Kategorie-Archiv: Geerdet & kurzgeschlossen

Geerdet & kurzgeschlossen

Strategie

Man hält dich fest in einem Saal
mit tausend schlechten Geigern?
Ein Hagelsturm erwischt dich in
der Nordwand über Eigern?
Du glaubst es nicht? — auch das lässt sich
beliebig weiter steigern.
Realität ist aussichtslos?
Dann musst du sie verweigern.

Man speist dich ab mit Mummenschanz?
Die Welt dreht sich im Zombietanz?
Du bist fast tot, nur noch nicht ganz?
In jedem Fall hilft Ignoranz.

Du bist dem Großschlamassel nicht
im mindesten verpflichtet.
Du hast nicht jeden Haufen Mist
mit eigner Hand errichtet.
Dir hat Erkenntnis ungefragt
sich drückend aufgeschichtet?
So sei, was ist, ganz ohne Zorn
in deinem Kopf vernichtet —

sonst bleibt dir von den Tagen
nur Jammer, Schmott und Klagen.

Im Banne des Unaussprechlichen

Der kleine Herr Schönleben irrlichterte immer noch im Weihnachtsmannkostüm, das er am ersten Feiertag beim Getränkehändler „ausgeliehen“ hatte, durch seine Wohnräume. Er inspizierte die Geschenke, die wie von Zauberhand über ihn gekommen waren, und wunderte sich jeden Tag, dass keines der schönen Stücke durch die Mitbewohner entwendet wurde. Am besten gefiel ihm ein großes buntes Bild, das ihm irgendwie aus dem Fernsehen bekannt vorkam. Er konnte sich gar nicht daran sattsehen, vergaß dann oft zu schlucken und bekam einen fürchterlichen Hustenanfall, der ihn für die Dauer des haltlosen Röchelns sehr erschreckte. Schließlich aber wandte er sich wieder freudig den vielfältigen Farben und Formen der unbekannten Lebensform zu, die hier abgebildet zu sein schien.

Trübe Aussichten*

* für die BesucherInnen dieser Einrichtung

Aufgrund von schwierigen Wartungsarbeiten wird dieser Block vorerst auf die Seite bzw. hochkant gelegt. Allen BesucherInnen wünschen wir Gute Gesundheit und stets eine Handbreit Eierlikör unterm Kiel.

Aufwärts

Aufwärts geht der Weg
durch das Treppenhaus.
Chefetage kuckt
zur Terrasse raus.

Die Hostess reicht Keks,
Waffel und Kaffee.
Der Betriebsrat sauft
Rum zum schwarzen Tee.

Angestrengt wird dort
Zukunft vorgeplant,
für die mir am Tor
durchaus Übles schwant.

Alle fahrn auf Sicht,
Brille nicht geputzt.
Für die Klinke wird
Deospray benutzt.

Draußen schwillt der Chor
der Zufriedenheit
über kluge Sicht
auf das eigne Leid.

Zarin rauft das Haar,
hinterm Vorhang knallts.
Rabe lacht im Baum.
Ich nehm Glaubersalz.

Vom Inspizieren der Schmottschleuse

schmott

Karl Gong, der einen harmonischen Abend mit der Unangetrauten hinter sich gebracht hatte, in dessen Verlauf es zu sehr erfeulichen beiderseitigen Handlungen gekommen war, sah sich am nächsten Morgen bereits wieder mit dem üblichen Anspruchsdenken der Holden konfrontiert, die, irritiert von ihrer abendlichen Nachgiebigkeit und dem daraus möglicherweise aufkommenden Eindruck kurzzeitiger Schwäche, befahl, einmal an der illegal errichteten Schmottschleuse der Ranch nachzusehen, ob alles in Ordnung sei, denn eine der Reiterinnen, mit denen sie allwöchentlich mehrere Flaschen Prosecco zu verzehren pflegte, hatte von gewissen Gerüchen aus dem betreffenden Areal zu berichten gewusst, die auf Verwesung oder schlimmeres hindeuten könnten, und hinterhältig gefragt, wo Gong, Karl, sich derzeit aufhalte, nicht, dass er, möglichweise, während einer seiner Aufwallungen beziehungsweise Alkoholexzesse in den ungesicherten Schlund der Schleuse…

Die Unangetraute hatte derlei Bedenken mit einer flüchtigen Handbewegung weggewischt, nun aber reichte sie Karl Gong schweigend Schnorchel und Taucherbrille, die sie einmal aus Ägypten hatte mitgehen lassen, jedoch nicht die gute Badehose, denn die sei wirklich zu schade, die alte Unterhose tue es auch, ein Hinabsteigen in den ekligen Schlund scheine ihr unausweichlich, denn schließlich seien in den letzten Wochen mehrere männliche Einwohner der Umgebung spurlos verschwunden, die man nicht wie üblich erhängt im Wald habe auffinden können; und Karl Gong machte sich seufzend auf den Weg zur Schmottschleuse, während er tief in sich das kleine aufgeregte, langsam verstummende Pochen seines Herzens vernehmen konnte, das gestern abend noch so erfreulich sein ansonsten träges Blut durch den Körper gejagt hatte.

Der Säufer

teeglas
Nur mit Rum genießbar: Tee (Beispielfoto)

Laut und lallend spricht der Säufer
wie ein barscher Wiedertäufer:
„Tauche tief in Trunkes Tonne,
spüre nebelhafte Wonne,
spüre Kopfweh, Übelkeit,
speie in Rabatten weit
und erkenne dich zur Gänze.
Morgen Arbeit? Lachhaft. Schwänze.“