gruppenzugehörigkeit entfiel.

Jedoch, jede Krise hat ihren Höhepunkt, bevor sie dem Ende entgegen siecht, und also konnte auch Gong, nachdem alle Modestücke der schlimmen Phase verramscht und von weniger vermögenden Gesellschaftsschichten aufgetragen oder in den hinteren Bereichen der Damenkleiderschränke zu Löchern zerfallen waren, wieder unbehelligt mit seinem Schal durch die Straßen ziehen, lauthals die Hymne des Wasserballclubs grölend (“Wir gehen niemals unter, höchstens kurz!”) und mit einem Wasserball (Größe 5) in die Pfützen titschend.

Die Holde sah es mit Wohlgefallen, wurde doch ihr Geschenk in Ehren gehalten durch alle Fährnisse.

Die Materialisierung des Willens und ihre Negation

anleger

“Dies hier, Sohn”, deklamierte Karl Gong stolz, die Arme ausbreitend, “habe ich geschaffen. Mit meiner Hände Arbeit, mit meinem Hirn und mit unvorstellbarer Willenskraft, gegen alle Widerstände. Ist es nicht großartig, etwas geleistet zu haben, das sich materialisiert hat, ein Plan, der Wirklichkeit geworden ist zu unser aller Wohl und Frommen?”

“Nein”, sagte der Sohn und fing sich eine Backpfeife ein.

Der Verweis

Karl Gong, von seiner damaligen Lebensgefährtin barsch zum Einkauf befohlen, betrachtete, während er zwischen kurzen, dicken Menschen in der Schlange des Fleisch und Wurst Werkverkaufs wartete, eine Familie, die an einem Tisch vor mehreren Tellern saß und gierig Fleisch und Wurst verzehrte, was ihn so verstörte, dass er, endlich am Tresen befragt, was er denn wolle, “Nur etwas Obst, bitte” stammelte, woraufhin er des Werkverkaufs verwiesen wurde.