Schlagwort-Archiv: Karl Gong

Nicht nur in Wanzleben

Karl Gong, der Beschützer der Holden und Rächer der vom bösen Nachbarn niedergerissenen hinteren Brombeerhecke, staunte nicht wenig, als er im Bezirkspresseorgan das Geschmier eines Autors erblickte, der sich erfrechte, die angebliche Verunkrautung und Verqueckung der Rübenschläge anzuprangern, für die auch er, Gong, zu einer freiwilligen Patenschaft gepresst worden war, die ihm sowohl die manuelle Unkrautbeseitigung als auch das nicht minder verhasste Verziehen der penetrant stinkenden Rüben auferlegte, eine Tätigkeit, über die die Unangetraute, hoch zu Ross mit langen, wehenden, wallenden Haaren die Feldraine abreitend, nur Spott und Verachtung übrig hatte, wenngleich auch ihr an einem unbelasteten Verhältnis zum LPG-Vorsitzenden gelegen war, nicht zuletzt aufgrund der Unmengen an Heu, die ihre Gäule tagein, tagaus verzehrten, und die sich nur mit Hilfe des Vorsitzenden beschaffen ließen, der, außerdem, ein vortrefflicher Tänzer war, anders als ihr Unangetrauter, dem beim Rheinländer stets übel wurde, selbst ohne vorher dem Braunkohlebergmannsfusel zugesprochen zu haben, den man bei den Dorffesten, deren unbedingter Besuch auch gegen den strikten Willen des Gong, Karl, gnadenlos vorausgesetzt und durchgeführt wurde, reichte.

Seufzend knüllte Gong die Zeitung in den Kachelofen, zog die Gummistiefel über, griff sich die Hacke und den Flachmann, stieg aufs Diamantrad und begab sich zu seinen drei Hektar Patenschaftsquecken.

Wenn „das Ersatzeis seinem Zweck genügt“

Sensationelle Abwechslung zum Frauentag: vom Badestrand einen Abstecher zur Eisbahn — kein vollendeter Sport, aber „heißes Eis“ gibt es auch in der Pinguin-Eisbar am Markt, wo Karl Gong mit seiner Unangetrauten unter Plastikpalmen und der strahlenden Sonne der Kreisstadt zur Untätigkeit verurteilt ist, ein Problem, an dem sich bereits viele Erfinder und Techniker ohne restlose Lösung versucht haben.

Pferde, Yoga und Schweigen

Grundstück Gong, Abfluss Pferdetränke, Holde im Anmarsch

Seit Corinna in sein und das Leben der meisten anderen getreten war und die Menschen sich in einer Weise aus dem Wege gingen, die er eigentlich schon immer als die gebotene Umgangsform betrachtete, konnte Karl Gong, wenn er nicht gerade in der Reichweite seiner Unangetrauten oder eines ihrer gefährlichen Werkzeuge weilte, seine Gedanken in der ihnen gemäßen Form entwickeln, mäandernd, fließend, strömend, kein Punkt unterbrach ihre logische Abfolge, schön und rund und klar reihte er sie aneinander, ohne dass jemand reinquatschte, ihn unterbrach, um irgendwelche unausgegorenen Dummheiten ins Gespräch zu werfen, eine Unsitte, die er noch mehr hasste als lautes, auswerfendes Räuspern im Lichtspieltheater, ungestört also konnte Gong leise vor sich hin quasselnd über Land wandeln, bis er endlich, wie einst Jimi Hendrix am Ende seiner tränentreibenden Soli, schlafwandlerisch zum Fazit kam, zur Pointe, zum Abschluss, kein Ausfasern, kein Verläppern, kein Fade-out, Punkt und gut.

„Wirst du jetzt endlich mal abwaschen?“ knurrte die Holde, „Oder soll ich in dieser vermüllten Kackküche den Kuchen für die Yogagruppe backen?“

Karl Gong seufzte, ließ Wasser in die Spüle und stellte sich vor, wie die Unangetraute still in der Position Urdhva mukha svanasana vor ihm verweilen würde.

