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Aus dem Leben eines Elektrobastlers

Welch ein Glücksgefühl breitete sich in Karl Gong aus, als er drei in den entfernten Ecken seiner Liegenschaft vergessene, kaputte Lampen zu einer neuen, funktionierenden vereint hatte, eine kreative, nachhaltige Pioniertat, für die sicher bereits ein modernes, ausländisches Wort existierte, irgendwas mit „-grading“, krummgrading vielleicht, hohoho,  jedoch das Glücksgefühl erlosch, bevor die Lampe entzündet wurde, denn die holde Unangetraute verwies ihn des Wohnzimmers mit der Bemerkung, dass, wenn er auf dem Plazieren des Ungetüms bestehen sollte, er sich gleich noch eine neue Frau basteln könne (aus dreien, die er in irgendwelchen dunklen Ecken des großzügigen Grundstücks sicher auftreiben würde).

Von den Nitraten

Karl Gong, dem von der Unangetrauten immer wieder die schwierige Qualität der auf dem Grundstück befindlichen Ackergebiete unter die Nase gerieben wurde, entschloss sich eines Tages zu einem Rundumschlag und bestellte bei Müller-Wernfried von der Agrargenossenschaft unter Überreichung eines Gebindes Premium-Pilsner die Behandlung der fraglichen Flächen mit Gülle, eine Bitte, der jener mit Freuden nachkam, hatte er doch bereits Schwierigkeiten, das „Gold des Kuhstalles“ auf seinen eigenen Feldern unterzubringen, die er auch nicht einfach durch Pacht oder Zukauf erweitern konnte, nicht zuletzt des Expansionsdranges der Holden Karl Gongs wegen, welche sich zwar ob der eingesetzten Technik durchaus beeindruckt gab, jedoch noch mehrere Wochen später mit übertrieben schnuppernder Nase ihrem Missfallen über die vermeintliche Geruchsbelästigung Ausdruck zu geben versuchte.

Foto: Pauli Pictures

Die Grenzen der Schönheit

Je größer das Grundstück, um so größer die Wahrscheinlichkeit, an seinen Grenzen auf hässliche, das Auge des Ästheten beleidigende Stellagen zu stoßen, dachte Karl Gong seufzend beim Anblick des Garagenhofes – hinter den neu erworbenen Quadranten D37/D38 seiner Liegenschaft – , auf den die Unangetraute ihn völlig aufgelöst und in höchstem Maße empört hingewiesen hatte, nicht ohne die in schneidendem Ton vorgebrachte „Bitte“, unverzüglich entweder a) den Komplex unauffällig niederzureißen, b) die „uns zugewandten Fassaden“ hübsch anzustreichen oder c) die Bruchbuden gleich zu kaufen, „nächstes Jahr sind die sowieso fällig“; nur die von Karl Gong favorisierte Variante, den Frühling einfach machen zu lassen und abzuwarten, bis Blatt- und Heckenwerk den Schmott hinter sich verdecken, fand vor dem strengen Gericht der Holden keine Gnade, denn dabei handele es sich lediglich um durch Naturliebe verbrämte Faulheit, die es mit Stumpf und Stiel auszurotten gelte.

Königinnen auch außen

Karl Gong, inspiriert durch die Heckklappe des vor ihm herumgurkenden Transporters, beschloss, sich der auf seinem Grundstück mehr oder weniger wild siedelnden Bienen auf professionelle Weise anzunehmen, eine Königin aufzuziehen, frei flottierende Schwärme zu fangen, mit Bienenprodukten (was auch immer das sein könnte – Fühler? Flügel? Facettenaugen?) und Bienenpatenschaften immens viel Geld zu verdienen und an befreundete Großgrundbesitzer auch mal ein paar Bienen zu vermieten, ein Plan, der bei der Unangetrauten auf große Zustimmung stieß, weil er somit endlich einmal etwas Nützliches tun und nicht permanent in der Gegend herumlungern würde, einzig der Gedanke, dass Gong sich neben ihr eine Königin heranzüchten könnte, ließ sie kurz innehalten, bevor sie sich seine unbedingte Loyalität durch körperliche Maßnahmen erarbeitete.

