Der See

see

Der See ist mit dem Meer
durch einen Stich verbunden.
Ein echtes Nadelöhr.
Ich brauch vierhundert Stunden
nach Hamburg mit der Yacht.
Der Schleusenwärter lacht.

In eigener Sache

Heute vor 15 Jahren erschien der erste Beitrag der Gazeta Lipsigoroda. Mittlerweile sind es um die 3200. Professionelle Industriepoeten würden diese Kennzahlen in der heutigen kurzlebigen Medienwelt mit ihren hoffnungsvoll aufschießenden und verglühenden Blocks zu einer Erfolgsgeschichte hochjubeln, wenn es denn Leser der Gazeta gäbe. Einer meldet sich immer wieder einmal, ihm gebührt herzlicher Dank für Treue und Zuspruch.

Es ging dem Autor allerdings immer nur darum, etwas loszuwerden, Ideen zu kitzeln, selbst Spaß zu haben und den Leserinnen Freude mit „lustigem Humor“ (Zitat Herr Willy) zu machen. Gäbe es Lipsigrad nicht, gäbe es keinen Grund, in Bildern zu kramen und sich dazu Geschichten auszudenken. Der Autor würde es verlernen und muss es also darum üben und ausüben. Im Grunde ein egoistischer Anspruch, weshalb Interaktion in Form von Comments, Likes, Dislikes, schlichtweg Community-Gebaren, abgelehnt wird.

Zwei Mitstreiter, denen Ehre und Wertschätzung für ihre Beiträge gebührt, strichen wegen mangelnder Resonanz auf die Mühen des Frohsinns die Segel; ihre Beiträge bleiben bestehen, solange der Server läuft. Herr Willy als einer der beiden Initiatoren ist auf dem Wege, wohin? Herr Jürgen pflegt mit dem Autor die Kunst des Minderheiten-Kinogangs mit Getränken.

Größter und herzlichster Dank gilt den uneigennützigen Technischen Ermöglichern des Ganzen: Peter N. & JU & Zucker. Vor ihnen beugt der Autor das Haupt und geht auf die Knie — Danke! Danke! Danke! Zunächst installiert wurde in Lipsigorod ein handgemachtes Autorensystem, später, in Lipsigrad, eine fette ausländische Blockmaschine. Auch wenn der Autor selber „was mit Computern“ macht, bleibt die Ehrfurcht vor den wirklich Wissenden immens.

Wird es weitergehen? Ja. Ohne Geld und ohne Werbung und ohne Kommentar. Mindestens noch fünf Jahre. Tag für Tag. Täglich neu. Wenn nichts dazwischen kommt bis zum Zwanzigsten.

Weiterhin viel Spaß beim Kucken.

Herr Nu

dazu der Problembär, Adolf Nitzsche (Getränkehändler in Machern, man muß nur machern), Karl Gong nebst Unangetrauter, Oma Steckwurst, Gisella Quarterbeck, der blinde Herr Schrudel, Gofthe (Maler), Klempner Patzschke aus der Rhön und der kleine Herr Schönleben.

Die Zähne und der Müll

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Am Waschbecken kann man prima Zähne putzen

Der kleine Herr Schönleben erinnerte sich eines Tages staunend, dass sein Zahnarzt ihn angewiesen hatte, zweimal täglich die Zähne zu putzen. Er strebte dem Waschbecken zu, suchte Zahnbürste und Zahncreme aus verschiedenen Kommoden zusammen und betrachtete sich lange und aufmerksam im Spiegel, ohne seinem Blick ausweichen zu müssen. Dann wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich vom unten auf der Straße rumorenden Müllwagen in Anspruch genommen, er vergaß seine Zähne und lief aufgeregt durch die Wohnung, um die verschiedenen Mülleimer einzusammeln und nach unten zur Tonne zu bringen. Zu spät natürlich, leer und stinkend nahm die Tonne die vergammelten Produkte in Empfang, aber ein schlechter Plan ist immer noch besser als gar kein Plan, wie es so schön unter Schachweltmeistern heißt.

Irgendwann brach überraschend die Nacht herein, die Stadt legte sich schlafen, und der kleine Herr Schönleben stand ihr in nichts nach.

Ineffizienter Lebensweg

lebensweg
Beispielfoto: Lebensweg

Mein Weg führt nicht von A
gerad nach Omega.
Ich wandele verschlungen,
die Planung ungelungen.

