Der inkonspirative Balkon

balkon

Ich sollte das Dokument übergeben. Natürlich war ich nervös. Man übergibt nicht jeden Tag Dokumente, die man nicht kennt, an Personen, die man nicht kennt. Genauer: Ein Dokument, eine Person. Schlimm genug.

Der verabredete Balkon strahlte in hellem Licht. Ich war irritiert. Sah so das Setting für die vertrauliche Übergabe eines Dokumentes aus? Dann konnte ich es ja gleich im Radio übertragen! Aber dazu müsste ich das Radio erst einmal finden. Den Sender. Ich schweife ab.

Der Zettel mit der Hausnummer in der Hosentasche knistert. Ich nehme ihn heraus. 48 wahrscheinlich. Blitz und Brezel. Es ist so gekrakelt. Und dunkel ist es auch, rundum. Wie bitte soll ich die gekrakelte Nummer auf dem Zettel lesen können? Es müsste Leuchtzettel geben. James Bond hat sicher Leuchtzettel.

Wenn ich ein Klapptelefon hätte, könnte ich es elegant aufklappen und die Nummer auf der Seite mit dem Display ablesen. Natürlich könnte die Nummer auch auf der Seite mit der Tastatur vermerkt sein. Mit Leuchttasten. Dann würde ich aber die Reihenfolge nicht kennen. 48 ist nicht 84. Bei langen Straßen wird es noch schlimmer: 198, 189, 819, 891, 918, 981, 198189.

Müßige Gedanken.

Ich stehe vor dem Haus mit dem erleuchteten Balkon. Falsche Nummer. Ein Mann tritt von hinten an mich heran, zischt mir irgendwie bösartig ins Ohr, nimmt mir das Dokument grob aus der Hand und verschwindet in der Dunkelheit. So ein Wüterich! Aber mein Problem hat sich erledigt. Das unbekannte Dokument ist nun im Besitz einer unbekannten Person.

Niemand hat den Balkon betreten oder verlassen, wobei ich nicht glaube, dass dort überhaupt jemand sitzt. Oder liegt. Man weiß ja nie. Vielleicht ein schlafender Papagei. Wenn Papageien überhaupt schlafen. Meerschweinchen schlafen. Hamster auch, obwohl sie gar nicht lange leben.

Eigentlich dürfte ich das alles gar nicht schreiben.

Vom Schuhabsatz

sohle

Auch wenn man in diversen Agentenfilmen darüber informiert wird, dass der Absatz ein geeignetes Versteck für Mikrofische, USB-Zierspeicher, Klappmesser oder Piccoloflaschen hergibt, schien mir dieses Paar Schuhe nicht mehr zu retten zu sein.

Der Lack

lack

Nun hat er sich abgehoben,
nun hat er sich abgelöst.
Lang hab ich es aufgeschoben,
lange habe ich gedöst.

Wollte nicht mit Pinsel malen,
Kratzen nicht mit Schleifpapier.
Wollte lieber die Pedalen
treten. Das ist mein Plaisier.

Anblick nun der ollen Planken:
schrundig, rostig, männlich, roh.
Wirst du auch deswegen zanken:
Das ist schön. Das lass ich so.

Bedenklich

ufo

Entspannt unter den Gaststättenschirmen auf dem Rohrstuhl ausgestreckt, blickte ich zufrieden nach links und rechts, unten und oben, und versuchte plötzlich panisch zu rekapitulieren, was mir je an Wissen über außerirdische Bedrohungen im Fernsehen angeboten worden war.

Komplett

manschettenknoepfe

Beinahe hätte ich morgens die Manschettenknöpfe vergessen. Frau H. aus der Peronalabteilung wäre bestimmt verärgert und ungehalten gewesen wegen der Nachlässigkeit, denn das macht gar keinen guten Eindruck auf Kunden und Belegschaft. Noch einmal Glück gehabt.

Eingeteilt

eingeteilt

Der Problembär war zum Kaffeekochen eingeteilt, er verbrauchte schließlich auch den größten Teil vom „Schwarzen Gold“, um sich munter zu halten, mit nie versiegender Wachsamkeit die Stapel aus Getränkekisten zu beaufsichtigen und überhaupt wie angestochen durch die Kemenaten zu eilen, immer bereit für einen flotten Spruch, einen aufmunternden Klaps, aber auch eine gepflegte Zurechtweisung, wenn nötig.

Allerdings hatte er vergessen, den Schemel mit sich zu führen, der ihn befähigte, das Kaffeepulver von oben in die Kanne zu füllen, also legte er dieselbe um, schippte die notwendige Menge an Messlöffeln hinein, wie immer mit dreißig Prozent Zugabe nach Gefühl, und wurde sich plötzlich der Tatsache bewusst, dass das siedende Wasser sich in einer liegenden Kanne kaum mit dem Pulver zum gewünschten Ergebnis verbinden würde.

Äußerst ungehalten rief er nach dem Chef, der ihn zu dieser Tätigkeit eingeteilt, aber den Schemel zum Abstellen seines Sektglases bei der morgendlichen Arbeitsberatung zweckentfremdet hatte; jener erschien, der Problembär stellte ihn zur Rede, verlangte sofortige Entbindung vom entwürdigenden Kaffeedienst und Einteilung zur Prüfung der Roséwein-Kühlkette, was ihm schon immer als die erfüllendste Tätigkeit in dieser vergammelten Firma vorgekommen war.