Vom Ertrag

Karl Gong, auf dessen Gemarkungen sich mehrere Rotten Wildschweine am Biogasmais und den eigentlich für die Pferde der Unangetrauten bestimmten Leckereien labten, wurde von jener dazu verpflichtet, dem schändlichen Treiben Einhalt zu gebieten, nicht zuletzt, um dem grassierenden Schweinewahnsinn zuvorzukommen, der laut Epidemiologen, ein Wort, das am Abendbrottisch schon seit zwei Jahren erstaunlich flüssig von aller Lippen sprang, endlich „die Viecher abzuknallen“ und einer sinnvollen Verwertung zuzuführen, zum Beispiel Gulasch mit gedünsteten Birnenscheiben und Preiselbeeren, die böhmischen Knödel nicht zu vergessen, man könnte ja auch einmal ein paar Nachbarn zum Verzehr einladen, oder den Kirchenchor, die Damen der Reitgruppe, den Getreidehändler und die Olle vom Grundbuchamt, aber bitte nicht den ABV, der letztens „aus Versehen“ eines der Schafe erlegt hatte, im Wahn, es hätte sich in einen Wolfspelz gehüllt, einen solchen unerwarteten, blutigen Vorfall zwischen Dessert und Zigarren möchte sie nicht noch einmal erleben, jedenfalls nicht auf ihrem Grundstück bzw. ihren Grundstücken, dann müsse er, Gong, definitiv wieder eine Nacht im Stall schlafen, zur Strafe, was jener natürlich zu vermeiden trachtete, schon der unangenehmen Gerüche wegen.

Die Infrastruktur ist das Wesentliche

Auf Werbung mochte Karl Gong nicht verzichten. Links im Bild der Schildermaler.

Karl Gong, der seine weitläufigen Ländereien weder zu Fuß noch mit dem Lastenfahrrad oder der Dieselameise befriedigend zu betreuen in der Lage war, installierte mit Hilfe professioneller Gartenbahnhöker ein formidables Schienennetz, auf dem er mit dampfelektrisch betriebenen Zugmaschinen eindrucksvolle Lorenkolonnen nach ausgeklügelten Fahrplänen bewegte, errichtete auf der Grundlage nächtens ausgebrüteter Pläne (inklusive Statik) einen die Unangetraute immens beeindruckenden „Hauptbahnhof“ und bewegte die Holde jeden Abend in einem halboffenen Salonwagen durch die im frühlingsgetriebenen Aufbruch befindlichen Gestade, vorbei an den Bisonherden, Kranichschwärmen, Wolfsstreifgebieten und Meerschweinchenstallungen, und selten war bei der Liebsten eine solche grundhafte Zufriedenheit zu registrieren wie in dem Augenblick, als sie unter ohrenbetäubendem Pfeifen, Zischen und Bimmeln in die funkelnde, menschenleere Halle einfuhren, er kam lässig mit dem kleinen Finger bremsend zwei Zentimeter vor dem Prellbock zum Stehen und nahm die unausweichlichen Liebkosungen erhobenen Hauptes entgegen.

Das vergessene Gebäude

Karl Gong, der über die letzten Grundstückserwerbungen ein wenig den Überblick zu verlieren drohte, gerade auch, weil die Unangetraute ihm eben noch zu Weihnachten einige bis dato unverkäufliche Flurstücke in den Äußeren Vorwerken geschenkt hatte, erblickte auf einem Inspektionsgang, bewaffnet mit Navigationsgerät, Maßband, angespitzten Rundhölzern und Vorschlaghammer, im hinteren östlichen Bereich seiner neuerworbenen Position „An der Suhle 37/2a“ ein rätselhaftes Gebäude, fertigte einige Fotografien und Zeichnungen, brach durch die vernagelte Tür ein, fand rätselhafte Installationen vor, in deren Inneren ein Blinken und Fiepen von rastlosem, aber augenscheinlich vergeblichem Maschinenwirken kündeten, vernagelte die Tür sachgerecht, zog Mütze und Handschuhe über, stellte sich auf das Lenkbrett der Dieselameise, die er auf einem anderen Grundstück glücklich vorgefunden hatte, und gurkte hin zur Stasiunterlagenbehörde, um Einblick zu nehmen in eventuelle Stasiunterlagen, die sich mit dem rätselhaften Gebäude beschäftigen könnten, das er in einen artgerecht konstruierten Taubenschlag umzubauen beabsichtigte.

