Kategorie-Archiv: Geerdet & kurzgeschlossen

Geerdet & kurzgeschlossen

Unterwegs

oednis

Müde geht es über Land.
Klapperig der Lenker.
Schweißnass liegt er in der Hand.
Knarzend lacht der Henker

oben auf dem Galgenberg!
Schnell die Ödnis fliehen!
Beim Getränkehändlerzwerg
Bier durch Zähne ziehen!

Abends dann im weißen Bett
von der Reise prahlen,
müde, wohlgemut und fett
auf dem Laken ahlen.

Also geht es zwischen Hügeln.
Schöner als dies ist nur Bügeln.

Über Lenin

lenin

Einmal aber kehrte
Lenin vor dem Haus.
Worauf man ihn ehrte.
Ihm war das ein Graus.

“Der Personenkult
ist mir arg zuwider!
Ich leg (eure Schuld)
nun den Besen nieder.”

Das war siebenzehn,
mancher hats besungen.
Fegend ihn zu sehn,
ist nicht mehr gelungen.

Von der Zugehörigkeit

schliessfaecher

Unscharf torkelte mein Blick zum Tresen, und ich erblickte die Schließfächer für die personengebundenen Bierkrüge unter den Zuckerstreuern.

“Ist es das, wofür ich es halte?” fragte ich Karl Gong, der mir wie immer gegenüber saß und an seinen Zähnen kaute.

“Ich kann zwar nicht sehen, was du meinst, aber die Erfahrung lehrt, dass es das ist, wofür du es hältst.”

“Na dann.”

“Ja.”

“Immerhin gehören wir nicht dazu. Auch gut.”

“Oder schlecht.”

“Hm. Ja.”

“Ja.”

Vom Nachtschlaf

Karl Gong, der das Wetter der letzten Tage ziemlich persönlich nahm und fluchend im nassgeschwitzten Unterhemd auf dem nassgeschwitzten Laken vergeblich die Ankunft des Nachtschlafes erwartete, beschloss nach wenigen Stunden harter Überlegungen, die nur durch das Konsumieren der in Reichweite plazierten Singlemaltflasche gelindert wurden, sich auf die Dachterrasse zu legen, wo ein kleiner Wind wehen und die Temperatur jene der Wettervorhersage nicht überschreiten sollte, eigentlich.

Gedacht, gewälzt, getan; Gong zieht sich beim Bereiten der Bettstatt einen Plankensplitter ein, legt sich schnaubend auf die Luftmatratze und schließt die Augen. Wind. Erträgliche Temperaturen. Die nächtlichen Geräusche des Ortes. Ein Nachbar, der mehrere Tonnen Grillkohle durch ein Sieb zu schaufeln versucht (so klingt es). Igel, die Futternäpfe über fußballfeldgroße Fliesen schieben. Straßenbahnen, die auf der Suche nach ihren Depots stundenlang gellend durch die Straßen irren. Der übliche Honk mit dem Motorrad. Die Südschleife der kommerziellen Paketfliegerei. Die leise giggelnden Sterne, besonders die im Kleinen Wagen.

“Wenn ich jetzt bitte sterben dürfte?” fragt Karl Gong fatalistisch von seiner viel zu dünnen Luftmatratze aus, zu dünn sogar, um herunterzufallen.

“Dann musst du mehr saufen, Alter!” ertönt von oben eine Stimme.

Oligarchenfrühstück

fruehstueck

Jeden Tag bis nach acht schnarchen:
Privileg des Oligarchen.
Hörnchen, Zopf und Kaffee schmeckt,
aber wo bleibt denn der Sekt?
Ach herrje, ojemineh!
Schnell in den Champagnerkeller!
Korken raus mit einem Dreh!
“Das sah ich schon einmal schneller”,
spricht der Oligarch gelassen.
Wofür wir ihn milde hassen.

Endlich!

strahl

Sonnenstrahlen kitzeln.
In der Küche schnitzeln
Messer an Salaten.
Die Buletten braten,
leise zirpt das Frieren
von den Kühlschrankbieren.
Noch ein kurzer Schnauf,
endlich springt er auf
und die Treppe runter.
Kaffee! Dann erst munter.
„Geht die Party lous?“
„Nu.“ Die Freude: Grouß.

Hochkultur-Arrangement

sitzreihe

Tapfer angetreten, Hochkultur zu konsumieren, sitzt Karl Gong auf dem Gestühl und senkt den Blick, denn er fühlt sich ein wenig unpassend am Ort, der Bekleidung wegen, auch wenn das vielleicht nur eingebildet ist, herrje, wie die Treter mittlerweile aussehen im siebten Jahr!

Aber bald findet er sich ab, denn er entdeckt die Schönheit des Ortes, die dezenten Farben, einfachen Formen und klaren Linien, alles gehorcht den Regeln des Perspektivischen, und die Perspektive nach der Hochkultur ist sowieso: zwei Helle auf der Terrasse und dann ins Nest.

Die Musiker stimmen.

Von den Befürchtungen

regendach

Karl Gong in seiner Eigenschaft als jemand, der Zusammenhänge herzustellen in der Lage ist, hatte das freundlich-saharische Wetter der letzten Wochen zwar in den Biergärten der Stadt stoisch dankbar hingenommen, war aber auch besorgt wegen der zu erwartenden Ernteausfälle der umgebenden Bauernschaft, deren Klage auch verlässlich alsbald die Gazetten füllte. Mit furchtsamem Blick linste er täglich in die Bäckereigeschäfte, ob denn auch noch genug Brot in den Regalen sich befände, und nach 18 Uhr tätigte er manch panischen Hamsterkauf, weil dort nur noch das eigentlich eklige Körnergelumpe vor sich hin trocknete; wie wird es morgen sein, greinte Gong innerlich, es kommt schon zur Knappheit, und er füllte die Kühltruhe mit Backwaren.

Aber eines Tages plötzlich, er hatte die Ohren voll mit Schlagermusik von der Stadtfestbühne vor seinen Augen und hörte also den Knall nicht, den ein über die Katen sich verstreuender Blitz erzeugte, ergoss sich ein zweistündiger Schwall Platzregens auf den überraschten und eben noch besorgten Bürger Gong, weichte ihn ein bis auf die Malimo-Unterwäsche und beruhigte schließlich mit simpler Logik den vormals dystopisch Gesinnten: Alles wird gut, das Wasser gelangt an die Stauden und Gräser, getränkt werden die dürstenden Bewohner der Flur, Brote werden gebacken werden.

Amen.