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Im Namen des Auftrags

Der kleine Herr Schönleben zog sich die Kapuze über den Kopf. Eben hatte er einen Anruf vom Art Director der Agentur erhalten, in der er, wenn er sich recht erinnerte, angestellt war. Die Stimme des Directors, der gar kein Direktor war, was ihm regelmäßig von Herrn Schönleben vorgehalten wurde, hatte sich überschlagen, die Membranen des Lauterzeugers hatten geklirrt, die Schönlebenschen Ohren flatterten selbst jetzt noch, unter der Kapuze. Es ging wohl um einen Auftrag, der liegengeblieben war, genauso wie sein Beauftragter, Herr Schönleben, auch liegenblieb, täglich, länger als er plante, aber kürzer als er könnte.

Nach einer ausführlichen Betrachtung der leeren Kaffeedose und dem Lauschen nach dem Geschrei der Nachbarn durch Decken und Böden des großen Hauses hüpfte der kleine Herr Schönleben behende auf sein Sofa, um sich erst einmal grundlegend weiterzubilden und damit irgendwann den vermessenen Ansprüchen seines Art Directors (in Gänsefüßchen) Genüge zu tun.

Aufragende Zeiten

Toilettenpapier (Beispielfoto)

Karl Gong, dem in seinem Leben schon so manches peinlich gewesen war, und der sich tatsächlich auch als peinlichen Menschen betrachtete, da er zum Beispiel weder Kraft noch Willen noch Nervenkraft besaß, sich gegen die Zumutungen aufzulehnen, mit denen ihn die Unangetraute Tag für Tag behelligte, wurde im Angesicht der zweiten, dritten bzw. vierten Welle, das Mitzählen hatte er längst aufgegeben, wieder einmal dringend aufgefordert, den Konsum aufzusuchen, um Nachschub an Toilettenpapier zu besorgen, das sich nach Einschätzung der Holden dem Ende entgegen neigte, woraufhin er einzuwenden wagte, das Einzige, was sich neigen würde, wären die überall im Hause aufragenden gigantischen Toilettenpapierstapel, eine freche Bemerkung, die sofort mit einem gezielten Schlag des alten, löchrigen, nassen Wischlappens beantwortet wurde, den die Angebetete gerade erfolglos zur Reinigung der Treppe zum Garten bemühte (festgebackener Pferdemist).

Karl Gong seufzte, putzte sich im feuchten Gras den Mund ab, murmelte, dass nur er es hören konnte: Bier ist auch alle, schnappte sich den extragroßen Dederonbeutel und betrat mit einem fröhlichen Pfeifen die unbelebte Straße.

Im Banne des Unaussprechlichen

Der kleine Herr Schönleben irrlichterte immer noch im Weihnachtsmannkostüm, das er am ersten Feiertag beim Getränkehändler „ausgeliehen“ hatte, durch seine Wohnräume. Er inspizierte die Geschenke, die wie von Zauberhand über ihn gekommen waren, und wunderte sich jeden Tag, dass keines der schönen Stücke durch die Mitbewohner entwendet wurde. Am besten gefiel ihm ein großes buntes Bild, das ihm irgendwie aus dem Fernsehen bekannt vorkam. Er konnte sich gar nicht daran sattsehen, vergaß dann oft zu schlucken und bekam einen fürchterlichen Hustenanfall, der ihn für die Dauer des haltlosen Röchelns sehr erschreckte. Schließlich aber wandte er sich wieder freudig den vielfältigen Farben und Formen der unbekannten Lebensform zu, die hier abgebildet zu sein schien.

Aufwärts

Aufwärts geht der Weg
durch das Treppenhaus.
Chefetage kuckt
zur Terrasse raus.

Die Hostess reicht Keks,
Waffel und Kaffee.
Der Betriebsrat sauft
Rum zum schwarzen Tee.

Angestrengt wird dort
Zukunft vorgeplant,
für die mir am Tor
durchaus Übles schwant.

Alle fahrn auf Sicht,
Brille nicht geputzt.
Für die Klinke wird
Deospray benutzt.

Draußen schwillt der Chor
der Zufriedenheit
über kluge Sicht
auf das eigne Leid.

Zarin rauft das Haar,
hinterm Vorhang knallts.
Rabe lacht im Baum.
Ich nehm Glaubersalz.

Kehrseiten der Völlerei

abwasch

Noch nie hatte der Problembär den Abwasch mehr gehasst als zu Zeiten der gastronomiebereinigten Isolation der Wohngemeinschaft. Es wurde gebraten, gesotten und gekocht, dass die sprichwörtliche Schwarte krachte, und da er keinerlei Talent und Willen verspürte, Herde, Hackebeile und japanische Messer zu bedienen, fiel ihm die finale Bereinigung des Tatortes zu. Spät in der Nacht, mit berstenden Gedärmen und schlingernden Bewegungen, radaute er stundenlang in der Gemeinschaftsküche, voller Hoffnung, die Mitbewohnerinnen würden aus ihrem komatösen Schlaf erwachen und ihn ebenfalls ins Bett verweisen, oder die Gaststätten öffneten endlich wieder.

Leider asozial

kippen
Leider asozial (Beispielfoto)

Karl Gong, der das Prinzip Rauchen nie so recht verstanden hatte, denn er war weder bei der Volksmarine noch je im Gesundheitsbereich beschäftigt gewesen, fand das Inhalieren und Ausstoßen von Giftgasen schon allein aufgrund der scheinbar notwendig folgenden Hinterlassenschaften unerfreulich und asozial, vom Zustand der Atemwege in Zeiten, da diese besondere Aufmerksamkeit genießen, ganz abgesehen, und er freute sich an seinem vergleichsweise milden Laster, das lediglich die Garage in Form von Leergutpaletten blockierte; aber dafür hatte er ja das Dach extra um vier Meter anheben lassen, was auch der Holden zugute kam, die somit einen vorzüglichen Ausblick über das Grundstück genießen konnte, das sie mittlerweile permanent Ranch bzw. Farm nannte, sehr zum Unwillen des eher frankophilen Karl Gong.