Archiv für den Monat: Juli 2021

Randnotiz

Zu Hause liegen keine falschen Zeitungen

Immer wenn ich die Brötchen beim Bäcker an der Zeitung mit den großen schmutzigen Buchstaben vorbei getragen habe, wundere ich mich, dass sie nicht sofort zerfallen sind oder verschimmelt nach Pestilenz stinken.

Vom Hass

Keine Bundeswehr (Beispielfoto)

Von einer kompakten weiblichen Person mit bösen Augen vernahm ich im Dabeisitzen, dass das verrotete Deutschland komplett am Ende sei, weil die Bundeswehr sich nicht in der Lage sehen würde, „für die Flutopfer“ genügend Mobilfunkmasten aufzurichten. Ich sah sicherheitshalber von der Belehrung ab, dass die Kernkompetenz der Bundeswehr nicht das Aufrichten von Masten darstellt, sondern das Niederbrechen derselben.

Fazit

Wie ich hasste das
Vielzufrüherwachen.
Nu da kömmer sowas
eben ni mehr machen.

Keinen Bauch mehr schlitzen
in sterilen Sälen. 
Und nicht mehr mit Spritzen
Fleischeshülle quälen. 

Es gibt keine Heilung,
nutzlos ist das Sehnen, 
es gibt nur Beeilung
bei den letzten Plänen. 

Reichlich gibt es Zeit, 
die wir nehmen müssen, 
nur am See zu zweit 
unter vielen Küssen 

zwischen weißen Lämmern
einfach wegzudämmern.

Vorschau

Messer (Beispielfoto)

Leg mich unters Messer.
Fragst du: „Ist das besser?
Besser als zu warten
auf den Himmelsgarten?“
„Ja“, sag ich, „gewiss.“
„Hast du keinen Schiss?“
„Hab ich, klar, mein Hase.“
Maske auf die Nase,
Messer in den Bauch,
„Schwester! Schere! Schlauch!“

Kleine Bildbeschreibung

Im VEB ÖKO erwarten drei fröhliche Beschäftigte, der Pförtner (allerdings ohne Pforte), ein einladender Arbeiter mit Koteletten und eine winkende Arbeiterin mit unvorteilhafter Frisur, den Einzug von Büchern auf Beinen. Jedes Buch hat ein sehr kleines Gesicht, das erste sogar ein rotes. Die beiden ersten Bücher „Slobin“ und „Mamai“ scheinen zu brennen, aber das stört niemanden.

Im Pförtnerhäuschen hängt nur noch ein Schlüsselbund. Also sind alle Kollegen anwesend, außer Kollege Schulz, der ein Alkoholproblem hat. Im Hintergrund türmen sich die Halden mit den Abfallprodukten, die bei der Fertigung im VEB ÖKO anfallen. Eine der Halden erinnert an einen Büstenhalter, was vom Zeichner HOF Hut 81 aus sexuellen Gründen beabsichtigt ist.

Die Bücher haben keine Knie, und man fragt sich unwillkürlich, warum sie nicht hinstürzen. Die Arbeiterin hat einen Brief in der Hand, vielleicht mit einer Auszeichnung oder mit einer Liste, welche Methoden zu welchen Erfolgen führen. Vielleicht hat sie aber auch nur das Geld veruntreut, das die Kollegen zum Geburtstag von Kollegin Meyer aus der Wickelei gesammelt haben.

Das Bild ist sehr schön, besonders die Farben, und es regt mich zum Nachdenken an.

Die Fenster zur Stadt

Blick auf Manhattan aus meiner Wohnung im Hochhaus (Beispielfoto)

Ich war reich geworden mit ein paar Gedichten, von denen ich gar nicht viel hielt, aber die Leute kauften wie blöde meine Bücher. Auf der Straße musste ich Autogramme geben und für Selfies grimassieren.

Mein Agent leistete gute Arbeit, er hatte mir auch empfohlen, von einem Teil meiner Einnahmen eine obere Etage in einem New Yorker Hochhaus (sehr hoch) zu erwerben. Wenn ich mal zu Weihnachten eine Jeans kaufen wolle, könne ich dort prima wohnen, erklärte er. Ich sah nicht ein, warum ich nach New York für eine Hose fliegen solle, aber es war mir egal. Wollte ich wollen, könnte ich können.

Da ich aber die ganzen Jahre lieber in Sassnitz als in Manhattan meinen Urlaub verbrachte, verfiel mein Agent auf die Idee, die Etage immer wieder einmal für viel Geld zu vermieten, und zwar, man glaubt es kaum, an diverse Hollywoodstudios. Es gibt ja keinen amerikanischen Film, der nicht für einige Büro-Szenen den atemberaubenden Blick auf Manhattan von oben benötigte, um ernstgenommen zu werden. Also verbrachte ich nun öfter meine Abende im Kino, freute mich am Ausblick meiner New Yorker Wohnung und ließ mich zu neuen Gedichten inspirieren, was ich finanziell eigentlich gar nicht mehr nötig hatte.

Die virtuellen Plätzchen

Klapp klapp klapp, gleich ist der Bildschirm ab!