Aufragende Zeiten

Toilettenpapier (Beispielfoto)

Karl Gong, dem in seinem Leben schon so manches peinlich gewesen war, und der sich tatsächlich auch als peinlichen Menschen betrachtete, da er zum Beispiel weder Kraft noch Willen noch Nervenkraft besaß, sich gegen die Zumutungen aufzulehnen, mit denen ihn die Unangetraute Tag für Tag behelligte, wurde im Angesicht der zweiten, dritten bzw. vierten Welle, das Mitzählen hatte er längst aufgegeben, wieder einmal dringend aufgefordert, den Konsum aufzusuchen, um Nachschub an Toilettenpapier zu besorgen, das sich nach Einschätzung der Holden dem Ende entgegen neigte, woraufhin er einzuwenden wagte, das Einzige, was sich neigen würde, wären die überall im Hause aufragenden gigantischen Toilettenpapierstapel, eine freche Bemerkung, die sofort mit einem gezielten Schlag des alten, löchrigen, nassen Wischlappens beantwortet wurde, den die Angebetete gerade erfolglos zur Reinigung der Treppe zum Garten bemühte (festgebackener Pferdemist).

Karl Gong seufzte, putzte sich im feuchten Gras den Mund ab, murmelte, dass nur er es hören konnte: Bier ist auch alle, schnappte sich den extragroßen Dederonbeutel und betrat mit einem fröhlichen Pfeifen die unbelebte Straße.

Der private Schuttberg

Schuttberg-Zugangsweg (Beispielfoto)

Karl Gong hatte den Fehler begangen, die Unangetraute auf einen Spaziergang in die Kreisstadt einzuladen, und mangels geöffneter Einzelhandelseinrichtungen empfahl er, durch einen Park zu flanieren, in dem er die Besteigung des in der Mitte desselben plazierten Schuttberges anregte, der bei der Holden erstaunlicherweise eine jauchzende Begeisterung auslöste, jedoch nicht wegen des besonders schönen Ausblicks oder der absolvierten Anstrengung, nein, die Idee eines Schuttberges an sich, der sich auf dem weitläufigen Grundstück Gongs, dessen Gestaltungsverantwortung die Unangetraute sich ungefragt unter die schönen roten Fingernägel gerissen hatte, wobei der Gong lediglich erbärmliche Handlangerdienste auszuführen hatte, vom Megaphon kujoniert, auf diesem Grundstück also hervorragend „machen“ würde, diese Idee wurde beim Abstieg vom Schuttberg in der Weise konkretisiert, dass die nächste Woche mit der „Entrümpelung“ „endlich“ des Kellers, des Gongschen Arbeitszimmers, der Werkstatt und der sonstigen im schwindenden Verantwortungsbereich Gongs befindlichen Kemenaten zuzubringen wäre, wobei eine Verbringung „des ganzen Krempels“ zur örtlichen Entsorgungsstelle, die sowieso entweder geschlossen oder überlaufen sein würde, entfallen könnte, da der Gong „einfach nur“ „alles“ auf dem Grundstück „anhäufen“ müsse, „wie damals nach dem Krieg“, und danach der vorher reichlich ausgehobene Mutterboden („natürlich von Hand, stell dich nicht so an“) zur Abdeckung und gefälligen Bepflanzung aufzubringen wäre.

Karl Gong seufzte, verschob alle geplanten Aktivitäten der nächsten Woche (Plattenhören, Zigarrenrauchen, maßloses Rotweintrinken) im Kopf nach hinten, hakte die Holde unter und begab sich, um den Nachmittag zu retten, zur Kaufhalle, ein Moskauer Eis zu erwerben, das gemütlich auf dem Weg zum Traktor (die Limousine wurde nur noch für „gut“ genommen) verzehrt werden könnte.

Gongs Mondfahrt

Lockender Mond!

