Der unmäßige Reisende

In den Tunnel rollen!
Oben der Kanal.
Unten schweben Pollen,
Oben schwimmt der Aal.

Will sie haltlos preisen,
die verkehrte Welt!
Ihr Gedärm bereisen,
Taschen voller Geld

oder arm an Mitteln,
wär mir ouh egal.
Werde nichts bekritteln,
wenn sie nur nicht schal

zeigt, was ich erwarte,
stumpf, was ich schon weiß.
Wenn ich einmal starte,
will ich heißen Scheiß!

Inspiration und Zumutung

Angeregt von der sehr befriedigenden Gartenarbeit, das Beschneiden diverser Sträucher betreffend, griff Karl Gong zum Telefon, drängte sich in den vollen Terminkalender seines Friseurs und kam pünktlich zum Abendessen frisch geschoren zu Hause an, was die Unangetraute mit einem milde verliebten Blick zur Kenntnis nahm, ohne jedoch auf den Hinweis zu verzichten, dass in Zukunft vor solchen überraschenden Aktionen sämtliche Arbeiten ordnungsgemäß abzuschließen seien, denn: was sollen ihre Freundinnen von der Pferdefreizeit denken, wenn sie mit ihren Aperol-Spritzen auf der Terrasse entspannen möchten, welche, dies nur am Rande, dringendst von Spinnweben zu befreien wäre, wobei auch die am Kompost hinterhältig lauernde Silberdiestel sowie die alten Pflastersteine, die er, Gong, Karl, ja doch im Laufe seines Lebens nicht mehr in den Boden bekäme, aus ihren gütigen Augen zu schaffen Gelegenheit wäre.

Das schlampige Sonett vom Dahinrasen

Mit Karacho durch den Wald!
Speichen sirren, Sonne knallt
auf den weißen Plastikhelm.
Langsam rollen? Bist ein Schelm!

Wer Geschwindigkeit nicht ehrt,
sitzt auf diesem Rad verkehrt.
Funktioniert nur volle Kraft.
Hat halt Pech, wer das nicht schafft,

kippt zur Seite,
volle Breite,
lallt: Oh weh oh weh!

Doch ich gleite
in die Weite,
bis er fällt: Der Schnee.

Von der Konkurrenz

Karl Gong, der dem Pferdewahn seiner Unangetrauten etwas Gleichwertiges entgegensetzen wollte, verkroch sich für einige Tage in die hintere linke Ecke des weitläufigen Anwesens, das sie in den letzten Jahren, vor Beginn der Großen Bodenteuerung, stetig erweitert hatten, ließ einige hundert Mulden des Unrats abfahren, der vom vorherigen Besitzer, einem insolventen Reifenhöker, zu Bergen aufgehäuft worden war, Altreifen, Barackenreste, den kleinen Fuhrpark eines ebenfalls gescheiterten Logistikunternehmens, Unmengen leerer Flaschen sowie alle Arten von DDR-Elektrogeräten, „die eigentlich noch gut waren“, kämmte die Fläche von Hand durch („ist immer besser“), freute sich an den Hälmchen, die allen Zumutungen zum Trotz aus der Krume gebrochen waren, und kaufte sich eine Herde Schafe, die ihm von jenem Tag an das wohlige Gefühl verschaffte, gebraucht zu werden, ihm jedoch auch einige schele Blicke der Holden, begleitet von vielsagendem Stirnrunzeln, einbrachte.

Im Angesicht des Fortschritts

Der Problembär, unterwegs im Rahmen einer seiner mittlerweile liebgewordenen Abwesenheiten, dahinrasend im modernen Reisezug, sinnierte, ob er nicht vielleicht auf einen modernen Arbeitsplatz wechseln sollte, zum Beispiel in eine dieser neuen Großbrauereien, wo die Prozesse funktionierten und alle in weißen Kitteln und mit Namensschildern auf glänzenden Elektrokarren, die wahrscheinlich auch noch jeden Abend geputzt wurden, durch die Gegend wisperten. Er dachte an seinen missgelaunten Chef Nitzsche, die Scherbenhaufen im Getränkemarkt, den klebrigen Boden, den Hof mit der umgefahrenen Mauer, den rasselnden Stapler ohne Licht, mit dem ihm das Malheur passiert war, die impertinenten Kunden und den Nachschlüssel zum Likörschrein. Ein Lächeln umspielte seinen Schnabel, er stieg an der nächsten Station aus und kaufte sich eine Rückfahrtkarte auf Firmenkosten.

Es gültet

Früh zur Wahl, danach zum See,
nochmal in die Wellen.
Abends dann aufs Kanapee:
Wie die Balken schnellen,

rosa, rot, grün, gelb und schwarz,
braun und blau und Torten.
Auf der Backe wächst die Warz,
von den vielen Worten.

