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Schnorchelnde Amazonen!

schnorchel

Karl Gong, Theatermaler an der Bühne des Lebens, erwachte vom leichten Schlag auf den Hinterkopf, den ihm seine Holde verpasst hatte. So schön hatte er geträumt, von schnorchelnden Amazonen! Nun aber war die Nase auf den Tresen geprallt, zwar ganz leicht nur, aber trotzdem, das gehört sich nicht, Frau, er sah wilde Tapetenmuster vor sich, Ton in Ton, aber durchaus schrecklich.

“Deine Frau bin ich erst, wenn du mich geheiratet hast, HERR Gong!”

“Ja-ja.”

Schnaubend drehte er den Hals, rieb sich den Nacken, erkannte die Lampenschirme in seinem Rücken als hart erkämpfte Ausstattung seiner ehemaligen Dienststelle wieder, schmeckte beinahe das eloxierte Aluminium, roch die staubige NARVA-Birne, die in ihren letzten Zügen vor sich hin dampfte, fixierte das seltsame Aquarium an der Wand, konnte keinen Sinn darin erkennen und folgte der Holden auf dem Weg nach Hause.

Nachts versuchte er, von schnorchelnden Amazonen zu träumen, aber immer wieder kam ihm die Dienststelle dazwischen, mit einem nörgelnden Oberleutnant Bock und einer Parteisekretärin Radszciuleit, die es aber beide nie gegeben hatte.

Die rätselhafte Kolbenmaschine

kolbenmaschine

“Frau”, rief Karl Gong, der, mit dem Aufräumen des Kellers beschäftigt, soeben die rätselhafte Kolbenmaschine ans Licht gewuchtet hatte, “sarema, wozu haben wir denn damals diese rätselhafte Kolbenmaschine angeschafft! Das Mistvieh is vlei schwer!”

“Erstens, Gong”, erwiderte die Holde, “bin ich nicht deine Frau, zweitens hast du das Ding ganz alleine angeschafft, statt die hübsche Industrienähmaschine im Internet zu ersteigern, die ich mir so gewünscht hatte, und für die darum kein Platz mehr war.”

“Und drittens?”

“Und drittens heb dir keinen Bruch. Wir wollen heute abend dinieren gehen ins englische Gasthaus.”

“Onor!” rief Karl Gong entmutigt, denn eigentlich wollte er die rätselhafte Kolbenmaschine am Abend fachgerecht filetieren, um sie beim Schrotthöker zu Geld zu machen, schon morgen. Stattdessen musste er nun einen Sockel aus alten Steinen aufschichten und die Maschine auf diesem fest verschrauben, um den Sicherheitsvorschriften im Haus der Frau genüge zu tun.

“Wenn ich die Nähmaschine bekomme, kann ich einen hübschen, gepolsterten Schoner für das Kolbending fertigen”, sprach die Holde versöhnlich auf dem Weg zu Fisch und Fritten. “Dann stößt du dir nicht wieder das Schienbein so arg.”

Gong schnaubte humpelnd.

Schöner Ausflug

weg

Karl Gong benutzte eines Tages den Radweg auf dem Deich, um ins Naherholungsgebiet zu gelangen, wo er eine Bockwurst, ein Fischbrötchen und zwei Liter Gose einzunehmen gedachte. In träumerischer Vorfreude, nur getrübt durch den miserablen Zustand des Radweges, der offensichtlich von Menschen erbaut worden war, die Radfahrer abgrundtief hassten, sprang er von einer eingebauten Schottersteinspitze zur nächsten, wiederum lose Schottersteine nach links und rechts katapultierend.

“Diese Sauhunde!” brüllte Gong, denn bevor der Radweg durch die Sauhunde erneuert wurde, hatte er sich in tadellosem Zustand befunden, ohne jedoch hochwassertauglich zu sein.

“Scheiß auf das Hochwasser!” keilte Gong nach, da gab es schon ein Geräusch!

Bäng! machte das Rad. Bäng-Bäng! Wie bei Cher.