Karl Gong, der nach Bekunden seiner Unangetrauten Eine und Einzige, hatte bei einem Preisausschreiben seines Autohändlers, an dem er nicht teilgenommen hatte, aber das ist eine andere Geschichte, eine kostenlose Reise zum Mond gewonnen, nur für die Rückfahrt wäre ein gewisser Betrag zu entrichten gewesen, der sich an den zurückgelegten Kilometern orientieren würde, die allerdings, bei notwendigen Ausweichmanövern bzw. Warteschleifen, eine durchaus erhebliche Größenordnung erreichen könnten, so dass er für einen kurzen Moment in Betracht zog, den Preis auszuschlagen, aber schließlich siegten doch die Gier des glücklichen Gewinners und die Begeisterung der Holden, deren Möglichkeit der Teilnahme an dem Abenteuer auf Nachfrage leicht zähneknirschend durch den Autohändler bestätigt wurde, denn dieser hatte die Mondraketen selbst entworfen, gebaut und testweise geflogen und besaß also die absolute Befehlsgewalt, außerdem fühlte er mit den unsterblich Liebenden.

Leider, als der Termin des Abflugs schweißtreibend herangerückt war, musste das Unternehmen abgesagt werden, da unbekannte Aktivisten, die die vom Händler vertriebenen Automobile nicht mochten bzw. negative Assoziationen mit ihnen verbanden, mittels Kohlenanzünder die Gummidichtungen der Startrampe in Brand gesetzt hatten, wodurch mehrere Hektar umgebende Kiefernwälder ein Raub der Flammen und das gesamte Mondprojekt ein Opfer der Unteren Umweltbehörde wurden.

Flugangst

Karl Gong, dem im Leben außer der holden Unangetrauten nicht allzuviel Aufregendes widerfahren war, überlegte, als er in einer der spinnenverwebten Rabuschen seines Grundstücks eine alte Gasflasche aufstöberte, ob er diese ordnungsgemäß mit mehreren Stunden Wartezeit an den Wertstoffhof in der Kreisstadt übergeben oder lieber unter Zuhilfnahme eines Streichholzes irgendwohin fliegen lassen sollte, entschied sich aber in Anbetracht des aufgebürdeten sonntäglichen Arbeitspensums, die Flasche wieder an den Auffindeort zu verbringen und mit mehreren Lagen verrotender Leinensäcke abzudecken, um sich ihr in fortgeschrittenerem Alter wieder zu widmen.

Von der Abluft

schlote

Karl Gong, dem in seiner Doppelfunktion als Lebensgefährte und unfähiger Hausmeister seiner Unangetrauten verschiedene unlösbare Aufgaben zuteil wurden, freute sich beim abendlichen Betrachten des Wetterberichts am meisten über die Vorhersage stark wechselnder Winde, versprach diese doch, dass er den entsprechenden Tag unter dem Dach im Warmen mit dem Umschalten der Abluftkanäle entweder in den Nordsüdschornstein oder den Ostwestschornstein zubringen konnte, ohne mit unangenehmen Diensten belästigt zu werden, denn Wasser im Schornstein, so behauptete er vollmundig, ist „aller Übel Anfang“.

Leider war es der Holden kaum möglich, diese aus ihrer Sicht unglaublich unverschämte Untätigkeit ihres Hausgenossen zu ertragen, weshalb sie bei entsprechender Wetterlage mit durchdringender Stimme die Notwendigkeit des Einbaus künstlicher Intelligenz in die Abluftmaschinerie forderte und ankündigte, diesen auch mit körperlicher Gewalt „gegen alle Schmarotzer, die sich an meinem Kamin den Hintern wärmen, ohne auch nur das Mindeste zum Gelingen eines gedeihlichen Zusammenlebens beizutragen“ durchzusetzen.