Von der Schalldämmung

Karl Gong, dem zu Weihnachten von der Unangetrauten eine sogenannte „Hi End“-Musikanlage dargebracht worden war, jedoch nicht ohne die mit Schmelz in der Stimme vorgetragene Bemerkung, dass er sie ja eigentlich nicht wirklich verdient habe, da doch durchaus einige dringende Arbeiten auf dem Grundstück nicht wie erwartet erledigt worden waren, wenn auch aus Gründen möglicherweise unverschuldeten Materialmangels, was sie zwar bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen könne, sie lese ja auch die einschlägigen Presseorgane zu den Themen Versorgungsnot und Bauholzpanik, aber mit dem richtigen Engagemant hätte sich vielleicht doch der eine oder andere Weg aufgetan, um zum Beispiel die Futterküche mit einem weiteren Stockwerk zu versehen, seis drum, er dürfe nun jedenfalls nach vollbrachtem Tagwerk seine albernen Vinyl-Schallplatten, sie sprach dabei das „Vinyl“ mit einem ironischen Zungenschlag aus, in etwa „Vinöl“, auf einer nun doch vorzeigbaren technischen Einrichtung abspielen, aber nur, wenn er auch für eine gewisse akustische Entkopplung von den sonstigen baulichen Einrichtungen auf der Liegenschaft sorgen würde, Karl Gong also machte sich hüpfenden Herzens auf den Weg, stöberte auf Müllhalden und bei Antiktrödlern so lange herum, bis er einige ausrangierte Kaufhausverkleidungen aus DDR-Zeiten auf seinen P70 (Dachgarten) laden konnte, schraubte diese nächtelang an Wände, Decke und Fußboden seines Musikzimmers und drehte am siebten Tag endlich den Verstärker, den die Holde nach gründlicher Beratung durch den HiFi-Dealer tatsächlich unbeirrt als „Ämplifeuer“ bezeichnete, beim Abspielen seines Lieblingsliedes „Es gibt Momente“ auf dermaßen volle Kraft auf, dass ihm beinahe die Befestigungsschrauben der Paneele um die Ohren flogen, während er mit geschlossenen Augen und weit aufgesperrten Nüstern genau diesen Moment genoss, ja umfing, und nicht mehr loszulassen beabsichtigte.

Am Weihnachtsabend

Karl Gong, stets dem maximalen Wohlergehen seiner Unangetrauten verpflichtet, hatte, um dem ewigen Gleichmaß des Lebens, speziell über die traditionsbeladenen Weihnachtsfeiertage hinweg, etwas entgegenzusetzen, ein Zeichen, ein Erlebnis, unvergessliches, eine Überraschung, in der „Schnellen Ecke“ im Nachbardorf zwei Karten für das Weihnachtsabend-Event erworben, online natürlich, per Kreditkarte und Abstandsregel, ohne nähere Informationen, auch er würde sich gern überraschen lassen, was denn geboten würde, tanzende Weihnachtsmänner, tüllumschwebte Engelchen, ausgereichte Päckchen, die wahlweise, je nach Stammeszugehörigkeit, in handbemaltem Packpapier, Silberfolie oder phosphorezierendem 3D-Wrapper eingewickelt wären, ein glänzendes Fest stand an, so glaubte er, und war spätestens dann gelinde enttäuscht, als Frau Huhn, die Besitzerin der „schnellen Ecke“, die Abendkarte schwungvoll vor dem gerade noch wohlgestimmt-verliebten Paar abwarf und im selben Moment der einarmige Herr DJ Erwin Pacholski die erste Polonaise des Abends aus den Boxen jagte; die Holde bestellte geistesgegenwärtig vier Orangen und acht Portionen Gewürzgurken, womit das Umfassen der Schultern der Polonaisetänzer zumindest für die Zeit des Verspeisens aus Reinlichkeitsgründen verunmöglicht wurde, und danach würde man weitersehen, auf der Damentoilette oder anderswo.