Der kleine Herr Schönleben war gezwungen worden, für den Chef einen Vortrag über „Bitcöhn“ zu halten. Der Chef wollte unbedingt reich werden, aber „mit dieser Firma voller Versager“ würde das definitiv nichts werden.

Also hatte Schönleben in den Minuten zwischen seinen Tiefschlafphasen ein paar knackige Informationen über „Bitcöhn“ aus dem Internet in die hässliche Powerpoint-Vorlage der Firma kopiert und schickte sich nun an, diese per Videokonferenz vorzutragen. Wie üblich hampelten Chef und Art Director wie blöde vor ihren Kameras herum und versuchten, sich gegenseitig die virtuellen Plätzchen auf dem virtuellen Konferenztisch wegzuschnappen, eine Disziplin, in der sie sonst von Schönleben geschlagen wurden, aber der war ja leider mit den „Bitcöhn“ beschäftigt.

Nun, der Vortrag endete, die Großkopferten beschwerten sich, rein gar nichts verstanden zu haben, aber das wäre ja bei dieser Lusche von Mitarbeiter („Wie heißt der eigentlich?“) zu erwarten gewesen, und der kleine Herr Schönleben schnappte sich das letzte virtuelle Plätzchen aus der virtuellen Kekspackung, mit Kokos bestreut, was er überhaupt nicht leiden konnte, egal, klappte den Laptop zu und fiel augenblicklich in einen bleiernen Schlaf, der erst zur Tagesschau-Spätausgabe endete.

Mein Wandertag

Komisches Kaufhaus: Die Damenabteilung im dritten Kellergeschoss?

Ich hatte mir vorgenommen, eine größere Wanderung zu absolvieren. Leider fehlte mir die entsprechende Ausrüstung. Ich hatte weder brauchbare Schuhe noch Strümpfe zur Verfügung, von einem Rucksack ganz zu schweigen. Außerdem hatte ich im sogenannten Internet gelesen, dass das Tragen eines Jogginganzugs ab 200 Metern Höhe verpönt wäre. Da ich mich tatsächlich aus dem Elbtal heraus etwa 300 Meter in die Höhe arbeiten wollte, stand also auch die Anschaffung von Hose und Jacke auf dem Programm. Alle Kleidungsstücke sollten natürlich vor den Augen der im Wald zu erwartenden Tourengänger bestehen können. Ich prüfte meinen Kontostand, und mir kamen die Tränen in Erwartung dessen, was mir bevorstand.

Im Kaufhaus war es eigentlich ganz schnucklig, gleich hinter dem Eingang lauerte mir ein Uhrenfachmann auf und verkaufte mir zwei höhentaugliche Chronometer (eines geht ja schnell mal kaputt), an einem weiteren Stand füllte ich einen ganzen Beutel mit Kosmetika, die ich unterwegs gut würde gebrauchen können. Für die Schuhe und die Bekleidung wurde ich vom Personal unter wiederholten Bücklingen zum Fahrstuhl eskortiert. Ein schönes Einkaufserlebnis, das muss man sagen!

Im Fahrstuhl allerdings war ich mit der Bedienung desselben hoffnungslos überfordert. Ich hatte einige der Knöpfe gedrückt, die zu den verschiedenen Etagen führen sollten, auf denen ich die Abteilungen vermutete, die ich zu plündern gedachte. Der Fahrstuhl ruckelte und bewegte sich wohl auch nach oben oder unten, aber immer, wenn ich ausstieg, stand ich vor dem Bullauge, das die Etage anzeigte: E, Erdgeschoss, hier war ich eingestiegen. Ja, genau, von fern hörte ich den Uhrenverkäufer räsonieren, und auch der penetrante Geruch der Parfümerie erreichte meine Nase.

Ich überlegte kurz, ob ich mich auf die Suche nach einer Treppe begeben sollte, aber dann würde ich für die am morgigen Tag zu bewältigenden Anstiege keine Kraft mehr übrig haben. Also setzte ich mich in den Gelenkbus, schleuderte nach Hause, lag eine Stunde in der mit neu erworbenen Ölen gefüllten Badewanne und verpasste am nächsten Tag den Zug in Richtung Böhmische Schweiz, weil ich mit der Weckerfunktion der beiden Chronometer heillos überfordert war.

Gesund und frisch

Es heißt, ich würde frisch,
wenn ich mich ranzig fühle,
durch den Erwerb von Fisch?
Die angenehme Kühle

lässt sich vielleicht erreichen,
wenn die erworbnen Fische
mir übern Körper streichen.
Doch lässt sich das bei Tische

wohl kaum realisieren.
Die Flunder unterm Arm:
Was würden alle stieren!
Und also bleibt mir warm,

erst recht wenn in der Pfanne
das Fett in Blasen platzt.
Gesund ist Fisch im Manne.
Hört alle, wie er schmatzt.

Schöne neue Welt

Aufgrund des gegenwärtigen Fachkräftemangels in der Gastronomie sind verschiedene Einrichtungen bereits dazu übergegangen, hübsch designte Bedienautomaten mit „künstlicher Intelligenz“ die Kännchen Tee und Cacao an die Tische liefern zu lassen. Prüfung und Genehmigung durch das Amt für Sexuelle Belästigung stehen allerdings noch aus.