Ich kenn mich gar nicht aus.
So wie die Fledermaus
schieß ich nach unten, oben,
die Brauen stets gehoben,

nach links und wieder links.
Ich glaube fast, ich brings
auf mindest! doppelte Distanz,
und wenn du lachst, ist mir das ganz

schnuppe,
Puppe.

Das kleine Lied von den Alternativen

windradabend

Das Braunkohleloch unsichtbar hinter Dämmen.
Das Endlager hinter dem fernen Ural.
Das ölige Meer unter schwarzen Schlämmen.
Fein-fein. Nur das Windrad erzeugt in mir Qual.

Wo der Strom herkommt, will ich nicht sehen.
Ich will auch nichts hören. Ich bin ein Ästhet.
Das muss doch geräuschlos und unsichtbar gehen.
Zum mindesten da, wo mein Reihenhaus steht.

Hochspannung, vermutlich

hochspannung

Die Fülle der Informationen erschloss sich mir nicht vollumfänglich, aber ich dachte, wenn es irgendeine Relevanz haben würde, wovor hier so wortreich gewarnt wurde, hätte die Pflege der Einrichtung eine höhere Priorität, als der Zustand es vermuten ließ.

Erkältung

altesglas

Mein altes Glas, das liebe
aus muffschem Kellerschrank.
So dünnes Glas. Es bliebe
verborgen, würd nicht krank

ich ruhlos durchs Gehäuse
mit Hustenstößen schleichen.
Vor meinen Füßen Mäuse
und in den Ecken Leichen.

Ich seh mich greishaft tattern,
den Kelch in klammen Fingern,
den Kühlschrank hör ich rattern,
die schwachen Beinchen schlingern.

Schnell! Labsal eingefüllt!
Der Lebensgeist hebt kurz sein Lid.
Vom Duft des Trunkes eingehüllt
fühlt ich mich rasch als Glückes Schmied,

könnt ich den Hammer heben
nur einmal noch im Leben.

Problembär-Camouflage

bunt

Bis vor kurzem war der Problembär für die rauhen Lebensbedingungen im Freien optimal  gerüstet, die farbenfrohe Kleidung fügte sich perfekt in die verschwenderische Pracht des verglühenden Herbstes ein, die wenigen Fressfeinde, die ihm nach der Wäsche trachteten, übersahen ihn, und die Trinkfeinde verscheuchte er, wenn er überraschend aus einem intelligent ausgesuchten Hinterhalt brach.

Doch nun würde es langsam Zeit werden für den steingrauen Pullover des kahlen letzten Siebentel des Jahres, und der einzige Schmuck (neben dem dezenten Kragen in Tümpelgrün) würde eine zerbrechliche Brosche aus trockenem Hagebuttenästchen inklusive verschrumpelter roter Frucht sein, von stabilen Spinnenweben in Form gebracht.

Vogel Spatz

vogelspatz
Appartement 2022 (nebenan)

Die Stare (oben) zwitschern.
Die Lurche (unten) glitschern.
So hat ein jedes seinen Platz,
ganz insbesonder Vogel Spatz,

der neben meiner Kammer wohnt
und selten seine Lunge schont.
Ich liebe seine Lieder.
Bald wächst mir ein Gefieder.

Bald wächst mir auch ein Schnabel.
Dann brauch ich keine Gabel
mehr für das Hähnchenklein.
Fein.

Der Zweck der Kreissäge

saege-hoch

Der kleine Herr Schönleben, dem von einem windigen Vertreter eine gebrauchte Kreissäge aufgeschwatzt worden war, überlegte angestrengt, was er mit diesem Gerät eigentlich hatte zersägen wollen. Träumerisch strich er mit seinen kleinen Händen über die dicken Zähne des Sägeblattes, und wohlige Schauder durchfuhren seine Gedärme. Vielleicht Holz? Nun musste er also nur noch auf den Vertreter für ungesägtes Holz warten, und seine Nasenlöcher bebten in Erwartung des gewiss recht harzigen Deodorants, das dieser Vertreter in seinen Flur tragen würde. In großer Vorfreude eilte der kleine Herr Schönleben aus der Scheune zurück ins Haus, setzte sich in den Lesesessel am Ende des Flures und wartete auf das Schellen der Türglocke.