Alle Artikel von Herr Nu

Hochspannung, vermutlich

hochspannung

Die Fülle der Informationen erschloss sich mir nicht vollumfänglich, aber ich dachte, wenn es irgendeine Relevanz haben würde, wovor hier so wortreich gewarnt wurde, hätte die Pflege der Einrichtung eine höhere Priorität, als der Zustand es vermuten ließ.

Erkältung

altesglas

Mein altes Glas, das liebe
aus muffschem Kellerschrank.
So dünnes Glas. Es bliebe
verborgen, würd nicht krank

ich ruhlos durchs Gehäuse
mit Hustenstößen schleichen.
Vor meinen Füßen Mäuse
und in den Ecken Leichen.

Ich seh mich greishaft tattern,
den Kelch in klammen Fingern,
den Kühlschrank hör ich rattern,
die schwachen Beinchen schlingern.

Schnell! Labsal eingefüllt!
Der Lebensgeist hebt kurz sein Lid.
Vom Duft des Trunkes eingehüllt
fühlt ich mich rasch als Glückes Schmied,

könnt ich den Hammer heben
nur einmal noch im Leben.

Problembär-Camouflage

bunt

Bis vor kurzem war der Problembär für die rauhen Lebensbedingungen im Freien optimal  gerüstet, die farbenfrohe Kleidung fügte sich perfekt in die verschwenderische Pracht des verglühenden Herbstes ein, die wenigen Fressfeinde, die ihm nach der Wäsche trachteten, übersahen ihn, und die Trinkfeinde verscheuchte er, wenn er überraschend aus einem intelligent ausgesuchten Hinterhalt brach.

Doch nun würde es langsam Zeit werden für den steingrauen Pullover des kahlen letzten Siebentel des Jahres, und der einzige Schmuck (neben dem dezenten Kragen in Tümpelgrün) würde eine zerbrechliche Brosche aus trockenem Hagebuttenästchen inklusive verschrumpelter roter Frucht sein, von stabilen Spinnenweben in Form gebracht.

Vogel Spatz

vogelspatz
Appartement 2022 (nebenan)

Die Stare (oben) zwitschern.
Die Lurche (unten) glitschern.
So hat ein jedes seinen Platz,
ganz insbesonder Vogel Spatz,

der neben meiner Kammer wohnt
und selten seine Lunge schont.
Ich liebe seine Lieder.
Bald wächst mir ein Gefieder.

Bald wächst mir auch ein Schnabel.
Dann brauch ich keine Gabel
mehr für das Hähnchenklein.
Fein.

Der Zweck der Kreissäge

saege-hoch

Der kleine Herr Schönleben, dem von einem windigen Vertreter eine gebrauchte Kreissäge aufgeschwatzt worden war, überlegte angestrengt, was er mit diesem Gerät eigentlich hatte zersägen wollen. Träumerisch strich er mit seinen kleinen Händen über die dicken Zähne des Sägeblattes, und wohlige Schauder durchfuhren seine Gedärme. Vielleicht Holz? Nun musste er also nur noch auf den Vertreter für ungesägtes Holz warten, und seine Nasenlöcher bebten in Erwartung des gewiss recht harzigen Deodorants, das dieser Vertreter in seinen Flur tragen würde. In großer Vorfreude eilte der kleine Herr Schönleben aus der Scheune zurück ins Haus, setzte sich in den Lesesessel am Ende des Flures und wartete auf das Schellen der Türglocke.

Das (schlampige) Sonett vom Oktober

schneise

Da zieht er hin, der faule Mond Oktober.
Man hat ihm eine Schneise eingeschlagen.
Ein Tag noch morgen, dann ist er hinober.
Wir werden uns mit dem November plagen.

Da zieht er hin, durch straffe Kupferdrähte.
Es knistert, und die matten Funken glimmen.
Gehüllt in Schal und Mütze ist die Käthe,
und in die dicken Hosen, ach, die schlimmen.

Der Tee steht auf dem Ofen und verdampft.
Die letzten Äpfel liegen noch im Gras.
Man hört den letzten Igel, wie er mampft.

Ich reiche Käthe fürsorglich das heiße Glas.
Sie aber in den schweren Stiefeln stampft:
Nur Tee? Wo bleibt der Spritzer Calvadas?

Neues aus Blasegast

klempnerei

Oma Steckwurst, die, durch die zuverlässig viel zu trockenen Frühlinge, Sommer, Herbste und Winter der letzten Zeit etwas nachlässig in Sachen Dachdichtigkeit ihres renditestarken Mietshauses geworden war, sah sich nach einem Starkregen dazu gezwungen, die Mansardwohnung der Mieterin Quarterbeck, Gisella, 26, in deren Abwesenheit entwässern zu lassen. Der zu diesem Zweck aus der Rhön herbeigerufene, weil einzig verfügbare Klempner Patzschke verlangte neben unangemessener Bezahlung zweieinhalb Liter Kaffee (türkisch), drei Teller Kanapees mit Wurst und Käse (übrige bitte einpacken), ein kleines Tablett guten Vodkas (greifen Sie zu, Frau Steckwurst, ist doch Ihrer) sowie einige Profilfotos der Quarterbeckn (ausgedruckt), die ihm der blinde Herr Schrudel frisch aus dem Internet “besorgte”. Die Pumpen schnurrten, die Verbrüderung der Hausgemeinschaft mit dem bösen Handwerker erfolgte rasch, und ein Dachdecker konnte auf Empfehlung des eigentlich doch recht angenehmen Patzschke auch noch ergattert und auf den nächsten Frühsommer “festgenagelt” werden.

Der Sturm

schoenleben-sofa
Vom Sturm hinweggefegt!

Als der kleine Herr Schönleben anlässlich eines besonders heimtückischen Sturmes von starken Winden durch die Straßen getragen wurde, landete er in einer kleinen Stichstraße auf einem Sofa, denn es war Sperrmülltag. Reichlich benommen fiel er in einen tiefen Schlummer, aus dem er erst erwachte, als nach dem Passieren einer der östlichen Grenzen des Kontinents die Schlaglöcher noch tiefer geworden waren als zu Hause in seiner Stadt. Ouh, dachte der kleine Herr Schönleben in dem rostigen, brüllenden und klappernden Transporter, das wird dann wohl meine erste Auslandsreise! Er erinnerte sich an die Erzählungen seiner Wanderfreunde über herzliche Einladungen zu Hochzeitsfeiern einheimischer Dorfbewohner, Gelage und Volkstänze. Allerdings wurde er schon am selben Abend vor dem Gebäude der Botschaft seines Landes ausgesetzt, denn die Sperrmüllverwerter wollten durchaus keine internationalen Verwicklungen provozieren.

Vom Kopieren

armaturblume

Beim Wälzen alter Autoprospekte, die mir die wirklich liebe Verwandtschaft jahrzehntelang über die Zonengrenze geschmuggelt hatte, entdeckte ich in der Preisliste eines heckgetriebenen Kraftfahrzeuges tatsächlich die Sonderausstattung “Blumenvase am Armaturenbrett gefüllt/ungefüllt”. Da ich mich selbst durchaus als “Ästhet” verstehe, aber mit dem täglichen Zwang, im Bureau “kreativ” zu sein, in sämtlichen Dekorationsangelegenheit “nach Feierabend” eher unbeholfen agiere, kopierte ich die Sonderausstattung so gut es ging und freute mich einige Tage lang an umherfliegenden Grasspelzen im Innenraum des Wagens.