Kategorie-Archiv: Geerdet & kurzgeschlossen

Geerdet & kurzgeschlossen

Neu bei Nitzsche

Nachdem es in der letzten Zeit wiederholt zu Scherbenbildungen in verschiedenen Bereichen Meines Getränkemarktes A. Nitzsche in Machern (man muss nur machern) gekommen ist, werde ich in Absprache mit dem sogenannten Betriebsrat (Hofarbeiter), der wieder einmal nicht schuld ist bzw. nicht weiß, wer das gewesen sein könnte, mit dem Knicker auf der Lauer (Chefbureau) liegen und, sofern erforderlich, Waffengewalt anwenden. Das ist auch mal eine schöne Abwechslung und sollte den Protagonisten eine Lehre sein. Scherbenbildungen aufgrund Diaboloeinschlags gelten als von der Belegschaft verursacht und werden von den überaus großzügigen Gehältern abgezogen. Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef.

An der Silbentrennungsmaschine

Nach dem laut Agentur-Chef „unglaublichen und böswilligen Versagen“ des kleinen Herrn Schönleben beim letzten Auftrag wurde dieser unter lautstarkem Protest aus dem geschützten Bereich des Heimarbeitsplatzes in die kalte Welt des geleerten Großraumbüros zitiert. Nach einer furiosen Ansprache der kompletten Führungsriege (vor Ort), bei der sich die Redner in allerlei logischen Protuberanzen verhakelten, was der kleine Herr Schönleben nicht ohne Häme vermerkte und später, im Tagesordnungspunkt „Selbstkritik“, lautstark monierte, wurde er für den Rest der Woche an die Silbentrennungsmaschine gekettet, eine Strafmaßnahme, die von allen Mitarbeitern der Agentur gehasst und gefürchtet wurde, weshalb es fast nie zu nennenswerten Aufsässigkeiten kam.

Der kleine Herr Schönleben indes, sich keinerlei Vergehens bewusst, trennte fröhlich pfeifend Silbe von Silbe, auf dass die „Internetpräsentationen“ der zu bewerbenden Produkte nicht zu breit würden.

Bericht

Ich trage einen neuen Zopf.
Ich häng an meinem Tropfetropf.
Der speist sich aus dem vollen Topf
mit Gift. Wo bleibt der Schröpfekopf?

Ich nehme das, was man mir gibt,
bin bei den Schwesterchen beliebt,
halt mich an Wasser, Malz und Hopf.
Der Specht der Zeit macht klopfklopfklopf.

Das Sonett vom unschlüssigen Trinker

Wenn die Winde keck umspülen
den geschorenen,
spätgeborenen
Leib und langsam ab ihn kühlen,

der sich zwischen allen Stühlen
mit vergorenen,
tief verschworenen
Trunksequenzen dreht in Mühlen,

kann auch wieder Klarheit kommen,
eine Ordnung, Nüchternheit
und Gefühl für edle Pflicht

über den vielleicht nun frommen
Sünder im zu kurzen Kleid.
Wetten würd ich darauf nicht.

Die Flucht vor der Verantwortung

Hoch hinaus will heute Klaus,
ist beim Chef geladen.
Zehn Etagen hat das Haus.
Klaus hat dicke Waden.

Klaus hüpft hurtig wie ein Reh,
muss kein bisschen pusten.
Chef raucht auf dem Kanapee,
krümmt sich bleich beim Husten.

„Klaus, mir geht es nicht so gut,
kommt vielleicht vom Qualmen.
Ich nehm heute meinen Hut,
fliege unter Palmen.

Du bist, Klaus, der Hellste hier
und ab heute Chefchen.“
„Nee“, sagt Klaus, „du Trotteltier,
ich bin doch kein Äffchen.

Bleib mal schön auf deinem Thron,
ich flieg in die Sonne.
Draußen wartet nämlich schon
deine Frau Yvonne

(auf den Klaus in seinem Glück),
und sie lässt schön grüßen.
Niemals kommen wir zurück.
Nun, Chef, musst du büßen.

Ausgebeutet hast du mich,
ich füllt dir die Kassen.
Deine Frau verachtet dich.“
Chef nimmt es gelassen.