„Lüge!“ rufe ich hier nicht,
das wär mir zu simpel.
Trotzdem bin ich nicht so schlicht,
wie sich mancher Gimpel,

der mein Kreuzchen wohl goutiert,
dachte, einzuseifen
mich. Ich wähl, weil mich geniert,
mein Recht nicht zu greifen.

Ich wähl früh, dann in den See.
Schreiend in den Fluten.
Kribbelnd taub ist jeder Zeh.
Ich wähl nur die Guten.

Denn die Schlechten kommen doch
ganz allein nach oben.
Steigen aus dem dunklen Loch,
basteln sich die Roben

und Talare und den Thron,
mästen ihre Spender.
Deren Geld klirrt mir wie Hohn,
während ich hör „Gender“-

Diskussion als Nebenkrieg.
Nein, es geht aufs Ganze.
Gibt es diesmal Prol.-Rev.-Sieg?
Nein. Ich heul und tanze.

Klappe!

Filmstudios befinden sich oft in coolen, abgeranzten Locations

Der kleine Herr Schönleben war vom Art Director zum Dreh eines Werbespots kommandiert worden, weil „alle anderen in diesem Drecksladen noch dämlicher“ als er seien und jemand den Filmfritzen auf die Finger klopfen müsse, damit der „Spirit of the Campaign“ nicht verlorengehe.

Im Studio stand der kleine Herr Schönleben sinnlos pfeifend in der Ecke, bis sich jemand erbarmte und ihm eine Klappe in die Hand drückte, auf die die aktuelle Szene, „The Take“, mit Kreide geschrieben war. Wie in diesen Hollywoodfilmen über Hollywoodfilme! Der kleine Herr Schönleben plusterte sich auf, fühlte sich plötzlich immens wichtig, rannte wie aufgezogen herum, und sobald irgendjemand etwas sagte, knallte er mit der Klappe und rief, so laut er konnte: „Klappe! Klappe! Klappe!“

Umgehend wurde er in den Frauenruheraum verbracht, mit feuchten Tüchern abgekühlt und in den Schlaf gesungen. Der „Spirit of the Campaign“ mischte sich mit den kreativen Ausdünstungen der Crew zu etwas komplett Ungenießbarem, Chef und Art Director waren bei der Präsentation vor Begeisterung aus dem Häuschen und hefteten dem kleinen Herrn Schönleben ein virtuelles Bienchen an, das erste in seiner Karriere.

Vom Undank

Gratifikationsentsetzen

Der kleine Herr Schönleben hatte einen wichtigen Auftrag für einen wichtigen Kunden glücklich beendet; zwar etwas verspätet, doch zur äußersten Zufriedenheit des Art Directors, der die speziellen Wünsche des Kunden mit aller Macht durchgesetzt hatte. Es war ein Männlein zu zeichnen mit unverkennbar folkloristischem Einschlag, Hut, Bärtchen, landsmannschaftlich gefärbter Mundnasenbedeckung — alles in allem eine extrem aufwendige, diffizile Arbeit, die man nicht so einfach aus dem Internet herunterladen konnte, jedenfalls nicht von den Seiten, auf denen der kleine Herr Schönleben üblicherweise unterwegs war.

Der Kunde war glücklich und schickte eine Palette Pralinen in die Agentur, von der allerdings nur eine leere Kartonage in Schönlebens Homeoffice ankam, den Inhalt hatten offensichtlich Chef und Art Director gemeinsam im Bureau verzehrt, wahrscheinlich unter Absingen hämischer Lieder, denn es handelte sich um die guten Alkoholpralinen, die auch der kleine Herr Schönleben besonders schätzte. So legte er sich frustriert und erschöpft ins Bett und bohrte noch ein wenig mit einem Wattestäbchen in der Nase, bevor er in tiefen Schlummer sank und von Himbeergeist in Schokoladenkruste träumte.

Nächtliche Ballade

Zwei Näpfe, drei Igel, das geht selten gut,
denn meistens packt eines der Tierchen die Wut.
Man schnauft und man boxt, bis das andere weicht,
zum Futterplatz unter dem Holzschober schleicht.

Dort wartet beim Eintreffen mit etwas Glück
nicht auch noch ein weiteres Igelprachtstück
an zwei vollen Schüsseln. Man lässt einen Furz.
Dann schmatzt man und schlingt, denn die Nacht ist nur kurz.

Das schlampige Sonett von der Bockigkeit

Ich zeige mich nicht
und seh dich nicht an.
Ich geh nicht ins Licht,
geh nicht in den Tann.

Ich bin heut verstockt
und misslich gelaunt.
Vier Stunden gehockt
und darüber gestaunt:

Denn eigentlich ist alles fein.
Mein Fell ist geleckt extrarein,
das Schwarz wie der Himmel am Meer.

Kein Barthärchen ist abgeknickt
kein Waschbär hat mir zugenickt.
Jedoch: Alle Näpfe sind leer!