Vom Inspizieren der Schmottschleuse

schmott

Karl Gong, der einen harmonischen Abend mit der Unangetrauten hinter sich gebracht hatte, in dessen Verlauf es zu sehr erfeulichen beiderseitigen Handlungen gekommen war, sah sich am nächsten Morgen bereits wieder mit dem üblichen Anspruchsdenken der Holden konfrontiert, die, irritiert von ihrer abendlichen Nachgiebigkeit und dem daraus möglicherweise aufkommenden Eindruck kurzzeitiger Schwäche, befahl, einmal an der illegal errichteten Schmottschleuse der Ranch nachzusehen, ob alles in Ordnung sei, denn eine der Reiterinnen, mit denen sie allwöchentlich mehrere Flaschen Prosecco zu verzehren pflegte, hatte von gewissen Gerüchen aus dem betreffenden Areal zu berichten gewusst, die auf Verwesung oder schlimmeres hindeuten könnten, und hinterhältig gefragt, wo Gong, Karl, sich derzeit aufhalte, nicht, dass er, möglichweise, während einer seiner Aufwallungen beziehungsweise Alkoholexzesse in den ungesicherten Schlund der Schleuse…

Die Unangetraute hatte derlei Bedenken mit einer flüchtigen Handbewegung weggewischt, nun aber reichte sie Karl Gong schweigend Schnorchel und Taucherbrille, die sie einmal aus Ägypten hatte mitgehen lassen, jedoch nicht die gute Badehose, denn die sei wirklich zu schade, die alte Unterhose tue es auch, ein Hinabsteigen in den ekligen Schlund scheine ihr unausweichlich, denn schließlich seien in den letzten Wochen mehrere männliche Einwohner der Umgebung spurlos verschwunden, die man nicht wie üblich erhängt im Wald habe auffinden können; und Karl Gong machte sich seufzend auf den Weg zur Schmottschleuse, während er tief in sich das kleine aufgeregte, langsam verstummende Pochen seines Herzens vernehmen konnte, das gestern abend noch so erfreulich sein ansonsten träges Blut durch den Körper gejagt hatte.

Leider asozial

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Leider asozial (Beispielfoto)

Karl Gong, der das Prinzip Rauchen nie so recht verstanden hatte, denn er war weder bei der Volksmarine noch je im Gesundheitsbereich beschäftigt gewesen, fand das Inhalieren und Ausstoßen von Giftgasen schon allein aufgrund der scheinbar notwendig folgenden Hinterlassenschaften unerfreulich und asozial, vom Zustand der Atemwege in Zeiten, da diese besondere Aufmerksamkeit genießen, ganz abgesehen, und er freute sich an seinem vergleichsweise milden Laster, das lediglich die Garage in Form von Leergutpaletten blockierte; aber dafür hatte er ja das Dach extra um vier Meter anheben lassen, was auch der Holden zugute kam, die somit einen vorzüglichen Ausblick über das Grundstück genießen konnte, das sie mittlerweile permanent Ranch bzw. Farm nannte, sehr zum Unwillen des eher frankophilen Karl Gong.

Die verrottete Einhegung

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Karl Gong, dem nach Monaten erschöpfenden Wirkens auf den Pferdebewegungsanlagen seiner Unangetrauten der Sinn nach einem Zipfelchen Erholung stand, begab sich also in die hinterste Ecke des Anwesens, zwei Flaschen Helles in den Tiefen der Hosentaschen vergraben, in den Händen zur Tarnung wegen der scharfsichtigen Augen der Holden eine Schraubzwinge (links) und eine Axt (rechts), die er allerdings nicht zum Aufrichten neuer Gelasse, sondern nur zum Öffnen der beiden bayerischen Trostspender benutzen wollte; Karl Gong also erstarrte im Anblick seiner frühen Werke, die gnadenlos dem Dahinströmen der Zeit ausgesetzt und weitgehend verrottet und unbenutzbar geworden waren, warf sich winselnd auf den Boden, hackte den beiden Bierflaschen die Hälse ab, ließ das schäumende Helle gleichzeitig in den nach oben aufgesperrten Schlund laufen und begann unvermittelt, wuchernde Bäume umzuhauen und mit der Schraubzwinge aneinander zu pressen, bevor er mit den Vierzollnägeln, die ihm hinter den Ohren schon beinahe festgerostet waren, eine neue Einhegung errichtete, von der die Holde mit einem spöttisch verzogenen Mundwinkel und der hingeworfenen Bemerkung „Und das soll halten?“ Notiz nehmen würde.