‚Fliege‘, denkt der ohne Wut,
‚ich halt mit Yvette‘,
und entzündet an der Glut
eine Zigarette,

zieht, und krächzt schon fast im Lauf:
„Holt mir schnell den Gunter“,
setzt dem seine Krone auf,
fliegt nach Rio runter.

Geht es so im Mittelstand?
Keiner will mehr führen,
nur mehr für den Palmenstrand
seine Schuhe schnüren?

Ja. Es gibt kein Happy End.
Gunter als Verkäufer
macht den Sale für x Prozent,
denn er ist ein Säufer.

Tyranno Thesaurus Rex

In den Trümmern der Kommunikation (Beispielfoto)

Neuerdings entwickelt sich der Thesaurus meines Telefons zum, Verzeihung, kompletten Vollidioten. Nicht nur, dass die rudimentären Kenntnisse von Grundworten, Grammatik und Sinnzusammenhängen tief in den Schaltkreisen versickert zu sein scheinen. Mit penetranter Rechthaberei besteht er auf unsinnigsten Wortbildungen, die ich niemals gebraucht hatte und auch nie gebrauchen würde, zum Beispiel „Ostwestfalen“. Damit ihm das auch gelingt, bläst er den Wortmüll nach allerlei elektrischen Purzelbäumen, Rollerutsch und Tritratrallala genau dann in den Text, wenn mein armer Kopf schon längst mit dem nächsten wichtigen Gedanken beschäftigt ist. Als Ergebnis erhalte ich regelmäßig das besinnungslose Gestammel eines Irren. Meine umständlichen Korrekturen, wenn ich den Quatsch nicht schon aus Versehen an ratlose Empfänger abgesendet habe, werden begleitet von dem nicht zu bezähmenden Trieb, zur Wodkaflasche zu greifen (und diese aus dem geschlossenen Fenster zu werfen).

P. S.: Möglicherweise wird es Zeit, dem Beispiel des unsterblichen Kunstmalers Gofthe zu folgen, jegliche Kommunikation nur noch per Handkrikelkrakel zu absolvieren und die Elektronik für sich allein blöde sein zu lassen.

Veränderung — Würze des Lebens

„Nun“, dachte der kleine Herr Schönleben nach einem Blick auf die Uhr und einem zweiten aus dem Fenster, wo sich die glockenhellen Stimmchen der Sperlingsschwärme mit dem Knallen der Knospen zu einer Sinfonie des Irrsinns vermischten, „es ist dann wohl an der Zeit.“

Schweren Schrittes schlurfte er zum Kleiderschrank, sortierte den vom Getränkehändler A. Nitzsche „ausgeborgten“ Mantel zwischen die Saisonware, zog das Tweetjacket für die Übergangszeit heraus und war eigentlich gar nicht böse darüber, der kuschlichen Kapuze entkommen zu sein, die sein Gehirn schon mehrmals, der Wärmeentwicklung wegen, hatte „aussteigen“ lassen. Bei den Videokonferenzen mit dem Artdirector würden von nun an die demütigenden Verweise auf die seltsame Bekleidung Schönlebens entfallen; einzig und allein seine mangelhaften Arbeitsergebnisse (in Qualität, Quantität und Termintreue) würden Anlass zu unerfreulichen Konfrontationen bieten. Aber auch das würde vorbeigehen, in stoischer Gleichgültigkeit war Schönleben geübt, und im Kühlschrank wartete ein Geschenk des lieben Getränkehändlers (überreicht, um an die offenen Rechnungen zu erinnern), das die Sorgen um das Scheitern an der Fertigung der neuen Internetpräsenz der Gurkenfabrik Schmollschnopfen im Nu wegspülen würde.

„Wozu braucht eine Gurkenfabrik eine Internetpräsenz, und wozu brauchen Gurken eine Fabrik?“ fragte sich der kleine Herr Schönleben kopfschüttelnd, bis die Nähte sich lockerten. „Wachsen die nicht in Vietnam?“

Die Zeit

Die Zeit, die Sau,
macht alle grau
und mürbe.
Es treibt die Zeit
ihr Spiel so weit,
dass einer
noch dran stürbe.

Die Zeit, die Kricke!
Alte Zicke!
Doch wenn wirs recht bedenken täten:
Wenn uns die Zeit nicht täte jäten,
wenn mal die Zeit gekommen ist —
dann wärs ooch Mist.