Schlagwort-Archiv: Karl Gong

Im Lichte betrachtet

schatten

Obwohl Karl Gong, dem Dialektiker, nichts ferner lag als Schwarzweißdenken, fragte er sich manchmal, wenn die Sonne auf besonders unverschämte Weise in die Kemenaten bretterte, so dass sie sägende Schatten auf den Fußboden warf, ob er sich nicht auch gelegentlich klarer positionieren sollte, schärfer sein in seinen Urteilen, unversöhnlicher den Feinden und enthusiastischer den Freunden gegenüber, nicht so lau und zögerlich und aufs Gramm abwiegend und vorsichtig mit Zwischentönen hantierend, sondern im harten Licht der eingebildeten Wahrheit das Dunkle, das Böse benennen und geißeln usw. usf. –lange und unangestrengt guckte er in solchen Momenten auf seine Füße, dachte nochmals erschöpfend nach und entschied endlich: Nö.

Effiziente Motorisierung

busanhaenger

Als Karl Gong, der bekannte Weltreisende, in einer der beliebtesten Städte der Welt weilte, öffnete sich für ihn in einem der beschaulichen und beliebten Siedlungsgebiete dieser Stadt ein Zeitstrahl in seine ostzonale Vergangenheit, der von einem Bus mit angehängtem Anhänger (was für ein grauenhafter Ausdruck, aber es lässt sich nicht anders beschreiben) befahren wurde. Denn angehängte Busanhänger hat er nicht mehr gesehen, seit er in den Siebzigern in solchen über baumbestandene Landstraßen geschleudert wurde, gemeinsam mit dichtgedrängt vor sich hin dampfenden Werktätigen aus der Glasseide, der Schuhfabrik, dem Elektrobau, der Abteilung Volksbildung beim Rat des Kreises, der Zuckerbude, dem Landbaukombinat und so weiter. Diese Reisen erschienen irgendwann sogar den Verantwortlichen als so gefährlich und verantwortungslos, dass die Busse samt Anhängern irgendwann spurlos verschwanden und durch Ziehharmonikakästen aus ungarischer Produktion sowie zaghafte Individualmotorisierung ersetzt wurden. In der beliebten, übervölkerten Stadt jedoch karriolten sie wie selbstverständlich herum, zwar eckig anstatt harmonisch abgerundet, aber doch selbstbewusst und fast so lang wie einige der Straßen im betreffenden Siedlungsgebiet.

Aus der Nachbarschaft

drums

Karl Gong, der bekannte Höragnostiker, wanderte im Treppenhaus auf und nieder (weiter südwestlich: Stiegenhaus), um der Quelle eines Geräusches nachzuspüren, das in rhythmischen Schüben die Lautäußerungen seines Neue-Musik-Plattendrehers (er besitzt für jede von ihm geschätzte Musikrichtung einen eigenen Dreher) übertönte, überdröhnte, unmäßig, aber nicht reizlos, und ganz tief im Unterbewussten hoffte er, dass es sich um etwas Schweinisch-Anregendes handeln könnte, das da rumpelte und malmte und zischte und radängderte. Als er schließlich im Hochparterre durch den Türspalt der Wohnung einer vor kurzem eingezogenen Dame ein schrilles rotes Licht schimmern sah, kannte seine Erregung keine Grenzen mehr, er wagte das Äußerste und klingelte zitternd. Die Dame öffnete, sie war behangen mit glänzend schwarzem Leder und trug Schweißperlen auf den unbedeckten Körperflächen, Gong grunzte, erblickte im Hintergrund die Quelle des Lärms, schrie panisch auf und wandte sich schaudernd dem Treppenhaus (Stiegenhaus) zu, hechtete die Absätze zu seiner Behausung hinauf und drehte weinend den Dreher lauter.

Teegedicht ohne wirkliches Ende

tee

Noch einen Tee zum Ende
an diesem Arbeitstag.
Es meldet sich die Lende,
die nicht mehr hocken mag.

Noch eine Stunde Schreibens,
dann geht es frisch hinaus.
Genug des Ämtertreibens,
raus aus dem Irrenhaus!

Gong schwebt durch nasse Lüfte,
durch dunkles, fieses Grau.
Er riecht schon Frühlingsdüfte,
von weitem seine Frau.

Da ist sie schon, die Gute,
in ihrem Wickelrock!
Doch sie zieht eine Schnute,
und hat noch keinen Bock.

“Lass uns zur Schenke schleichen,
und wenn dein Zaster reicht,
könntest du mich erweichen,
mein lieber Karl, vielleicht.”