Schnatterschnatter (historische Begebenheit)

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Sehenswürdigkeit auf dem Weg in die Kreisstadt

Karl Gong, dem von seiner Unangetrauten für einen Abend freigegeben worden war, weil sie ihren für die Hipposecco-Sause eingeladenen Freundinnen seinen jämmerlichen Anblick ersparen wollte, stieg aus dem zerschlissenen und verdreckten Arbeitsoverall, wusch sich in der alten Pferdetränke, die mittlerweile für ihn reserviert war, zog die von der Holden auf die Stalltreppe gelegten Textilien über, die hässlich genug waren, dass er „nicht irgendeine Schlampe abschleppen“ würde und begab sich, mit genau abgezähltem Taschengeld (der Eintritt für „die Hottentottenmusik“ und zwei Münzen für eine kleine Limonade) versehen auf dem rostigen Fahrrad in den kleinen Klub der Kreisstadt, der es einmal im Quartal gegen den erbitterten Widerstand der „konservativen“ Stadtratsfraktionen wagte, sauer verdiente Steuergelder für die Verköstigung einer kleinen Musikkapelle (Honorare wurden schon lange nicht mehr gezahlt) auszugeben, um all diejenigen Bewohner des Landstrichs, deren Ohren noch nicht völlig vom kommerziellen Rundfunk der Fäulnis anheimgegeben waren, mit ein wenig Freude über die saure Zeit des ländlichen Abends zu bringen.

Jedoch, als er so inmitten der zwanzig Aufrechten dem wunderbaren Klang der famosen ausländischen Band lauschte, erreichten immer wieder getuschelte, gewisperte, geschnatterte und in dynamischen Passagen gebrüllte Wortfetzen sein rechtes Ohr, die sich in seinem Kopf zu einer permanenten Kakophonie des Grauens ballten, hervorgerufen nicht, wie er erst glaubte, von seinem Unterbewussten, das den Damenkreis der Holden auf der Reitanlage imaginierte, nein, von zwei Konzertbesucherinnen, die weit genug von ihm standen, dass er sie nicht verbal oder handgreiflich zur Verantwortung ziehen konnte; ihm blieb nur genervtes Grimassieren, Schweißausbruch, Herzrasen, in die Gedärme gefressene Empörung und vorzeitige Flucht, begleitet von den mitleidigen Blicken der Umstehenden, auf die Straße, aufs Fahrrad, dem von „konservativen“ Aktivisten die Luft aus den Reifen gelassen worden war, ratternd auf der Felge über die Hügel bis zur von der Unangetrauten nachlässig verschlossenen Haustür, die er aufbrach, um sich im Keller illegal an ihren Seccovorräten, denn durch den Verzehr der klebrigen Limonade hatte er einen erheblichen Durst entwickelt, aber natürlich keine Finanzen mehr zur Verfügung gehabt, in einer Art und Weise zu bedienen, dass er erst nach zwei Tagen vom Kommissar der Kreisstadt auf dem Kellerboden liegend gefunden wurde, denn die Holde hatte eine solche Frechheit Ihres Mannes trotz ihrer schlechten Meinung von ihm nicht für möglich gehalten.

It’s Fashion

klopapier
Glück, dein Name sei Klopapier!