Der Chef rollte innerlich mit den Augen, stellte die Kanne auf, goss das brühheiße Wasser hinein, rührte um, drückte den Kolben langsam nach unten, füllte das „Schwarze Gold“ in die zwei bereitgestellten Tassen (die größere und vollere für den Problembären), bedachte seinen Angestellten dabei mit milden Blicken, drehte das Radio lauter und pfiff schrill und falsch die Titelmelodie der gerade ausgestrahlten kolumbianischen Seifenoper mit.

Der Problembär, mittlerweile mit allem versöhnt, sprach munter und ungehemmt dem Kaffee zu, gab ungefragt Ratschläge zu Einsparungen, Entlassungen und Investitionen zum besten und sonnte sich in seiner durch den Chefglanz auf ihn abstrahlenden Bedeutung, die sich in den Gesichtern der missmutig vorbeischlurfenden Kollegen spiegelte.

Die einzige Idee indes, die schließlich auf Anweisung des Chefs zur Ausführung gelangte, war jene, sich gemeinsam ins Premiumlager zu begeben und die Kraftbiervorräte zu „prüfen“, was bis zum Feierabend unter klirrendem Absingen diverser Pionier- und Heldenlieder vollzogen wurde.

Fahrstuhl ins Ungewisse

kaesebrot

Herr Breithans, dem von seinem Hausarzt aufgetragen worden war, die Kalorienzufuhr einzuschränken und sich statt dem Essen zumindest gedanklich auch einmal anderen schönen Dingen zu widmen, ertappte sich dabei, nun mehrmals täglich dem feschen Fräulein Wiesel aus der Sechzehnten nachzusinnen, die ihm am zwölften Mai gegen neunzehn Uhr dreißig im Lift zugelächelt hatte, als er mit einem Beutel frisch zubereiteter Haxen nach oben zu seiner Wohnung unterwegs gewesen war, einem ausgedehnt netten Abend entgegenfiebernd.

Seiner Frau, die das Ansinnen des Hausarztes unterstützte, würde er davon zunächst nicht berichten, beschloss er, dafür aber mehrmals täglich den Lift benutzen, um den positiven Effekt der Nahrungsumstellung durch ausreichende Bewegung zu verstärken.

Aus der (mit Instituten betriebenen) Wissenschaft

institut
Der Geldstrom

Als der Herr Institutsdirektor vernahm, dass demnächst im zuständigen Ministerium einmal wieder Der Große Geldhahn geöffnet werden würde, unternahm er alles institiutsdirektorenmögliche, um einen erheblichen Anteil am Strom der zu erwartenden Mittel in sein Institut umzuleiten. Die Not war groß, das Direktorenbüro klein, die Zentrifuge eierte, die Verbrauchsmaterialien waren aufgebraucht, die Direktoriumsparkplätze reichten nicht für alle Stellvertreter und auf der zu selten geputzten Toilette des im Keller untergebrachten Archivs hatte Frau Schrüpel, das Faktotum, in der letzten Woche tatsächlich eine schlimm verhungerte Ratte gefunden.

Weil aber der Herr Institutsdirektor sich bei intellektuellen Zusammenkünften in der Vergangenheit mehrmals über die attraktiven Koteletten der Frau Ministerin lustig gemacht hatte, was dieser von anderen Institutsdirektoren brühwarm hinterbracht worden war, ging sein Institut wie immer leer aus; der dicke, warme, zischende, duftende Geldstrom ergoss sich auf eine Brache direkt neben seinem vergammelten Institut, wo bald aus einem flugs ausgehobenen, sehr tiefen Loch ein sehr hohes Neues Institut herauswuchs, das dem seinen als Exzellenzanstalt direkte Konkurrenz zu machen angetreten war, mit feixenden Angestellten, die sich tatsächlich unbefristete Arbeitsverträge ergaunert hatten und einem anderthalb Hektar großen Direktorenparkplatz, auf dem zu allem Überfluss jede Woche der Helikopter der Ministerin landete und allen Dreck, vor allem die Verpackungen aus den neuen glänzenden Frühstücksautomaten, mit schönem Schwung hinüber in sein Altes Institut wehte.

Jaulend verlangte der Herr Institutsdirektor immer dann, wenn die Koteletten der Ministerin im Wind der langsam ausdrehenden Rotoren flatterten, nach einem Kaffee schwarz mit Zucker, der ihm von Frau Schrüpel mit der letzten funktionsfähigen Kaffeemaschine des Hauses, die 1987 in die Besenkammer verbracht und erst neulich wieder hervorgeholt worden war, zubereitet und auf den Tisch geknallt wurde. Manchmal winkten die Exzellenzen lachend herüber.

Ungerecht

regenbogen

Während der böse vor sich hin schimpfende Mittelostmensch über knisternde Diesteln und vertrocknete Fliegen steigt, die unbarmherzig brennende Sonne im roten Nacken, den verdorrten Garten vor Augen, wird über dem sowieso bevorzugten Südwestland das pünktlich gelieferte Gießwasser versprüht, kostenlos und erfrischend, gefolgt von horizontfüllenden Lichtspielen, gelegentlich angereichert mit etwas Theaterdonner.

Das alles muss Gründe haben, die unsereinem nicht zugänglich sind.