Vom Briefaustausch

Karl Gong, der die ganze Woche an einem Unterstand für den Fuhrpark der Unangetrauten gearbeitet hatte, dessen Ausmaße jegliche bis dato im Dorf und den umliegenden Ortschaften gekannten Dimensionen sprengten, sah sich bei der Heimkehr an den abendlich gedeckten Tisch, überraschenderweise weniger reichhaltig als aufgrund seiner Arbeitsleistungen zu erwarten gewesen wäre, mit einer eisern abweisenden Miene der Holden konfrontiert, welche sich schließlich schmerzhaft verzerrte beim Überreichen eines Zeitungsausschnitts, den sie infolge des Durchwühlens seiner Unterlagen auf der Suche nach der behördlichen Genehmigung für das aufzustellende Windrad (die Abstandsmaße waren seit dem letzten Grunderwerb gewährleistet) gefunden haben musste, und der dem Leser beim Eintritt in die „FORTUNA“-Brief-Gemeinschaft in der Leninstraße ein Einheiraten jeder Art versprach, ein Ansinnen, das die Unangetraute mit jeder Faser ihres wohlgestalteten Körpers zutiefst verabscheute und von dem sie eigentlich angenommen hatte, dass ihr ersehnter und eingefangener Lebenspartner es ebenso ablehnte, vor allem der bürgerlichen Verspießerung wegen, aber auch aufgrund der immensen Kosten, die mit einer standesgemäßen Hochzeitsfeier einhergehen würden, gerade jetzt, da Köche kaum mehr mit Gold aufzuwiegen und alle Gelder sowieso besser im Erwerb von Grund und Boden angelegt waren, was Karl Gong während ihres aufklärenden, quälend langen Monologes ohne Unterlass zu bestätigen sich verpflichtet fühlte, bis er schließlich einwerfen konnte, dass die Anzeige ein Erinnerungsstück an seine vor Zeiten per „FORTUNA“ verschweißten Eltern war, und er sozusagen das Ergebnis des Briefaustauschs, was die Holde mit einem zweifelnden Stirnrunzeln, endlich aber doch mit Erleichterung und der murrenden Zubereitung eines Rührei natur quittierte.

Das Anlocken von unerwünschten Exemplaren

Karl Gong, der sich mit dem Landungssteg für das Faltboot der Unangetrauten so viel Mühe gegeben hatte, denn der Gartenteich war etwas größer geraten als geplant, so dass ein kümmerliches Fünfmetergestell als Anlegemöglichkeit wirklich äußerst putzig ausgesehen und der Holden Grund zu berechtigter Klage gegeben hätte, Karl Gong also war nun doch irritiert, dass die immer hinterhältiger agierende Fauna sich erfrechte, mit unberechtigt zugezogenen Vertretern Unordnung ins fragile ökologische Gleichgewicht seines Anwesens einzutragen, ist doch der eigentlich auf Gongland uneinheimische Kormoran bekannt dafür, jegliches Gewässer so lange hemmungslos auszufressen, bis kein einziger Fisch mehr übrig ist, eine Aussicht, die Gong zum Knicker greifen ließ, was die intelligenten Vögel zu einem vorsorglichen Rundflug veranlasste, bei dem sie sich bemühten, den kleinen Ansatz einer Glatze auf dem Kopf des Gong zum zielgenauen Abwurf von stark nach alten Fischresten riechenden Fäkalien anzupeilen.