Karl Gong, der in den milden Wintermonaten ohn Unterlass und Radio, vom Fernsehen ganz zu schweigen, im Auftrag der Unangetrauten an den neuen, lichtdurchfluteten Stallungen für die Leasinggäule gearbeitet hatte, während er im abgedunkelten Kartoffelkeller seine Mahlzeiten zu sich nahm, um nicht auch noch in den Pausen mit Arbeitsaufgaben behelligt zu werden, durfte an einem kühlen Tag im März die Kreisstadt aufsuchen, um einen ihm von der Holden am Valentinstag überreichten Videotheken-Gutschein einzulösen, der auf den Film „Der Pferdeflüsterer“ ausgestellt war, Umtausch gegen andere Werke ausgeschlossen; jedoch, als er vor verschlossener Tür stand, an die ein Zettel „Aus den bekannten Gründen geschlossen“ mit drei Ausrufezeichen gepinnt war, sah er sich genötigt, seinen Plan zielgerichteter Aktivität zu korrigieren, er musste improvisieren und sah sich im Straßenraum um, der angenehm unbevölkert war, abgesehen von seltsam auseinandergezogenen Menschenketten, die vor Drogerien anstanden, und von Personen mittleren und höheren Alters, die mit beseeltem Gesichtsausdruck Klopapiergroßpackungen mit sich führten, der neue Chic der Kreisstadt offensichtlich: Hatte man früher Kinder oder Hunde oder Telefone mitgeführt und hergezeigt, war es nun Klopapier, eine an sich positive Entwicklung, handelte es sich doch um ein Accessoire, das sich jeder leisten konnte, das die Menschen egalitär verband und offensichtlich außerordentlich beglückte.

Karl Gong, dem mittlerweile aufgegangen war, dass die modisch behängten Menschen der Drogerie entströmten, reihte sich freudig ein, wartete geduldig auf seine Ration, zahlte mit hochgezogenen Augenbrauen und warf schließlich fröhlich in Erwartung einer anerkennenden Kopfnuss der Liebsten die zwei XXXL-Packungen in den Saporoshez, um den aktuellen Fashiontrend hinaus aufs Land zu tragen.

Die neue Pferdetränke

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Karl Gong, dem von der Holden aufgetragen worden war, auf dem Reitplatz endlich eine Tränke für die Pferde zu bauen, beschloss, nicht zu kleckern, sondern zu klotzen, er besorgte also eine Brigade ehemaliger Bergleute, die beim Einstellen ihrer Grube am Ende des letzten Jahrhunderts einiges an Werkzeugen und Anlagen hatten mitgehen lassen, und flugs war die Tränke unter großem Lärmen voller Begeisterung errichtet beziehungsweise ausgehoben, die Beauftragten mit Bierkisten und Grubenfusel aufs Allerfeinste zufriedengestellt, die Pferde hineingetrieben und abgeschrubbt von der aufreizend im Bikini herumplanschenden Unangetrauten, und Karl Gong hatte alle Mühe, sich mit Bauzäunen und Verbotsschildern der Heerscharen Erholungssuchender zu erwehren, die mit Handtüchern, Sonnencreme und elektronischen Geräten ausgestattet den Strand seiner Tränke zu bevölkern suchten.

Happy

happy

Karl Gong, der „in Sachen Graffiti“ „kein wirklich gutes Gefühl“ hatte, seit die örtliche Vorschulmalklasse unter wohlmeinender, mit gebleckten Zähnen ausgestellter Duldung seiner Unangetrauten den von ihm mühsam errichteten Pferdestall mit einem Wandbild beschmiert hatte, das im Passgang hoppelnde, knallbunte, einhörnige Equidae darzustellen wagte, um ungehemmte Lebensfreude auf dem Rücken oder an der Nase der Gäule darzustellen, was in ihm jedoch nur dringende Fluchtinstinkte weckte, Karl Gong also wandelte mit flatternden Nerven nach dem Hafereinkauf auf den Granitplatten der Bezirksstadt, auch diese war über und über bekleckert und beschmiert, er kuckte mal hierhin, mal dorthin, mal nach oben, mal nach unten und entdeckte, tatsächlich zu seinem großen Entzücken, die sorgsam mit kalligraphischem Gerät aufgebrachte Botschaft: Sei glücklich, Gong, sei einfach glücklich.

