Archiv für den Monat: Juli 2021

Die Muren sind über uns

Suchschweine auf einer Mure (Symbolfoto)

Der Chef hatte den „Auftrag des Jahrhunderts“ an Land gezogen und tanzte vor seiner Laptopkamera und den entsetzten Augen des „Teams“ an den Bildschirmen eine Art Kasatschok. Der Art Director, dieser opportunistische Idiot, sprang ebenfalls wie ein Derwisch in seinem Keller hin und her und fiel erst später in die Regale als der Chef, was diesen stark erzürnte.

Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, wurde „die Arbeit verteilt“, das heißt, das Team musste „den Mist nur noch runterprogrammieren“. Es handelte sich um eine Muren-Warn-App. Irgendwo im Gebirge war eine Mure abgegangen, und niemand hatte davor gewarnt, jedenfalls nicht dort, wo es geschah, nur woanders, zum Beispiel in Schleswig-Holstein. Es gab auch schon verschiedene Warn-Apps, aber noch nicht jede IT-Butze im Wahlkreis jedes Abgeordneten hatte bereits eine programmiert. Nun also war die Klitsche des kleinen Herrn Schönleben an der Reihe.

„Wir machen das ädscheil, also agil, für die Trottel unter euch“, brüllte der Art Director, denn der Chef war schon wieder auf Akquise. „Der Schönleben-Zwerg malt ein Logo, am besten eine lachende Mure, die ins Tal rodelt. Die anderen kopieren was aus Wikipedia und den anderen Käse-Apps, hauen das zusammen, bis es blinkt und grunzt, und dann geht der Dreck ans Ministerium, damit die sich durchklicken können und die Knete lockermachen. Capietsche?“

„Und das Pflichtenheft? Die Spezifikation?“ fragte der kleine, aufsässige Herr Schönleben.

„Hatten wir sowas jemals? Den Möhren-Schwachsinn installiert sowieso niemand! Braucht doch auch keiner. In unterentwickelten Ländern kriegt jeder im Möhrengebiet eine Nachricht aufs Telefon und basta Pasta! Das ist genial und billig. Aber bin ich der Minister? Der König?“

„Jawohl!“ riefen einige der Angestellten im Chor. „Sie sind unser König!“

„Aber unsere Steuergelder!“ maulte der kleine Herr Schönleben, der einfach keine Ruhe geben wollte.

„Zahlt von euch Rüben irgendjemand Steuern?“ fragte der Art Director entgeistert. Alle Arme schnellten nach oben.

„Ich fasse es nicht! Ich bin komplett von Versagern umgeben!“ Die Bildschirmkachel, auf der eben noch die aufgerissenen Augen des Art Directors zu sehen waren, wurde schwarz. Das Team machte sich an die Arbeit, der kleine Herr Schönleben schleppte sich aufs Kanapee und schlief durch bis zum Wetterbericht.

Kleine Bildbeschreibung

Ein dicker Arbeiter steht ratlos an einer Drehmaschine. Ein anderer macht sich darüber beim Technologen lustig (Mobbing). Alle drei tragen Dauerwellen, die es beim Betriebsfrisör billig gibt.

Die Bassow-Methode besteht darin, dass der Arbeiter NUR NOCH ohne Gipsbein seine Werkstücke drehen darf. Er muss es also vorher ablegen, vielleicht reicht es aber auch, das kreuzweise Pflaster zu entfernen.

Der Zeichner zeichnet gern Hände, mit den Armen hat er Schwierigkeiten. Auch das Werkstück ist nicht zu sehen, es gab wohl Lieferschwierigkeiten. Dafür hat der Technologe ein Smartphone in der Kitteltasche, wahrscheinlich aus dem Westen.

Das Bild ist schön, und es regt mich zum Nachdenken an.

Klugschnack

Geferlič: Schnelles Rad!

Dass du sterben musst:
Mach den Haken dran,
weil dir der Verlust
stets passieren kann:

Auf dem schnellen Rad.
Unter tiefem Schnee.
Gräte im Salat.
Sturm auf hoher See.

Lebe froh und spar
keine Stunde aus.
Vorher aber fahr
zum Bestattungshaus.

Grüße aus Togo

Kaffee wohin?

Früher lief man durch die Welt
ohne Cafe Latte,
weil man schnelle Füße tief
in den Schuhen hatte.

Heute tragen Frau und Mann
und auch Mann und Frau
Weichwandbecher in der Hand:
Kaffee und Kakao.

Wird die Welt nun dadurch schöner?
Wachsen Zwiebeln auf dem Döner?
Wächst das Glück aus allen Poren?
Öffnen sich dem Sang die Ohren?

Eher nicht. Ich fürchte: Nein.
Der Effekt ist allzu klein.

Randnotiz

Zu Hause liegen keine falschen Zeitungen

Immer wenn ich die Brötchen beim Bäcker an der Zeitung mit den großen schmutzigen Buchstaben vorbei getragen habe, wundere ich mich, dass sie nicht sofort zerfallen sind oder verschimmelt nach Pestilenz stinken.

Vom Hass

Keine Bundeswehr (Beispielfoto)

Von einer kompakten weiblichen Person mit bösen Augen vernahm ich im Dabeisitzen, dass das verrotete Deutschland komplett am Ende sei, weil die Bundeswehr sich nicht in der Lage sehen würde, „für die Flutopfer“ genügend Mobilfunkmasten aufzurichten. Ich sah sicherheitshalber von der Belehrung ab, dass die Kernkompetenz der Bundeswehr nicht das Aufrichten von Masten darstellt, sondern das Niederbrechen derselben.