Das Monster auf der Futterwiese

Eng umschlungen mit der Unangetrauten führte Karl Gong die alljähliche Herbstbegehung des Grundstücks durch, Speisen und Getränke polterten in der Kraxe auf seinem Rücken durcheinander, nur mild gedämmt duch die aufblasbare Isomatte, die er zur Rast auf einem der Hügel unterzulegen gedachte, an die Holde geschmiegt, den Blick über die kürzlich erworbenen Ländereien schweifend, denn auf der Bank machte das Geld ja doch nur Schulden, da plötzlich zupfte sie ihn erst zaghaft, ängstlich, dann durchaus energisch am Ärmel und wies auf eine hässliche, beinahe monströs zu nennende Apparatur, die sich auf der Futterwiese VII/17 breitmachte und die sie beide bisher überhaupt nicht wahrgenommen hatten, vielleicht war das Ungetüm ja tatsächlich erst vor kurzem aus der Erde gebrochen, hatte sich mit Stacheldraht umgeben, um nicht belästigt zu werden, pumpte nun irgendwelche bestimmt schädlichen, zumindest ekligen Substanzen unter ihrer beider Grundstück einfach so auf und nieder, blubbernd und — beide hoben witternd die Nasen — vielleicht sogar übelriechend, was für eine Sauerei, die nun aber nicht mehr zu ändern war, gekauft ist gekauft wie gesehen, also wandten sie sich schaudernd in die entgegengesetzte Richtung, groß genug ist ja das Anwesen, bestiegen Höhe 362, breiteten die Spezereien auf der sich automatisch aufpumpenden Unterlage aus, konnten allerdings nicht zur für ein rundum gelungenes Tête-à-Tête nötigen Gelassenheit finden, denn sie fühlten das unterschwellige Rumoren des dunklen Monsters, auch wenn es eigentlich gar nicht zu hören war.

Herbstfreuden

Karl Gong, der den ganzen Sommer über den Entwässerungsgraben in Planquadrat C3 von Hand ausgehoben hatte, freute sich erstens am bereits reichlich eingetretenen Herbstregen, der den Graben gefüllt hatte, zweitens am unverschämt bunten Herbstlaub, das sich vortrefflich auf der glatten Oberfläche des klaren Wassers spiegelte, und drittens am kurzzeitig vor Bewunderung offenstehenden, dezent geschminkten Mund der Unangetrauten, die sogar seine Hand nahm und diese, überwältigt von der Schönheit des gemeinsam bewirtschafteten Grundstücks, ein paar Sekunden lang innig drückte, bevor sie, wie so oft, wenn eine Arbeit des Gatten ihrer Meinung nach nicht vollständig ausgeführt worden war, in ein deutliches Stirnrunzeln verfiel und fragte, wo denn nun um alles in der Welt die Bänke stünden, auf denen man die Pracht ausgiebig genießen könne, hier und dort und da hinten wären doch wunderschöne Plätze für plakettengeschmückte Sitzgelegenheiten, oder ob sie sich etwa ins nasse Gras legen solle, ein Ansinnen, das Karl Gong tatsächlich vorgehabt hatte, der Holden anzutragen, was er nun, nur wenig verstimmt, unterließ, denn in seinem Kopf reiften bereits die Baupläne für herrliche Multifunktionsbänke, die er schon morgen fertigen und auf den gemeinsamen Ländereien verteilen würde.

Sonderbare Begebenheit

Karl Gong erblickte einen Pilz. Auf seiner Wiese. Er schnitt ihn ab. Mit dem guten Messer. Für die Holde. Dachte er. Als Geschenk. Doch dann sein Entschluss. Er biss hinein. In den Pilz. Etwas veränderte sich. In Karl Gong. Seine Gedanken. Vorher mäandernd. Scheinbar ziellos. Nun klar und umrissen. Kein Komma kein Semikolon auch kein Bindestrich. Gedanken wie Peitschenschläge. Aua. Die Unangetraute. Wo war sie? Wo war der Pilz? Es ist dunkel. Warum?

Karl Gong wachte auf, wunderte sich, warum er neben dem guten Messer auf der herbstfeuchten Wiese lag, von Ferne das Rufen der Unangetrauten, nach ihm, dem Vermissten, sorgenvoll, aber nicht ohne Vorwurf, das Essen würde kalt werden, achtzehn Uhr null null war ausgemacht, wie immer, es gab Bauernfrühstück, wie so oft, er hatte sich nie beschwert, die Zubereitung ging schnell vonstatten, das Gericht war nahrhaft, ideal besonders nach einem langen Tag auf dem Grundstück, dessen Zustand trotz permanenter Beackerung nicht erfreulicher zu werden schien, eher im Gegenteil, m/w/d verhedderte sich in Brombeeren, wurde von Quecken zu Fall gebracht, versank in Wühlmauslöchern, wurde von abgeworfenen, vertrockneten Ästen am Kopf getroffen; aber alles kein Grund, nicht pünktlich zum Essen zu erscheinen, dachte die Holde und machte einen festen Knoten ins Wischtuch, mit dem sie den Gong, Karl, der eben wie ein Geist aus dem Nebel aufschien, erwartete.