Und Karl Gong war glücklich.

Siedlung Schulz

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Karl Gong, dem von der Holden aufgetragen worden war, Hafer für sich und die Pferde anzuschaffen, begab sich also nach Studium des allwissenden Internets in die Siedlung Schulz, die ihm mit über 4,5 Sternen als famose Haferquelle empfohlen worden war, auch wenn eine Bewertung mit nur einem Stern („wenn ich könnte, würde ich gar keinen vergeben“) sein Misstrauen weckte; aber er kannte das ja, die meisten Menschen hatten überhaupt keine Ahnung von dem, was sie mit großer Geste in Bausch und Bogen verdammten oder über den grünen Klee, in diesem Falle Hafer, lobten, und wahrscheinlich war der Ausreißer nur ein Neidhammel aus der Siedlung Lehmann oder Meier oder einer, den der Hafer gestochen, womit er nicht gerechnet hatte.

Als Gong mit dem Saparoshez in den Zufahrtsweg nach Schulz einbog, kam ihm der ländlich-urbane Raum, der sich vor ihm auftat, seltsam farbentsättigt vor, er prüfte den Tachometer, ob er auch nicht durch zu schnelles Dahineilen den Unmut der Siedlungsbewohner auf sich ziehen würde, allein, weit und breit waren weder Bewohner noch Haferverkaufsstellen auszumachen, fragen wollte er nicht, das gebot ihm das Taktgefühl, über das die Unangetraute zwar lauthals zu lachen pflegte, das ihm, Gong, jedoch heilig war, und so wendete er auf der Wendeschleife, hinter der nur noch Wald auszumachen war, fuhr zum Vogelfuttervertrieb in die Kreisstadt, kaufte sieben Säcke Hafer, die er in die außen am Fahrzeug angebrachte Hafertransportwanne umschüttete, deckte diese mit der vor Jahren bei der GST entwendeten Wetterplane ab und rollte heimwärts, wo ihm die Holde nach kurzer Prüfung der Ware, leichtem Hochziehen der linken Augenbraue und der Anweisung, das Getreide mäusesicher einzulagern, tatsächlich eine wohlschmeckende warme Mahlzeit zubereitete, „ausnahmsweise“.

Vom Hören

kopfhoerer

Zu den Guten Vorsätzen für das Neue Jahr, die Karl Gong bereits in der ersten Woche zu den Akten gelegt und damit ein für allemal als irrelevant aussortiert hatte, gehörte jener, den Einlassungen seiner Unangetrauten endlich einmal zuzuhören bzw. überhaupt „zu hören“, eine permanente Aufforderung, die stets mit den drohend ausgestoßenen Phrasen „Jetzt hör mal her“, „Höre mal“, „Würdest du mir mal zuhören“ eingeleitet wurde und Gongs Nerven aufs Äußerste spannte.

Gleichwohl hatte er in der schwachen ersten Stunde des Jahres, in die Arme jener geliebten Frau gepresst, zugesagt bzw., wie später von ihr behauptet, „geschworen“, als unumgängliches Vorhaben DAS HÖREN in seinen Jahresplan der auszuführenden Großtaten aufzunehmen, Großtaten allerdings nur für ihn, selbstverständliche Pillepalle für die unersättliche Gefährtin.

Egal, das Vorhaben war bereits im Ansatz gescheitert, denn zwar fand sich das Behältnis des technischen Utensils ganz hinten im Küchenschrank, aber die Hörer waren verschwunden, wahrscheinlich ausgemistet, dafür lagen fein säuberlich gestapelte Servietten im Karton.

‚Nicht meine Schuld‘, dachte Karl Gong und verschwand im Schuppen.