Champagner lässt sie schmusen
verliebt im Separee.
Gong trinkt an ihrem Busen
aus Kostengründen Tee.

Wanderung durch die Mark Brandenburg

friseur

Als Karl Gong durch die dunklen Grundmoränen und Urstromtäler der Lausitz wanderte, um die weihnachtlich verzehrte Ente abzubauen, gelangte er nach Stunden in ein recht niedliches Walddorf, doch statt die einzigartige Anlage gebührend zu würdigen (Sackgassen-Rundling mit abstrebenden Schluchten), dachte er nur, vom Rotwein leicht benebelt: “Gleich im nächsten Jahr muss ich mal wieder zum Friseur hin.”

Unerbittliche Profanität im Anmarsch

bruecke

Jedoch, als es dann schon wieder fast vorbei war mit dem Glanz und der allumfassenden Heiterkeit, wurde Karl Gong von einer eigenartigen Wehmut befallen, vergleichbar jener beim Anblick eines leeren Kühlschranks oder eines Silberfischchens, das allein und überfordert im halogenen Licht über die Badfliesen irrt, und er freute sich an jeder bunten Lampe, die er im Stadtbild ausmachen konnte, solange sie nicht ausgemacht war.

Bald würde ihm nur der farbenfrohe Morgen über den Gleisen bleiben, und jener auch nur mit schlechtem Wetter im Anmarsch (Bauernregel), und deswegen neuerdings selten.

Erleichterung

waschbecken

Karl Gong, vom jahresendlichen Übermaß an Feierlichkeit, Dekoration, Permadudel und Völlerei arg in Mitleidenschaft gezogen, suchte verzweifelt nach einem Gegengewicht, nach dem Profanen des Uninszenierten, und fand es gleich um die Ecke auf seinem Abtritt.

Verschlungene Wege der Nächstenliebe

fluegeldach
Obdach (Beispielfoto)

Letztens kaufte Karl Gong auf der Straße mal wieder jene Zeitung, die sich das Wohl der Obdachlosen auf die Druckfahnen geschrieben hat. Er findet die Leute nett, die sie verkaufen, und ich, Gong, tue Gutes, denkt er. Seht her, wie ich sie kaufe!

Zu Hause schlug er das Blättchen auf und blieb sogleich bei den Literaturempfehlungen hängen:

“Denke nach und werde reich”
“Der überlegene Weg zum Erfolg”
“Die 48 Gesetze der Macht”
“So erreichen Sie, was Sie wollen”
“Bigger, Leaner, Stronger (…der natürliche Weg zum idealen Männerkörper)”
“Was die Reichen ihren Kindern über Geld beibringen”

Soso, dachte Karl Gong, und: Aha. Soso.

Schnorchelnde Amazonen!

schnorchel

Karl Gong, Theatermaler an der Bühne des Lebens, erwachte vom leichten Schlag auf den Hinterkopf, den ihm seine Holde verpasst hatte. So schön hatte er geträumt, von schnorchelnden Amazonen! Nun aber war die Nase auf den Tresen geprallt, zwar ganz leicht nur, aber trotzdem, das gehört sich nicht, Frau, er sah wilde Tapetenmuster vor sich, Ton in Ton, aber durchaus schrecklich.

“Deine Frau bin ich erst, wenn du mich geheiratet hast, HERR Gong!”

“Ja-ja.”

Schnaubend drehte er den Hals, rieb sich den Nacken, erkannte die Lampenschirme in seinem Rücken als hart erkämpfte Ausstattung seiner ehemaligen Dienststelle wieder, schmeckte beinahe das eloxierte Aluminium, roch die staubige NARVA-Birne, die in ihren letzten Zügen vor sich hin dampfte, fixierte das seltsame Aquarium an der Wand, konnte keinen Sinn darin erkennen und folgte der Holden auf dem Weg nach Hause.

Nachts versuchte er, von schnorchelnden Amazonen zu träumen, aber immer wieder kam ihm die Dienststelle dazwischen, mit einem nörgelnden Oberleutnant Bock und einer Parteisekretärin Radszciuleit, die es aber beide nie gegeben hatte.

Die rätselhafte Kolbenmaschine

kolbenmaschine

“Frau”, rief Karl Gong, der, mit dem Aufräumen des Kellers beschäftigt, soeben die rätselhafte Kolbenmaschine ans Licht gewuchtet hatte, “sarema, wozu haben wir denn damals diese rätselhafte Kolbenmaschine angeschafft! Das Mistvieh is vlei schwer!”