Fazit

Wie ich hasste das
Vielzufrüherwachen.
Nu da kömmer sowas
eben ni mehr machen.

Keinen Bauch mehr schlitzen
in sterilen Sälen. 
Und nicht mehr mit Spritzen
Fleischeshülle quälen. 

Es gibt keine Heilung,
nutzlos ist das Sehnen, 
es gibt nur Beeilung
bei den letzten Plänen. 

Reichlich gibt es Zeit, 
die wir nehmen müssen, 
nur am See zu zweit 
unter vielen Küssen 

zwischen weißen Lämmern
einfach wegzudämmern.

Vorschau

Messer (Beispielfoto)

Leg mich unters Messer.
Fragst du: „Ist das besser?
Besser als zu warten
auf den Himmelsgarten?“
„Ja“, sag ich, „gewiss.“
„Hast du keinen Schiss?“
„Hab ich, klar, mein Hase.“
Maske auf die Nase,
Messer in den Bauch,
„Schwester! Schere! Schlauch!“

Kleine Bildbeschreibung

Im VEB ÖKO erwarten drei fröhliche Beschäftigte, der Pförtner (allerdings ohne Pforte), ein einladender Arbeiter mit Koteletten und eine winkende Arbeiterin mit unvorteilhafter Frisur, den Einzug von Büchern auf Beinen. Jedes Buch hat ein sehr kleines Gesicht, das erste sogar ein rotes. Die beiden ersten Bücher „Slobin“ und „Mamai“ scheinen zu brennen, aber das stört niemanden.

Im Pförtnerhäuschen hängt nur noch ein Schlüsselbund. Also sind alle Kollegen anwesend, außer Kollege Schulz, der ein Alkoholproblem hat. Im Hintergrund türmen sich die Halden mit den Abfallprodukten, die bei der Fertigung im VEB ÖKO anfallen. Eine der Halden erinnert an einen Büstenhalter, was vom Zeichner HOF Hut 81 aus sexuellen Gründen beabsichtigt ist.

Die Bücher haben keine Knie, und man fragt sich unwillkürlich, warum sie nicht hinstürzen. Die Arbeiterin hat einen Brief in der Hand, vielleicht mit einer Auszeichnung oder mit einer Liste, welche Methoden zu welchen Erfolgen führen. Vielleicht hat sie aber auch nur das Geld veruntreut, das die Kollegen zum Geburtstag von Kollegin Meyer aus der Wickelei gesammelt haben.

Das Bild ist sehr schön, besonders die Farben, und es regt mich zum Nachdenken an.

Die Fenster zur Stadt

Blick auf Manhattan aus meiner Wohnung im Hochhaus (Beispielfoto)

Ich war reich geworden mit ein paar Gedichten, von denen ich gar nicht viel hielt, aber die Leute kauften wie blöde meine Bücher. Auf der Straße musste ich Autogramme geben und für Selfies grimassieren.

Mein Agent leistete gute Arbeit, er hatte mir auch empfohlen, von einem Teil meiner Einnahmen eine obere Etage in einem New Yorker Hochhaus (sehr hoch) zu erwerben. Wenn ich mal zu Weihnachten eine Jeans kaufen wolle, könne ich dort prima wohnen, erklärte er. Ich sah nicht ein, warum ich nach New York für eine Hose fliegen solle, aber es war mir egal. Wollte ich wollen, könnte ich können.

Da ich aber die ganzen Jahre lieber in Sassnitz als in Manhattan meinen Urlaub verbrachte, verfiel mein Agent auf die Idee, die Etage immer wieder einmal für viel Geld zu vermieten, und zwar, man glaubt es kaum, an diverse Hollywoodstudios. Es gibt ja keinen amerikanischen Film, der nicht für einige Büro-Szenen den atemberaubenden Blick auf Manhattan von oben benötigte, um ernstgenommen zu werden. Also verbrachte ich nun öfter meine Abende im Kino, freute mich am Ausblick meiner New Yorker Wohnung und ließ mich zu neuen Gedichten inspirieren, was ich finanziell eigentlich gar nicht mehr nötig hatte.

Die virtuellen Plätzchen

Klapp klapp klapp, gleich ist der Bildschirm ab!

Der kleine Herr Schönleben war gezwungen worden, für den Chef einen Vortrag über „Bitcöhn“ zu halten. Der Chef wollte unbedingt reich werden, aber „mit dieser Firma voller Versager“ würde das definitiv nichts werden.

Also hatte Schönleben in den Minuten zwischen seinen Tiefschlafphasen ein paar knackige Informationen über „Bitcöhn“ aus dem Internet in die hässliche Powerpoint-Vorlage der Firma kopiert und schickte sich nun an, diese per Videokonferenz vorzutragen. Wie üblich hampelten Chef und Art Director wie blöde vor ihren Kameras herum und versuchten, sich gegenseitig die virtuellen Plätzchen auf dem virtuellen Konferenztisch wegzuschnappen, eine Disziplin, in der sie sonst von Schönleben geschlagen wurden, aber der war ja leider mit den „Bitcöhn“ beschäftigt.

Nun, der Vortrag endete, die Großkopferten beschwerten sich, rein gar nichts verstanden zu haben, aber das wäre ja bei dieser Lusche von Mitarbeiter („Wie heißt der eigentlich?“) zu erwarten gewesen, und der kleine Herr Schönleben schnappte sich das letzte virtuelle Plätzchen aus der virtuellen Kekspackung, mit Kokos bestreut, was er überhaupt nicht leiden konnte, egal, klappte den Laptop zu und fiel augenblicklich in einen bleiernen Schlaf, der erst zur Tagesschau-Spätausgabe endete.