Wutheulend warf Karl Gong das dreckige, frisch geölte Fahrrad auf die Wiese, ergab sich der Not des Faktischen, demontierte die dreckstrotzende Technik und fand nach langer Suche die versteckte Schadstelle, klebte einen Flicken drauf, montierte “den Misthund” fluchend, die Luft jedoch entwich weiterhin; alles wieder auseinander geruppt, zweites Loch suchen und flicken, fluchen, schreien, montieren. Die Sonne, inzwischen nicht mehr der Rede wert, hing unentschlossen blass zwischen den höheren Bäumen.

Gong hetzte zum See, schlang sein Kontingent hinter, ihm war schlecht von dem unrund schlackernden Hinterrad, aber was muss, das muss. Erschöpft, seekrank und deprimiert schließlich traf er des Nachts die Lebensgefährtin an, die sich jedes Trostes enthielt und nur seine “völlig verdreckte” Erscheinung in gewählten Worten geißelte. Da er “so” nicht ins Bett gelassen wurde, übernachtete er in der Fahrradfaltgarage.

Vom kulinarischen Zusammenleben

allesfresser

Der bekannte Hedonistiker Karl Gong, mit seiner augenblicklichen Lebensgefährtin eine Doppelwohnküche mit angeschlossenen Schlafzimmern bewohnend, beschwerte sich des öfteren über die Unübersichtlichkeit des die Wohnstatt umgebenden Kleingartens, in dem “niemals irgendwas zu fressen zu finden ist, weil keinerlei Beschriftungen über die Verzehrbarkeit der Gewächse Auskunft geben”.

Die Lebensgefährtin wurde daraufhin aktiv, ließ beim örtlichen Schildermaler (mit angeschlossener InfluencerInnen-Agentur, aber dies nur nebenbei) eine gut sichtbare Tafel anfertigen und plazierte sie dort, wo Gong sich bitteschön in Zukunft die Zutaten für seine gefürchteten Suppen, Currys und Matschpampen ausgraben darf.

Gong war es von nun an zufrieden.

Vom Umziehen

Als Karl Gong wieder einmal umziehen musste, weil er die neuesten Mietangebote einfach nicht ausschlagen konnte, und er bei diversen Speditionen anfragte, ob sie sich in der Lage sähen, sein Gelumpe zu transportieren und treppab, treppauf zu hucken, drängte sich ihm ein Vertreter der Firma Ernst Klapp Möbel mit unverschämt günstigen Preisen regelrecht auf.

Als Karl Gong, um keinen guten Wortwitz verlegen, am Telefon wiehernd vermutete, sie seien bei Klapps wohl so preiswert, weil sie nur raumsparende Klappmöbel spedierten, und er verfüge leider nicht über solche, entgegnete der Vertreter ebenfalls wiehernd: Danach schon.

So schieden sie in bestem Einvernehmen, nachdem sie Termin und Treffpunkt vereinbart hatten, und natürlich wurde es nach dem Umzug für Gong noch schlimmer als vorher, wie eigentlich immer.

Aber das lag nicht an Ernst Klapp Möbel.

Neues von den Telefonen

warten

Karl Gong saß in der Schnellbahn, kuckte aus dem Fenster, aber da gab es nur dahinhuschende Sinnlosigkeiten und Passanten zu sehen, die auf Telefone glotzten. Er wandte den Blick zurück ins Innere, ließ ihn unauffällig durch den Waggon streifen, auch hier nur Mitreisende, die ihre Telefone hypnotisierten, oder anders herum. Aus Opposition gegen das allgemein Übliche beschloss er, sein Telefon in der Tasche zu lassen und nur trübsinnig auf den Fußboden zu starren. Gedanken an das Ende von allem und jedem fluteten ihn, und er verpasste den Bahnhof, an dem er eigentlich aussteigen wollte. Irgendwo in der Pampa stolperte er aus dem Zug, Ruinen empfingen ihn.

Das Telefon zeigte ihm den Weg ins Bureau.

Anarchie und Ignoranz

ignorant

Karl Gong, der bekannte Geisteswissenschaftler und selbsternannte Anarchist, plant auch im neuen Jahr spektakuläre Aktionen. Dazu wünscht er sich von den Verantwortlichen, dass überall im Land möglichst große Verbotszeichen plaziert werden, an denen er ignorant und anarchistisch sein Mütchen kühlen kann.