“Erstens, Gong”, erwiderte die Holde, “bin ich nicht deine Frau, zweitens hast du das Ding ganz alleine angeschafft, statt die hübsche Industrienähmaschine im Internet zu ersteigern, die ich mir so gewünscht hatte, und für die darum kein Platz mehr war.”

“Und drittens?”

“Und drittens heb dir keinen Bruch. Wir wollen heute abend dinieren gehen ins englische Gasthaus.”

“Onor!” rief Karl Gong entmutigt, denn eigentlich wollte er die rätselhafte Kolbenmaschine am Abend fachgerecht filetieren, um sie beim Schrotthöker zu Geld zu machen, schon morgen. Stattdessen musste er nun einen Sockel aus alten Steinen aufschichten und die Maschine auf diesem fest verschrauben, um den Sicherheitsvorschriften im Haus der Frau genüge zu tun.

“Wenn ich die Nähmaschine bekomme, kann ich einen hübschen, gepolsterten Schoner für das Kolbending fertigen”, sprach die Holde versöhnlich auf dem Weg zu Fisch und Fritten. “Dann stößt du dir nicht wieder das Schienbein so arg.”

Gong schnaubte humpelnd.

Schöner Ausflug

weg

Karl Gong benutzte eines Tages den Radweg auf dem Deich, um ins Naherholungsgebiet zu gelangen, wo er eine Bockwurst, ein Fischbrötchen und zwei Liter Gose einzunehmen gedachte. In träumerischer Vorfreude, nur getrübt durch den miserablen Zustand des Radweges, der offensichtlich von Menschen erbaut worden war, die Radfahrer abgrundtief hassten, sprang er von einer eingebauten Schottersteinspitze zur nächsten, wiederum lose Schottersteine nach links und rechts katapultierend.

“Diese Sauhunde!” brüllte Gong, denn bevor der Radweg durch die Sauhunde erneuert wurde, hatte er sich in tadellosem Zustand befunden, ohne jedoch hochwassertauglich zu sein.

“Scheiß auf das Hochwasser!” keilte Gong nach, da gab es schon ein Geräusch!

Bäng! machte das Rad. Bäng-Bäng! Wie bei Cher.

Wutheulend warf Karl Gong das dreckige, frisch geölte Fahrrad auf die Wiese, ergab sich der Not des Faktischen, demontierte die dreckstrotzende Technik und fand nach langer Suche die versteckte Schadstelle, klebte einen Flicken drauf, montierte “den Misthund” fluchend, die Luft jedoch entwich weiterhin; alles wieder auseinander geruppt, zweites Loch suchen und flicken, fluchen, schreien, montieren. Die Sonne, inzwischen nicht mehr der Rede wert, hing unentschlossen blass zwischen den höheren Bäumen.

Gong hetzte zum See, schlang sein Kontingent hinter, ihm war schlecht von dem unrund schlackernden Hinterrad, aber was muss, das muss. Erschöpft, seekrank und deprimiert schließlich traf er des Nachts die Lebensgefährtin an, die sich jedes Trostes enthielt und nur seine “völlig verdreckte” Erscheinung in gewählten Worten geißelte. Da er “so” nicht ins Bett gelassen wurde, übernachtete er in der Fahrradfaltgarage.

Vom kulinarischen Zusammenleben

allesfresser

Der bekannte Hedonistiker Karl Gong, mit seiner augenblicklichen Lebensgefährtin eine Doppelwohnküche mit angeschlossenen Schlafzimmern bewohnend, beschwerte sich des öfteren über die Unübersichtlichkeit des die Wohnstatt umgebenden Kleingartens, in dem “niemals irgendwas zu fressen zu finden ist, weil keinerlei Beschriftungen über die Verzehrbarkeit der Gewächse Auskunft geben”.

Die Lebensgefährtin wurde daraufhin aktiv, ließ beim örtlichen Schildermaler (mit angeschlossener InfluencerInnen-Agentur, aber dies nur nebenbei) eine gut sichtbare Tafel anfertigen und plazierte sie dort, wo Gong sich bitteschön in Zukunft die Zutaten für seine gefürchteten Suppen, Currys und Matschpampen ausgraben darf.

Gong war es von nun an zufrieden.