Inspiration und Zumutung

Angeregt von der sehr befriedigenden Gartenarbeit, das Beschneiden diverser Sträucher betreffend, griff Karl Gong zum Telefon, drängte sich in den vollen Terminkalender seines Friseurs und kam pünktlich zum Abendessen frisch geschoren zu Hause an, was die Unangetraute mit einem milde verliebten Blick zur Kenntnis nahm, ohne jedoch auf den Hinweis zu verzichten, dass in Zukunft vor solchen überraschenden Aktionen sämtliche Arbeiten ordnungsgemäß abzuschließen seien, denn: was sollen ihre Freundinnen von der Pferdefreizeit denken, wenn sie mit ihren Aperol-Spritzen auf der Terrasse entspannen möchten, welche, dies nur am Rande, dringendst von Spinnweben zu befreien wäre, wobei auch die am Kompost hinterhältig lauernde Silberdiestel sowie die alten Pflastersteine, die er, Gong, Karl, ja doch im Laufe seines Lebens nicht mehr in den Boden bekäme, aus ihren gütigen Augen zu schaffen Gelegenheit wäre.

Von der Konkurrenz

Karl Gong, der dem Pferdewahn seiner Unangetrauten etwas Gleichwertiges entgegensetzen wollte, verkroch sich für einige Tage in die hintere linke Ecke des weitläufigen Anwesens, das sie in den letzten Jahren, vor Beginn der Großen Bodenteuerung, stetig erweitert hatten, ließ einige hundert Mulden des Unrats abfahren, der vom vorherigen Besitzer, einem insolventen Reifenhöker, zu Bergen aufgehäuft worden war, Altreifen, Barackenreste, den kleinen Fuhrpark eines ebenfalls gescheiterten Logistikunternehmens, Unmengen leerer Flaschen sowie alle Arten von DDR-Elektrogeräten, „die eigentlich noch gut waren“, kämmte die Fläche von Hand durch („ist immer besser“), freute sich an den Hälmchen, die allen Zumutungen zum Trotz aus der Krume gebrochen waren, und kaufte sich eine Herde Schafe, die ihm von jenem Tag an das wohlige Gefühl verschaffte, gebraucht zu werden, ihm jedoch auch einige schele Blicke der Holden, begleitet von vielsagendem Stirnrunzeln, einbrachte.

Von der Schweinwerdung

Karl Gong hatte seinen Wagen auf den Rücken gelegt, nicht ohne vorher den guten, in Istanbul erworbenen und tatsächlich problemlos verschickten Teppich untergeschoben zu haben, wühlte sich mit seinen kurzsichtigen Augen und langen Armen durch die Aggregate, zog hie und da ein Schräubchen fest, verteilte gelegentlich ein Tröpfchen Öl, sparsam, wegen der Umwelt und des Geldbeutels, kurbelte an der Lichtmaschine, prüfte den Reifendruck und leckte an der Batterie, fand alles in Ordnung und bestem Zustande, drehte den Wagen liebevoll auf die Räder, hieß die holde Unangetraute einzusteigen, indem er unter Bücklingen die Tür offen hielt, klemmte sich hinters Steuer, startete, legte den ersten Gang ein und rammelte fortan zwei Stunden wie ein komplett Irrsinniger durch die Landschaften, denn im Auto wird einfach jeder zum Schwein.