Die Vorfreude auf den Abstieg

schwebebahn

Karl Gong, mit Höhenangst geschlagen, wurde von den Mitwanderern in die Kabine einer Seilbahn gezwungen, denn deren Kräfte reichten nicht zum Aufstieg auf den Berg mit dem Ausflugsrestaurant, das man leerzutrinken gedachte. So stand er also in der Mitte der Kabine, nachdem er den Boden nach eventuellen Falltüren abgesucht hatte, hielt den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen und versuchte, die Schlingerbewegungen auszugleichen, die entstanden, wenn die bestens gelaunten Mitreisenden auf eine Seite der Kabine drängten, um zum Beispiel eine Dame im Kleingarten zu betrachten. Bei einer dieser Ausgleichsbewegungen stieß er allerdings mit dem Kopf ans Fenster der Kabine, öffnete die Augen und fiel umgehend in Ohnmacht, als er tief unter sich einen weiteren Lift erblickte, der ihm für sich allein genommen schon tödlich genug projektiert schien.

Später, im Ausflugsrestaurant, führte Karl Gong, der Geisteswissenschaftler, wieder das große Wort, als wäre nichts gewesen, trank zwei Liter Helles und freute sich auf den Abstieg.

Regenbogen und Geisteswissenschaft

regenbogenstrasse

In rasender Fahrt durch die Landschaften, die diese Bezeichnung selten verdienten, schien doch immer wieder ein Licht durch den nie enden wollenden Regen überraschend dem Gong, Karl auf die Nase, so dass sie juckte; und die leichtsinnig vom Designer angebrachte Krümmung der Fahrzeugtür harmonierte aufs trefflichste mit der Krümmung des rätselhaft erzeugten Regenbogens (Karl Gong hatte NIE in Physik aufgepasst, weil er schon immer Geisteswissenschaftler werden wollte und somit die Naturwissenschaften als lässliches Übel ansah).

Wäre ich Bauer geworden, könnte ich das Ding gar nicht sehen, weil ich mit der Nase nach unten durch die Kartoffeln kriechen müsste, dachte sich Karl Gong zufrieden im röhrenden Dahingleiten; aber bitte: Welcher Bauer kriecht denn heutzutage noch durch die Kartoffeln?, und insofern muss man auch Gongs Eignung zum Geisteswissenschaftler stark in Zweifel ziehen.

Vom Überlaufen des Boddens

abends

Abends geht die Sonne baden
In den Bodden hinterm Berg.
Übern Berg ziehn Wolkenschwaden:
Karl Gong fühlt sich wie ein Zwerg.
Er verspürt ein wehes Beben:
Wird er morgen dann noch leben?

Doch als Mann der Wissenschaften
(Für den Geist) kann er nichts tun.
Solln die Ingenieure haften!
Gong muss nächtens zwingend ruhn.
Solln die sich ans Reißbrett klemmen,
Um den Bodden einzudämmen!

Seht die Ingenieure planen:
Boddendeich mit Plastikbahnen.

Vom Aufbaustudium

moebel

Im Rahmen seines geisteswissenschaftlichen Aufbaustudiums, das Karl Gong im fortgeschrittenen Alter begann, um einerseits seine beginnende Demenz zurückzudrängen und andererseits an verbilligte Fahrscheine und Museumstickets zu gelangen, verfasste er ein Traktat über den “Einfluss unsachgemäß gelagerter Partymöbel auf die Stimmung von Gästen verschiedener Veranstaltungen (nicht nur Partys)”.

Das Ergebnis in Kürze zusammengefasst: Ein solcher Einfluss ist nur dann nachweisbar, wenn die Gäste vor, während oder nach der Veranstaltung über die unsachgemäße Lagerung der Partymöbel informiert werden (“Frechheit!”, “Unerhört!”, “Schgehglei!”), aber in der Regel verzichten die Veranstalter auf eine solche Information (“Wäre ja noch schöner!”).

Das Aufbaustudium dauert an.

Glyphodings

Glyphodings

Das mit diesem Glyphodings, sagt Karl Gong in Maßen erregt, wir wollen es nicht verbieten, weil es nur alles andere verrecken lässt, Kräuter, Käfer, Vögel — alles außer uns und unser Fressen, das wir dann zur Hälfte wegschmeißen oder verfeuern, damit wir Internet gucken können.

Ja, aber, wir kriegen doch davon auch ein bisschen Krebs, oder? fragt Ilse Tschie.