Aufregend aufragend

nachthaus
Das neue Hochhaus in der Kreisstadt

Karl Gong, der sich nach Monaten der Fron auf dem Grundstück der Unangetrauten einige Stunden Erholung ausgebeten und schnaubend erhalten hatte („Wieso Erholung, es war doch eben Weihnachten?“), begab sich in die nahe gelegene Kreisstadt, um endlich einmal etwas anderes zu riechen als Wildschweinatem, Pferdedung und Saporoshez-Abgase, frei schritt er die Gassen entlang, blickte staunend in die Höhe, sah all die Lampen funkeln und blitzen, staunte zu den erleuchteten Fenstern der Bürger hinauf, die in geheizten Wohnungen ihre behaglichen Abende verbrachten, und als er gar auf einen ausladenden Platz einbog, erblickte er hinter den bereits unerklärlich aufragenden Wohngebäuden das neue Hochhaus der Kreisstadt, das eigens für den Bürgermeister errichtet worden war, damit er einen besseren Überblick über die renitente Bevölkerung erlangen konnte, und Karl Gong, dem von all der Moderne schon die Herzklappen schlackerten, holte sich an einer Imbissbude einen Tee ohne Zucker (für mehr reichte das Taschengeld nicht), wärmte sich so lange wie möglich die Hände daran und trank in winzig kleinen Schlucken, bevor er wieder auf seinen unangetriebenen Tretroller stieg, denn das Klapprad hatte er Am Kombinat über den Graben geworfen und in all dem kaputten Unrat nicht wiedergefunden, weil es selbst schon sehr kaputt gewesen war.

Von der Kreisstadt nach Hause ging es bergab, die stolzen Orte im Lande waren auf Hügeln erbaut, während sich die bemitleidenswerten in die Täler duckten, Karl Gong ließ den Roller laufen, achtete auf seine Haltung, schob sich immer wieder elegant und kraftvoll ab, nahm die Kurve bei der alten Schulzen mit Schmackes, verfehlte die Brücke über den Kratzbach, weil er von einem Schlagloch ausgehoben wurde, und flog über den Zaun von Schuldirektor Schnöttke, der ihn mit einem Grog auf das Sofa bettete und zwei Tage lang über die Straßenverkehrsordnung belehrte.

Im Banne der Allopathie

oval

Karl Gong, dem seit Tagen etwas weh war, denn die Holde hatte ihm ihren Wunschzettel auf das Klappbett im Schuppen gelegt, wo er seit Wochen nächtigen musste, weil die Arbeiten am Grundstück nur schleppend vorangingen, jede Minute zählte, um den Rückstand aufzuholen, und ein Schlendern des Gong zum Abendbrot oder auch nur unter die Dusche hatte tunlichst zu unterbleiben, sollten die ehrgeizigen Meilensteine erreicht werden, auch wenn er hungrig war wie ein Mistkäfer im Sterilraum und dreckig wie irgendwas, Gong hatte zu funktionieren, was allerdings nicht funktionierte, also schlich er zur Drogen-Handlung, um Allopathische und Homöopathische Arzneimittel ohne Wissen der Unangetrauten durch das Oval der abendlich geschlossenen Tür entgegenzunehmen, zahlte eine Unsumme, schlich noch geschlagener als auf dem Herweg zurück in den Schlamm seines Anwesens, fraß schon unterwegs eine größere Menge seiner Beute auf, denn es handelte sich ja um geringdosierte Wirkmittel, die nur durch den Willen des Patienten zu voller Blüte gelangen, spürte plötzlich eine unbändige Kraft, Zuversicht, Willensstärke und Aufsässigkeit in sich aufsteigen, dachte aus ihm nicht erklärlichen Gründen immer wieder an das Oval, aus dem ihm die paradiesischen Pillen und Säfte zugesteckt worden waren, ein Licht durchfuhr sein Hirn, ein helles flutendes Licht über grüner Flur, wie er das entbehrt hatte auf der ruinierten Rasenfläsche voller Schrunden, Abgründe und Torf, er heizte den Raduga-Fernseher vor, richtete die Antenne aus und sah sich im Schuppen, eine Pille nach der anderen mit den geheimen Drogensäften herunterspülend, die Oberliga-Konferenzschaltung an.