Unter dem Lieblingsbaum

Karl Gong, der sich unter seinem Lieblingsbaum anhand der Tageszeitung gerade über die bevorstehende Ankunft der vierten Welle informierte, ignorierte die aus der Ferne herüberwehenden Anweisungen der Unangetrauten, zu beider Glück hatten sie vor kurzem mehrere Grundstücke von Bauer Schröpel in ihr Anwesen eingliedern können, so dass er durchaus Plätze zu finden in der Lage war, an denen er seine Ruhe hatte, und die die Holde lediglich auf dem Rücken eines ihrer Pferde erreichen konnte, was auch ihr sehr recht schien, die Blätter rauschten im Wind und der Truppentransporter im Anflug auf den nahen Flughafen brummte ihn in den Schlaf, Karl Gong also träumte von Chagallschen Pferden in roten Himmeln, entblößten Busen, das Alltägliche fliehenden Paaren, schwebend über unglaublich grünen Anwesen, nicht zu vergleichen dem seinen, zertrampelten, von Hühnern verwüsteten, erwachte schreiend, als im Dorf die Steinsägen und Rasenmäher ihr Werk begannen, schlich zum Haus, in dessen Tür die Geliebteste, die Arme in die Seiten gestemmt, stand und rief: „Kommst du jetzt endlich ins Bett, Karl?“

Von der Volkskunst

Karl Gong war ein wenig blümerant zumute, hatte ihn doch die Unangetraute so seltsam angesehen, irgendwie verheißungsvoll, wenn auch, wie immer, gleichzeitig ablehnend, mit diesem Blick in der Schwebe, der alles bedeuten konnte oder nur, dass mal wieder das Stroh unter den Pferden auszutauschen wäre, bitte, danke, aber davon war jetzt keine Rede, er spürte den Wunsch der Holden nach etwas besonderem, das er ihr, auf Knien am besten, überreichen könnte, um sie so gnädig zu stimmen, dass ein Abend bei gekühltem Weißwein in der lauen Sommerluft herausspringen könnte, Ausgang offen, und er kramte im Schuppen nach einem der Geschenke, die für diesen Zweck heimlich eingelagert waren, zum Beispiel eine im Erzgebirge gefertigte Holzplastik, sehr apart, er hatte extra ein Foto der Geliebten in einem Einschreiben mit Rückschein verschickt, und der Schnitzer hatte großartige Arbeit geleistet, sich einen entblößten Oberkörper hinzugedacht bzw. aus dem Modulbaukasten entnommen, das Gesicht gut getroffen und vor allem die Geste, dieses „mein Gott, Karl, was hast du nun schon wieder angestellt?“ ganz vorzüglich getroffen, wie ihm auch die überraschte Gnädigste bestätigte, als sie das Werk am Stall prangen sah, am vorbereiteten Haken, eine gelungene Aktion, in deren Folge tatsächlich unter lautem Ah und Oh die eine und andere Flasche Moselriesling entkorkt und zügig geleert wurde.

Traditionen

Karl Gong, der sich einerseits der Modernität verpflichtet fühlte, aus Gründen, die er nicht ohne, aber auch nicht mit übermäßigem Konsum geistiger Getränke darzulegen vermochte, konnte andererseits auch dem Althergebrachten, und sei es noch so fragwürdig, gute Seiten abgewinnen, ob es sich nun um vergilbte Zeitungen, rostige Kreissägenblätter, abgegriffene Stofftiere, Kompott von 1965, Helleraumöbel mit abgeplatztem Furnier, bekleckerte Uflekubierdeckel, Pionierausweise oder Verwarnzettel über 3 Mark wegen Parkens in der Nähe einer Ausfahrt handelte, alles Uraltversehrte fand Gefallen vor seinem gütigen Auge, während sich auf dem Plattenteller die Musik der Zukunft drehte, jedoch konnte er keinerlei Toleranz aufbringen für die Propagandisten sogenannter Traditionen, die ihm deutlich nahelegten, nur genau jene Mannschaft erlaube Bewunderung für ihr erbärmliches Geholze, nur genau solche Speisen dürften an just diesem Tage genossen werden, Glühwein müsse man saufen, bis der Notarzt kommt, last but not least verzichte man zwischen den Jahren auf das Umstülpen von Sektgläsern, — und dann war da noch etwas mit der Missionarsstellung, worüber er sich gerade keine Gedanken machen wollte, denn die Unangetraute weilte längere Zeit wegen Pferdediebstahls in Ungarn, nicht ohne ihm vorher aufgetragen zu haben, den Mist zu lüften und die Bettwäsche zu rollen, beides aus Gründen der Tradition.