Na, hoffentlich! brüllt Karl Gong, und, nach einer Kunstpause: Wir sind doch echt die beschissenste Spezies auf diesem Planeten!

Im Copyshop

Die Digitalisierung, sagt Karl Gong, ist auch übärhaupt nicht das, was ich mir darunter vorgestellt hatte. Kuck dir mal diesen Copyshop an. Menschenmassen. Türme von Papier, bedruckt, beschnitten, gefalzt, gebunden, man hat den Eindruck, jetzt, da alles digital ist, schnell und ständig zur Hand in leuchtenden Farben auf coolen Devices, dreht der Mensch komplett durch und muss es nun doch immer und immer wieder auf Papier prügeln, prägen, stanzen, laminieren, es, jenes, was auch immer ihm in den Kopf kommt, der flüchtige Abklatsch eines Gedankens, der digital viel besser aufgehoben wäre, wird in die Nähe der Unsterblichkeit gelaserdruckt, anstatt die Wolke ab in die Wolke zu blasen, und dann irgendwann eine kleine Verwirrung am User Interface, zack, alles ist plötzlich gelöscht, weg, au weia, besser so!

Hm, sagt Ilse Tschie.

Es wäre so schön, fährt Karl Gong fort, kein endloses Sichten und Sortieren nach Jahren der überquellenden Regale, bevor man schließlich doch die neunundzwanzig Kilo wichtigen Papieres zum Container bringt, oder? Aber nein, man versichert sich der ewigen Bedeutung seiner trüben Einlassungen, indem man sie zum Copyshop trägt, die Umwelt verpestet und geringfügige Beschäftigung generiert.

Naja, sagt Ilse Tschie, ist ja auch was. Hast du deine Diplomarbeit damals auch mit drei Durchschlägen auf der Reiseschreibmaschine getippt?

Nee, sagt Karl Gong, ich hatte Ormig.

Karl-Gong-Weisheit

Neulich mit Karl Gong beim Bier.

Gong: “Seit einem Vierteljahrhundert wird man hier verarscht, das habe ich von Anfang an gemerkt. Augen auf, und man sah es, von Anfang an. Aber man kanns ni ändern, alleine, also arrangiert man sich.”

“Das richtige Leben im falschen.”

“Friedrich Schiller. Genau. Geht ja so einigermaßen. Ehe man sich schlagen lässt.”

“So siehts aus.”

“Und was passiert dann, mein Lieber? Die Verarsche kriegt plötzlich Risse, ein bisschen Realität kuckt durch. Und meine Kumpels kriegen plötzlich mit, dass sie verarscht werden. Nach einem Vierteljahrhundert kriegen die das mit!”

“Immerhin.”

“Krakeelen rum, dass das ein Ende haben muss. Sag ich ja seit einem Vierteljahrhundert.”

“Kann mich erinnern.”

“Ich soll endlich aufhören, mich verarschen zu lassen.”

“Du?”

“Genau. Aber weißt du, was die wollen? Die wollen nicht das Ende der Verarsche, wie ich.”

“Ach was?”

“Nee. Die wollen endlich die totale Verarsche. Ohne Wenn und Aber.”

“Na sowas.”

“Tja. Prost.”

“Prost.”

Über die letzte Überfahrt

Fähranleger
Karl Gongs Vorstellungskraft: Beispielfoto

Wie jeder Vielreisende, das wusste Karl Gong, würde auch er als allerletzten Trip den Weg zum Fluss Styx antreten, und manchmal, wenn er an ein fließendes oder auch stehendes Gewässer kam, versuchte er sich leicht schaudernd vorzustellen, ob so oder ähnlich die Fähranlegestelle „Styx Südpassage“ aussehen würde.

Vom Design

Wie immer frech unbesorgt, ein freier Bürger, wandelte Karl Gong durch die Straßen und passierte angelegentlich einen Menschen, welcher einem Automobil entstieg, dessen Gestalt sich durch aggressivste Wucherungen auszeichnete. Anführungszeichen für “auszeichnete”.

Schaudernd und im Stillen erlaubte sich Karl Gong, jenem Menschen zu wünschen, niemals selbst von solchen Wucherungen betroffen zu sein.

Und wandelte weiter.