Vom Umziehen

Als Karl Gong wieder einmal umziehen musste, weil er die neuesten Mietangebote einfach nicht ausschlagen konnte, und er bei diversen Speditionen anfragte, ob sie sich in der Lage sähen, sein Gelumpe zu transportieren und treppab, treppauf zu hucken, drängte sich ihm ein Vertreter der Firma Ernst Klapp Möbel mit unverschämt günstigen Preisen regelrecht auf.

Als Karl Gong, um keinen guten Wortwitz verlegen, am Telefon wiehernd vermutete, sie seien bei Klapps wohl so preiswert, weil sie nur raumsparende Klappmöbel spedierten, und er verfüge leider nicht über solche, entgegnete der Vertreter ebenfalls wiehernd: Danach schon.

So schieden sie in bestem Einvernehmen, nachdem sie Termin und Treffpunkt vereinbart hatten, und natürlich wurde es nach dem Umzug für Gong noch schlimmer als vorher, wie eigentlich immer.

Aber das lag nicht an Ernst Klapp Möbel.

Neues von den Telefonen

warten

Karl Gong saß in der Schnellbahn, kuckte aus dem Fenster, aber da gab es nur dahinhuschende Sinnlosigkeiten und Passanten zu sehen, die auf Telefone glotzten. Er wandte den Blick zurück ins Innere, ließ ihn unauffällig durch den Waggon streifen, auch hier nur Mitreisende, die ihre Telefone hypnotisierten, oder anders herum. Aus Opposition gegen das allgemein Übliche beschloss er, sein Telefon in der Tasche zu lassen und nur trübsinnig auf den Fußboden zu starren. Gedanken an das Ende von allem und jedem fluteten ihn, und er verpasste den Bahnhof, an dem er eigentlich aussteigen wollte. Irgendwo in der Pampa stolperte er aus dem Zug, Ruinen empfingen ihn.

Das Telefon zeigte ihm den Weg ins Bureau.

Anarchie und Ignoranz

ignorant

Karl Gong, der bekannte Geisteswissenschaftler und selbsternannte Anarchist, plant auch im neuen Jahr spektakuläre Aktionen. Dazu wünscht er sich von den Verantwortlichen, dass überall im Land möglichst große Verbotszeichen plaziert werden, an denen er ignorant und anarchistisch sein Mütchen kühlen kann.

Die Vorfreude auf den Abstieg

schwebebahn

Karl Gong, mit Höhenangst geschlagen, wurde von den Mitwanderern in die Kabine einer Seilbahn gezwungen, denn deren Kräfte reichten nicht zum Aufstieg auf den Berg mit dem Ausflugsrestaurant, das man leerzutrinken gedachte. So stand er also in der Mitte der Kabine, nachdem er den Boden nach eventuellen Falltüren abgesucht hatte, hielt den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen und versuchte, die Schlingerbewegungen auszugleichen, die entstanden, wenn die bestens gelaunten Mitreisenden auf eine Seite der Kabine drängten, um zum Beispiel eine Dame im Kleingarten zu betrachten. Bei einer dieser Ausgleichsbewegungen stieß er allerdings mit dem Kopf ans Fenster der Kabine, öffnete die Augen und fiel umgehend in Ohnmacht, als er tief unter sich einen weiteren Lift erblickte, der ihm für sich allein genommen schon tödlich genug projektiert schien.

Später, im Ausflugsrestaurant, führte Karl Gong, der Geisteswissenschaftler, wieder das große Wort, als wäre nichts gewesen, trank zwei Liter Helles und freute sich auf den Abstieg.

Regenbogen und Geisteswissenschaft

regenbogenstrasse

In rasender Fahrt durch die Landschaften, die diese Bezeichnung selten verdienten, schien doch immer wieder ein Licht durch den nie enden wollenden Regen überraschend dem Gong, Karl auf die Nase, so dass sie juckte; und die leichtsinnig vom Designer angebrachte Krümmung der Fahrzeugtür harmonierte aufs trefflichste mit der Krümmung des rätselhaft erzeugten Regenbogens (Karl Gong hatte NIE in Physik aufgepasst, weil er schon immer Geisteswissenschaftler werden wollte und somit die Naturwissenschaften als lässliches Übel ansah).

Wäre ich Bauer geworden, könnte ich das Ding gar nicht sehen, weil ich mit der Nase nach unten durch die Kartoffeln kriechen müsste, dachte sich Karl Gong zufrieden im röhrenden Dahingleiten; aber bitte: Welcher Bauer kriecht denn heutzutage noch durch die Kartoffeln?, und insofern muss man auch Gongs Eignung zum Geisteswissenschaftler stark in Zweifel ziehen.